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Boxingpress-"Fancorner":
Die Pyrrhussiege
von Ingo Barrabas

(13. Februar, 2002)

Pyrrhussieg: Scheinsieg; mit großen Verlusten verbundener Triumph, der eher einer Niederlage gleicht.

So steht es im Fremdwörterlexikon.

Am vergangenen Freitag ging so ein Sieg wieder an ein Paradepferd aus dem Universum-Stall. Vitali Klitschko gewann gegen den "Weltklassemann" und "bekannten Schläger" Vaughn Bean vorzeitig in Runde 11. Ein weiterer Pyrrhussieg ist für den März in Stuttgart geplant: Dann soll Vitalis Bruder Wladimir seinen WM Titel verteidigen. Ein Erfolg ist fest eingeplant, schließlich laufen die Verhandlungen für ein Duell der Klitschkos gegen Lennox Lewis, Mike Tyson oder Evander Holyfield - wie immer - auf Hochtouren. Als Austragungsorte sind die Schalke-Arena und das Volksparkstadion im Gespräch. Wie so oft.

Dass im "Rahmenprogramm" die Gegner der Universum-Boxer auf die letzte Minute verpflichtet werden, ist hinlänglich bekannt. Sicher kann es passieren, dass sich ursprünglich vorgesehene Gegner verletzen, Visa-Probleme bekommen oder ähnliches. Die Veranstalter müssen in so einem Fall kurzfristig auf Ersatzgegner zurückgreifen. Diese Gegner, zumeist aus Osteuropa oder manchmal auch aus den USA, nutzen die Not des Veranstalters und treiben die Gage in die Höhe. Schließlich liegen manchmal nur Tage zwischen Verhandlung und Kampftag. Da liegt das Schmerzensgeld auch ein bisschen höher. Die gute Börse wird mitgenommen, die Niederlage mit einkalkuliert. So ist es eben.

Richtig bedenklich wird es aber dann, wenn nach diesem Verhandlungsmuster ganze Kampftage auf die Beine gestellt werden. So wie am Freitag in Braunschweig geschehen. Bis 10 Tage vor dem Braunschweiger Event stand nur der Hauptkampf Klitschko gegen Bean offiziell fest! Bei allen anderen Akteuren hieß es: Gegner noch nicht nominiert.

Dabei fragt sich ein jeder Boxlaie: Wie soll ein Boxer gewinnen oder gut mithalten, wenn er erst wenige Tage vor dem Kampf von seinem Einsatz erfährt? Aber davon erfahren die Fernsehzuschauer nichts. Denn die gilt es bei der Stange zu halten. Das Publikum in der Halle spielt keine Rolle, denn wofür hat man Fernsehverträge. Die Veranstaltung könnte theoretisch auch vor einer Geisterkulisse stattfinden, allerdings lässt sich dies nicht so gut verkaufen. Also verfrachtet man die Vorortzuschauer aus den letzten Reihen kostenlos ein paar Blöcke nach vorne und macht nach den ersten Kämpfen die Halle für alle auf.

Mit dieser Vorgehensweise haben andere Veranstalter mittlerweile so ihre Probleme: "Bei mir stehen etliche Leute an der Tür und warten, dass sie nach dem dritten Kampf ohne Karte reinkommen. Wird ihnen der kostenlose Einlass verwährt, fangen die noch an rumzupöbeln. So ganz dem Motto: Letzte Woche durfte ich aber auch umsonst rein....", berichtet ein Veranstalter. Aber das ist eine andere Geschichte.

Zurück zur Universum-Taktik. Der eingekaufte Boxer ist ein Verlierer und er agiert auch so. Die Rahmenkämpfe sind schnell zu Ende, die Talente aus den eigenen Reihen werden dagegen gefeiert. Als KO-Könige oder Supertechniker, je nach Vermarktungstaktik.

Aber auch bei den Hauptkämpfer sieht es nicht viel anders aus. Die zwei oder drei Wochen Vorbereitung können doch kaum genutzt werden. Richtig gut organisiertes und perfekt abgestimmtes Training erfordert viel Zeit. Bei den "Großen" mindestens sechs, eher acht Wochen. Nur dann steht ein Boxer mit einem vollen Akku im Ring. Und jetzt kommen wir zu der Sache mit den Pyrrhussiegen. Vaughn Bean erhielt drei Wochen vor seinem Duell mit Klitschko den Kampfvertrag. So präsentierte er sich dann auch. In den hinteren Runden ging nichts mehr.

Ähnlich wird es wahrscheinlich auch dem Stuttgarter Gegner von Wladimir ergehen, der mit 90%iger Sicherheit Frans Botha heißen wird?! 90%? Ach ja, finanzielle Details sollen noch geklärt werden. Sind ja auch noch sechs Wochen Zeit. Dann wird wahrscheinlich Botha wegen überhöhter Forderungen oder "Vertragsschwierigkeiten" nicht genommen, dafür aber ein Ersatzmann. Zeitpunkt dieser Aktion: Etwa drei Wochen vor dem Stuttgarter Kampftag. Ganz nach dem Motto: "Säbelrasseln" mit einem bekannten Mann, der eigentliche Gegner ist dann ein viel schwächerer. Und zusätzlich durch die kurze Vorbereitungszeit nicht mal voll im Saft. Der Schlagzeile nach einem vorzeitigen Sieg steht nichts mehr im Wege. 'Tyson, Lewis, Ruiz, ich komme!'. Mit einem (oder mehreren?) Pyrrhussiegen als Empfehlung. Auch nicht schlecht, aber so ist eben das Geschäft!

 

Die im "Boxingpress-Fancorner" geäußerten Meinungen geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

 

 
     

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