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Hart erkämpfter Sieg für Osie
Bericht & Fotos von M. Kurt Saygin

In der fast ausverkauften Spandauer Sportarena Berlin lieferten sich Oliver Beard und Lee Manuel Osie ein spannendes Gefecht im Kampf um den vakanten EBU-EU-Titel im Halbschwergewicht. Im Vorprogramm des von der IFCO (International Fight Club Organisation) organisierten Kampfabends kämpften unter anderem die Universum-Boxer Andreas Kotelnik und Wladimir Sidorenko sowie Boxer kleinerer Boxpromoter. Die Gastboxer der Vorkämpfe kamen zum grössten Teil aus der Slowakei und wiesen teilweise desaströse Kampfrekorde von bis zu 2-61-0 auf.

Die Kampfergebnisse im Einzelnen:

1. Kampf: Dennis Kronemann vs. Ricardo Grassmann, Supermittelgewicht, angesetzt auf 4 Runden

Der Berliner Dennis Kronemann, der sein Profidebüt gab, hatte Schwierigkeiten, sich auf den Kampfstil des trotz seines negativen Kampfrekordes weit erfahreneren Ricardo Grassmann (2-9-0, 2 KO`s) einzustellen. Schon ab der zweiten Runde begann Grassmann, seinen Gegner klar zu dominieren und brachte aus der stabilen Doppeldeckung immer wieder klare Geraden aus der Distanz ins Ziel. Ein versehentlicher Tiefschlag mit anschliessender Auszeit seitens Kronemann blieb nach einer ernsthaft gemeinten Entschuldigung an Grassmann zu Recht ohne Folgen. In der Rundenpause wollte der Profidebütant bereits aufgeben, da ihm die Puste ausging, liess sich aber von seinem Trainer dazu überreden, weiterzumachen, was fatale Folgen hatte.

In der dritten Runde wurde der unerfahrene Kronemann ganze vier mal mit schwersten Treffern niedergeschlagen, wobei der dritte Niederschlag unverständlicherweise als "Ausrutscher" gewertet wurde. Erst nach dem vierten Niederschlag beendete der Ringrichter den ungleichen Kampf, den der junge Kronemann schon früher – und dies absolut zu Recht – beenden wollte. (Es sei an dieser Stelle angemerkt, dass Trainer für ihre Schützlinge auch Verantwortung tragen und es weder der Gesundheit, noch der "Ringerfahrung" von Boxern zuträglich ist, wenn diese mit fallengelassener Deckung noch einmal aufstehen, bloss um aufgestanden zu sein. Ein fliegendes Handtuch zur rechten Zeit ist keine Schande, sondern eben manchmal einfach notwendig. Anm.d.Autors.)

Offizielles Urteil: Sieger durch TKO nach 2:43 der dritten Runde

2. Kampf: Andreas Kotelnik vs. Tomas Bese, Weltergewicht, angesetzt auf 6 Runden

Der Universum-Boxer Andreas Kotelnik (11-0-0, 6 KO`s), der seinen letzten Kampf vor erst drei Wochen im Berliner Estrel Convention Center siegreich bestritt, trat gegen den ersten von vier Slowakischen Gastboxern des Abends an. Tomas Bese (3-17-0, 2 KO`s), der als Gastboxer in Berlin kein unbekannter Name ist, hatte trotz der Tatsache, dass er mittlerweile Kämpfe auch zu gewinnen wollen scheint, einfach nicht die boxerischen Mittel, um mit dem technisch versierten UBP-Boxer Kotelnik mithalten zu können. Schon von Beginn des Kampfes an dominierte der Silbermedaillengewinner von Sydney 2000' den Kampf und konnte den Gastboxer gegen Ende der ersten Runde das erste Mal niederschlagen. Anfang der zweiten Runde erfolgte der zweite Niederschlag. Bese, der sich tapfer zu wehren versuchte, musste schliesslich chancenlos eine ganze Reihe von Schlagserien hinnehmen, bis der Ringrichter das ungleiche Duell abbrach.

Kotelnik, der nach der sehr kurzen Zeit zwischen den Kämpfen eine durchaus gute und solide Leistung bot, wäre durchaus in der Lage, gegen Gegner zu boxen, die einen weniger schlechten Kampfrekord aufzuweisen haben.

Offizielles Urteil: Sieger durch TKO nach 2:42 der zweiten Runde Andreas Kotelnik


3. Kampf: Anders Jensen vs. Ivan Vavrecan, Supermittelgewicht, angesetzt auf 4 Runden

Der Däne Anders Jensen (2-2-0) kämpfte gegen Ivan Vavrecan (1-17-0, 1 KO), den letzten Gegner von Koren Gevor im Berliner Marriot Hotel, der damals bereits eine sehr schlechte Leistung zeigte. Vavrecan ist übergewichtig, klein und seine Oberarme sind in der Tat so kurz, dass er nicht in der Lage ist, sich gegen Körperhaken zu decken. Für den Kampf selbst hatte er laut Aussage des IFCO-Managements zwei Tage Vorbereitungszeit, da ihm erst am Donnerstag dieser Woche mitgeteilt wurde, dass er am Samstag einen Kampf zu bestreiten hat.

Jensen bestritt diesen Kampf also ohne jegliche Probleme technischer Art, schlug aber extrem unsportlich von hinten auf den sich nach einem Treffer abdrehenden Vavrecan ein. Es erscheint erstaunlich, dass der Ringrichter selbst nach des mindestens drei Sekunden dauernden Wegdrehens Vavrecans keinerlei Reaktion zeigte. Noch erstaunlicher war, dass Jensen, nachdem er hilfesuchend den Ringrichter ansah und keine Reaktion erhielt, unvermittelt von hinten auf Vavrecan zustürmte und zuschlug. Am aller erstaunlichsten ist es, dass die ganze Aktion ohne Folgen, ohne Ermahnung oder gar Verwarnung blieb. Es drängte sich dem Publikum der Verdacht auf, dass es sich weniger um sportliche Kämpfe und Herausforderungen, als vielmehr um Vorführungen der Gastboxer handelte.

Nach je einem Niederschlag in der ersten und der zweiten Runde sowie mehrfachem Wegdrehens und dann Doch-Weitermachens des überforderten Vavrecans brach der Ringrichter den nicht nur ungleichen, sondern auch etwas unsinnigen Kampf ab.

Offizielles Urteil: Sieger durch TKO nach 1:33 der zweiten Runde Anders Jensen

4. Kampf: Wladimir Sidorenko vs. Imrich Parlagi, Bantamgewicht, angesetzt auf 8 Runden

Imrich Parlagi, der mit dem schlechtesten Kampfrekord des Abends antrat (2-61-0, 1 KO), ist bekannt dafür, sehr unsauber zu boxen. Dies kann ihm dennoch positiv angerechnet werden, da er im Gegensatz zu vielen osteuropäischen Gastboxern seine Kämpfe offensichtlich tatsächlich gewinnen will, es aber wegen mangelnder technischer Mittel leider nicht kann.

Die erste Runde hatte Wladimir Sidorenko (4-0-0, 1 KO) Schwierigkeiten, sich den bissigen und den Infight suchenden Gastboxer vom Leib zu halten. Parlagi, der sich mit gesenktem Kopf im Vorwärtsgang befand, konnte im Infight einige gute Körperhaken anbringen, musste jedoch wiederholt Distanzgeraden des technisch versierten Universum-Boxers Sidorenko hinnehmen, der sich immer wieder gekonnt befreien konnte. Am Anfang der zweiten Runde liess der Slowake die Deckung für einen Moment fallen, was der Schützling des UBP-Trainers Michael Timm gekonnt ausnutzte. Er brachte einen gewaltigen rechten Kopfhaken aus dem Lehrbuch ins Ziel, der Parlagi nicht nur zu Boden gehen liess, sondern ihn für gut 30 Sekunden vollkommen desorientierte. Mit panischem Gesichtsausdruck versuchte der Gastboxer aufzustehen, fiel erneut hin, suchte die eigene Ecke und wurde schliesslich von seinem herbeieilenden Trainer beruhigt. Zur grossen Erleichterung des Publikums fing sich der bissige Slowake nach ein paar Minuten wieder und konnte den Ring aus eigener Kraft wieder verlssen und in die Kabine gelangen.

Offizielles Urteil: Sieger durch KO nach 0:33 der zweiten Runde


5. Kampf: Roman Dzuman vs. Peter Takac,
Halbmittelgewicht, angesetzt auf 6 Runden

Der ukranische Boxer Roman Dzuman (14-0-0, 9 KO`s), der bei Fight Production, dem internationalen Stall von Olaf Schröder, unter Vertrag steht, dominierte den Kampf von Anfang an. Obwohl der slowakische Gegner Peter Takac (1-10-1 KO) über leichte Reichweitenvorteile verfügte, konnte der Ukrainer sein gesamtes Schlagrepertoire zielsicher und schlagstark anwenden. In der dritten Runde änderte der Slowake die Taktik und versuchte, mit überfallartigen Attacken unter Ausnutzung seines Reichweitenvorteils den Kampf zu machen. Dzuman wirkte kurzzeitig irritiert und musste einige Kopftreffer hinnehmen, fing sich aber schnell wieder.

Ein Wischer mit der linken Hand seitens Dzumans verursachte bei Takac offensichtlich eine Augenverletzung. Der Slowake schrie vor Schmerz auf, drehte sich weg und hielt sich das Auge zu. Auch in diesem Fall ging der Ringrichter nicht dazwischen, woraufhin Dzuman ebenfalls unsportlicherweise von hinten zuschlug. Dies erscheint besonders unschön, da der Ukrainer klar der bessere Mann und zu keinem Zeitpunkt ernsthaft gefährdet war und auch nicht, wie zuletzt z.B. Michel Trabant im Kampf gegen Joszef Matolcsi, gezwungen war, ein möglichst schnelles Kampfende herbeizuführen. Takac wurde nach diesem Treffer an- und ausgezählt.

Offizielles Urteil: Sieger durch TKO nach 2:22 der dritten Runde Roman Dzuman


6. Kampf: Lee Manuel Osie vs. Oliver Beard,
Halbschwergewicht, EBU-EU-Titelkampf, angesetzt auf 10 Runden

Obwohl die Vorkämpfe nicht gerade dazu geeignet waren, die Stimmung der Halle auf ein Titelkampf-Niveau aufzuheizen, wurden die beiden Kämpfer des Hauptkampfes des Abends stürmisch begrüsst. Auch der durchaus gefährlich aussehende Gastboxer aus Frankreich Oliver Beard (15-7-0, 12 KO`s) wurde freundlich empfangen. Im darauffolgenden Kampf wurden das Publikum für die mangelnde Qualität der meisten Vorkämpfe gebührend entschädigt, denn die beiden Hauptkämpfer lieferten sich ein Ringgefecht, wie man es in Berliner Hallen in der letzten Zeit selten gesehen hat.

Schon in der ersten Runde schenkten sich die Kontrahenten nichts. Lee Manuel Osie (28-2-0, 16 KO`s) brachte gute Geraden aus der Distanz ins Ziel und leitete gegen Mitte der ersten Runde mit einem krachenden rechten Kopfhaken eine Schlagserie ein, mit der er den überraschten Franzosen bis an die Seile drängte und dort noch weiter bearbeitete, ehe dieser sich durch Abtauchen und seitwärtiges Ausweichen befreien konnte. Aufgrund der klareren Treffer konnte Osie die erste Runde für sich verbuchen.

In der zweiten Runde verlegte sich der Schützling von Mike Wissbach, des dreifachen Deutschen Meisters im Supermittelgewicht, aufs Konterboxen und liess Beard auf sich zukommen. Dieser jedoch nutzte die Gelegenheit, drängte Osie an die Seile und konnte im darauffolgenen offenen Schlagabtausch kraftvolle Uppercuts und Kopfhaken anbringen, die Osie nicht nur schwer in Bedrängnis brachten, sondern am rechten Auge einen klaffenden Cut öffneten. Der erfahrene Coatch Wissbach ermahnte seinen Schützling, die Deckung hochzuhalten und die Runde unbeschadet zu überstehen. Aufgrund der starken Treffer konnte der Franzose diese Runde klar für sich verbuchen.

In der dritten Runde änderte der gebürtige Liberianer die Taktik, um den immer noch blutenden Cut nicht noch schlimmer werden zu lassen. Er befand sich zwar im Rückwärtsgang, startete jedoch immer wieder überfallartige Attacken, die er mit Jabs und rechten Geraden startete, um Beard zu beschäftigen. Der Franzose jedoch witterte angesichts des immer noch blutenden Cuts seine Chance und versuchte alles, um Osie an den Seilen zu stellen. Dieser liess sich darauf ein und behielt diesmal bei den offenen Schlagabtäuschen die Oberhand. Viele Attacken des Franzosen konnte er auspendeln und konterte seinerseits mit den klareren Treffern. Die dritte Runde ging trotz des stärkerwerdenden Cuts mit leichten Punktvoerteilen an Osie.

In den darauffolgenden Runden demonstrierte Osie seine bessere Kondition. Anstatt zurückzugehen tänzelte er in Ali-Manier, ohne jedoch über dessen Reflexe zu verfügen. Beard, dem langsam die Puste ausging, schlug zwar immer langsamer und kraftloser, blieb aber stets gefährlich und konnte immer wieder mit sauber platzierten Geraden und Kopfhaken überraschen. Osie war zu diesem Zeitpunktz zwar der klar überlegene Mann, wäre aber gut beraten gewesen, beim Tänzeln seine Deckung höher zu halten, was von seinem Coach auch immer wieder lautstark angemahnt wurde. Lee fand im Laufe dieser Runden wieder besser in den Kampf hinein und wurde zusehends stärker. Auch der Cut wurde vom Cutman gut unter Kontrolle gebracht.

In der achten Runde brachte Lee seinen Gegner mit exzellenten Kopfhaken zum Taumeln. Als er nachsetzen wollte, brach der Ringrichter den Kampf zur Überraschung des enthusiastischen, aber kritischen Berliner Publikums ab. Teile des Publikums witterten Betrug und protestierten lautstark. Der erfahrene Ringsprecher Gerhard Müller erklärte die Entscheidung anhand des EBU-Reglements. Ein stehendes Anzählen war nach den Regeln nicht möglich und Oliver Beard in der Sekunde mit fallengelassener Deckung kampf- und verteidigungsunfähig. Daher entschied sich der Ringrichter für einen Kampfabbruch. Ob diese Regelauslegung den Tatsachen entspricht, bleibt fraglich. In EM-Kämpfen der EBU ist ein Anzählen im Stehen prinzipiell nicht untersagt, wenn gleich davon abgeraten wird.

Diese Entscheidung mochte für das Publikum zwar unbefriedigend sein, was nachvollziehbar ist, beeinflusste aber angesichts des immer schwächer werdenden Beards den Ausgang des Kampfes mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht. Beard, der mit der Entscheidung verständlicherweise nicht einverstanden war, protestierte ebenfalls, gab sich dann aber nach kurzer Zeit geschlagen, da Lee Manuel Osie zur Zeit des Kampfabbruches nach Punkten so klar vorne lag, dass nur ein unwahrscheinlicher KO zu seinem Sieg geführt hätte.

 

 

 
     


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