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Sensation: Baldomir
entthront Judah
von Thorsten Fritsche
Das
Jahr ist noch jung, doch am Samstag gab es bereits die erste richtig große
Überraschung im Boxen. Was für den unangefochtenen Weltmeister
im Weltergewicht Zab
„Super“ Judah (BP-Nr. 1) nur eine Durchgangsstation
auf dem Weg zu einem lukrativen Zahltag gegen Floyd
Mayweather (BP-Nr. 1 im Superleichtgewicht) am 8.
April werden sollte, wurde letztlich zum Stolperstein für den 28-jährigen
US-Amerikaner. Im ausverkauften Madison Square Garden trat Judah als haushoher
Favorit an, um gegen den 34-jährigen Argentinier Carlos
Baldomir (BP-Nr. 8) die Weltmeistertitel des WBC
und der IBF, sowie den Titel des Super-Champions der WBA zu verteidigen.
Carlos „Tata“ Baldomir, der den deutschen Boxfans durch seine
zwei vorzeitigen Siege gegen Alpaslan Aguzum bekannt sein dürfte,
war als Pflichtherausforderer des WBC an diesen Titelkampf herangekommen.
Aufgrund der neun Niederlagen in seinem Kampfrekord wurde er vom Titelverteidiger
im Vorfeld des Kampfes verspottet und es scheint so, als wäre Zab
Judah wieder einmal daran gescheitert, sich auf vermeintlich leichte Aufgaben
zu konzentrieren.
Zunächst einmal ließ sich Judah viel Zeit, um in den Madison
Square Garden im heimischen New York einzumarschieren. Bei der Gegenüberstellung
im Ring schlug er Baldomir auf den Oberschenkel, anstatt gegen die Handschuhe.
Doch nach dem Gong zur ersten Runde machte der Titelverteidiger den Eindruck,
als meine er es ernst an diesem Abend. Seine Schnelligkeit nutzend, diktierte
er den Kampf mit dem rechten Jab und ging vereinzelt zu Baldomirs Körper.
Der Argentinier hatte Mühe, seinerseits Treffer zu landen, doch zum
Ende der ersten Runde kam es zu seinem längeren Schlagabtausch, bei
dem beide Kontrahenten Schläge unterbringen konnten. In den nächsten
zwei Durchgängen versuchte der Herausforderer boxerisch mitzuhalten,
doch stand er gegen die Schnelligkeit seines Gegners auf verlorenem Posten.
Jedoch nahm Judah bereits jetzt etwas das Tempo aus dem Kampf, weshalb
auch das Publikum im Garden ruhiger wurde. Scheinbar frustriert versuchte
Baldomir, seine Nachteile mit physischem Einsatz zu kompensieren und ging
mit der Schulter voran in seinen Gegner hinein. Der Kampf wurde dadurch
unsauberer und unansehnlicher, was den Ringrichter Arthur Mercante zu
einigen Ermahnungen zwang. Der Weltmeister konnte zwar diese frühen
Runden noch durch seine Führhand und gelegentliche als Cross geschlagene
Linke für sich entscheiden, doch spätestens ab Runde vier kam
der Herausforderer besser in den Kampf, der nun permanent im Vorwärtsgang
war. Baldomir provozierte seinen Gegner immer wieder, indem er sich an
das eigene Kinn tippte. Doch der Kampf wurde deshalb nicht ansehnlicher,
auch wenn Baldomir immer häufiger seine rechte Schlaghand ins Ziel
brachte. Der fünfte Durchgang gehörte dann wieder dem Weltmeister,
der mit seiner Rechten konterte und Baldomir mehrfach mit dem linken Haken
deutlich traf. Ein unabsichtliches Zusammenstoßen der Köpfe
brachte Baldomir eine blutige Nase ein. Die sechste Runde zeigte das gleiche
Bild: Baldomir tippte sich weiterhin ans eigene Kinn, während Judah
die Aufforderung prompt annahm und fleißig Punkte sammelte.
In Runde sieben wendete sich dann das Blatt. Sowohl Judah als auch das
Publikum mussten zu dieser Zeit erkannt haben, dass Baldomir in der Lage
war, die Treffer des Champions einzustecken und dennoch unermüdlich
nach vorn zu marschieren. Weiterhin provozierend suchte der Argentinier
stets den Schlagabtausch, bis er endlich sein Ziel mit Nachdruck fand.
Ein linker Haken und eine Rechte des Herausforderers erschütterten
Judah bis in die Zehenspitzen. Allerdings verstrich wertvolle Zeit, da
Ringrichter Mercante den folgenden Clinch zu spät löste. Doch
Baldomir setzte gegen den noch immer angeschlagenen Weltmeister nach und
ein rechter Cross ließ diesen erneut auf wackeligen Beinen durch
den Ring taumeln, bis ihn schließlich der Gong zur Pause rettete.
Dennoch ging die siebte Runde 10:8 an Baldomir. Zu Beginn der achten Runde
schien Judah seine Beine wieder völlig unter Kontrolle zu haben,
den Kampf jedoch nicht. Nicht mehr länger gewillt, sich einem Schlagabtausch
zu stellen, agierte er nur noch aus der Distanz und brachte die Führhand.
Baldomir versuchte indessen seinen Gegner zu stellen und mit Körpertreffern
durchzukommen. Er schien ganz klar begriffen zu haben, dass er den Kampf
noch für sich entscheiden konnte, wenn er in der Lage war, seine
besten Schläge unterzubringen. Für die restliche Dauer des Kampfes
feuerte er aus allen Winkeln, während er mit tief hängenden
Fäusten dem fliehenden Titelverteidiger nachsetzte, traf aber lange
nicht immer. In Runde zehn landete dafür Judah seinen besten Treffer
des ganzen Kampfes. Eine blitzschnelle Linke landete an Baldomirs Kopf,
hinterließ aber keinerlei Wirkung. Dafür traf der Herausforderer
zu Beginn der Runde mehrfach mit beiden Händen und hinterließ
inzwischen deutliche Spuren in Judahs Gesicht. Doch auch Baldomir kam
nicht ungeschoren davon. In der elften Runde öffnete sich bei ihm
eine weitere Platzwunde. Doch er marschierte weiterhin unablässig
nach vorn, auch wenn Judah ihn mit einzelnen gezielten Schlägen immer
wieder abfing. In Runde zwölf wurde das Geschehen im Ring noch einmal
intensiver, als Baldomir mit wilden aber harten Schlägen durchkam
und den New Yorker erneut anklingelte. Ein Niederschlag war dem Argentinier
auch dieses Mal jedoch nicht vergönnt. Dennoch zeigte er sich nach
dem Schlussgong zuversichtlich, genug getan zu haben, um den Kampf zu
gewinnen.
So war es dann auch, denn die Punktrichter gaben den Kampf knapp aber
einstimmig mit 115:113, 115:112 und 114:113 an
Carlos Baldomir, womit die Überraschung perfekt war. Jedoch bestätigte
das Team des Argentiniers auf der Pressekonferenz, dass sie lediglich
die Sanktionsgebühren an das WBC gezahlt haben und Baldomir somit
auch nur diesen Gürtel gewonnen hat. Der Titel der IBF wird daher
vakant und die WBA hat mit Luis
Collazo (BP-Nr. 11) nur noch einen „regulären“
Weltmeister.
Zab Judah ist nach diesem herben Rückschlag nicht nur seine Titelsammlung
los, sondern auch der große Zahltag gegen Floyd Mayweather dürfte
sich nun erledigt haben. Genau jenen Mayweather forderte der überglückliche
neue Weltmeister Carlos Baldomir nach dem Kampf heraus.
Sonntag,
08.Januar 2006
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