| |

In
nur 28 Monaten hat Arthur
Abraham (BP-Nr. 6, auf Foto oben rechts) geschafft,
wovon manche Boxer ihr Leben lang träumen. Der Schlumpf ist Weltmeister.
Vor rund 4.000 Zuschauern in der Arena Leipzig besiegte Abraham den Nigerianer
Kingsley
Ikeke (BP- Nr. 9, auf Foto oben links) durch technischen
KO in der fünften Runde und setzte sich damit die vakante WM-Krone
der IBF im Mittelgewicht auf.
1. Kampf: Yoan
Pablo Hernandez vs. Aleksejs
Kosobokovs, Cruisergewicht, angesetzt auf sechs Runden
Im Auftaktkampf bekam es die kubanische Cruisergewichtshoffnung Yoan
Pablo Hernandez mit Aleksejs
Kosobokovs aus Lettland zu tun. Nachdem der Sauerland-Boxer
die erste Runde mit seinem Jab und der gelegentlich eingesetzten linken
Schlaghand für sich entscheiden konnte, stießen beide Kontrahenten
im zweiten Durchgang mit den Köpfen zusammen. Ringrichter
Ingo Barrabas, der Kosobokovs in dieser Situation Absicht unterstellte,
sprach folgerichtig eine Disqualifikation aus.
Disqualifikationssieger in Runde zwei: Yoan Pablo Hernandez.
2. Kampf: Zaurbek
Baysangurov vs. Juan
Manuel Alaggio, Superweltergewicht, angesetzt auf zehn Runden
Eine hervorragende und für einen erst 20-Jährigen enorm abgeklärte
Leistung lieferte der Russe Zaurbek
Baysangurov im Kampf um die "IBF Youth Meisterschaft"
im Superweltergewicht ab. Konnte sein argentinischer Kontrahent Juan
Manuel Alaggio die ersten drei Runden durch seine
hohe Aktivität noch relativ ausgeglichen gestalten, machten sich
die härteren Treffer Baysangurovs in der Folgezeit bemerkbar. In
Runde vier musste Alaggio nach einem angeblichen Tiefschlag zu Boden und
ergaunerte sich durch eine beeindruckende Schauspielleistung die unverdiente
Erholungspause.
Die nächsten Runden bestimmte Baysangurov durch eine hohe Variabilität
seiner Schläge. Besonders die Rechte, ein leicht von unten kommender
linker Seithaken und der gelegentliche Aufwärtshaken konnten Alaggio
kaum verfehlen. Die Arbeit zum Körper vergaß Baysangurov ebenfalls
nicht und so musste ein müder werdender Argentinier in Runde sechs
sekundenlang das Trennkommando ignorierend klammern. Ringrichter
Wallfried Rollert zählte diesen daraufhin an. Im siebten
Durchgang zog Rollert dem Mann aus Buenos Aires einen Punkt wegen Tiefschlags
ab. Obwohl Alaggio im achten Durchgang wieder besser in den Kampf fand,
nahm ihn der IBF-Offizielle nach zwei vergleichsweise harmlosen Treffern
völlig unvermittelt aus dem Gefecht.
Sieger durch technischen KO in Runde neun: Zaurbek Baysangurov.
3. Kampf: Timo
Hoffmann vs. Tim
Williamson, Schwergewicht, angesetzt auf acht Runden
Eine
taktische Meisterleistung lieferte im nächsten Kampf die deutsche
Eiche Timo
Hoffmann. Für vier Runden konnte sich Tim
„Untouchable“ Williamson aus den USA an der harten
Rinde von Hoffmann austoben. Schritt zur Seite, rechter Haken, linke Gerade.
Rechtsausleger Williamson fand sein Ziel mühelos, während Hoffmann
zunächst ohne merklichen Erfolg mit dem Jab stocherte.
In Runde vier griff dann der Plan von Hoffmann. Williamson hatte sich
die Hände am Eisenschädel von Hoffmann kaputt geschlagen und
war dabei gleichzeitig so stark ermüdet, dass er bereits schwer pumpend
dreimal den Mundschutz ausspuckte. In der Pause zur fünften Runde
stellte man in der Ecke von Williamson die Diagnose: linke Hand gebrochen;
dazu konditionell am Ende und von Hoffmann ausgetrickst. Es war Schluss.
Hall of Famer Willie Pep mag eine Runde gewinnen ohne
zu schlagen, Hoffmann gewinnt ganze Kämpfe ohne zu treffen.
Sieger durch technischen KO in der fünften Runde: Timo Hoffmann.
4. Kampf: Henry
Akinwande vs. Ed
Mahone, Schwergewicht, angesetzt auf zwölf Runden
Im
zweiten Titelkampf des Abends ging es um die vakate interkontinentale
Meisterschaft der IBF im Schwergewicht. Geburtstagskind Henry
Akinwande (auf Foto links) machte sich dabei
gegen den Amerikaner Ed
Mahone (auf Foto rechts) selbst das schönste
Geschenk. Der alte Boxhaudegen erteilte „The Hammer“ dabei
acht Runden lang eine Lehrstunde. Mahone, der keinerlei Mittel fand, die
extremen Reichweitenvorteile des 40-jährigen Nigerianers zu überwinden,
schien dabei die Treffer magnetisch anzuziehen. Die Führhand des
in Florida lebenden Sauerland-Schützlings konnte ihr Ziel nicht verfehlen.
Darauf aufbauend konnte Akinwande sein komplettes Schlagrepertoire in
Ruhe ausprobieren. Aufwärtshaken, rechte und linke Geraden flogen
Mahone im Sekundentakt um die Ohren. Der Mann aus St. Louis brachte dabei
rundenlang kaum einen eigenen Schlag zustande.
Ab Runde neun kam Mahone dann etwas besser in den Kampf und versuchte
zumindest, Akinwande unter Druck zu setzen. Klare Treffer des Amerikaners
blieben jedoch weiterhin Mangelware. Akinwande ließ zwar in punkto
Schlagfrequenz und Schlaghärte merklich nach, setze aber weiterhin
durch Konter die klareren Treffer. Nach zwölf Runden waren sich die
drei Punktrichter einig und werteten nicht eine Runde für „The
Hammer“.
Dreimal 120:108 lautete das Urteil des Kampfgerichts. Einstimmiger Sieger
nach Punkten: Henry Akinwande.
5. Kampf: Kai
Kurzawa vs. Tyler
Hughes, Halbschwergewicht, angesetzt auf zehn Runden
Von
seiner Niederlage gegen den Letten Elvis
Michailenko im März scheint sich
Kai
Kurzawa (auf Foto rechts) immer noch nicht
vollständig erholt zu haben. So ging das Rehabilitationsprogramm
gegen den 36-jährigen Tyler
Hughes (auf Foto links) unspektakulär
weiter. Bereits nach wenigen Minuten wurde deutlich, dass der amerikanische
Journeyman dem körperlich überlegenen Wolke-Schützling
wenig entgegenzusetzen hatte. Dennoch agierte Kurzawa zunächst sehr
verhalten und konzentrierte sich auf Eins-zwei-Kombinationen und einen
effektiven linken Haken. Zugute kam ihm dabei die Tatsache, dass Hughes
mit einer tiefhängenden Deckung boxte, eine clevere Taktik, wenn
man über entsprechende Reflexe verfügt.
Vielleicht lag es am Kommentar „Bist du denn wahnsinnig?!“
seines Trainers Manfred Wolke früher am Abend, dass
Kurzawa trotz der Harmlosigkeit seines Gegners erst in der sechsten Runde
entschlossener zur Sache ging. Mit diesen Worten hatte Wolke nämlich
Timo Hoffmann bedacht, als dieser es kurzfristig wagte, den Schlagabtausch
zu suchen. Wahnsinn hin oder her, zwei kurze Linke und ein rechter Haken
zum Körper zwangen Hughes schließlich aufs Knie.
In Runde sieben musste Hughes dann nach einer schönen Rechts-links-rechts-Kombination
erneut zu Boden. Angesichts der Hoffnungslosigkeit der Sache warf die
amerikanische Ecke das Handtuch und ersparte ihrem Schützling weitere
Schläge.
Nach drei unterdurchschnittlichen Aufbaugegnern ist es für Kurzawa
nun Zeit, sich wieder größeren Herausforderungen zu stellen.
Sieger durch technischen KO in der siebten Runde: Kai Kurzawa.
6. Kampf: Christophe
Canclaux vs. Wladimir
Borovski, Superweltergewicht, angesetzt auf acht Runden
Wenn „Rocky“ im feinen schwarzen Anzug
in den Ring steigt, dann scheint die Boxwelt aus den Fugen geraten. Es
sei denn „Rocky“ ist Franzose und heißt Christophe
Canclaux. Das Interesse der Leipziger Fans an einem
Duell zwischen zwei unbekannten ausländischen Boxern hielt sich in
Grenzen. Der Abraham-Fanblock probte für den Schlumpf, die kleine
irische Kolonie sang sich für Landsmann Bernard Dunne warm. Wenigstens
ein tapferer Franzose im Publikum leistete tapfer Widerstand und feuerte
Canclaux mit „Allez Rocky“- Rufen ("Auf geht's Rocky")
an.
Angetrieben von der großen Unterstützung legte Canclaux ein
hohes Tempo vor und deckte Gegner Wladimir
Borovsk dabei mit relativ drucklosen Schlagserien
ein. So sammelte Canclaux fleißig Punkte, während der Ukrainer
gelegentlich mit harten Einzeltreffern zum Zug kam. Da sich Borovski als
zäher Bursche erwies, mussten am Ende die Punktrichter entscheiden.
Sie taten es völlig korrekt.
Einstimmiger Sieger nach Punkten: Christophe Canclaux.
7. Kampf: Bernard
Dunne vs. Marian
Leondraliu, Superbantamgewicht, angesetzt auf acht Runden
Stimmung,
die sogar die anwesende Laila
Ali beeindruckte, kam dann beim Kampf Bernard
Dunne (BP-Talent, Foto) gegen den Rumänen
Marian
Leondraliu auf. Beim kleinsten Kämpfer des Abends
machten ca. 50 grünbehutete, irische Fans den größten
Krach und tauchten die Halle in eine Art „St. Patrick's Day“-Atmosphäre.
Leondraliu, ein kurzfristiger Ersatzgegner, war für den ungeschlagenen
Dunne in dessen 18. Profikampf allerdings kein wirklicher Prüfstein.
Dunne bestimmte von Anfang an mit der Führhand das Geschehen. In
Runde sechs schickte der Mann aus Dublin seinen Gegner mit einem linken
Körperhaken zu Boden. Mit schmerzverzerrtem Gesicht kam Leondraliu
noch einmal hoch, um nach der nächsten Rechten zum Körper wieder
runter zu gehen. Ringrichter Josef Temml brach daraufhin
den Kampf ab.
Sieger durch technischen KO in Runde sechs: Bernard Dunne.
8. Kampf: Arthur
Abraham vs. Kingsley
Ikeke, Mittelgewicht, zwölf Runden
Vergangenes Wochenende standen sich Titelverteidiger
Jermain
Taylor (BP-Nr. 1) und Bernard
Hopkins (BP-Nr. 2) im Rückkampf um die unumstrittene
Weltmeisterschaft im Mittelgewicht gegenüber. Auf dem Spiel standen
diesmal jedoch nur die Titel nach Version von WBA, WBC und WBO. Der vierte
große Titel nach Version der IBF war Jermain Taylor abhanden gekommen
- verantwortlich dafür eine überfällige IBF-Pflichtverteidigung,
die Taylor nicht erfüllen wollte und konnte.
Da
es IBF-Pflichtherausforderer Sam
Soliman (BP-Nr. 8) jedoch vorzog, das finanziell
lukrativere Angebot zum Kampf gegen Ronald
„Winky“ Wright (BP-Nr. 3) anzunehmen,
bot sich plötzlich für zwei andere Boxer die Chance auf den
vakanten IBF-Titel. Einerseits für den in Kanada geborenen, in Amerika
trainierenden, und in deutschen Nationalmannschaftstrikots auflaufenden
Nigerianer Kingsley
Ikeke (BP-Nr. 9, auf Foto rechts) und andererseits
der Boxschlumpf mit dem armenisch-deutschen Herzen in der Brust, Arthur
Abraham (BP-Nr. 6, auf Foto links).
Bevor jedoch die Fäuste fliegen konnten, wurden erstmal alle taktischen
Register gezogen. Wilfried Sauerland hatte für seinen
kraftvollen, allerdings manchmal etwas plattfüßigen Boxer,
den kleinstmöglichen Ring aufziehen lassen, so dass der 1,93 m große
Ikeke schon Platzangst bekommen konnte. Alles Nachmessen von Team Ikeke
half nichts, der Ring entsprach den Regularien, wenn auch sicher nicht
den Vorstellungen von Ikeke.
Doch auch Freddie Roach versteht sich auf die Feinheiten
des Geschäfts und versuchte eine vermeintliche Schwäche von
Ikeke zu verbergen, den für Körpertreffer anfälligen langen
Torso. In diesem Fall durch einen extrem hochsitzenden Hosenbund, der
allerdings beim Staredown in der Ringmitte von Ulli Wegner sofort
moniert wurde. Freddie Roach quittierte die Korrektur durch den amerikansichen
Referee Samuel Virtuet mit einem verschmitzen Lächeln
und einem lockeren Schulterzucken nach dem Motto „Einen Versuch
war es wert“.
Vor dem Kampf hoffte Ikeke, seinem Kampfnamen „Sharp Knuckle“,
was soviel wie scharfer Handknöchel bedeutet, alle Ehre zu machen.
Mit einem scharfen Jab wollte er das Gesicht von Abraham verunstalten.
Bereits in der Auftaktrunde zeigte sich jedoch, dass der scharfe Jab in
der Doppeldeckung von „Vadder“ Abraham gut aufgehoben war.
Der erste klare Treffer kam dann auch vom Wahl-Berliner. Nachdem der Jab
von Ikeke verfehlte, nutzte Abraham die Gelegenheit, eine harte Rechte
über die ausgestreckte Führhand zu schlagen.
Es war eine Aktion mit Symbolcharakter. Hatte man sich vor dem Fight die
Frage gestellt, ob der gebürtige Eriwaner die 15 cm Größenunterschied
und den Jab würde neutralisieren können, so zeigte sich bereits
in der Anfangsphase, dass der Wahl-Kanadier zu langsam und ausrechenbar
war.
Mit dem Jab zum Körper überbrückte der 25-jährige
Sauerland-Profi die Distanz und ließ im Infight schnelle Haken folgen,
bevor „Sharp Knuckle“ seine Krakenarme wieder unter Kontrolle
hatte. In Runde zwei verschaffte sich Abraham dann endgültig Respekt
bei seinem Kontrahenten. Eine harte Rechte und die darauffolgenden Treffer
spürte der 32-jährige Globetrotter Ikeke deutlich.
Unter den Augen von Vadder Abraham, dem Original, wuchs das Selbstvertrauen
des kleinen Kraftpakets mit jeder Aktion. Nach einer Serie harter Körpertreffer,
konnte Abraham den langen Schlaks in der Ringecke stellen, wo er wieder
seine Rechte ins Ziel brachte. Spätestens jetzt war die Brust so
stark angeschwollen, dass der stolze Armenier sie Ikeke mit heruntergelassener
Deckung entgegenstreckte.
Ulli Wegner fand es weniger amüsant und prompt kam in der Pause die
flehentliche Ermahnung: „Und wehe machst du Mätzchen, und
box gerade, hast du gehört, Arthur?“
Arthur hatte gehört. Zumindest fast. Keine Mätzchen mehr, aber
noch ein wilder Haken. Nachdem beide Boxer mit rechten Haken noch große
Luftlöcher schlugen, tauchte Abraham als Erster wieder auf und mitgebracht
hatte er einen krachenden linken Haken im Rückwärtsfallen. Sichtlich
mitgenommen stolperte der Gast aus Nodramerika in die Seile, wo er eine
trockene Rechte und einen linken Aufwärtshaken nehmen musste. Ringrichter
Samuel Virtuet hatte genug gesehen. Er sprang zwischen die Boxer und stoppte
so die Attacken von Abraham. Ein mitgenommener Kingsley Ikeke stürzte
sofort nach dem Eingreifen des Ringrichters zu Boden, womit auch dem letzten
Skeptiker die Zweifel an der Richtigkeit der Entscheidung des amerikanischen
Referees genommen sein dürften.
Unter den Augen der 4.000 Fans sank ein von seinen Emotionen überwältigter
Sieger in der Ringecke zusammen. Er war am vorläufigen Ziel seiner
Träume. Nach nur 28 Monaten war er ein Mittelgewichtsweltmeister,
oder auch der glücklichste Mensch der Welt.
Doch wer die Ambitionen des Lausbuben aus Berlin kennt, der darf sich
berechtigte Hoffnungen machen, dass der neue IBF-König nicht nur
ein Weltmeister, sondern der Weltmeister sein möchte.
Ein Duell mit Jermain Taylor ist jedoch Zukunftsmusik, genau wie ein prestigeträchtiges
Duell mit Felix
Sturm (BP-Nr. 4). Für den Moment heißt
es Schlumpf-Triumph und IBF-Weltmeister Arthur Abraham.
Dienstag,
13. Dezember 2005
|
|