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Interview mit Stefan Angehrn
von Arne Leyenberg



Stefan Angehrn ist einer der wenigen Profi-Boxer aus der Schweiz, die es zu internationaler Anerkennung gebracht haben. Den deutschen Fans ist er insbesondere wegen seiner zwei WM-Kämpfe gegen Ralf Rocchigiani, die er nur knapp nach Punkten verlor, noch in bester Erinnerung. Außerdem zwang er Torsten May im Dezember 1997 zu einer bis heute unvergessenen Aufgabe. Um Angehrn ist es seither ruhig geworden, sein letzter Profi-Kampf datiert vom 27. Dezember 1998, als er gegen Christophe Girard verlor. Sein Ex-Gegner May boxt derweil am kommenden Samstag in Erfurt gegen Alexander Gurov um die Europameisterschaft im Cruisergewicht. Grund genug für Boxingpress, ein exklusives Interview mit dem symphatischen "Eidgenossen" zu führen.

Boxingpress: Herr Angehrn, Ihr ehemaliger Gegner Torsten May boxt am 21. April in Erfurt gegen Alexander Gurov um die Europameisterschaft im Cruisergewicht. Wie beurteilen Sie seine Chancen, wie geht der Kampf aus?

Angehrn: Ich denke, dass es, falls Gurov noch annähernd sein Potenzial von früher hat, sehr eng werden dürfte für Torsten, zumal er in den letzten paar Kämpfen nicht überzeugen konnte. Nichtsdestotrotz hoffe ich aber sehr auf einen Sieg von Torsten May, weil bei mir Sympathie eine große Rolle spielt und Deutschland mir näher ist als Russland.

Boxingpress: Fragen Sie sich nicht, warum Sie nicht anstelle von May um die EM im Ring stehen, schließlich haben Sie ihn ja, sogar in einer Ausscheidung zur Weltmeisterschaft, bezwungen?

Angehrn: Nein, das frage ich mich nicht wirklich, denn ich weiß ja wie das Geschäft läuft und wie Kämpfe zustande kommen. Mein Pech war einfach, dass ich viel zu alt war, als ich zum ersten Mal nach Deutschland kam und endlich bei den großen Managern mittrainieren durfte. Die Schweiz hat leider keine reichen TV-Stationen, ergo keine interessierten Sponsoren usw. Ebenso habe ich ja die damals versprochene WM-Chance gar nicht erhalten.

Boxingpress: Im Kampf mit Ihnen hat Torsten May resigniert aufgegeben. Wie empfanden Sie damals seinen Schritt?  Konnten Sie ihn verstehen?

Angehrn: Ja, ich konnte das sehr gut verstehen, denn es zeugt ja von Intelligenz und persönlicher Größe, seine Situation jederzeit beurteilen zu können und damit auch konsequent zu sein, wenn es mal nicht läuft. Die Wenigen, die das können, sind diejenigen, für welche der Boxsport niemals ein gesundheitliches Risiko darstellt, weil sie über der Sache stehen und nicht alles "um jeden Preis" unbedingt wollen.

Boxingpress: Was lernten Sie über den Boxer/Menschen Torsten May aus seiner Aufgabe?

Angehrn: Ich denke, dass er damals ein sehr ungünstiges Umfeld hatte, das fing beim Trainer an und ging auch in andere Bereiche weiter. Ob sich das heute gebessert hat, vermag ich nicht wirklich zu beurteilen. Ich bin mir aber sicher, dass zumindest durch Trainer Wegner einer dieser Punkte zum Vorteil verbessert wurde.

Boxingpress: Haben Sie May's weitere Karriere verfolgt? Würden Sie ihm zur Beendigung seiner Karriere raten oder sehen Sie noch internationale Perspektiven?

Angehrn: Das würde ich ihm sicher nicht raten, denn das weiß er sicherlich besser als ich, denn ich kenne ja auch Torstens wirtschaftliche Verhältnisse und seine Alternativen viel zu wenig. Internationale Perspektiven wird sein Management immer wieder hinkriegen. Wenn er den nächsten Kampf gewinnt, ist eine sofortige WM eine wohl bereits jetzt abgemachte Sache, alles andere wäre Zeitverschwendung.

Boxingpress: Wie verlief Ihr sportlicher Weg nach dem Sieg über May?

Angehrn: Wie schon gesagt, ich habe damals meinen Titelkampf nicht erhalten, habe dann lange an meinem Cut am Auge herumgedoktert und konnte so ein Jahr lang nicht boxen. Danach habe ich den Gürtel des IBF-Intercontinental-Champions in Zürich gewonnen, allerdings mit einem finanziell katastrophalen Ausgang (wir waren notgedrungen selber Veranstalter und hatten den hohen sechsstelligen Verlust selber zu tragen)- was wiederum dazu führte, dass ich über ein Jahr lang dem Geld nachrennen musste, um Ausstände zu begleichen (bis heute nicht alles erledigt). Danach habe ich am 31.März 2000 gegen Christoph Girard in St. Gallen verloren. Ähnlich wie Torsten May habe ich in der 10. Runde aufgegeben, weil es einfach nicht mein Tag war. Finanziell war es ebenfalls ein Flop und so habe ich es halt einfach sein gelassen mit dem Boxen, zumindest für den Moment ist das für uns kein Thema mehr (ist eigentlich schade, was?).

Boxingpress: Sind Sie dem Boxsport dennoch erhalten geblieben? Planen Sie vielleicht sogar noch mal ein Comeback?

Angehrn: Als Präsident des City-Box-Clubs Kreuzlingen (bei Konstanz) gebe ich einmal die Woche ein Training nach System Universum-Box-Promotion, oder so ähnlich, für diejenigen, welche fleißigen Trainingsnachweis bringen können, sozusagen als "Belohnung". Das macht den Jungen Spaß und hält mich selber immer ein wenig in Form. Sportliche Ziele habe ich wie gesagt im Moment keine. Sollte Torsten aber doch noch Weltmeister werden, so habe ich denen schon damals eine Revanche versprochen, und somit weiß man ja nie, was noch kommt. Aber wie mein Freund Ralf Rocchigiani sagen würde:...'erst mal abwarten'!!!

Boxingpress: Herr Angehrn, vielen Dank für das offene Gespräch. Alles Gute für Ihre Zukunft.

Weitere Informationen zu Stefan Angehrn: www.stefan-angehrn.ch oder www.nr1-security.com

 

 

 
     

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