Zurück
Forum
Ranglisten
Termine
Ergebnisse
Rekorde
. | ENGLISCH |
 
.
   
 

BoxingPress-Historie:
Heute vor elf Jahren
- Ein ganzer Sommer


von Wolfgang Oswald

2. Juli 1994 - Heute vor elf Jahren - Ein ganzer Sommer

"Zuerst kommt der Blitz, dann kommt der Donner,
und am Ende ein ganzer Sommer ...
"

So lautet der Refrain des gleichnamigen Liedes der Band "Virginia" über Liebe, Last und Erinnerung. Auch ganz Kuba wurde 1994 von einem Blitz und einem Donner heimgesucht, doch im Gegensatz zum Song wartete man auf der Zuckerinsel vergebens auf den Sommer, das Happyend.  

"Ich komme noch mal zurück. Warte hier auf mich!"

Das waren die letzten Worte vom kubanischen Boxsuperstar Roberto Balado Mendez (Foto oben) zu seinem Freund Ariel Hernandez Azcuy. Gerade hatte er seinen Boxkollegen im "Orbein Quesada" Training Center (ca. eine halbe Autostunde von Havanna entfernt) abgesetzt. Balado selbst jedoch wollte vor dem Training noch etwas Privates in Havanna erledigen. Darum gab er Hernandez seine Sporttasche und fuhr das letztes Mal in seinem Lada los.  

Ein paar Minuten später wurde Balado auf einem Bahnübergang in der Nähe von Wajay von einem Güterzug erfasst. Nur selten hatte er zuvor hier einen Zug fahren sehen und entsprechend wenig passte er an dieser Stelle beim Passieren der Schienen auf. Zudem war die Sicht durch den Bus, den er kurz vor den Gleisen noch überholte, eingeschränkt und seine ganze Aufmerksamkeit gehörte "Pablo an his Elite", deren Musik aus dem Kassettendeck dröhnte. Seine Lieblingsband.    

Wenige Stunden nach diesem Unfall erlag Balado im Alter von nur 25 Jahren seinen schweren Verletzungen. Das vorzeitige Ende einer aussichtsreichen Boxkarriere, die trotz ihrer langen Erfolgsliste viel zu kurz war:  

1989 wurde Balado in Moskau erstmals Weltmeister im Superschwergewicht bei den Senioren. Ausgerechnet Russlands Boxlegende Aleksandr Miroshnichenko wurde vor eigenem Publikum vom jungen Kubaner förmlich vorgeführt, der kurzfristig als Schwergewichtler für den verletzten Leonardo Martinez Fizz (die damalige Nummer eins im Superschwergewicht) eingesprungen war. Selbst der damalige Cheftrainer Alcides Sagarra wollte nicht so recht daran glauben, dass Balado wegen seiner Physis (er war nur knapp 180 cm groß und wog ca. 92 kg) bei den schweren Jungs überhaupt jemals eine Chance hätte. (Anmerkung: Balado verdankte die Aufnahme im kubanischen Nationalteam auch nur einem glücklichen Zufall. Sein Jugendtrainer Raul Fernandez wurde als Betreuer in die Nationalstaffel berufen und er brachte seinen Schützling 1989 als Sparringspartner für Felix Savon ins Camp mit.) Mit dem Gewinn der Weltmeisterschaft war Sagarra plötzlich von den außergewöhnlichen Boxfertigkeiten von Balado überzeugt und man sah in ihm den legitimen Nachfolger des großen Teófilo Stevenson. 1991 und 1993 verteidigte Balado mit Leichtigkeit seinen WM-Titel und knockte dabei unter anderem Oleg Maskaev (UZB) aus. 1992, der Höhepunkt seiner Boxlaufbahn mit dem Gewinn von Olympiagold in Barcelona! Unvergessen seine tänzerischen Einlagen und seine boxerische Eleganz bei diesem Turnier, mit der er gute Gegner wie Larry Donald (USA) oder Robert Igbineghu (NIG) eindrucksvoll beherrschte oder besser: deklassierte. Selbst dem überragenden Felix Savon stahl der Superschwergewichtler in Spanien die Show und "rächte" sich so indirekt für die drei Niederlagen, die ihm sein Konkurrent eingebracht hatte.    

Über Balados tragischen Tod wurde in den Vereinigten Staaten nur am Rande berichtet. Kein Vergleich zu den Pressemeldungen als 1992 in Tampa (USA) der Amerikaner Larry Donald seinen Angstgegner Balado sehr umstritten mit 16:14 besiegte. Ein Fehlurteil zwar, doch in den Staaten interessierte das genauso wenig wie das Ableben von Balado. Kuba dagegen erschütterte dieses Unglück wie ein gewaltiges Gewitter. Denn einer ihrer charismatischsten und besten Boxer war von ihnen gegangen: Roberto Balado Mendez, Olympiasieger und mehrfacher Weltmeister bei den Amateuren, ein Techniker wie aus dem Lehrbuch mit schnellen Händen und noch schnelleren Reflexen. Er war überall beliebt und es gab niemand, der jemals ein schlechtes Wort über ihn verlor.

Für ganz Kuba brach eine Welt zusammen. Für Ariel Hernandez noch viel mehr. Hernandez, ebenfalls mehrfacher Boxweltmeister und Olympiasieger im Mittelgewicht, zerbrach fast am Tod seines besten Freundes. Er kannte ihn schon aus Kindertagen und Roberto war für ihn immer ein Vorbild.  

"Er zeigte mir seine Boxtricks. Er motivierte mich und brachte mich zum Lachen, wenn ich traurig war. Er ermahnte mich, ein guter Ehemann und Sportler zu sein, wenn ich zuviel auf Party machte. Er war mehr als nur ein Freund." Die Stimme von Hernandez klingt voller Wehmut. "Ich hätte ihn länger hier bei mir gebraucht!"

Seit dem Tod von Balado hat sich viel geändert. Inzwischen gibt es in Kuba harte US-Dollars und von seiner Frau hat sich Ariel schon lange getrennt. Wie stolz war er, als er Balados Zimmer im legendären Trainingscamp von Wajay übernehmen durfte. Eine große Ehre für ihn damals und sehnsüchtig denkt Hernandez heute zurück an längst vergangene Zeiten: "Immer wenn ein Fan Balado auf der Straße erkannte und rief ´Hey das ist Roberto Balado´ , dann lachte er und sagte: ´Nein, einfach nur Roberto´ . So war er, mein Freund, mein Bruder."

Als Hernandez 1994 in der Boxhalle von dem Unfall hörte, rannte er schreiend und betend zur Unglückstelle. Dort angekommen musste er voller Entsetzen mit ansehen, wie sein Freund schwerverletzt geborgen und blutüberströmt von den Sanitätern abtransportiert wurde. Umgehend verständigte er Robertos Frau, Dulce Monteagudo. Sofort machte sie sich voller Sorge auf den Weg nach Havanna ins Krankenhaus, wo Balado noch einmal das Bewusstsein erlangte.  

"Ich konnte nichts sehen. Wegen dem Bus. Dann gab es einen Knall und ich sah den Zug durch die Fahrertür auf mich zurasen", so Balado zu seiner Frau am Krankenbett. Er versuchte stark und zuversichtlich zu wirken, doch seine Stimme war schwach, sehr schwach.  

"Sein Tod war eine Katastrophe für mich", gestand Dulce später in einem Interview. "Drei Jahre vor dem Unglück verlor ich bereits unser erstes Kind durch eine Fehlgeburt. Und als er starb, trug ich wieder ein Baby im Bauch." Leider meinte es das Schicksal mit Dulce Monteagudo nicht gut und sie verlor auch dieses Kind. Wieder kein ganzer Sommer nach dem Blitz und dem Donner.  

Die Beerdigung von Roberto Balado fand in Havanna (Cristobal Colon Cemetery) statt. Tausende von Kubanern hatten sich versammelt, um einem großen Sportler die letzte Ehre zu erweisen. Er wurde mit der Würde eines herausragenden Champions bestattet. Die kubanische Flagge wurde gehisst, die Hymne gespielt. Auf dem Grabstein ein glänzendes Foto von Balado mit Medaille und Nationalflagge.  

Heute ist das Bild verblasst. Neue Fotos mit mehr Farbe und Glanz hängen neben den alten Schwarz-Weiß-Bildern an den Wänden im Boxcamp von Wajay. Boxhelden wie Mario Kindelan oder Guillermo Rigondeaux blicken auf die schwitzenden Sportler im "Orbein Quesada" Training Center herunter. Viele alte Trainer sind gegangen und immer seltener sieht man den mahnenden Fingerzeig auf Balados Bild, wenn einer der jungen Athleten mit fahrbarem Untersatz wieder mal zu schnell und übermütig auf dem Weg von Havanna nach Wajay und umgekehrt gefahren ist.  

Sicher, der Name "Roberto Balado" ist in Kuba immer noch ein Begriff. Schließlich wurde ein Boxgym in Havanna nach ihm benannt. Und ihm zu Ehren wurde ein Boxgedächtnispokal ins Leben gerufen, dessen Turnier alljährlich im "La Vereda Plaza" stattfindet. Selbst der von der Witwe errichtete Schrein in La Lisa mit dem zerbeulten Lada existiert noch immer. Trotzdem wartet niemand mehr auf Roberto Balado, die Sonne und den ganzen Sommer. Außer vielleicht Ariel Hernandez: "Ich verdanke Roberto eine Menge. Sein Tod war sehr schlimm für mich, aber gleichzeitig verlieh mir das Unglück neue Kraft. Nach 1994 kämpfte ich für ihn. Ich wollte, dass Roberto mit Stolz von oben auf mich herunter sehen konnte. Mein Olympiasieg 1996 war ihm gewidmet und als ich im März 97 wegen einer schweren Lungenentzündung mit dem Tode rang, war sein Geist bei mir und beschützte mich."

Bereits im Juni 1997 stand Hernandez wieder im Ring, doch er war nach seiner schweren Krankheit noch nicht im Vollbesitz seiner körperlichen Kräfte. Zweimal musste er sich bei den Nationalen Meisterschaften seinem Landsmann Jorge Gutierrez geschlagen geben, den er im Februar des gleichen Jahres noch besiegt hatte. Im Oktober 1997 sollte die Boxweltmeisterschaft in Budapest (Ungarn) stattfinden und Hernandez ahnte, dass dies sein letztes großes Turnier werden würde. Noch einmal wollte er seinen Stern strahlen lassen, zu Balados Ehren, dessen Talisman er nach dem Unglück bei jedem Kampf in seinem Boxschuh trug. Sein Freund hatte diesen Glücksbringer immer bei sich getragen. Außer an seinem Todestag. Da lag er in jener Sporttasche, die er bei Ariel in der Boxhalle von Wajay zurückgelassen hatte.

Jeder Champion verdient einen würdigen Abschied. Das respektierten auch die kubanischen Boxfunktionäre und nominierten Hernandez statt Gutierrez für das internationale Großturnier in Ungarn. Das waren sie ihrem Boxsuperstar schuldig. Und sie wurden nicht enttäuscht. Hernandez gewann beinahe spielerisch alle drei Kämpfe bis zum Finale. Dort stand er am Ende dem Lokalmatador Zsolt Erdei gegenüber. Bereits in der ersten Runde wurde der Ungar angezählt und der Kubaner dominierte das Geschehen mit seinen schnellen Händen und Haken. Doch all seine Treffer wurden von den Punktrichtern und den Punktmaschinen in den ersten Runden scheinbar ignoriert. Am Ende hieß der Sieger Erdei und es war mehr als nur ein umstrittenes Urteil. Der letzte große Erfolg blieb Ariel Hernandez somit verwehrt und schon 1999 verlor er alle vier Kämpfe, die er in diesem Jahr bestritt. Nach einer weiteren Demontage im Jahr 2000 durch Odlanier Solis (CUB) erklärte er seinen Rücktritt.  

Seitdem sitzt er manchmal gedankenverloren vor seiner Hütte in La Lisa und spricht von Rückkehr. Dabei sieht er auf das Ende der Straße und hofft, dass Balado eines Tages wiederkommt. Wie damals vor vielen Jahren, als sie beide hier aufgewachsen und täglich gemeinsam durch die Straßen gezogen sind. Dann wird er sich seine Boxhandschuhe überstreifen und ein strahlendes Comeback geben.  

"Und du bist immer noch bei mir, wir sind immer noch zwei hier.  
Wir können immer noch reden, über alles und jeden, denn du weißt: Zuerst kommt der Blitz, dann kommt der Donner ...
"

PS: Man sollte nicht traurig sein, wenn ein großer Boxer Abschied nimmt. Vielmehr sollte man sich darüber freuen, dass man solch einen Kämpfer überhaupt erleben durfte."  
In Erinnerung an Berlin, 1993, M.A.T.H.  

Samstag, 02. Juli 2005

 
     

BoxingPress.de - Alle Rechte vorbehalten
© 2005 - Alle Elemente sowie das Layout dieser Seiten unterliegen den Copyrightbestimmungen nach deutschem Recht. Kein Teil dieser Seiten darf in irgendeiner Form an anderer Stelle ohne die ausdrückliche Erlaubnis von BoxingPress.de veröffentlicht werden.


All photos ALLSPORT / AFP / ROGER WILLIAMS / SECONDSOUT.COM / KURT SAYGIN - BoxingPress ist um vollständigen Urhebernachweis auf seinen Internetseiten bemüht. Sollte sich auf einer unserer Seiten dennoch eine ungekennzeichnete, aber durch Copyright eines Dritten geschützte Graphik befinden, so konnte das Copyright von uns nicht festgestellt werden. Sollte Bildmaterial einmal nicht mit einem entsprechenden Urhebernachweis ausgezeichnet sein, bitten wir den Betreffenden, sich bei der Redaktion zu melden. Im Falle einer solchen unbeabsichtigten Copyrightverletzung werden wir das entsprechende Objekt nach Benachrichtigung aus der Internetseite entfernen bzw. mit dem entsprechenden Copyright kenntlich machen.
GOWEBCounter by INLINE