| |
Der
Profiboxer Manuel Charr - umsonst nach oben gekämpft
von Daniel Hiller
Manuel
Charr
(Foto oben), 1,92 m groß und 115 kg schwer, wirkt mit den
sorgfältig aufgestellten schwarzen Haaren und dem dünnen Bärtchen
um das Kinn auf den ersten Blick wie ein zu groß geratener Latinostar
des Musiksenders MTV. Auf den zweiten Blick verraten deutliche Einschlagspuren
im Gesicht des 21 Jahre alten Libanesen, dass der Mann mit der breiten
Nase sein Geld nicht durch den Verkauf südländischer Schmusesongs
verdient. Charr ist Boxprofi beim Berliner Boxstall von Wilfried
Sauerland und zählt zu den Hoffnungsträgern in der
europäischen Schwergewichtsszene.
Um die sportliche Weiterentwicklung des Schalke 04-Fans Manuel Charr kümmert
sich seit Mai 2005 der ebenfalls fußballverrückte Boxcoach
Ulli Wegner, der bereits Sven Ottke
und Markus Beyer zu Weltmeistern machte. Damit ist Manuel
Charr mit nur 21 Jahren, 17 Kickbox- und 10 Amateurboxkämpfen ganz
oben angekommen.
Aber das wichtigste Kriterium für einen Preisboxer bleibt unerfüllt
– die Kampfbörse. Der schwergewichtige Charr ist zwar seit
sechs Kämpfen ungeschlagen, doch einen Lohn für seine vier K.o.-
und zwei Punktsiege hat er noch nicht gesehen. Das Problem: Der Libanese,
der vor 17 Jahren mit seiner Mutter und seinen fünf Geschwistern
mit gefälschten Dokumenten aus Nahost floh, ist in Deutschland nur
geduldet. Um eine Arbeitserlaubnis, mit der er seinen Sport erwerbsmäßig
ausüben könnte, bemüht er sich bisher vergeblich. „Mein
ältester Bruder wollte in Beirut Medizin studieren, in Deutschland
reichte es ohne anerkannten Status gerade zum Türsteher einer Gelsenkirchener
Nobeldisco. Mittlerweile ist er 37 Jahre alt. Für mich ist der Sport
die einzige Chance, aus meinem Leben etwas zu machen. Die deutschen Behörden
und ihre Regeln waren bisher gegen mich, nur im Ring sind alle gleich“,
glaubt Charr.
Geboren wurde Manuel Charr vor 21 Jahren in Beirut als Machmoud Omeirat
Charr. Den Namen seines Vaters musste der in Gelsenkirchen aufgewachsene
Boxer allerdings beim Wechsel ins Profilager ablegen. Aus dem libanesischen
Einwandererkind sollte so der deutsche Junge von nebenan werden. Ein Schicksal,
das Charr mit vielen Boxern seiner Generation teilt. Verantwortlich für
die Aktion „Raider heißt nun Twix“ ist die erfolglose
Suche der Promoter und Manager nach dem Boxtalent „made in Germany“.
So kennt man Adnan Catic als Felix Sturm, der frühere
Kickboxweltmeister
Muamer Hukic knockt seine Gegner nun als Marco Huck aus
und Avetik Abrahamyan wurde als Arthur Abraham Weltmeister
im Mittelgewicht. Dabei beweisen andere Sportarten, dass Leistungen im
professionellen Sport vor dem guten Namen kommen. Kein Manager der Fußballbundesliga
würde auf die Idee kommen, den für Deutschland spielenden, aber
in Afrika geborenen Gerald Asamoah als Gerald
Albrecht Müller auflaufen zulassen. Der nun als Manuel Charr
boxende Schwergewichtler hat sich mit seinem neuen Kampfnamen abgefunden.
Einziger Makel für den Sportler: „Die Fans und Freunde
aus der Thai- und Kickboxszene, die mich nur unter meinem Geburtsnamen
kennen, verpassen nun leider oft meine Kämpfe.“
Zeit für eine normale Jugend blieb dem Boxer nicht. Zum Ausgehen
und Klamotten Kaufen fehlte das Geld und an einen Urlaub außerhalb
Deutschlands ist seit 17 Jahren nicht zu denken: „Den Behörden
fehlt der Beweis unserer genauen Herkunft, mit den falschen Pässen
lässt uns niemand in ein Flugzeug steigen.“
Um Charrs Outfit kümmert sich mittlerweile ein deutscher Textilkonzern,
der vor zwei Jahren auf den damaligen K1-Fighter aufmerksam wurde. Aber
Bares gibt es auch hier nicht. Bis zur Beilegung des Berufsverbots kleidet
sich die Großfamilie Omeirat mit Gutscheinen des Sponsors ihres
jüngsten Sprosses ein.
Angefangen hatte Charrs sportliche Laufbahn mit einem engagierten Sozialarbeiter,
der den temperamentvollen und hyperaktiven Jungen zur Abkühlung in
eine Düsseldorfer Thai- und Kickboxschule steckte. Nach 17 Kämpfen
mit Faust, Knie und Schienbein entschied sich Charr fürs Boxen. „Ich
wollte etwas erreichen. Boxen wird vom Fernsehen übertragen und bietet
damit die besten Aufstiegschancen.“ Nach neun Siegen als Amateurboxer
und einem Einsatz in der Bundesliga gab es außerhalb des Rings wieder
Probleme. Obwohl Charr im Bundesligaring explodierte – Knockoutsieg
in Runde zwei über Mathias Bernd - blieb der K.o.- Schläger
mit „unklarer“ Nationalität von nationalen und internationalen
Turnieren ausgeschlossen. An eine sportliche Zukunft als Amateur war somit
nicht mehr zu denken.
„Da kam der Anruf von Sauerlands Cheftrainer Ulli Wegner gerade
richtig. Er wollte mich sehen - Probetraining in Berlin. Ich hatte gerade
vor 1.000 Zuschauern ein K-1 Turnier gewonnen.“ Im Berliner
Olympiastadion angekommen machte Trainer Wegner nicht viele Worte. Auf
dem Programm stand Wettkampfsparring mit dem früheren Kickboxweltmeister
Cengiz Koc, dem türkischen Box-Europameister Sinan
Samil Sam sowie dem späteren Weltmeister im Schwergewicht
Nikolai Valuev. „Die dachten, ich gehe baden,
weil ich nur zehn Amateurkämpfe hatte. Aber ich kann kämpfen.
Der Infight, das Arbeiten am Mann, ist meine große Stärke.
Keiner, weder Cengiz, Sinan, noch Niko konnten mich knacken.“
Nach dem Training bekam Manuel Charr vom erfolgreichsten deutschen Boxtrainer
einen Dreijahresvertrag mit Option auf weitere zwei Jahre vorgelegt. Charr
war am Ziel seiner Träume und schlug ein.
Sein neuer Boss Wilfried Sauerland, der in Südafrika mit Getränkeabfüllanlagen
sein Glück gemacht hatte, will nun Charrs Kampfbörsen bis zur
endgültigen Klärung seiner Arbeitserlaubnis einfrieren. Bis
dahin lebt der Boxer vom täglichen Verpflegungsgeld. „35 €,
das bekommen im Gym die Sparringspartner als Taschengeld“, so Charr
bitter.
Im Gegensatz zu seinen Stallkollegen im Berliner Olympiastadion wurde
Charr bisher nicht mit leicht zu boxenden Aufbaugegnern verwöhnt,
sein nächster Kontrahent am 13. Mai in Zwickau ist ein besonders
schwerer Brocken (die ARD überträgt live ab 22.30 Uhr). Im Vorprogramm
der Doppel-WM von Markus Beyer und Arthur Abraham geht es über sechs
Runden gegen den Kubaner Pedro
Carrion Sago. Ein Duell jung gegen alt, Straßenfighter
gegen Supertechniker.
Charrs Gegner, der 2,04 m-Riese Pedro Carrion, war als Amateur für
Fidel Castro so wertvoll, dass ihn der kubanische Staatschef nur selten
zu internationalen Turnieren reisen ließ. Erst als sich Castro sicher
sein konnte, dass die Amateurkarriere des 35 Jahre alten Schwergewichtlers
nach 25 Jahren dem Ende zuging, durfte der schwarze Boxer zu seiner deutschen
Frau nach Berlin reisen.
Einer der wenigen Stolpersteine in Carrions Amateurlaufbahn war Alexander
Povetkin, dem er 2003 im WM-Finale unterlag. Der Russe ist
mittlerweile Charrs Stallkollege bei Trainer Ulli Wegner. „Alexander
ist ein sehr guter Boxer, aber mit meinem offensiven Stil hat er im Sparring
Probleme. Wenn er den Kubaner schlagen konnte, dann schaffe ich das auch“,
ist sich Charr sicher.
Schlägt Machmoud Omeirat Charr den Kubaner Carrion, werden die Kämpfe
noch schwerer. Vielleicht geht es dann bald um einen internationalen Titel.
An seiner Situation in Deutschland ändert sich dadurch nichts. Im
Ring verwandelt sich Machmut Omeirat vom Migrantenkind aus dem Libanon
zum deutschen Siegertypen Manuel Charr, in die Realität bringt ihn
der letzte Gong. Seine Zukunft sieht er trotzdem in Deutschland: „Ich
möchte Boxen, Geld verdienen, einen Führerschein machen dürfen
und als deutscher Sportler Steuern zahlen. Das Leben als Profi ist anstrengend
genug, ich hatte mein Leben lang Probleme. Das soll aufhören.“
Mittwoch,
19. April 2006
|
|