Zurück
Forum
Ranglisten
Termine
Ergebnisse
Rekorde
. | ENGLISCH |
 
.
   
 

Konstantin Airich vs. Danny Williams
- Der Bericht


von Jörg Dubiel


Ahmet Öner steht bislang für frischen Wind in deutschen Boxringen. Mutige Kampfansetzungen, kubanische Talente, Expansion auf den amerikanischen Boxmarkt. Doch was sich am vergangenen Freitag in Bilbao, Spanien, beim Kampf zwischen Konstantin Airich (Foto) und Danny Williams abspielte, trug nicht gerade zur Besserung des Rufs von Öner und seiner Firma „Arena Boxpromotion“ bei.

Airich auf der einen Seite trat mit dem Rekord einer bislang recht kurzen Profikarriere in den Ring. Neun Siegen und ein Unentschieden wies er vor, letzteres gegen den einst erfolgreichen Amateur Alex Mazikin. Deutlich erfahrener auf der anderen Seite war sein Gegner Danny Williams. Der „Brixton Bomber“ gilt im Boxring als durchaus harter Hund. So siegte er beispielsweise gegen einen gealterten Mike Tyson, nachdem er die drei Runden zuvor harte Treffer verdaute. Auch beinahe legendär ist sein Erfolg gegen Mark Potter, welchen er mit der linken Hand ausknockte, nachdem er sich seine rechte Schulter auskugelte und sich kaum selbst verteidigen konnte. Dem gegenüber stehen jedoch desolate Niederlagen gegen Sinan Samil Sam, Vitali Klitschko und Audley Harrison. Zuletzt machte Danny Williams auf sich aufmerksam, als er dem Ukrainer Oleg Platov zusetzte. Dieser wackelte bereits arg, als ihn eine – durch einen unabsichtlichen Kopfstoß entstandene – Cut-Verletzung quasi rettete, weswegen der Kampf in der vierten Runde ohne Wertung abgebrochen wurde. Williams beschwerte sich über die damalige Entscheidung des Ringarztes, hatte sich der Cut doch seit seinem Entstehen kaum verschlimmert. Zu diesem Zeitpunkt war Platov noch gut dabei und wurde zum Kampf freigegeben.

Doch in Bilbao sollten die Umstände für den Londoner noch widriger sein. Zunächst lag dies aber hauptsächlich an seinem Gegner. Schon nach dem ersten Treffer Airichs wirkte Williams beeindruckt und kurzzeitig angeschlagen. Auch im weiteren Verlauf der Eröffnungsrunde setzte der in Kasachstan geborene Deutsche seinem Gegenüber zu.

In der zweiten Runde begann Danny Williams (Foto) dann mitzuboxen, doch nach etwas mehr als einer Minute geriet ihm ein linker Körperhaken deutlich zu tief. Nachdem eine weitere Minute verstrich, landete scheinbar ein weiterer linker Haken von Williams unter der Gürtellinie. Sehr verwirrend für die Beobachter war, dass Ringrichter Alfredo Garcia Perez zunächst Airich anzählte und dann Williams mit nicht nur einem, sondern gleich mit zwei Punkten Abzug bestrafte.

Perez’ Entscheidungen ließen auch in der dritten Runde zu wünschen übrig. Als sich beim Londoner das Tape am linken Handschuh löste, ließ Perez von Williams’ Ecke nur das lose Ende abschneiden, aber nicht neu überkleben. So dauerte es nicht lange, bis sich der Schutz über der Verschnürung des Handschuhs weiter löste. Besser präsentierte sich hingegen Konstantin Airich, dem es zu diesem Zeitpunkt mehrmals gelang, seine rechte Schlaghand ins Ziel zu bugsieren und Williams sichtlich zu beeindrucken. So kam es, dass der vermeintliche Favorit zur Hälfte des dritten Durchgangs erneut ins Wanken geriet und dabei in die Seile stürzte. Nun ist es nicht ungewöhnlich, dass ein Boxer angezählt wird, wenn er scheinbar von den Seilen aufgefangen wird und ohne diese zu Boden gegangen wäre. Doch Perez’ Entscheidung, Williams in dieser Situation anzuzählen, bleibt grenzwertig. Es war schwierig, zu differenzieren, ob nur die Seile Williams davor bewahrten, zu Boden zu gehen oder ob der Brite sich auf den Beinen hätte halten können. Als Williams etwas später auf das lose Tape am linken Handschuh hinwies, ging Perez kurzerhand hin und wickelte einen beträchtlichen Teil weiter ab, was die Situation keineswegs verbesserte. Airich ließ sich davon nicht beeindrucken und suchte weiter seine Chance auf einen vorzeitigen Sieg. Wieder gelang es ihm, mit der Schlaghand harte Treffer zu landen, wodurch Williams rückwärts in die Seile gedrängt wurde. Und erneut hatte Ringrichter Perez den Eindruck, dass der Brite ohne die Ringbegrenzung zu Boden gegangen wäre, weswegen er den 34-Jährigen zum zweiten Mal anzählte. Dieser nutzte die Zeit, um den Rest des losen Tapes abzuwickeln.

Auf den Punktezetteln schon weit zurück liegend zeigte Williams starke Aktionen in der vierten Runde. Besonders mit seinem linken Haken erzielte er harte Treffer, die Airich durchrüttelten. Dieser wackelte zwar, ging aber nicht zu Boden. Dies widerfuhr vielmehr Williams: Unmittelbar vor Rundenende leisteten sich beide Boxer einen Schlagabtausch, als der heran stürmende Williams plötzlich nach einem linken Haken Airichs einknickte. Dabei landete Airich keinen regulären Treffer, sondern verfehlte den Kopf seines Kontrahenten und streifte diesen lediglich mit dem Ellbogen. Doch der gestolperte Williams wurde dennoch erneut angezählt, nachdem er die Runde zuvor dominiert hatte.

Was sich im vierten Durchgang schon abzeichnete, setzte sich im fünften fort. Williams wirkte nun deutlich frischer und arbeitete mehr im Ring. Deutlich öfter kassierte der Hamburger nun harte Treffer. Als Williams ihn erneut mit harten Körperhaken eindeckte und an die Seile drängte, trennte Ringrichter Perez die Boxer mit energischen „Stop!“-Rufen. Und wieder bestrafte er Williams mit einem Punktabzug, wobei dem Autor dieses Artikels nicht klar ist, warum. Vielleicht wegen eines angeblichen Tiefschlages? Hatte er vielleicht den Eindruck, dass Williams nach dem Kommando weiter attackierte, was nicht wirklich der Fall war? Warum kam das Kommando überhaupt? Was auch immer Perez bewogen haben mag, nichts davon wird zu einer Freundschaft mit Danny Williams geführt haben. Dieser ließ sich nicht beirren und setzte weiter nach. Wieder klingelte er mit einem linken Haken Airich an. Dieser schritt rückwärts an die Ringseile, geriet dabei aber mit dem rechten Fuß unter die Ringseile und neben den Ringboden, was ihn sogleich das Gleichgewicht kostete. Somit ging Airich auch in einem Moment zu Boden, als ihn sein Gegner gar nicht richtig traf. Erneut kein „richtiger“ Niederschlag und doch zählte Perez den Mann am Boden an, brauchte diesmal aber für den „Eight-Count“ ganze 15 Sekunden. Eigentlich war die Rundenzeit nun schon abgelaufen, doch es ertönte kein Signal vom Zeitnehmer, während Airichs Team sich schon bereit machte, in den Ring zu steigen. Weitere Verwirrung und Anweisungen von Ringrichter Perez an die Ecke des Hamburgers folgten, wobei bezweifelt werden darf, dass dort Spanisch verstanden wurde. Eine halbe Minute dauerte es, bis der Kampf nach dem angeblichen Niederschlag wieder freigegeben wurde und nun auch der Zeitnehmer zur Stelle war.

Etwas später wurde die Ringglocke erneut Fokus der Verwirrung. Williams dominierte den Kampf nun klar und schickte seinen Gegner mit einer Schlagserie zu Boden. Doch es kam Rettung für Airich, in Form seines Promoters. Plötzlich stand Veranstalter Ahmet Öner neben dem Zeitnehmer, schnappte sich dessen Hämmerchen und läutete die Glocke, bei noch etwas mehr als anderthalb Minuten auf der Uhr. Während der offizielle Zeitnehmer gar nicht wusste, wie ihm geschah, zog sich der inoffizielle scheinheilig zurück.

Die siebte Runde sollte auch nicht lange dauern. Williams ging sofort energisch auf Airich los und deckte diesen mit satten Treffern ein, gegen die sich der Deutsche nicht zu wehren vermochte. Schließlich kam ein Handtuch in den Ring geflogen, was offenbar die Aufgabe von Airichs Seite signalisierte. Ungewöhnlich dabei ist, dass das Handtuch nicht etwa von Airichs Trainer oder einem anderen Betreuer geworfen wurde. Nein, wieder trat Promoter Ahmet Öner ins Geschehen, indem er Trainer Hans-Jürgen Witte den weißen Frotteelappen wegnahm und in den Ring warf.

Trotz aller Begleitumstände gab es einen unterhaltsamen Kampf zu sehen, bei dem zwei Boxer mit einer gehörigen Portion Schlagkraft und einer mäßigen Defensive aufeinandertrafen. Respekt an Danny Williams, dass er nach den harten ersten drei Runden in den Kampf fand und diesen schließlich drehte. Auch Konstantin Airich hat sich insgesamt gut verkauft. Da er vergleichsweise wenig zu verlieren hatte, dürfte die Niederlage ihn nicht allzu weit zurückwerfen, aber umso mehr seinen Erfahrungsschatz ausgebaut haben.

Der Verlierer des Abends könnte Ahmet Öner sein. Dem Boxsport an sich wurde schon häufiger ein schlechter Ruf nachgesagt. Allzu zahlreich sind die Betrugsvorwürfe und die großen oder kleinen Skandale. Das Eingreifen von Öner in der sechsten Runde lässt einen Begriff wie „skandalös“ beinahe schmeichelhaft erscheinen. Mit Verlaub, Herr Öner, es gibt subtilere Methoden der Manipulation.

Der zuweilen cholerisch wirkende Promoter konnte sein Ansehen in den vergangenen Monaten steigern. Unter anderem aufgrund der eingangs angesprochenen Gründe. Doch ein guter Ruf ist manchmal auch ein Kartenhaus, das man mit einer dämlichen Aktion zum Einsturz bringen kann. Oleg Hug, „Matchmaker“ bei Arena Boxpromotion, wird es vielleicht in Zukunft schwerer haben, gute Gegner für die Aktiven des Hamburger Boxstalls zu finden. Denn wer möchte sich schon solchen Umständen ausgesetzt sehen, wie sie Danny Williams widerfahren sind? Frühzeitig abgebrochene Runden, wenn der eigene Boxer in Bedrängnis ist, ein Ringrichter, der nicht gerade souverän wirkt und so weiter. Da könnte so manch Gastboxer Sorge haben, Gefahr zu laufen, auf einer Öner-Veranstaltung „beschissen“ zu werden.

Obwohl der Kampf in Spanien und mit spanischen Offiziellen stattfand, wird er gemeinhin als Teil des „deutschen Boxens“ wahrgenommen. Deutscher Veranstalter, deutsche Boxer, deutsches Fernsehen. Ob da auch der Ruf der Boxringe in Deutschland selbst Schaden nimmt? Schwer zu sagen, denn trotz aller Brisanz handelte es sich nicht gerade um einen Kampf absoluter Top-Männer, der sonderlich große Aufmerksamkeit auf sich zog. Womöglich gerät dieses Schauspiel schon bald wieder in Vergessenheit. Von daher ist es auch fraglich, ob Ahmet Öner für seine Aktion irgendwelche direkten Strafen fürchten muss.
Mittwoch, 04. Juni 2008


 
     

BoxingPress.de - Alle Rechte vorbehalten
© 2008 Alle Elemente sowie das Layout dieser Seiten unterliegen den Copyrightbestimmungen nach deutschem Recht. Kein Teil dieser Seiten darf in irgendeiner Form an anderer Stelle ohne die ausdrückliche Erlaubnis von BoxingPress.de veröffentlicht werden.
 

All photos ALLSPORT / AFP / ROGER WILLIAMS / SECONDSOUT.COM / KURT SAYGIN - BoxingPress ist um vollständigen Urhebernachweis auf seinen Internetseiten bemüht. Sollte sich auf einer unserer Seiten dennoch eine ungekennzeichnete, aber durch Copyright eines Dritten geschützte Graphik befinden, so konnte das Copyright von uns nicht festgestellt werden. Sollte Bildmaterial einmal nicht mit einem entsprechenden Urhebernachweis ausgezeichnet sein, bitten wir den Betreffenden, sich bei der Redaktion zu melden. Im Falle einer solchen unbeabsichtigten Copyrightverletzung werden wir das entsprechende Objekt nach Benachrichtigung aus der Internetseite entfernen bzw. mit dem entsprechenden Copyright kenntlich machen.
GOWEBCounter by INLINE