Boxingpress-"Fancorner":
"Klitschkos
Sieg - ein ZDF-Sieg" oder
"Wo ist sein Herz?"
von Ralf Krüger
(9. Dezember,
2002)
Nein, hier
ist nicht von einem Notfall im Operationssaal eines Krankenhauses die
Rede, sondern vom ZDF-Kommentar des Kampfes zwischen Wladimir Klitschko
und Jameel McCline am vergangenen Wochenende.
Was der aus
etlichen Premiere-Sportübertragungen und einer sehenswerten Tyson-Dokumentation
bekannte René Hiepen während der Live-Übertragung an
parteiischen Kommentaren und Lobhudeleien über "sein Idol"
Wladimir ("Augen sind Spiegel der Seele!") von sich gab,
hatte mit seriösem Journalismus nicht mehr viel zu tun und war für
den neutralen Beobachter kaum erträglich.
Die Leistung
des Mannes am Mikrophon wurde durch den schieren Unterhaltungswert seiner
Versuche, fachliche Mängel durch bemühten Enthusiasmus ("Was
für ein Duell! Was für Kerle, hier im Mandalay Bay Event Center
in Las Vegas!") auszugleichen, nur wenig gesteigert. Einen zum
Großteil unspektakulären und ereignislosen Kampf stilisierte
der ZDF-Mann zu einem Duell "mit Feuer" hoch. Auch das
von ihm bemerkte "Knistern am Ring" kann eigentlich nur
von seinem Platznachbarn hergerührt haben, der gerade eine Zigarette
aus der Schachtel nestelte – die Fans vor Ort hingegen quittierten den
unattraktiven Kampf mit Pfiffen und Buhrufen, die von Hiepen jedoch gänzlich
unerwähnt blieben. Warum eigentlich?
Als der ZDF-Mann
dann bemerkte, dass McCline ("So ein großer Mann, aber wo ist
sein Herz?") keinerlei Anstalten machte, Wladimir Klitschko auch nur
ansatzweise in Verlegenheit zu bringen, versuchte er, zur "Überbrückung"
den gelangweilten Zuschauern nahezubringen, dass es sich bei Wladimir
um den "schönsten Sportler seit Ali" handele. Zumal
Wladimir, wie "der schöne René" zu berichten wusste,
trotz seiner "makellosen Schönheit" eine ziemlich
"hässliche Rechte" schlagen kann. Der dem Einschlafen
nahe Zuschauer wurde im weiteren Kampfverlauf mit immer neuen Superlativen
bombardiert ("Der beste Jab seit Larry Holmes!" - "Dieser
Jab von Wladimir ist ein Traum ... er beherrscht ihn mit einer Hand, mit
seiner linken!").
Dies muss
wohl auch einen bleibenden Eindruck auf den ZDF-Übersetzer des anschließenden
Interviews mit Mike Tyson gemacht haben. Der US-Amerikaner hatte nur zwei
Worte zu Klitschkos Leistung verloren und sich ansonsten fast ausschließlich
mit lobenden Worten über seinen Landsmann McCline ausgelassen ("I'm
more impressed by Jameel McCline than I ever was. [...] he fought gallantly
[...] for a man with his experience, he fought very well."). Die Stimme
aus dem Off schrieb diese Lobeshymne kurzerhand - und wohl ganz bewusst,
um die begeisterte Grundstimmung des ZDF-Teams nicht zu stören -
einfach auf Klitschko um ("Ich bin eigentlich noch beeindruckter von
Klitschko als vorher. [...] er hat sehr gut gefightet [...] Man hat seine
ganze Erfahrung gesehen.") Und weil schon einmal so gut in Fahrt,
ergänzte der Interpreter gleich noch ein paar Details, die Tyson
weder über Klitschko, noch über McCline geäußert
hatte ("Klitschko hat den Kampf gut eingeteilt, hat strategisch sehr
gut geboxt.").
Aber wen
stören schon diese kleinen "Mißverständnisse"
angesichts des "fulminanten Kampfes", den ZDF-Moderator
Marco Schreyl gesehen hatte. Am wenigsten anscheinend die deutschen Presse-Agenturen,
die am nächsten Morgen die inhaltlich falsche Übersetzung des
Tyson-Interviews, wie üblich kritiklos und ohne Überprüfung,
übernommen hatten.
Wer nach
der Ankündigung des ZDF zur Jahresmitte, sich zum neuen deutschen
Boxsender Nr.1 aufzuschwingen, auf einen kritisch-sachlichen Journalismus
der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt gehofft hatte, wurde bislang
enttäuscht. Der deutsche Boxfan mag mit dem Zweiten zwar "besser
sehen", aber (noch) nicht besser hören. An diesem Sonntag morgen
dachte er sich seinen Teil, legte sich schlafen und träumt seither
wieder von vergangenen großen Kämpfen...ohne Kommentator.
Die
im "Boxingpress-Fancorner" geäußerten Meinungen geben
nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.
Ein konstruktiver
Vorschlag am Ende: Dem ZDF wäre es DRINGEND anzuraten, sich einen
qualifizierten Co-Kommentator zu suchen, am besten einen Ex-Profi. Kim
Weber zum Beispiel hat vor Jahren bei Premiere im Zusammenspiel mit Bernd
Bönte einen ganz exzellenten Job gemacht.
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