Zurück
Boxforen
Ranglisten
Termine
Ergebnisse
Rekorde
. | ENGLISCH |
 
.
   
 

BP-Historie: Nachruf zum Tod von Eckhard Dagge

Von Wolfgang Oswald


„Es hat viele Weltmeister gegeben, die Alkoholiker geworden sind, aber ich bin der einzige Alkoholiker, der Weltmeister geworden ist.“

So beschrieb der kürzlich verstorbene Eckhard Dagge voller Selbstironie einst den größten Triumph in seiner Boxkarriere. Die Ehre, der erste deutsche Boxweltmeister nach Max Schmeling zu sein, hat ihn dabei weniger beeindruckt. Eher genervt. Ständig wurde dem Alkoholiker vorgehalten, das Erbe des deutschen Sportidols zu beschmutzen - mit seinem Lebenswandel im Milieu zwischen schweren Jungs und leichten Mädchen. Dagge verbittert: „Schmeling hat seinen Titel im Liegen gewonnen, ich im Stehen.“

Harte Worte von einem harten Mann, der schon früh als „Säufer“ seinen Ruf in den Medien weg hatte. Für Sentimentalitäten hatte der „Kühle aus dem Norden“ nie besonders viel übrig. Er siegte immer allein für sich und sein Bankkonto. Nicht für Deutschland. „Dort boxen, wo es die meiste Kohle gibt“, lautete sein Credo. Die Presse schrie erbost auf. Man schüttelte abfällig über diesen trinkenden Schmeling-Erben den Kopf, obwohl Dagge nach seinem sensationellen WM-Triumph noch nicht einmal nach Sekt, sondern nach Selters verlangt hatte. Seine grandiose Leistung beim Gewinn des WM-Gürtels und seine mustergültige Vorbereitung in den Staaten unter den Fittichen von Bubi Dieter und Henry Davis gerieten zur Nebensache.

Ein „Bomber“ auf Kamikaze-Flug

Dabei bestritt Las-Vegas-Fan Dagge seine Fights meist PR-attraktiv nach dem Motto: „Lieber krepieren als verlieren.“ Dieser Kamikaze-Mentalität fiel 1976 Elisha Obed, zuvor in 65 Kämpfen nur einmal besiegt und elegant wie ehemals Sugar Ray Robinson, zum Opfer. Mehrere Runden lang haute der „Bahamas-Bomber“ Dagge die Fäuste an den Kopf, hatte ihn in der vierten Runde sogar am Boden. In Runde Sechs wendete sich dann plötzlich das Blatt. Dagge schlug endlich zurück, wenn Obeds Linke ihn malträtierte und erzwang den offenen Schlagabtausch. In der Hitze des Gefechtes platzte die Hose des Weltmeisters auf. Heftpflaster konnten das gute Stück am Hintern nicht mehr zusammenhalten. Zur zehnten Runde zogen ihm seine Betreuer eine rote Hose drüber. Das neue Beinkleid wirkte auf den Deutschen sprichwörtlich wie das rote Tier auf den Stier. Zwei Minuten später war Dagge WBC-Weltmeister. Obed hatte freiwillig aufgegeben, weil er, wie er klagte, nichts mehr sehen konnte.

Dagge blieb 414 Tage Weltmeister im Juniormittelgewicht und verlor seinen Titel gegen den Italiener Rocco Mattioli durch Knockout. 1978 hängte er die Boxhandschuhe an den Nagel und lungerte nur noch bei seinem letzten Freund Hanne Kleine auf St. Pauli herum. Der Lokalchef verordnete ihm dann 1981, gewissermaßen als Therapie, das Comeback. Trainiert wurde im Boxkeller der legendären „Ritze“ auf der Reeperbahn, was Max Schmeling damals zu einer kleinen verbalen Retourkutsche veranlasste: „Zu meiner Zeit haben sie noch im Wald trainiert - jetzt boxen sie schon im Puff.“ Und zwischen Saufen und Sandsack, zwischen Nutten und Nachtschwärmern, zwischen Delirium und Draufhauen versuchte sich Dagge wieder in Form zu fighten.

„Der war völlig animalisch“, befand Dagges Extrainer Bubi Dieter. „Er hat drei Tage durchgemacht, sich dann morgens ins Taxi gesetzt, und ist blau, wie er war, zum Training gefahren. Da wurden dann Cappis eingeschmissen, und die Müdigkeit war weg. Dann hat er sie alle in Grund und Boden trainiert.“ Dagge war nicht nur Alkoholiker, sondern auch Masochist. Er hat sich immer erst ordentlich verprügeln lassen, eher er loskeilte. „Eckhard, lass es doch nicht immer krachen“, hatte ihn Dieter angefleht. „Du kriegst doch keine Kohle mehr, wenn du nur ständig was auf den Kopf bekommst. Da sind Zellen, die können absterben. Was glaubst du, was dann mit dir los ist? Nun denk doch mal endlich logisch.“

Das tat Eckhard Dagge dann mit 33 Jahren nach einer Tracht Prügel von Brian Anderson in seiner Heimatstadt Kiel. Über das Hallenmikrofon verkündete er: „Ich habe an meinem Kopf rund 150 Nähte. Nun reicht es. Ich mach' Schluss.“

Allerdings: So richtig los kam Dagge nie, was „Saufen und Schlagen“ betraf. Nach seiner Zeit als aktiver Boxer wurde er Trainer bei Universum Box Promotion und coachte unter anderem Knut Blin, Mario Schiesser, Michael Löwe und Dariusz Michalczewski von dessen Profidebüt bis zu seiner Entlassung 1994. Später arbeitete er als Gastronom und führte mit einem Partner eine "alteingesessene Wirtschaft" am Timmendorfer Strand.

Dagges größte Gegner: die Sucht und der Krebs

Seinen fünfzigsten Geburtstag hatte Dagge allein verbracht. Damals wollte er seine Ruhe haben, einen Schnitt machen. Er wollte im „Jetzt“ leben, nicht mehr in der Vergangenheit. Denn die Vergangenheit war eine Sturzfahrt in Richtung Abgrund gewesen, mit der Devise „trinken und trainieren“. Als 16-Jähriger hatte er schon in drei Kneipen Lokalverbot. Als Amateur weigerte sich der zweimalige Deutsche Vizemeister und EM-Teilnehmer (ausgeschieden gegen Manfred Wolke) zu boxen, weil ihm Funktionäre keine 1000 Mark in die Kabine brachten. Aber er konnte eben kämpfen und trainieren wie ein Tier. "Ich habe sie alle plattgemacht." Selbst die elegantesten Techniker waren an seiner masochistischen Zähigkeit zerbrochen. Er fuhr teure Autos zu Bruch, verdiente als Berufsboxer eine Million Mark und hatte zum Schluss fast nichts mehr, außer Ärger mit dem Finanzamt. "Ich habe ja jahrelang keine Steuererklärung abgegeben. Da haben die mich geschätzt. Viel zu hoch natürlich", meinte Dagge lapidar.

Aber einer wie Dagge konnte seiner Vergangenheit nie wirklich entfliehen. Er konnte sich immer nur in kurze Phasen der Unauffälligkeit retten. Als eine Entziehungskur endlich mal Erfolg zeigte, kletterte plötzlich der Krebs in den Ring. Gegen diesen übermächtigen Gegner hatte Dagges geschundener Körper am Ende keine Kraft und keine Chance mehr. Im Alter von 58 Jahren verstarb er im Hamburg-Leuchtfeuer-Hospiz. Beinahe vergessen wie heute der Boxkeller der „Ritze“, der inzwischen nur noch den hartgesottensten Boxfans ein Begriff sein dürfte. Die bekannten Namen der deutschen Boxszene trifft man jedenfalls längst nicht mehr im unteren Teil der Kneipe mit den gespreizten Frauenbeinen auf der Tür. Mit Eckhard Dagge ist jetzt der letzte Vertreter der sog. Rotlicht-Ära der 70er Jahre gegangen. Die verblichenen Poster an den Wänden des Boxkellers in der "Ritze" sind um einen verblichenen Boxer reicher. Überall Botschaften, Plakate, Fotos, Sammlerstücke, Hinweise auf Papier, Pappe, Wand, jetzt sagen sie nur noch wehmütig und voller Melancholie: „Es war einmal ...“.

Freitag, 07. April 2006 


 
     

BoxingPress.de - Alle Rechte vorbehalten
© 2006 - Alle Elemente sowie das Layout dieser Seiten unterliegen den Copyrightbestimmungen nach deutschem Recht. Kein Teil dieser Seiten darf in irgendeiner Form an anderer Stelle ohne die ausdrückliche Erlaubnis von BoxingPress.de veröffentlicht werden.
 

All photos ALLSPORT / AFP / ROGER WILLIAMS / SECONDSOUT.COM / KURT SAYGIN - BoxingPress ist um vollständigen Urhebernachweis auf seinen Internetseiten bemüht. Sollte sich auf einer unserer Seiten dennoch eine ungekennzeichnete, aber durch Copyright eines Dritten geschützte Graphik befinden, so konnte das Copyright von uns nicht festgestellt werden. Sollte Bildmaterial einmal nicht mit einem entsprechenden Urhebernachweis ausgezeichnet sein, bitten wir den Betreffenden, sich bei der Redaktion zu melden. Im Falle einer solchen unbeabsichtigten Copyrightverletzung werden wir das entsprechende Objekt nach Benachrichtigung aus der Internetseite entfernen bzw. mit dem entsprechenden Copyright kenntlich machen.
GOWEBCounter by INLINE