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Boxingpress-Historie:
Vor 64 Jahren - Louis vs. Schmeling II


von Wolfgang Oswald

Zwei Minuten, vier Sekunden.

Es gibt Ereignisse der Zeitgeschichte, die längst zu Legenden geworden sind. Da hat sich eine simple, packende Version der Vergangenheit über die Fakten geschoben und sie verdeckt. Dieser Vorgang ereignet sich vor allem, wenn es um ganz große Momente geht...

Der zweite Kampf zwischen Joe Louis gegen Max Schmeling fand am 22.06.1938 im Yankee Stadium in New York statt und war weit mehr als ein bloßes Sportereignis. Es ging nicht allein um die Revanche eines Boxers, der eine Scharte in seinem Kampfrekord ausmerzen wollte. Bekanntlich gewann Schmeling den ersten Fight überraschend durch Knockout. Nein, dieser Boxkampf stellte vielmehr ein politisches Ereignis von großer Brisanz dar.

In Berlin veranstalteten die Nazis Pogrome, wohl eine Vorbereitung für die Reichskristallnacht. Als die Boxer im Yankee Stadium sich in die Augen starrten, warteten über 70.000 Menschen gespannt auf den ersten Gongschlag. Allein in den USA hörten mehrere Millionen Menschen am Radio zu, weltweit waren es noch viel, viel mehr. Es war, nach dem legendären Kampf zwischen Jack Dempsey und Gene Tunney, die zweite Begegnung in der Geschichte des Boxsports, die über eine Million Dollar in die Kassen brachte.

Als Max Schmeling, umgeben von einer Mauer von Polizisten, die Strecke zum Ring zurücklegte, musste er sich vom Hass und Zorn des Publikums völlig erschlagen fühlen. Er wurde von Plakaten begrüßt, auf denen er als "Parade-Arier" und "Herrenmensch" bezeichnet wurde und trotz aller Sicherheitsvorkehrungen prasselten Zigarettenschachteln, Bananenschalen und Pappbecher auf ihn ein.

Dabei wollte Schmeling immer nur ein ehrlicher Sportler sein, kein Politiker. Doch in diesem Moment wurde ihm bewusst, dass das unmöglich war. Schließlich hatte er Hitler darum gebeten, bei seinem jüdischen Manager Joe Jacobs bleiben zu dürfen. Und der Preis? Die New Yorker Zeitungen schrieben, dass Hitler seinem Champ mit den schlimmsten Konsequenzen gedroht habe, falls er das Match verliert. Ohne Nationalsozialist zu sein, war Schmeling ein Mann der Nationalsozialisten geworden.

Durch seine boxerischen Erfolge hatte Schmeling selbst der Indienstnahme des Boxens für die nationalsozialistische Erziehung Hilfestellung geleistet. Schmelings Kämpfe nach 1933 waren stets Politika ersten Ranges. Und gerade gegen "den Neger" Louis sollte er der NS-Propaganda zufolge endgültig die Überlegenheit der "weißen Rasse" beweisen.

Das alles musste Schmeling durch den Kopf geschossen sein, als Joe Louis im Ring vor ihm stand. Jener Louis, der sein ausdruckloses Pokergesicht aufgesetzt hatte und völlig gleichgültig gegenüber allem schien, was um ihn herum vorging. Doch Schmeling spürte wohl, dass das eine Maske war. In Louis brodelte es. Die Stimmung war explosiv und der Braune Bomber war rachdurstig und "geladen". Man hatte ihm suggeriert, Schmeling hätte ihn als Mitglied einer minderwertigen Rasse bezeichnet. Und so wurde auch Louis vom System ausgenutzt und missbraucht.


Unser Leser Jörg Hoffmann hat uns mehrere Scans der New Yorker Tageszeitung "Daily News" vom 24. Juni 1938 zur Verfügung gestellt. Die Original-Zeitung bietet er bei Nachfrage zum Verkauf an.
Bei Klick auf das kleine Foto erscheint eine entsprechende Vergrößerung.

Jener Louis, der ursprünglich nur von der farbigen Bevölkerung Harlems als Exponent einer unterprivilegierten Schicht gefeiert worden war, verkörperte plötzlich das Symbol von Freiheit und Gleichberechtigung aller Menschen und Rassen gegen die nazistische Bedrohung. Trotzdem blieb das höchste Lob, das ihm während seiner Laufbahn seitens der weißen Presse zuteil wurde: "to be credit to his race" - eine rassistische und die Anpassung an den "American way of life" herablassend würdigende Formel.

Die Ansagen waren vorüber und nun sollte die Welt für zwei Minuten still stehen. Jedenfalls eine bestimmte Welt. In einem wahren Hexenkessel überfiel Joe Louis sofort nach dem Gong seinen Gegner und stürzte ohne Zögern auf ihn zu. "Maxe" schien überrascht von dieser Taktik und musste drei schwere Linke ins Gesicht nehmen. Louis trieb ihn mit einem wilden Hagel von Kopf- und Körperserien vor sich her. Schmeling kam einfach nicht weg und versuchte verzweifelt, sich in den Clinch zu retten.

Louis schob ihn mühelos weg und schlug eine harte kurze Linke gegen den Kopf. Schmeling, wieder im Rückwärtsgang, probierte mit seiner Rechten den "Braunen Bomber" aufzuhalten. Doch Louis zeigte keine Wirkung und attackierte Schmeling erneut mit einem Wirbel von Rechten und Linken. Max resignierte. Wirkte wie paralysiert und kam immer noch nicht von Louis weg. Es hatte den Anschein, als hatte er schon jetzt seine "Beine" verloren.

Plötzlich knallte ein mörderischer linker Haken genau auf die Kinnspitze Schmelings, und im gleichen Augenblick riss ein wuchtiger Uppercut seinen Kopf hoch. Die Leute sprangen von ihren Stühlen. Max taumelte, wankte, nahm die Arme mechanisch hoch, fiel erneut in die Seile, sank halb an ihnen herunter, musste noch einen harten Schlag an den Mund, und, im Fallen sich halb drehend, einen unheimlich wuchtigen Haken in die linke Flanke einstecken. An den Seilen brach Schmeling in die Knie und die Menge kreischte vor Begeisterung.

Donovan, der Ringrichter, sprang zwischen die Fighter. Er hatte noch nicht bis "zwei" gezählt, da war Schmeling, schwer groggy, schon wieder auf den Beinen. Louis ließ nicht locker. Eine Linke und eine Rechte, direkt auf das Kinn des Deutschen, und er sackte abermals auf die Planken. Wieder riss er sich überstürzt hoch und es war offenbar: Nur die letzten Funken verzweifelten, dumpfen Widerstandswillens zwangen den schlaggelähmten Körper aufrecht.


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Wankend, eine wehrloses Ziel für den Weltmeister, stolperte Schmeling in eine neue Vernichtungsoffensive. Ein linker Kinnhaken, eine Rechte ans Herz, noch zwei geschmetterte linke Kopfhaken und Schmeling knallte hart auf den staubigen Ringboden auf. Im deutschen Radio krächzte eine hysterische Stimme voller Niedergeschlagenheit: "Max, Maxie, was ist los? Steh auf!"

Noch einmal versuchte der Deutsche sich zu stellen. Bei "Drei" stand Schmeling mit glasigen Augen schon wieder aufrecht... Da warf Machon, sein Trainer, das Handtuch zum Zeichen der Aufgabe. Donovan jedoch hob es nur auf und legte es seelenruhig auf die Ringbespannung. Die Hinrichtung sollte weitergehen und der Bomber machte sofort Anstalten, weiter auf den verhassten Rivalen einzustürmen. Machon dagegen hatte genug gesehen und kletterte unter ohrenbetäubendem Lärm in den Ring. Auch aus der Ecke von Louis stürzten die Sekundanten in den Ring und in dem allgemeinen Durcheinander musste Donovan den Kampf abbrechen.

Schmeling war inzwischen wieder bei sich, aber er kam nicht alleine hoch. Zu viert wurde er von seinen Betreuern aufgehoben und er rief: "Mein Rücken! Ich habe im Rücken was abbekommen!" Donovan hob den Arm von Louis und Amerika feierte Deutschlands Untergang. Die Uhr zeigte die 124. Sekunde nach dem Glockenschlag des Kampfbeginns.


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Im Policlinic Hospital, einem jüdischen Krankenhaus, wurde später bei Schmeling diagnostiziert, dass der Dornfortsatz mehrfach gespalten worden war. Der Schlag, der das bewirkt hatte, musste direkt die Niere getroffen haben, aber selbst Schmeling sprach nie von einem Foul, obwohl ihn der damalige deutsche Botschafter Dieckhoff deshalb unbedingt dazu drängen wollte, Protest gegen die Entscheidung einzulegen. Schmeling ließ sich aber nicht beirren und gab sich eine Mitschuld, denn er hatte sich aus einer reinen Abwehrbewegung in den Punch hineingedreht. Außerdem war damals bei Titelkämpfen in New York jeder Schlag über der Gürtellinie erlaubt.

Mit dieser vernichtenden Niederlage fiel Schmeling in Deutschland in Ungnade und wurde später an die Front geschickt. Ein Schicksal, das Joe Louis wegen seiner Heldentat erspart blieb. Doch bald geriet auch sein Stern in Vergessenheit, spätestens als ihn die neue weiße Hoffnung Rocky Marciano ausknockte.

Wie es weiterging? Nun, der zweite Weltkrieg verhinderte einen dritten Fight zwischen Louis und Schmeling. Die Nazis blieben trotz Schmelings Zerstörung von ihrer Überlegenheit überzeugt. Und selbst Joe Louis konnte durch seinen heldenhaften Sieg nicht verhindern, dass die Schwarzen vom weißen Amerika auch weiterhin unterdrückt und ausgebeutet wurden. Nach Kriegsende konnten Louis und Schmeling alle Vorurteile und Missverständnisse in persönlichen Gesprächen ausräumen und sogar Freunde werden.


Die Duelle Louis gegen Schmeling beweisen somit auf eindrucksvolle Weise, wie schwer es Boxer haben. Sie wollen Helden sein und müssen doch ihren Körper verkaufen, müssen Hure, Sklave und Zuchthengst sein. Der unerbittliche Kampf - Mann gegen Mann, Schlag auf Schlag - fasziniert sie, und sie werden zu den Herren ihres Körpers. Aber gerade die Arbeit am Körper, mit der sie sich aus ihrer sozialen Marginalisierung zu befreien suchen, zwingt sie in das erniedrigende Martyrium der Ausbeutung, Ausnutzung und der Abhängigkeit von Dritten. Auch wenn es viele Boxfans und Nostalgiker nie wahrhaben wollen: Boxen bleibt in erster Linie eine Ware, ein Geschäft, in dem die Raubkatzen Angst vor den Ratten haben und ein Ring niemals rund ist.

 

Unser Dank geht an Gastautor Wolfgang Oswald für seinen stimmungsvollen, exklusiv für BoxingPress verfassten Artikel und an BoxingPress-Leser Jörg Hoffmann für die beeindruckenden Foto-Dokumente der Boxgeschichte.

 

 

 
     

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