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Schattenboxer - Folge 18 -
Verletzungen wiegen doppelt schwer
von Wolfgang Oswald
August 1997: Im Ring stehen sich Champion Vince Phillips und Micky Ward, sein Herausforderer, gegenüber. In der dritten Runde schlägt der Meister eine Rechte, die bei Ward eine tiefe Platzwunde über dem Auge hinterlässt. Einige Sekunden später landet Ward einen harten Körperhaken mit der Linken. Phillips kontert mit einer Kombination, die den Herausforderer sichtlich zurückwirft. Ausgerechnet in dieser Hitze des Gefechtes unterbricht der Ringrichter den Kampf und ruft Dr. Yoffe, die Ringärztin, zur Begutachtung des Cuts herbei. Dr. Yoffe untersucht die Verletzung mehr als eine halbe Minute. Dann schüttelt sie den Kopf. Der Fight wird vom Ringrichter beendet. Die Ecke von Ward protestiert heftig. Die Zuschauer sind aufgebracht wegen dem plötzlichen Abbruch.
Alles, was ich verlange, ist eine Chance - wenigstens eine Chance!
Micky Ward wurde eine große Chance seines Lebens einfach geraubt. Von Offiziellen ohne Fingerspitzengefühl, die keine Vorwarnung geben, dass der Kampf abgebrochen werden muss, wenn der Cut nicht binnen ein, zwei Runden unter Kontrolle ist.
Vorbei damit auch die Chance für den Cutmann, das Blut vielleicht zu stillen und so aus dem Schattendasein der Ringecke ins Rampenlicht herauszutreten. Vorbei jene Chance, sich eines Tages beweisen zu dürfen. Vorbei jene Chance, zu zeigen, was in einem steckt. Vorbei jene Chance, die Hoffnung gibt und von der so viele Boxer ohne Lobby zehren.
Nicht nur viele Boxer kämpfen im Schatten. Oft weitgehend unbeachtet und unbekannt sind auch ihre Sekundanten. Die undankbarste Aufgabe dabei hat vielleicht der Cutmann. Ob er überhaupt dazu kommt, seine Arbeit zu verrichten, hängt vom Boxer, vom Ringrichter und vom Ringarzt ab.
Ein Cutmann stillt Blut. Zwischen den Runden, damit die Boxer weiterkämpfen können. Denn Blut hat schon manchen der Jungs erledigt. Meisterboxer wie Schattenboxer. Ein Cutmann ist nicht derjenige, der entscheidet, ob eine Auseinandersetzung wegen der Gesundheitsgefahr abgebrochen wird. Sein Job ist es lediglich, Blut zu stillen, damit der Kämpfer genug sieht, um im Fight zu bleiben.
Ein guter Cutmann ist unverzichtbar für jeden Boxer. Er kann der entscheidende Unterschied zwischen Sieg und Niederlage sein.
Bei einer Platzwunde verwendet ein Cutmann meist eine 3-cl-Flasche Adrenalincloridlösung 1:1000. Sie ist klar wie Wasser, verströmt aber einen beißenden Chemiegeruch. Zusammen oder vermischt mit Vaseline versorgt man mit einem Wattestäbchen die blutende Wunde. Weitere Waffen im Kampf gegen die Zeit und das fließende Blut sind Avitene und Trombine, die auf einen offenen Cut aufgetragen werden dürfen.
Herbert Slusher, US-Cutmann aus Virigina: "Sobald der Boxer in der Ecke ist, drücke ich die Wunde mit beiden Daumen aus und reinige sie mit sterilisiertem Mull. Nachdem die Wunde sauber ist, trage ich die Salbe mit dem vermischten Adrenalin auf und drücke wieder zu. Man sollte auch wissen, wann man beispielsweise das Avitene verwendet und wann das Thrombin. Jedes Mittel hat nämlich seine eigene spezielle Wirkung und das Geheimnis ist der richtige Druck. Und man braucht 'ne verdammt ruhige Hand! Vor allem, wenn man eine blutende Nase behandelt. Hier ist Vorsicht angesagt. Ich kann nur den Kopf schütteln, wenn ich Leute sehe, die das Mull tief und ohne Rücksicht auf Verluste in die Nase rein und raus schieben."
Ein guter Cutmann arbeitet in der Pause eine Minute! Nicht fünfzig Sekunden, nicht vierzig, ....
In der Ringpause vom Cutmann oft gebraucht, wird ferner das sog. "Enswell", ein kleines Metallteil in Form eines altertümlichen Bügeleisens. Gekühlt hilft es gegen Schwellungen und ähnlich wie bei Cuts besteht die große Kunst darin, den richtigen Druck von der richtigen Seite aus auszuüben.
Terry Rogers, US-Cutman aus Missouri: "Wenn in der Ringecke der Betreuer hastig mit dem Enswell oder dem Eis-Stick auf der Schwellung hin und her reibt, schlage ich verzweifelt die Hände über den Kopf. Das Gesicht des Boxers ist keine Zaubertafel, auf der man Verletzungen einfach wegwischen oder wegradieren kann. Angemessener und ausreichender Druck ist das einzig mögliche Zauberwort. Man drückt mit der einen Hand das Enswell auf die Schwellung. Mit der anderen Hand zieht man den Kopf des Kämpfers zu sich heran. Jede Sekunde der Rundenpause ist für den Druck wichtig. Man darf nicht eine einzige Sekunde verschenken. Nur so lassen sich Schwellungen am besten behandeln."
Ein guter Cutmann denkt und "flickt" vor!
Die Arbeit eines Cutmann beginnt schon lange vor dem Fight. Gute "Cutmänner" beschäftigen sich mit einem Boxer. Sie wissen, ob er im Gym beispielsweise eine Platzwunde erlitten hat, zu Blutungen neigt oder in dieser Hinsicht eher robust beschaffen ist. Sie geben dem Boxer wichtige Tipps. Wie er bei der Behandlung einer Nasenblutung richtig atmet. Oder dass er viel Salz bzw. salzhaltige Speisen unmittelbar vor einem Kampf meiden soll. Gleiches gilt für zuviel Aspirin oder ähnliche Drogen bzw. Medikamente, da sonst die Gefahr besteht mehr zu bluten. Auch Steroide machen die Haut dünner und erhöhen die Cutanfälligkeit.
Ein guter Cutmann hat seinen Wert!
Andres Fernandez ist ein Bluter, so nennt man einen Boxer, der dazu neigt, verletzt zu werden. Mit so jemandem kann es ein langer Kampfabend werden. Oder ein kurzer, je nachdem wie man es sieht. Ein Bluter kann fast nichts gegen seine Veranlagung machen. Man weiß nicht, ob es bei den Blutern an der Beschaffenheit der Knochen um die Augen liegt oder an der Elastizität oder Dicke der Haut, doch einige erwischt es fast bei jedem Fight. Wie zum Beispiel Andres Fernandez. Aber er hat vorgesorgt. Entsprechend seiner Möglichkeiten.
Für seinen Fight gegen Clarence Adams hatte er natürlich einen Cutmann engagiert. Und er sollte ihn brauchen. Schon nach kurzer Zeit war sein Gesicht gezeichnet und blutüberströmt. Der Cutmann war jedoch von schlechter Qualität und sein Geld nicht wert. Er benutzte für das Gesicht das gleiche Tuch, mit dem er zuvor das Wasser in der Ecke vom Ringboden aufgewischt hatte. So kam es, wie es kommen musste. Fernandez wurde wegen Verletzung aus dem Kampf genommen und Adams hieß der Sieger.
Das schwere Los der Schattenboxer. Ohne ein gutes Team im Rücken hat man es im Ring doppelt schwer. Leider kostet ein gutes Team viel Geld, das viele Boxer einfach nicht haben. Wozu sonst steigen sie in den Ring? Umsonst gibt es im Boxen schließlich nur den Schweiß, den Schmerz und das Blut.
Dienstag,
26. Juli 2005
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