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Schlumpf-Triumph: Abraham Weltmeister
- Der Bericht


von Patrick Haas, Sebastian Gutknecht
Fotos von Sebastian Gutknecht


In nur 28 Monaten hat Arthur Abraham (BP-Nr. 6, auf Foto oben rechts) geschafft, wovon manche Boxer ihr Leben lang träumen. Der Schlumpf ist Weltmeister. Vor rund 4.000 Zuschauern in der Arena Leipzig besiegte Abraham den Nigerianer Kingsley Ikeke (BP- Nr. 9, auf Foto oben links) durch technischen KO in der fünften Runde und setzte sich damit die vakante WM-Krone der IBF im Mittelgewicht auf.


1. Kampf: Yoan Pablo Hernandez vs. Aleksejs Kosobokovs, Cruisergewicht, angesetzt auf sechs Runden

Im Auftaktkampf bekam es die kubanische Cruisergewichtshoffnung Yoan Pablo Hernandez mit Aleksejs Kosobokovs aus Lettland zu tun. Nachdem der Sauerland-Boxer die erste Runde mit seinem Jab und der gelegentlich eingesetzten linken Schlaghand für sich entscheiden konnte, stießen beide Kontrahenten im zweiten Durchgang mit den Köpfen zusammen. Ringrichter Ingo Barrabas, der Kosobokovs in dieser Situation Absicht unterstellte, sprach folgerichtig eine Disqualifikation aus.

Disqualifikationssieger in Runde zwei: Yoan Pablo Hernandez.


2. Kampf: Zaurbek Baysangurov vs. Juan Manuel Alaggio, Superweltergewicht, angesetzt auf zehn Runden

Eine hervorragende und für einen erst 20-Jährigen enorm abgeklärte Leistung lieferte der Russe Zaurbek Baysangurov im Kampf um die "IBF Youth Meisterschaft" im Superweltergewicht ab. Konnte sein argentinischer Kontrahent Juan Manuel Alaggio die ersten drei Runden durch seine hohe Aktivität noch relativ ausgeglichen gestalten, machten sich die härteren Treffer Baysangurovs in der Folgezeit bemerkbar. In Runde vier musste Alaggio nach einem angeblichen Tiefschlag zu Boden und ergaunerte sich durch eine beeindruckende Schauspielleistung die unverdiente Erholungspause.

Die nächsten Runden bestimmte Baysangurov durch eine hohe Variabilität seiner Schläge. Besonders die Rechte, ein leicht von unten kommender linker Seithaken und der gelegentliche Aufwärtshaken konnten Alaggio kaum verfehlen. Die Arbeit zum Körper vergaß Baysangurov ebenfalls nicht und so musste ein müder werdender Argentinier in Runde sechs sekundenlang das Trennkommando ignorierend klammern. Ringrichter Wallfried Rollert zählte diesen daraufhin an. Im siebten Durchgang zog Rollert dem Mann aus Buenos Aires einen Punkt wegen Tiefschlags ab. Obwohl Alaggio im achten Durchgang wieder besser in den Kampf fand, nahm ihn der IBF-Offizielle nach zwei vergleichsweise harmlosen Treffern völlig unvermittelt aus dem Gefecht.

Sieger durch technischen KO in Runde neun: Zaurbek Baysangurov.


3. Kampf: Timo Hoffmann vs. Tim Williamson, Schwergewicht, angesetzt auf acht Runden

Eine taktische Meisterleistung lieferte im nächsten Kampf die deutsche Eiche Timo Hoffmann. Für vier Runden konnte sich Tim „Untouchable“ Williamson aus den USA an der harten Rinde von Hoffmann austoben. Schritt zur Seite, rechter Haken, linke Gerade. Rechtsausleger Williamson fand sein Ziel mühelos, während Hoffmann zunächst ohne merklichen Erfolg mit dem Jab stocherte.

In Runde vier griff dann der Plan von Hoffmann. Williamson hatte sich die Hände am Eisenschädel von Hoffmann kaputt geschlagen und war dabei gleichzeitig so stark ermüdet, dass er bereits schwer pumpend dreimal den Mundschutz ausspuckte. In der Pause zur fünften Runde stellte man in der Ecke von Williamson die Diagnose: linke Hand gebrochen; dazu konditionell am Ende und von Hoffmann ausgetrickst. Es war Schluss.

Hall of Famer Willie Pep mag eine Runde gewinnen ohne zu schlagen, Hoffmann gewinnt ganze Kämpfe ohne zu treffen.

Sieger durch technischen KO in der fünften Runde: Timo Hoffmann.


4. Kampf: Henry Akinwande vs. Ed Mahone, Schwergewicht, angesetzt auf zwölf Runden

Im zweiten Titelkampf des Abends ging es um die vakate interkontinentale Meisterschaft der IBF im Schwergewicht. Geburtstagskind Henry Akinwande (auf Foto links) machte sich dabei gegen den Amerikaner Ed Mahone (auf Foto rechts) selbst das schönste Geschenk. Der alte Boxhaudegen erteilte „The Hammer“ dabei acht Runden lang eine Lehrstunde. Mahone, der keinerlei Mittel fand, die extremen Reichweitenvorteile des 40-jährigen Nigerianers zu überwinden, schien dabei die Treffer magnetisch anzuziehen. Die Führhand des in Florida lebenden Sauerland-Schützlings konnte ihr Ziel nicht verfehlen. Darauf aufbauend konnte Akinwande sein komplettes Schlagrepertoire in Ruhe ausprobieren. Aufwärtshaken, rechte und linke Geraden flogen Mahone im Sekundentakt um die Ohren. Der Mann aus St. Louis brachte dabei rundenlang kaum einen eigenen Schlag zustande.

Ab Runde neun kam Mahone dann etwas besser in den Kampf und versuchte zumindest, Akinwande unter Druck zu setzen. Klare Treffer des Amerikaners blieben jedoch weiterhin Mangelware. Akinwande ließ zwar in punkto Schlagfrequenz und Schlaghärte merklich nach, setze aber weiterhin durch Konter die klareren Treffer. Nach zwölf Runden waren sich die drei Punktrichter einig und werteten nicht eine Runde für „The Hammer“.

Dreimal 120:108 lautete das Urteil des Kampfgerichts. Einstimmiger Sieger nach Punkten: Henry Akinwande.


5. Kampf: Kai Kurzawa vs. Tyler Hughes, Halbschwergewicht, angesetzt auf zehn Runden

Von seiner Niederlage gegen den Letten Elvis Michailenko im März scheint sich Kai Kurzawa (auf Foto rechts) immer noch nicht vollständig erholt zu haben. So ging das Rehabilitationsprogramm gegen den 36-jährigen Tyler Hughes (auf Foto links) unspektakulär weiter. Bereits nach wenigen Minuten wurde deutlich, dass der amerikanische Journeyman dem körperlich überlegenen Wolke-Schützling wenig entgegenzusetzen hatte. Dennoch agierte Kurzawa zunächst sehr verhalten und konzentrierte sich auf Eins-zwei-Kombinationen und einen effektiven linken Haken. Zugute kam ihm dabei die Tatsache, dass Hughes mit einer tiefhängenden Deckung boxte, eine clevere Taktik, wenn man über entsprechende Reflexe verfügt.

Vielleicht lag es am Kommentar „Bist du denn wahnsinnig?!“ seines Trainers Manfred Wolke früher am Abend, dass Kurzawa trotz der Harmlosigkeit seines Gegners erst in der sechsten Runde entschlossener zur Sache ging. Mit diesen Worten hatte Wolke nämlich Timo Hoffmann bedacht, als dieser es kurzfristig wagte, den Schlagabtausch zu suchen. Wahnsinn hin oder her, zwei kurze Linke und ein rechter Haken zum Körper zwangen Hughes schließlich aufs Knie.

In Runde sieben musste Hughes dann nach einer schönen Rechts-links-rechts-Kombination erneut zu Boden. Angesichts der Hoffnungslosigkeit der Sache warf die amerikanische Ecke das Handtuch und ersparte ihrem Schützling weitere Schläge.

Nach drei unterdurchschnittlichen Aufbaugegnern ist es für Kurzawa nun Zeit, sich wieder größeren Herausforderungen zu stellen.

Sieger durch technischen KO in der siebten Runde: Kai Kurzawa.


6. Kampf: Christophe Canclaux vs. Wladimir Borovski, Superweltergewicht, angesetzt auf acht Runden

Wenn „Rocky“ im feinen schwarzen Anzug in den Ring steigt, dann scheint die Boxwelt aus den Fugen geraten. Es sei denn „Rocky“ ist Franzose und heißt Christophe Canclaux. Das Interesse der Leipziger Fans an einem Duell zwischen zwei unbekannten ausländischen Boxern hielt sich in Grenzen. Der Abraham-Fanblock probte für den Schlumpf, die kleine irische Kolonie sang sich für Landsmann Bernard Dunne warm. Wenigstens ein tapferer Franzose im Publikum leistete tapfer Widerstand und feuerte Canclaux mit „Allez Rocky“- Rufen ("Auf geht's Rocky") an.

Angetrieben von der großen Unterstützung legte Canclaux ein hohes Tempo vor und deckte Gegner Wladimir Borovsk dabei mit relativ drucklosen Schlagserien ein. So sammelte Canclaux fleißig Punkte, während der Ukrainer gelegentlich mit harten Einzeltreffern zum Zug kam. Da sich Borovski als zäher Bursche erwies, mussten am Ende die Punktrichter entscheiden. Sie taten es völlig korrekt.

Einstimmiger Sieger nach Punkten: Christophe Canclaux.


7. Kampf: Bernard Dunne vs. Marian Leondraliu, Superbantamgewicht, angesetzt auf acht Runden

Stimmung, die sogar die anwesende Laila Ali beeindruckte, kam dann beim Kampf Bernard Dunne (BP-Talent, Foto) gegen den Rumänen Marian Leondraliu auf. Beim kleinsten Kämpfer des Abends machten ca. 50 grünbehutete, irische Fans den größten Krach und tauchten die Halle in eine Art „St. Patrick's Day“-Atmosphäre.

Leondraliu, ein kurzfristiger Ersatzgegner, war für den ungeschlagenen Dunne in dessen 18. Profikampf allerdings kein wirklicher Prüfstein. Dunne bestimmte von Anfang an mit der Führhand das Geschehen. In Runde sechs schickte der Mann aus Dublin seinen Gegner mit einem linken Körperhaken zu Boden. Mit schmerzverzerrtem Gesicht kam Leondraliu noch einmal hoch, um nach der nächsten Rechten zum Körper wieder runter zu gehen. Ringrichter Josef Temml brach daraufhin den Kampf ab.

Sieger durch technischen KO in Runde sechs: Bernard Dunne.


8. Kampf: Arthur Abraham vs. Kingsley Ikeke, Mittelgewicht, zwölf Runden

Vergangenes Wochenende standen sich Titelverteidiger Jermain Taylor (BP-Nr. 1) und Bernard Hopkins (BP-Nr. 2) im Rückkampf um die unumstrittene Weltmeisterschaft im Mittelgewicht gegenüber. Auf dem Spiel standen diesmal jedoch nur die Titel nach Version von WBA, WBC und WBO. Der vierte große Titel nach Version der IBF war Jermain Taylor abhanden gekommen - verantwortlich dafür eine überfällige IBF-Pflichtverteidigung, die Taylor nicht erfüllen wollte und konnte.

Da es IBF-Pflichtherausforderer Sam Soliman (BP-Nr. 8) jedoch vorzog, das finanziell lukrativere Angebot zum Kampf gegen Ronald „Winky“ Wright (BP-Nr. 3) anzunehmen, bot sich plötzlich für zwei andere Boxer die Chance auf den vakanten IBF-Titel. Einerseits für den in Kanada geborenen, in Amerika trainierenden, und in deutschen Nationalmannschaftstrikots auflaufenden Nigerianer Kingsley Ikeke (BP-Nr. 9, auf Foto rechts) und andererseits der Boxschlumpf mit dem armenisch-deutschen Herzen in der Brust, Arthur Abraham (BP-Nr. 6, auf Foto links).

Bevor jedoch die Fäuste fliegen konnten, wurden erstmal alle taktischen Register gezogen. Wilfried Sauerland hatte für seinen kraftvollen, allerdings manchmal etwas plattfüßigen Boxer, den kleinstmöglichen Ring aufziehen lassen, so dass der 1,93 m große Ikeke schon Platzangst bekommen konnte. Alles Nachmessen von Team Ikeke half nichts, der Ring entsprach den Regularien, wenn auch sicher nicht den Vorstellungen von Ikeke.

Doch auch Freddie Roach versteht sich auf die Feinheiten des Geschäfts und versuchte eine vermeintliche Schwäche von Ikeke zu verbergen, den für Körpertreffer anfälligen langen Torso. In diesem Fall durch einen extrem hochsitzenden Hosenbund, der allerdings beim Staredown in der Ringmitte von Ulli Wegner sofort moniert wurde. Freddie Roach quittierte die Korrektur durch den amerikansichen Referee Samuel Virtuet mit einem verschmitzen Lächeln und einem lockeren Schulterzucken nach dem Motto „Einen Versuch war es wert“.

Vor dem Kampf hoffte Ikeke, seinem Kampfnamen „Sharp Knuckle“, was soviel wie scharfer Handknöchel bedeutet, alle Ehre zu machen. Mit einem scharfen Jab wollte er das Gesicht von Abraham verunstalten. Bereits in der Auftaktrunde zeigte sich jedoch, dass der scharfe Jab in der Doppeldeckung von „Vadder“ Abraham gut aufgehoben war. Der erste klare Treffer kam dann auch vom Wahl-Berliner. Nachdem der Jab von Ikeke verfehlte, nutzte Abraham die Gelegenheit, eine harte Rechte über die ausgestreckte Führhand zu schlagen.

Es war eine Aktion mit Symbolcharakter. Hatte man sich vor dem Fight die Frage gestellt, ob der gebürtige Eriwaner die 15 cm Größenunterschied und den Jab würde neutralisieren können, so zeigte sich bereits in der Anfangsphase, dass der Wahl-Kanadier zu langsam und ausrechenbar war.

Mit dem Jab zum Körper überbrückte der 25-jährige Sauerland-Profi die Distanz und ließ im Infight schnelle Haken folgen, bevor „Sharp Knuckle“ seine Krakenarme wieder unter Kontrolle hatte. In Runde zwei verschaffte sich Abraham dann endgültig Respekt bei seinem Kontrahenten. Eine harte Rechte und die darauffolgenden Treffer spürte der 32-jährige Globetrotter Ikeke deutlich.

Unter den Augen von Vadder Abraham, dem Original, wuchs das Selbstvertrauen des kleinen Kraftpakets mit jeder Aktion. Nach einer Serie harter Körpertreffer, konnte Abraham den langen Schlaks in der Ringecke stellen, wo er wieder seine Rechte ins Ziel brachte. Spätestens jetzt war die Brust so stark angeschwollen, dass der stolze Armenier sie Ikeke mit heruntergelassener Deckung entgegenstreckte.

Ulli Wegner fand es weniger amüsant und prompt kam in der Pause die flehentliche Ermahnung: „Und wehe machst du Mätzchen, und box gerade, hast du gehört, Arthur?

Arthur hatte gehört. Zumindest fast. Keine Mätzchen mehr, aber noch ein wilder Haken. Nachdem beide Boxer mit rechten Haken noch große Luftlöcher schlugen, tauchte Abraham als Erster wieder auf und mitgebracht hatte er einen krachenden linken Haken im Rückwärtsfallen. Sichtlich mitgenommen stolperte der Gast aus Nodramerika in die Seile, wo er eine trockene Rechte und einen linken Aufwärtshaken nehmen musste. Ringrichter Samuel Virtuet hatte genug gesehen. Er sprang zwischen die Boxer und stoppte so die Attacken von Abraham. Ein mitgenommener Kingsley Ikeke stürzte sofort nach dem Eingreifen des Ringrichters zu Boden, womit auch dem letzten Skeptiker die Zweifel an der Richtigkeit der Entscheidung des amerikanischen Referees genommen sein dürften.

Unter den Augen der 4.000 Fans sank ein von seinen Emotionen überwältigter Sieger in der Ringecke zusammen. Er war am vorläufigen Ziel seiner Träume. Nach nur 28 Monaten war er ein Mittelgewichtsweltmeister, oder auch der glücklichste Mensch der Welt.

Doch wer die Ambitionen des Lausbuben aus Berlin kennt, der darf sich berechtigte Hoffnungen machen, dass der neue IBF-König nicht nur ein Weltmeister, sondern der Weltmeister sein möchte.

Ein Duell mit Jermain Taylor ist jedoch Zukunftsmusik, genau wie ein prestigeträchtiges Duell mit Felix Sturm (BP-Nr. 4). Für den Moment heißt es Schlumpf-Triumph und IBF-Weltmeister Arthur Abraham.

Dienstag, 13. Dezember 2005


 
     

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