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Interview mit André Wiechens
von
Franziska Kelly

Ein Mann
engagiert sich für das Frauenboxen:
Über Hindernisse, Stolpersteine, Vorurteile und Betonköpfe
Interview
mit André Wiechens (Foto oben), dem Gründer
des derzeit einzigen Frauenboxportals im Internet: www.frauenboxen.net
AW: André Wiechens , FK: Franziska Kelly
FK: Herr
Wiechens, Sie haben beim CERESIT Box-Cup (Hamburg 2002), dem ersten internationalen
Frauenboxcup, Julia Treptow vom Organisationsteam des veranstaltenden
Vereins BC Hanseat und die Journalistin Mona Hope kennen gelernt.
Könnte man dieses Treffen als "historisch" bezeichnen?
AW: Dieses Treffen war für mich wie die Faust aufs Auge. Es
passte einfach alles gut zusammen.
FK: Sie
drei haben dann das erste Frauenboxportal gegründet. Wer bezahlt
die Arbeit?
AW: Über 90 Prozent der Kosten werden derzeit aus den eigenen
Taschen bezahlt. Wir entwickeln verschiedene Ideen, um das Projekt fortführen
zu können. Langfristig ist die Gründung eines eigenständigen
Fördervereins am wahrscheinlichsten. Allerdings macht das aus meiner
Sicht erst Sinn, wenn die Beteiligung der Boxerinnen deutlich zunimmt.
FK: Gibt
es Unterstützer/innen? Wenn ja: Wie sieht die Unterstützung
aus?
AW: Mittlerweile gibt es viele Vereine, die uns unterstützen
und Informationen zu Veranstaltungen und Ergebnissen liefern. Wir haben
gute Kontakte zu verschiedenen Redaktionen und Fotografen, die uns mit
Text und Bild versorgen; auch Regina
Halmich unterstützte uns zum Beispiel mit fünf handsignierten
Büchern ("..noch Fragen?"), die sie für ein Gewinnspiel
zur Verfügung gestellt hat. Ebenso wurden uns von zwei Hamburger
Persönlichkeiten der Box-Szene Plakate, die den legendären Kampf
Muhammad Ali gegen Karl Mildenberger im Frankfurter Waldstadion
ankündigen, zur Finanzierung von FrauenBoxen.net zur Verfügung
gestellt. Die Plakate können bei uns erworben werden. Auch die beiden
größten Frauenboxsportportale der USA sind mittlerweile auf
unsere Seite aufmerksam geworden und haben diese verlinkt, so dass unsere
Aktivitäten sogar über die europäischen Grenzen hinaus
wahrgenommen werden.
FK:
Das Frauenboxportal ist ja für den gesamten deutschsprachigen
Raum angelegt. Wie sieht es denn mit Rückmeldungen aus Österreich
und der Schweiz aus?
AW: Noch sind die Reaktionen recht zögerlich, doch mittlerweile
wird unser Angebot auch dort wahrgenommen: Sieben Clubs haben sich in
unsere Datenbank eingetragen und auch Dr. Rainer Salzburger, der
Präsident des österreichischen Boxverbandes, hat uns einige
motivierende Worte per E-Mail zukommen lassen.
FK: Sie
haben durch diese erste Pionierarbeit einen ganz guten Überblick,
was die Mankos im deutschen Frauenboxen angeht. Welche würden Sie
an erster Stelle sehen?
AW: Der Deutsche Boxverband (DBV) leistet auf vielen Gebieten herausragende
Arbeit, aber ich habe das Gefühl, dass die Frauen und alles, was
damit im Zusammenhang steht, schlichtweg nicht ernst genommen werden.
Alles andere sind Folgeerscheinungen.
Der CERESIT Box-Cup z.B. war 2002 die erfolgreichste und professionellste
Amateurboxveranstaltung der letzten 15 Jahre in Hamburg. 1000 Besucher
an beiden Tagen, 27 Presse- und Fernsehvertreter, 59 Boxerinnen aus 29
Vereinen und drei Nationen konnten gezählt werden. Regina Halmich
hatte die Schirmherrschaft übernommen und mit Henkel hatte man einen
Sponsor, nach dem sich auch Profiveranstalter sehnen. Aber vor allen Dingen
wurde hervorragender Sport gezeigt.
Weder vor der Veranstaltung, noch hinterher gab der DBV eine Pressemeldung
dazu heraus, obwohl sogar Peter Kienast, jetziger Vizepräsident
Leistungssport, vor Ort war. Im Gegensatz dazu hatten viele überregionale
Zeitungen über den Cup berichtet. Das Hamburger Abendblatt widmete
dem Thema sogar zwei Drittel einer Seite.
Dies wiederholte sich, als drei Boxerinnen dieses Jahr zur EM der Damen
fuhren und mit zwei Medaillen zurück kehrten: Nicht eine einzige
Meldung vom DBV. Kein Eintrag in der Ergebnisliste auf seiner Website.
Auch in der Rangliste werden Frauen gar nicht erst berücksichtigt.
Ich sehe in diesem Verhalten eine Zweiklassen-Behandlung und empfinde
es daher als unfair, respektlos und unsportlich. Wer eine gute Leistung
bringt, verdient dafür Anerkennung.
FK: Die
Boxvereine haben männliche und weibliche zahlende Mitglieder. Die
Vereine führen pro Mitglied einen Beitrag an den Landesverband ab,
der wiederum an den DBV. Doch der DBV tut sich dadurch "hervor",
dass er die Frauen Startgelder, Anreise- und Übernachtungskosten
selber zahlen lässt und noch nicht einmal einen Überblick über
die aktiv boxenden Frauen in Deutschland hat. Warum sollen die Frauen
Mitgliedsbeiträge bezahlen?
AW: Die Mitgliedsbeiträge kommen ja in erster Linie den Vereinen
zu Gute, und diese zahlen einen geringen Anteil an die Verbände.
Diese Gelder stehen also aus meiner Sicht allen zu; sehr wohl natürlich
in den entsprechenden Verhältnissen. Doch Förderung und Veränderung
bringt es mit sich, dass man auch manchmal in Vorleistung gehen muss.
Allerdings, wie so oft im Leben, muss für das Recht, das einem zusteht,
gekämpft werden.
FK: Das
aktuelle Tüpfelchen auf dem berühmten "i" ist ja,
dass der Frauenboxbeauftragte des DBV, Manfred Schmiler, sich "ganz
ehrlich" so äußert: "Ich bin nicht fürs Frauenboxen,
aber wir müssen damit leben..." und dann allen Ernstes vorschlägt,
dass die Frauen bei den nächsten nationalen Meisterschaften in den
Pausen zwischen den Vorrunden boxen könnten.
AW: Was in dem Interview deutlich wird, ist, dass er sich mit der
Thematik nicht auseinandergesetzt hat und kein Interesse an boxenden Frauen
im Ring zeigt. Ich halte aber Kompetenz und die Fähigkeit zur Identifikation
mit dem Aufgabengebiet als grundlegende Voraussetzungen, um einen Posten
bekleiden zu können.
FK: Es
wird oft behauptet, dass es nicht genügend Frauen gebe, die man zu
Meisterschaften schicken könne. Ist das nicht ein klassischer Teufelskreis?
AW: ...den wir durchbrechen wollen! Wenn die Perspektiven fehlen,
vielmehr: nicht geboten werden, ist es nur verständlich, wenn irgendwann
die Lust verloren geht.
FK:
Wie kann man den Teufelskreis durchbrechen? Welche konkreten Maßnahmen
oder Initiativen sind notwendig, um das Frauenboxen in Deutschland voran
zu bringen?
AW: In diesem Jahr sollen die ersten Deutschen Meisterschaften
der Frauen ausgerichtet werden. Was als nächstes passieren muss,
ist eine gezielte Förderung, insbesondere im Nachwuchsbereich. Dabei
halte ich es auch für wichtig, jüngere und aufgeschlossenere
Trainer damit zu betrauen. Zur Durchsetzung weiterer Ziele ist eine starke
Vernetzung der Sportlerinnen untereinander notwendig, um Kräfte zu
fokussieren; auch, um einen besseren Überblick über den Leistungsstand
zu bekommen und einfacher Kämpfe organisieren zu können. Mit
unserer Plattform FrauenBoxen.net haben wir begonnen, eine Übersicht
aller Boxerinnen und Vereine im gesamten deutschsprachigen Raum zu schaffen.
Auch ist es möglich, sich in unserem Forum im Internet anzumelden,
untereinander auszutauschen und gemeinsame Aktionen zu planen. Insgesamt
gibt es sicherlich noch vieles zu tun. Es wird noch Zeit brauchen, um
an die europäische Spitze anzuschließen. Andere Länder
sind da schon weiter. Doch die Anfänge sind getan, und wir befinden
uns auf dem richtigen Weg.
FK:
Nun zur "klassischen" Frage: Wie kommt ein Mann dazu,
sich für das sog. Frauenboxen zu engagieren?
AW: Nun, ich bin Idealist und engagiere mich vor allen Dingen für
Chancengleichheit und Fairness im Sport. Jeder sollte die Möglichkeit
haben, den Sport seiner Wahl zu betreiben - unabhängig von Rasse,
Kultur, Religion oder eben Geschlecht!
Für mich bedeutet Sport auch die Möglichkeit, sich auf neutralem
Gebiet zu treffen und zu verständigen. In Zeiten, in denen verschiedene
Nationen im Streit lagen, hat Sport viel für die erneute Annäherung
tun können; ein ganz olympischer Gedanke.
FK: Apropos
Olympia. Die Frauen sind ja immer noch nicht "zugelassen". Ist
oder wird das auch ein Ziel Ihres Frauenboxportals?
AW: Pläne dazu gibt es bereits, aber wir wollen einen Schritt
nach dem anderen tun.
FK:
Herr Wiechens, ich danke Ihnen für dieses Interview!
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