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BP-Inside:
Wölfe im Schafspelz
von Wolfgang Oswald
Wer kennt sie nicht, die beinahe alltäglichen Mauscheleien und Betrügereien
im Boxzirkus? Hinter den Kulissen wird getrickst und geschoben, was das
Zeug hält. Und egal, ob Welt- oder Waldmeister, ganz ohne Taschenspielermentalität
und Gaunerzinken kommt keiner mehr im dichten Boxdschungel aus, wenn er
erfolgreich sein will.
Das
wusste schon Marvin "Marvellous" Hagler, der
als Amateur den 23. Mai 1952 als Geburtsdatum in seinem Startausweis stehen
hatte. Als Hagler später Weltmeister wurde, wies er dagegen eine
Geburtsurkunde mit dem Datum 23. Mai 1954 vor. Mit diesem Schwindel konnte
Hagler in den 70ern Jahren bei Turnieren bereits in der Seniorenklasse
starten, was für ihn mit einem höherem Preisgeld verbunden war.
Umgekehrt verhält es sich ähnlich. So ist es keine Seltenheit,
dass hin und wieder "Erwachsene" bei internationalen Juniorenwettkämpfen
antreten. Dank einer solchen "Verjüngungskur" erhöhen
sich allein aufgrund der besseren Physis die Gewinnaussichten.
Mogelpackungen
Besonders gerne gemogelt wird beim Gewicht der Boxer. Wer erinnert sich
nicht an das offizielle Wiegen vor der Begegnung zwischen Jose
Luis Castillo und Diego Corales, als einer von
Castillos Betreuern auf frischer Tat dabei ertappt wurde, wie er mit dem
Fuß die Waage manipulieren wollte. Beliebt im Lager der Amateure
ist übrigens der Kniff, die Waage für den Gastboxer auf harten
Untergrund zu stellen, während unter die Waage des Heimboxers schnell
eine weichere Unterlage geschoben oder das Messgerät auf Teppichuntergrund
gestellt wird. Nach dieser Methode hat schon mancher Heimboxer gerade
noch sein Gewicht gebracht oder der Gast war im Falle des härteren
Bodens auf einmal schwerer als angenommen.
Selbst bei den Boxhandschuhen wird nicht haltgemacht und mit harten Bandagen
um jeden Zentimeter Tape gekämpft. Viele Philosophien ranken sich
um das richtige Bandagieren mit soviel Mull und Tape wie möglich,
um die Schlagwirkung damit zu erhöhen.
Das schwärzeste Kapitel zu den Fäustlingen
wurde im Kampf zwischen Billy Collins und Luis Resto geschrieben.
Schummeleien haben viele Gesichter
In der Boxerfamilie verbreitet ist das Antreten unter verschiedenen Identitäten.
Sogar der legendäre Sugar Ray Robinson nahm davon
Gebrauch. Denn er war so begabt, dass ihn sein Manager und Entdecker George
Gainford mit 15 Jahren das erste Mal in den Ring schickte, obwohl
die damaligen US-Bestimmungen einen Start vor dem 16. Lebensjahr nicht
zuließen. Also besorgte er seinem jungen Ringtiger den Startausweis
eines anderen Fighters, der nicht mehr recht zog und Ray Robinson hieß.
Sugar Ray selbst war als Walker Smith geboren, hat aber später seinen
Namen offiziell umwandeln lassen.
Besonders bunt trieben es viele Clubfighter im US-Bundesstaat Indiana.
Dort gab es ein Nest von Boxern, die sich gegenseitig dabei behilflich
waren, ihre Kampfrekorde zu frisieren, um irgendwann als Herausforderer
für einen Titelkampf vermarktet werden zu können. Da die Boxlizenzen
früher meist ohne Lichtbild ausgestellt wurden, war es für die
Kämpfer ein Leichtes, an mehrere Startberechtigungen zu kommen. So
nannte sich Reggie Strickland, der selbsternannte König
der Verlierer, beispielsweise Reggie Buse oder Reggie Raglin. Der ehemalige
WM-Herausforderer Craig Houk kämpfte gelegentlich
als Tim Bennet oder Garry Meyers. Sein Kollege Rocky Berg
war als Rocky Vires bekannt.
"Wir müssen unter verschiedenen Namen kämpfen, um oft
genug antreten zu können, Sperren zu umgehen und unser Geld zu verdienen",
begründete Weltergewichtler Verdell Smith die Notwendigkeit
der Ersatznamen. Seine Aliase waren Tommy Bowles und Tim Brooks.
Der kurze Weg zur Einbürgerung
Eine kuriose Geschichte weiß auch der ehemalige Deutsche Meister
und bei den Berufsboxern ungeschlagene Mirko Wolf zu
erzählen, der gerade an seiner Doktorarbeit schreibt und Trainer
am Olympiastützpunkt Heidelberg ist: 1998 vertrat er die deutsche
Fahne beim alljährlichen King's Cup in Bangkok. Dort bat ihn der
inzwischen verstorbene Sombhop Srisomwongse, einst als
"Don King des Ostens" bezeichnet, den thailändischen Amateurboxer
Den Julpand für Deutschland starten zu lassen. Sombhop
war nicht nur einer der Sponsoren des Traditionsturniers, sondern auch
Promoter und Besitzer eines Camps für Berufsboxer.
Für Den Julpand war die Turnierteilnahme eine Art Bewährungstest.
Promotor Sombhop wollte zunächst sehen, wie sich der junge Boxer
international schlagen würde, bevor er ihm einen Vertrag als Profi
in Aussicht stellte. Also trat der Thailänder Julpand im Trikot von
Mirko Wolf unter deutscher Flagge an und die verantwortlichen Amateurfunktionäre
spielten mit. Kein Wunder, war doch Sombhop ein guter Freund des damaligen
AIBA-Präsidenten Chowdry.
Julpand besiegte dann im ersten Kampf Rustam Rustamov
durch RSC (Referee stops contest - Abbruch durch den Ringrichter) in der
ersten Runde, ehe er gegen den späteren Turniergewinner und thailändischen
Spitzenboxer Suban Pannon nach Punkten verlor. Mit dieser
guten Leistung erhielt Julpand den ersehnten Profivertrag. Heute nennt
er sich Eagle Kyowa und ist amtierender WBC-Weltmeister
bei den Berufsboxern.
Weitere Kuriosität am Rande: Pongphan Sopa, damals
Trainer der Profi-Weltmeister Saman Sorjaturong und Sirimonkol
Singmanasak, sekundierte dem "Neudeutschen" als zweiter
Mann zusammen mit Trainer Gerd Wolf, der damals das deutsche
Team betreute.
Wie die Russen "über den Tisch gezogen" wurden
Das jüngste Gaunerstück fand erst kürzlich bei der Vergabe
des Veranstaltungsortes für die Amateurboxweltmeisterschaft 2007
statt. Bereits seit 2003 stand Moskau als Ausrichter fest. Dies wurde
in verschiedenen Sitzungen der AIBA mehrfach beschlossen und protokollarisch
bestätigt. Im Januar 2007 stellte Exekutivdirektor Ho Kim
(KOR) plötzlich fest, dass bei der AIBA keine Unterlagen über
die Vergabe der Weltmeisterschaften an den Russischen Verband vorhanden
waren. Dabei hätte ein Blick in vorhandene Protokolle genügt,
um diesen Organisationsmangel aufklären zu können. So gab es
eine neue Abstimmung über die WM-Ausrichtung und Ho Kim präsentierte
überraschend einen neuen Kandidaten, nämlich Korea. Dennoch
konnte sich Moskau beim neuen Voting mit 22:9 Stimmen erneut durchsetzen.
Daraufhin unterschrieben die Vertreter des russischen Boxverbandes eine
Vereinbarung, in der sie sich verpflichteten, die Summe von US-$ 1.500.000
für die Durchführung der Weltmeisterschaften zu zahlen und die
Bankbürgschaft zu hinterlegen. Diese Überweisung verzögerte
sich, weil die staatliche russische Bank die Vorlage des Vertrages zwischen
der AIBA und dem russischen Verband forderte. Die unterzeichnete Garantieerklärung
zwischen der AIBA und dem russischen Boxverband genügte ihr für
die Zahlung der geforderten Summe nicht.
Am 8. März 2007 stellte die AIBA dem russischen Verband ein Ultimatum:
entweder Bankbürgschaft bis zum 9. März abends oder Verlegung
der Weltmeisterschaften nach Südkorea. Nun sollte man wissen, dass
der 8. März in Russland ein Feiertag ist und die folgenden Tage aufs
Wochenende fielen und sozusagen arbeitsfrei waren. Eine Vorlage der Bankbürgschaft
wäre also erst am 12. März möglich gewesen. Das hat Präsident
Khusainov dem AIBA Präsidenten Dr. Wu am
9. März mitgeteilt. Noch am gleichen Tag soll Dr. Wu allerdings den
Koreanern die Weltmeisterschaft zugesprochen haben.
Missverständnis oder Kalkül?
Seit mehreren Jahren ist Khusainov (Präsident des russischen Boxverbandes
und der Europäischen Boxföderation sowie Vizepräsident
der AIBA) der schärfste Kritiker in der internationalen Boxföderation.
Ohne Rücksicht auf die Person prangerte er in der Vergangenheit mehrfach
die Verletzungen der Regeln an. Damit machte er sich bei vielen unbeliebt.
Der "Hass" auf ihn wuchs vor allem bei den höchsten AIBA-Funktionsträgern.
Sie wollten den "Unruhestifter" loswerden und suspendierten
ihn im Februar 2007 einfach mit dem Vorwurf, er sei ein Terrorist. Die
Suspendierung erfolgte allein auf der Grundlage eines fragwürdigen
Nachrichtenbriefes. Obwohl durch offizielle Dokumente aus Moskau bewiesen
wurde, dass die Anschuldigungen zu Unrecht erhoben wurden, ist die Suspendierung
von Khusainov noch nicht aufgehoben.
Wenn zwei sich streiten...
Die Moral von der Geschichte: Anfang April suchte die AIBA noch immer
nach einem Austragungsort für die Weltmeisterschaft 2007 und des
ersten olympischen Qualifikationswettbewerbs für die Olympischen
Spiele 2008. Der südkoreanische Boxverband, den die AIBA nach der
Ablehnung von Moskau als Ausrichter als neuen Austragungsort auserkoren
hatte, zeigte - angeblich wegen zu hoher finanziellen Forderungen der
AIBA - plötzlich kein Interesse mehr an diesen Titelkämpfen.
Später verlautete die AIBA durch Herrn Ho Kim, dass die WM 2007 irgendwo
in den USA stattfinden werde. Im übrigen würde diese WM die
"größte aller Zeiten" sein. Natürlich, man kennt
derlei Wortgewalt und es fällt einem sofort die WM 1999 in Houston,
Texas, ein, die als skandalöseste aller Zeiten in die Geschichte
einging: Betrogen wurden vor allem die kubanischen Boxer, die aus Protest
nach dem ersten Finaltag abreisten und auf weitere Endkämpfe verzichteten.
Bleibt nur noch abzuwarten, was die Klage der Russen gegen die AIBA vor
dem Weltsportgerichtshof Cas bringt. Eines allerdings ist sicher wie das
Amen in der Kirche: Die Kämpfe hinter den Kulissen, die Mauscheleien
und Mogeleien werden weitergehen.
Donnerstag,
17. Mai 2007
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