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Boxingpress-Historie:
Heute vor sechs Jahren - Bruce Seldon
von Arne Leyenberg

Am 8. April
1995 hatte der Boxsport einen neuen Tiefpunkt erreicht. Die World Boxing
Association (WBA) ermittelte an diesem Tage ihren Titelträger und damit
Weltmeister in der Kategorie über 86,182 Kilogramm, der Königsklasse des
Berufsboxens, dem Schwergewicht. Nach sieben Runden des Kampfes durfte
ein gewisser Bruce Seldon (Foto
links) aus Atlantic City, New Jersey, den dunkelblauen Gürtel in die
Höhe stemmen und sich fortan als Erbe eines Muhammad
Ali oder George Foreman
betrachten.
Der "Atlantic
City Express" schlug seinen Gegner Tony
Tucker durch K.o. und ließ damit die Pläne seines Promoters, Don
King, aufgehen. Denn King hatte nicht etwa vor, Seldon langfristig
als Titelträger zu verkaufen oder suchte gar eine neue Hoffnung in seinem
Boxstall. Diese hatte er längst gefunden. Sie war nur noch nicht soweit,
sich den vakanten Titel der WBA, den George Foreman kurz zuvor niedergelegt
hatte, zu sichern. Denn sie war erst knapp zwei Wochen vor dem besagten
8. April 1995 aus dem Gefängnis entlassen worden, wo sie wegen Vergewaltigung
einsaß.
Daher benötigte
sie zunächst noch eine Hand voll Aufbaukämpfe und Prüfsteine. Auch am
Abend des Kampfes "Seldon vs. Tucker" war der Name der großen
Hoffnung King's und Fixpunkt all seiner Planungen allgegenwärtig: Mike
Tyson, der Eiserne, war wieder frei. Don Kings Pläne waren offensichtlich:
Einer seiner Boxer (sowohl der ehemalige Sträfling Seldon als auch Tucker
standen bei ihm unter Vertrag) sollte sich den WBA-Schwergewichtstitel
sichern, höchstens einmal verteidigen und dann in einem Duell mit Mike
Tyson, dem Zugpferd im Boxbusiness schlechthin, wieder verlieren.
Und seine
Berechnungen gingen auf. Der 1,87 Meter große und 28 Jahre alte Seldon,
der bereits Niederlagen gegen Riddick
Bowe, Oliver McCall
und Tony Tubbs hatte hinnehmen
müssen, schlug Tucker und verteidigte den Titel danach gegen Joe Hipp.
Später wollte er nicht den Spielverderber in Kings gut organisiertem
Tyson-Feldzug geben und ließ sich im Kampf gegen "Iron Mike"
bereits in der ersten Runde auszählen. Rein formal gesehen war Bruce Seldon,
heute verurteilt wegen sexueller Belästigung Minderjähriger, Weltmeister
im Schwergewicht. Doch der "Atlantic City Express" steht wohl eher alleine,
abgekoppelt vom Zug der großen Champions, auf einem verlassenen Bahnhof
in der nordamerikanischen Provinz New Jersey.
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