Die Boxingpress-Glosse:
Erstaunlich...
von Klaus Leifeld
(02. Oktober,
2001) "Waldörfer Strasse 332" in Hamburg, so die Adresse
der Trainingshalle der Universum Box Promotion. Unter dieser Anschrift
wurde am vergangenen Samstag ein Boxabend veranstaltet. Im "Gym"
- das klingt internationaler und moderner - sollte laut Ankündigung:
"Boxen pur, ohne Glamour und Stars nach dem Geschmack des Boxfans"
serviert werden. Weder das irritierende Hauptgericht noch die kleinportionierten
Vorspeisen konnten jedoch den Geschmack des Boxfans wirklich treffen.
Insbesondere
beim Kampf von "Rottweiler" Luan Krasniqi sollte der
interessierte Boxfan den Braten bereits gerochen haben. Der Deutsche Schwergewichtsmeister
ohne Doktortitel, dafür mit Abitur ausgestattet, trat zunächst
gegen TBA und dann kurzfristig gegen Youri Yelistratov an.
Yelistratov,
Ukrainer, ist ein vielgereister Boxtourist, kurzfristig einsatzbereit,
hart im Nehmen und seltenst erfolgreich. Bereits nach seiner Niederlage
1996 gegen Kim Weber, damals nannte man ihn noch Juri, begann er
"Karriere" zu machen. Zwei Kämpfe und drei Monate später
verlor er in England gegen den heutigen WBA-Weltmeister John Ruiz.
Es folgten Niederlagen gegen Scott Welch, Kevin Mc Bride
und Jeremy Williams. Ein Rekord von 1-10 verhalf Yelistratov dann
endlich zu einem Titelkampf um den Interimstitel im Schwergewicht der
Panasiatischen Boxorganisation PABA gegen Nicolay Valuev. Nach
zwölf Runden hatte der Ukrainer auch diesen Kampf verloren und Valuev
wird nun seit einiger Zeit in den Top-Ten der Weltverbände geführt.
Danach vollzog Youri einen überraschenden Wechsel der Gewichtsklasse
gegen den heutigen Europameister im Cruisergewicht, Alexander Gurov,
bevor er nach einer weiteren Niederlage gegen Przemyslaw Saleta
auf den für UBP boxenden Türken Sinan Samil Sam traf.
Zu diesem
Zeitpunkt war Yelistratov jedoch bereits auf der Sperrliste des europäischen
Boxverbandes EBU. Die in Rom sitzende Organisation sanktioniert
und überwacht in erster Linie die europäischen Titelkämpfe, vergibt den
Titel eines "Europameisters" und kassiert dafür. Die EBU wird von den
nationalen Verbänden getragen und von allen wichtigen europäischen Promotern
finanziell "unterstützt". Veröffentlichte "Suspension"-Listen
der Verbände weltweit sollen vor allem die Gesundheit der Akteure
nach schweren Niederlagen schützen. Ein Prinzip, das in den USA staatenübergreifend
ist und funktioniert.
Gemäß
Statuten und Regeln hatte Yelistratov gar keine Boxerlaubnis für
Veranstaltungen im Juli dieses Jahres, die vom Bund Deutscher Berufsboxer
(BDB) sanktioniert wurde. Sam gewann nach Punkten, doch fiel auf,
daß der Ukrainer auf der Sperrliste stand und schnell ließ
UBP verlauten, dass Yelistatratov die Genehmigung eines anderen, zweiten
ukrainischen Verbandes habe, dies vom BDB genehmigt wurde und somit alles
"in Ordnung" und vor allem rechtmäßig sei. Selbstredend,
dass dieser andere ukrainische Verband nicht zur EBU gehört.
Umso erstaunlicher
ist es nun, dass der immer noch von der EBU gesperrte Yelistratov am vergangenen
Samstag abend gegen Krasniqi antrat - nicht jedoch, dass er verlor. Erstaunlich
nicht nur deshalb, weil die Verantwortlichen damit zum wiederholten Mal
die Gesundheit eines Akteurs im Ring auf's Spiel setzten, erstaunlich
auch, dass man wohl auf das mangelnde Kurzzeitgedächtnis von zahlenden
und Fernsehzuschauern setzte. Erstaunen wird den Boxfan sicherlich das
kommende Statement von wemauchimmer.
Weniger erstaunlich
war hingegen der Umstand, dass die WIBF ihr Regelwerk mißachtete,
um Universum mit dem technischen Punktsieg für Daisy Lang
einen Gefallen zu tun. Die Boxerin selbst schien allerdings durchaus erstaunt.
Über die Kampfrekorde einiger Boxer können manche sowieso nur
noch Staunen und alles in allem: Wirklich erstaunlich, was man so alles
unter Boxen ohne Glamour,Stars und nach dem Geschmack des Boxfans zu verstehen
glaubt.
Die
Meinungen von Gastautoren geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion
wieder.
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