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They never come back - Sie kommen niemals wieder
von Wolfgang Oswald


Bäh, Sven Ottke ist doch kein Boxer. Er ist ein Feigling und gewinnt seine Kämpfe nur durch Weglaufen und Heimvorteil. Markus Beyer ist der Gleiche. Und erst dieser Felix Sturm. Wurde Weltmeister ohne sich dem Fight zu stellen. Früher hätte es das nicht gegeben. Da waren die Boxer noch echte Kerle. Früher war eben alles besser. - So denken sehr viele Boxexperten über die heutigen Champions. Sie wissen: Nur mit sogenannten Materialschlachten kann sich ein Boxer für immer in das Gedächtnis der Leute eingraben. Nur dann hat er es verdient, Boxgeschichte zu schreiben und unsterblich zu sein. Leider wissen diese Kenner meist nicht wirklich etwas vom Boxen, denn sonst wäre ihnen der „Tanz von Trollmann“ ein lehrreicher Begriff.

Johann Wilhelm Trollmann, von seinen Freunden „Rukelie“ gerufen, war ein Boxstar. Wenn er in den Ring stieg, klingelten die Kassen, waren die Boxarenen ausverkauft. In den Zeitungen machte er Schlagzeilen, Frauen umschwärmten ihn, die Prominenz der großen Städte besuchte seine Kämpfe. Man lobte seinen besonderen Stil, seine Beinarbeit und Boxintelligenz. Und im Gegensatz zu vielen meisterlichen Recken der Gegenwart gab er der gesellschaftlichen Welt, was sie forderte. Er kämpfte, bis er nicht mehr konnte. Im Februar 1943 krachten Schüsse im Konzentrationslager Neuengamme bei Hamburg durch den wolkenverhangenen Morgen. Der Häftling Nr. 721/1943 stürzte, lediglich mit abgenutzten Boxhandschuhen bewaffnet, in den Matsch und starb.

Bei der Nr. 721/1943 handelte es sich um Johann Wilhelm Trollmann. Die Urne wurde zu seiner Familie nach Hannover geschickt. Als offizielle Todesursache wurde auf der Sterbeurkunde „Kreislaufversagen“ angegeben, ein häufiger Routinevorgang im Dritten Reich. Die tödlichen Schüsse fielen wenige Wochen nach seinem 35. Geburtstag. Zehn Jahre zuvor, im Juni 1933, hielt Trollmann als Profiboxer für eine Woche den Deutschen Meistertitel im Halbschwergewicht. Doch bis heute ist sein Name in der – ansonst lückenlosen – offiziellen Titelliste des Bundes deutscher Berufsboxer nicht zu finden. Unwillkürlich stellt sich die Frage nach dem „Warum?“.

„Rukelie“ kam am 27. Dezember 1907 in Hannover zur Welt. Seine elfköpfige Familie zählte zu den assimilierten Sinti und Roma, die allerdings schon damals nichts mehr mit dem fahrenden Nomadenvolk gemein hatten. Sie waren nicht in rollenden Wohnwagen in der Weltgeschichte unterwegs, sondern lebten in einer ärmeren Wohngegend der niedersächsischen Stadt. Hier begann der junge Trollmann auch seine erfolgreiche Boxkarriere als Amateur beim ortsansässigen Boxclub „Heros“. In dieser Zeit errang er viermal die Regionalmeisterschaft, wurde norddeutscher Meister und nahm an der deutschen Meisterschaft teil. Doch mehr noch als seine Titel erregte seine unkonventionelle Art zu boxen Aufmerksamkeit: Mit tief hängenden Fäusten tanzte er durch den Ring und wich den Hieben der Gegner durch pfeilschnelle Pendelbewegungen aus. Darüber hinaus wurde Trollmann schnell zum Sexsymbol. Seit er mit seinen schwarzen Locken und dunklen Augen antrat, hatte „Heros Hannover" die meisten weiblichen Zuschauer weit und breit am Seilgeflecht. „Aber auch die Kerle kommen gern“, wusste der „Hannoversche Anzeiger“ zu berichten. Denn Trollmann begeisterte durch Können und als Showmann, der oft noch während der Ringgefechte mit seinen Fans in den ersten Reihen kommunizierte.

1928 bekam der Sinto jedoch zum ersten Mal am eigenen Leib Diskriminierung zu spüren. Als die deutsche Nationalstaffel für die Olympischen Spiele benannt wurde, ließ ihn der Verband einfach außer acht und ersetzte ihn durch den Hamburger Cunow. Jener Cunow, den „Rukelia“ vorher schon mehrfach besiegt hatte. Schon damals war Trollmann bei den offiziellen Boxexperten wenig beliebt. Der Zigeuner habe in einem deutschen Ring nichts zu suchen. Er kämpfe undeutsch und flitze nur davon, hieß es in vielen Publikationen. Selbst den Verantwortlichen des Fachblattes „Boxsport“, der bis heute erscheinenden Verbandszeitung für Amateur- und Profiboxen, passte weder der lockere Lebenswandel noch der Kampfstil des Hannoveraners.* Seiner Beliebtheit bei der einheimischen Bevölkerung tat das jedoch keinen Abbruch.

Trollmann zog aus dem Ausschluss seine Konsequenzen und wechselte 1929 zu den Profis. Zu diesem Zeitpunkt war Boxen in Köln, Hamburg und vor allem in Berlin sehr beliebt. Viele Veranstaltungen fanden in den „ständigen Ringen“ statt. Das waren zumeist kleine Hallen, von denen einige bis zu 3000 Zuschauer aufnehmen konnten. Hier gab es pro Monat meist mehrere Kampfabende. Zu dieser Zeit ging man noch zum Boxen, wie man heute ins Kino geht und die Veranstalter versuchten sich gegenseitig die Zuschauermagneten abzuwerben. Unter diesen Bedingungen wurde „Rukelie“ schnell zum Publikumsliebling und zum vielbeschäftigten Profiboxer. Allein 1932 stieg er zu 19 Auseinandersetzungen in den Ring, von denen er die meisten gewann.

Da seine eigentliche Gewichtsklasse, das Mittelgewicht, von dem jüdischen Ausnahmekönner Erich Seelig dominiert wurde, trat Trollmann oft im Halbschwergewicht an. Dass die schwereren Männer viel härter schlagen konnten als er selbst, kümmerte „Rukelie“ wenig. Mit ausgefeilter Technik und auf schnellen Beinen bezwang der 72-Kilogramm-Mann sogar bedeutend wuchtigere Gegner. Da ihm aber als Sinto und noch dazu Spitzenboxer niemand in Deutschland eine Titelchance geben wollte, luden die Veranstalter internationale Gegner ein: Trollmann schlug einige Boxer von Weltformat und während die deutschen Anwärter auf den Halbschwergewichtstitel sich in endlosen Ausscheidungskämpfen gegenseitig verprügelten, gestand sogar die NS-nahe „Boxsport“ zu ihrem Leidwesen ein, dass irgendwann „der Mittelgewichtler Trollmann kommt und die ganze Gesellschaft schlägt“.*

Die endgültige Machtübernahme der Nazis im Januar 1933 wirkte sich auf das Profiboxen gravierend aus: Bereits im April wurden Juden vom Wettkampfsport ausgeschlossen. Erich Seelig – der inzwischen neben dem Mittel- auch den Halbschwergewichtstitel hielt – musste emigrieren. Die Situation der Sinti und Roma war diffuser: Die Rassenforscher prüften noch, ob Zigeuner nun Arier waren oder nicht. Als der vakante Titel im Halbschwergewicht neu vergeben werden sollte, führte an „Rukelie“ kein Weg mehr vorbei, auch wenn die Zeitschrift „Boxsport“ Bedenken äußerte: „Der Trollmann wird nie aus seiner Haut heraus können. Er bedeutet für jede seriöse Veranstaltung eine Gefahr, wenn er eine führende Position einnimmt. Denn er neigt dazu, plötzlich wie ein Derwisch zu tanzen.“*

Im Juni 1933 bekam Trollmann die Chance, gegen Adolf Witt die Meisterschaft zu erringen. Und wie befürchtet wurde sein Können für die Nazis zur Gefahr. Ein „Zigeuner“, der die „arischen Helden“ einstampft, das durfte nicht sein. Aber es kam, wie es kommen musste. Vor den Augen des versteinert dasitzenden NSDAP-Mitgliedes Georg Radamm (Vorsitzender des damaligen Verbandes deutscher Faustkämpfer) tanzte Trollmann den unbeweglichen Schläger Witt eindrucksvoll aus. Als dieser nach sechs Runden klar nach Punkten zurücklag, befahl Radamm der Jury, den Kampf ohne Entscheidung zu werten. Doch nach diesem skandalösen Schiedsspruch meuterte das wütende Publikum. Die Betreuer von „Rukelie“ sprangen in den Ring, schürten und dirigierten die aufgebrachten Proteste. Die Nazi-Funktionäre wurden bedroht, beschimpft und mussten beinahe um ihr Leben fürchten. Um einen Tumult zu verhindern, warfen sie dem vor Freude weinenden Trollmann schließlich den Meisterkranz um den Hals. Sechs Tage später bekam er Post vom Verband. Wegen seines „armseligen Verhaltens“ – gemeint waren die Freudentränen – wurde ihm der Titel wieder abgesprochen. Die offizielle Begründung lautete schlicht „schlechtes Boxen“. „Flitzen und Punkten sind eines Meisters nicht würdig“, assistierte auch „Boxsport“.* Zu dieser Zeit war man eben noch anderer Meinung, was die Faustkampfkunst betraf.

Doch auch ohne Meistertitel blieb der nichtarische Publikumsliebling den Nazis ein Dorn im Auge. Der erfolgreiche „Zigeuner“ passte einfach nicht in das geltende Weltbild und darum setzte der NSDAP-verseuchte Boxverband einen Kampf gegen das Berliner Box-Idol Gustav Eder an. Diesmal aber war der Verband vorgewarnt und besser vorbereitet. Der spätere Europameister Eder galt als einer der besten Nahkämpfer der Welt. Aus diesem Grund drohten die Nazis Trollmann mit Entzug der Boxlizenz, wenn er so kämpfe wie immer – also tanzend, aus der Distanz punktend, sich nicht auf den Schlagabtausch einlassend. „Rukelie“ akzeptierte die Anweisung. Was blieb ihm übrig, wollte er seine einzige Existenzgrundlage in diesen schweren Zeiten nicht verlieren. So nahm das Schicksal seinen Lauf.

Trollmann wusste von der Aussichtslosigkeit und wohl deshalb kletterte er am Abend der manipulierten Auseinandersetzung mit der Grandezza eines großen Tragöden in den Ring. Die Haare hatte er demonstrativ wasserstoffblond gefärbt, den Körper mit Mehl bestäubt – die Karikatur eines arischen Kriegers. Vor dem betreten schweigenden Publikum stellte er sich breitbeinig in die Ringmitte und ließ Eder angreifen. Er tanzte nicht, sondern stellte sich dem Berliner mit offenem Visier „Fuß bei Fuß“. Fünf Runden lang nahm er die Bomben des Kleineren, den er leicht hätte ausboxen können. Fünf Runden lang ließ er sich blutig prügeln, bis er zusammenbrach. Selbst der Boxberichterstatter der „Boxsport“ kam nicht umhin, seinen Artikel mit dem Satz zu beginnen: „Er kam aus der Ecke, um zu kämpfen.“ Was das Blatt nicht hinderte, in der selben Ausgabe ein Spottgedicht zu veröffentlichen: „War einmal ein Zigeuner / jetzt ist er nämlich koiner.“*

Mit dieser vernichtenden Niederlage war die Karriere von „Rukelie“ faktisch beendet. Zwar kämpfte er noch einige Male, konnte aber keinen Fight mehr gewinnen. Wann immer er ein Duell dominierte, kam ein Braunhemd in seine Ecke und raunte ihm zu: „Leg dich, Zigeuner, oder wir holen dich und deine Familie!“ Gleichzeitig verschärfte sich in diesen Jahren die Lage für Sinti und Roma in Deutschland dramatisch. 1935 wurde Trollmann nach einem „Rummelboxen“ auf dem Klagesmarkt in Hannover vom Boxverband ausgeschlossen. Der Druck nahm weiter zu und „Rukelie“ nahm sogar in Kauf, seine eigene Familie zu verlassen. Er ließ sich von seiner Ehefrau scheiden, nur damit seine Tochter einen anderen Namen annehmen konnte und seine beiden Liebsten nicht rassistischer Verfolgung ausgeliefert waren.

1938 wurden die „Zigeuner“ von den Rassenforschern endgültig als Nichtarier eingestuft. Damit fingen die berüchtigten „Asozialenaktionen“ an: Jeder der nichtsesshaften Bohemiens durfte von der Kriminalpolizei ins KZ eingeliefert werden. Am Rande mehrerer Großstädte entstanden spezielle Internierungslager. Einige Zeit konnten die sesshaften Sinti und Roma der Verfolgung entgehen, indem sie sich sterilisieren ließen. Auch Trollmann unterzog sich dieser Operation und tauchte dann unter, versteckte sich manchmal wochenlang in den Wäldern und verdingte sich erneut als Rummelboxer auf Jahrmärkten. Später wurde er von der Wehrmacht eingezogen und in die Schlacht geschickt.

Nach seiner Rückkehr verhaftete die Gestapo 1942 Johann Trollmann und brachte ihn ins KZ Neuengamme. Warum er trotz der Sterilisierung interniert wurde, bleibt ein Rätsel. Als im Konzentrationslager entdeckt wurde, dass der Insasse ein ehemaliger deutscher Boxmeister war, läuteten die SS-Männer ein grausames Spiel ein: Wann immer sie sich langweilten, stülpten sie dem Häftling 721/1943 Boxhandschuhe über. Dann krempelten sie die Ärmel hoch und grölten: „Los, Zigeuner, wehr dich!“ Wer gerade Lust hatte, prügelte den kraftlosen und ausgemergelten Mann bewusstlos. Damit dieses Spiel möglichst lange dauern konnte, bekam er für jeden erlittenen Knockout eine extra Ration Lebensmittel.

Am 9. Februar 1943 wurde der letzte Tanz von Trollmann nicht durch einen Gongschlag, sondern mit Gewehrschüssen jäh beendet. „Rukelie“ hatte sich ein letztes Mal gewehrt. Oder war er am Tag seiner Erschießung lediglich so geschwächt, dass er nicht mal mehr als Gegner taugte? Wer weiß das schon? Auf jeden Fall brachten ihm Herz, Können und Stolz weder ewigen Ruhm noch die verdiente Anerkennung.

Zum Glück ist das NS-Regime Vergangenheit, die Braunhemden verschwunden. Wirklich? Oder ist das nur ein Trugschluss? Ist es nicht vielmehr so, dass sie nur durch andere Dinge wie zum Beispiel Geld ersetzt wurden? Die Gegenwart zeigt doch, dass heute noch Boxer allein wegen ihrer Art, ihres Aussehens oder ihres Benehmens beurteilt und in die bekannten Schubladen gesteckt werden. Ottke ist ein flitzender Feigling, Klitschko ein ukrainisches Weichei und Tua ein farbiger Fettklops. Selbst „Boxsport“ ist nicht verschwunden, wenn auch inzwischen in anderer Form und mit anderen Leuten existent. Politisch zwar unabhängig, dafür boxstallgetreu und von Sponsoren abhängig. Und die Masse Mensch, egal ob als Zuschauer, Verantwortlicher oder als Beteiligter, immer noch das selbe gierige, fordernde und mächtige Monster, welches den einsamen Kämpfer am liebsten mit Haut und Haaren verspeisen möchte oder ihn am Boden zerstört haben will. Man kann daher nicht sagen, dass die Zeiten sich geändert haben. Besser: Das alte Spiel ist im Grunde gleich geblieben, nur die Regeln wurden ausgetauscht. Dass sie niemals wiederkommen, ist ein Irrtum. Begreift man den Tanz von Trollmann wirklich, klingt die eiserne Boxregel „They never come back“ hohl, zynisch und vor allem überholt.

(* Quellen: Kohr / Krauß, Kampftage, Werkstatt-Verlag und Firzlaff, Knockout, Satire-Verlag)

 
     

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