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Interview mit Andy Liebing
Interview und Fotos von M. Kurt Saygin

"WIR SIND MODERNE GLADIATOREN!"

Im Rahmen des Reiser-Kampfabends in Berlin am vergangenen Sonntag hatte BoxingPress die Gelegenheit, ein sehr interessantes Interview mit Hauptkämpfer Andy Liebing (Foto) zu führen. Der 32-jährige Deutsche hat eine bewegte Laufbahn hinter sich und kann sich als einer der wenigen Boxer weltweit mit einem Amateur-Sieg über Roy Jones Jr. rühmen. Gegenüber BoxingPress sprach Liebing u.a. über seine Kämpfe gegen Jürgen Hartenstein und Roy Jones, einen möglichen EM-Kampf gegen Danilo Häußler, die DDR-Hymne als Einmarschmusik, seine Trainingsmethoden und gibt jungen Boxern einiges mit auf den Weg.


BoxingPress: Herr Liebing, was für ein Kampf! Es ist viel passiert in diesen zehn Runden, viel mehr als man sonst oft in deutschen Ringen zu sehen bekommt. Erst einmal herzlichen Glückwunsch zur gewonnenen Deutschen Meisterschaft.

Andy Liebing: (grinst) Dankeschön!

BoxingPress: Sie sind zum zweiten Mal Deutscher Meister geworden, richtig?

Andy Liebing: Ja, jetzt zum zweiten Mal. Allerdings das erste Mal in dieser Gewichtsklasse, vorher zwei Gewichtsklassen drunter, im Super-Weltergewicht mit 69,7 kg, und heute dann im Supermittel. Da liegen vom Gewicht her schon Welten dazwischen und für mich ist es natürlich angenehmer, weil ich nicht so mordsmäßig abkochen muss, aber im Ring hat es trotz alledem funktioniert.

BoxingPress: In der zweiten Runde kam der starke Cut am rechten Auge. Sie haben danach die Taktik gewechselt und ihn ausgeboxt, anstatt aggressiv vorzugehen. War das Ihre Idee oder hat Sie Ihr Trainer angewiesen?

Trainer Hanne Seifer: Das ging ja gar nicht anders, wegen des Cuts musste er eben einen Gang zurückschalten und nicht mehr so nah ran. Das war das gleiche Problem wie im vorletzten Kampf auch, hat er aber gut hingekriegt. Andy war eben zu schnell war. Ansonsten hätte er den Kampf nicht gewonnen.

BoxingPress: Danach ging es weiter, in den achten Runde kassierten Sie einen massiven Kopfstoß am linken Auge, kriegt man da Angst? Angst, nochmal auf dieselbe Stelle getroffen zu werden?

Andy Liebing: Hm.... Ja und nein. Angst nicht direkt. Es ist eher so, dass ich mich darüber ärgere, dass es aufgrund solcher Verletzungen vorbei sein kann. Ich ärgere mich erstmal, dass ich diese Situation nicht ausrechnen konnte, denn es ist immer so, die Marschrichtung ist klar: Raus, aufpassen auf den Kopf und ihn von draussen boxen. Und es ist letztendlich so, wenn er mit dem Kopf ran kommt oder wir beide mit den Köpfen zusammenrennen, dann habe ich in diesem Moment nicht aufgepasst. Es ist sicherlich ein Konditions- und Konzentrationsproblem, was im Laufe von acht oder zehn Runden dann schon mal auftreten kann. Schade wäre es gewesen, wenn man den Cut nicht mehr zugekriegt hätte.

Es ist auf jeden Fall keine Angst. Man ist nur vorsichtiger. Im Kampf gegen Attilla Kiss z.b. war ich bereits durch einen Cut vom Sparring verletzt gewesen. Damals war ich den ganzen Kampf über defensiver. Das ist keine Angst, man wählt die Taktik einfach so, dass der Kampf nicht abgebrochen werden muss - dass man nicht getroffen wird.

BoxingPress: Ihr Gegner rannte mehrfach mit dem Kopf in den Infight hinein, manchmal sah dies absichtlich aus. Auch Ringrichter Jacobsen hat es ähnlich gesehen. Wird man in so einem Moment nicht wütend oder kommt man nicht in Versuchung, trotz des "Break"-Kommandos zuzuschlagen, oder ist man dafür zu professionell?

Andy Liebing: Ich kann in diesem Fall nur für mich selber sprechen, weil ich nicht weiss, was in den Köpfen anderer Boxer vorgeht. Für mich ist es so, dass ich nicht so richtig wütend werde, weil es immer auch ein Fehler von mir ist, selbst, wenn der Gegner es mit Absicht versucht, ich aber vorher wusste, dass es so kommt. Es ist eher so, dass ich hätte schneller weggehen können, ja sogar müssen. Und selbst wenn es knallt und er steht vor mir, fehlt, um richtig wütend zu werden, oft auch der Ansatz, um dann richtig zu treffen. Denn zum Zuschlagen gehört auch immer, dass du ihn triffst. Was soll ich auf den Rücken hauen? Es passierte ja auch, dass ich vorgegangen bin und er sich irgendwie weggedreht hat und dann mit der Seite oder dem Rücken zu mir stand. Da hat der Ringrichter ja auch unterbrochen.

BoxingPress: Sie sind 69’er Jahrgang und damit für einen Boxer in dieser Gewichtsklasse nicht mehr der Jüngste. Wie sieht es aus, was sind die nächsten nahen Ziele des Andy Liebing?

Andy Liebing: Erstmal abwarten. Sicherlich ist die Überlegung der Europameisterschaft da, klar, sie ist sicher nicht unrealistisch. Einfach von den boxerischen Fähigkeiten, von unserem Können her. Wenn wir zusammen weitertrainieren, sind wir durchaus in der Lage eine EM zu Boxen. Zwar sicherlich nicht mit jedem Gegner aber ich bin auch bereit, in den unterschiedlichen Gewichtsklassen zu boxen. Soweit es dann passt, denke ich schon, dass es eine Variante wäre, noch einige interessante Kämpfe zu machen. Oder eben auch eine Weltmeisterschaft.

Hanne Seifer : Das liegt bei diesen Gewichtsklassen eh` sehr nahe beieinander! Ich wünschte, wir hätten die Möglichkeiten die andere haben. Andere müssen nicht morgens um vier Uhr raus auf den Schornstein, nachmittags trainieren und abends zu ihrer Familie. Ich wünschte, wir hätten auch ein Management mit so viel Geld, dass man einfach nur trainieren muss. Dann könnte man sehen, wo man eigentlich steht. Den Kopf müsste man frei haben von Verpflichtungen, Geld und allem.

BoxingPress: Es sind für Deutsche und Europa-Meisterschaften vom Prinzip her eher die Boxer prädestiniert, die bei Sauerland oder bei Universum unter Vertrag stehen, allein, weil sie die besseren finanziellen Rahmenbedingungen haben. Gerade bei Europameisterschaften fängt es ja an, finanziell wirklich interessant zu werden. Wie schätzen Sie Ihre Chancen realistisch ein, dass man Ihnen von Seiten dieser beiden Promoter eine Chance geben wird? Oder haben Sie vor, sich durch "Hochkämpfen" eine Chance zu erzwingen?

Andy Liebing: Zweiteres ist eher wohl zutreffend. Den Versuch zu unternehmen, es sich zu erkämpfen. Vielleicht hilft der Zufall auch ein bisschen, da hineinzurutschen. Ob man mir es direkt anbietet und sagt: "So du boxt jetzt um die Europameisterschaft gegen den..."--

Hanne Seifer: (unterbricht aus dem Hintergrund) ---Danilo Häussler! Das ist unser Wunschgegner!

BoxingPress: Das wäre meine nächste Frage gewesen. Danilo Häussler: Wird er sich, bzw. wird sich Wilfried Sauerland auf diese Paarung einlassen?

Hanne Seifer: Der Jean-Michel Nartz und ich sind alte Freunde (Anm. d. Red.: Matchmaker Sauerland Box-Promotion). Und wir haben schon einige Kämpfe mit Andy veranstaltet. In Frankreich und in Spanien zum Beispiel. Wenn der Danilo eine freiwillige Titelverteidigung machen würde gegen Andy..... das wäre die Chance, die er uns vielleicht geben könnte.

BoxingPress: Und wird Ihrer Meinung nach Wilfried Sauerland dazu sagen?

Hanne Seifer: Muss man abwarten. Wenn es ein zugkräftiger Kampf ist, kann das schon sein. Zumal die beiden Jungs sich ja noch aus DDR-Zeiten kennen. Das wäre schon ein richtig guter Kampf. Der Andy wäre auf jeden Fall ein besserer Gegner als dieser Italiener letztens.

BoxingPress: Meinen Sie Vincenzo Imparato?

Hanne Seifer: Ja, genau der. Der Kampf war ja wohl gar nichts.

BoxingPress: Kommen wir zu einer anderen Frage: Roy Jones Jr.. Sie sind ja einer der ganz wenigen Boxer, die diesen Mann mal geschlagen haben (Anm. d. Red.: Bei den Junioren-Weltmeisterschaften 1987 auf Kuba bezwang der Berliner den heutigen P4P-Boxer nach Punkten). Bei der "Vorstellung der Boxer" wurde das eben gerade auch erwähnt. Wie oft kriegt man das vorgehalten, wie sind die Erwartungen an Sie, wie sehen Sie diesen Kampf im Rückblick auf Ihre eigene Geschichte und wie denken Sie an diesen Kampf zurück?


"Es war damals für mich irgendein Amerikaner, gegen den ich geboxt habe. Ich habe gewonnen und die Sache war für mich erledigt."

Andy Liebing über seinen Amateurkampf gegen Roy Jones

Andy Liebing: An diesen Kampf zurückzudenken ist sehr schwer. Es war damals für mich irgendein Amerikaner, gegen den ich geboxt habe. Ich habe gewonnen und die Sache war für mich erledigt. Damals war er ja auch noch nicht so bekannt. Als ich dann mit dem Profiboxen angefangen habe nach einer 10jährigen Pause, war mir überhaupt nicht bewusst gewesen, dass ich jemals gegen diesen Mann geboxt habe. Auf irgendeiner Sauerland-Veranstaltung, auf der ich als Gegner und auch als Verlierer eingeladen wurde, stand auf einmal im Programmheft drin, dass ich Roy Jones Jr. geschlagen hätte. Ich hatte das bis dato selber nicht gewusst. Ich konnte mich damals dunkel daran erinnern, dass ich gegen irgendeinen Amerikaner geboxt hatte, der RJJ durchaus ähnlich war und dessen Auftreten ebenfalls stimmte. Dann hat man mir es noch ein paar mal gesagt und ich habe mal in einer stillen Minute mein altes Kampfbuch herausgeholt und nachgesehen. Siehe da, WM auf Cuba, Roy Jones Jr. Stand drin. Ich habe definitiv gegen ihn geboxt und gewonnen. Erinnern kann ich mich jedoch nicht an diesen Kampf.

BoxingPress: Sie laufen mit der Hymne ein. Das stößt bei den Leuten auf unterschiedliche Reaktionen. Ist das Ihre Überzeugung? Wollen Sie provozieren? Was verbindet Sie mit der DDR-Hymne?

Andy Liebing: Es ist in erster Linie ein Gag. Ich bin nicht der Ossi, der sich die DDR zurückwünscht oder erzählt, dass im Osten alles besser war. Es ist einfach ein Spaß. Eben diese gemischten Reaktionen sind es, worauf es mir ankommt. Teilweise stehen die Leute z.b. zu "Ihrer Hymne" auf. Das ist einfach ein Spaß. Es hat keinen ernsthaften Hintergrund.

BoxingPress: Noch zwei kurze Fragen zum Schluss: Es gab das Gerücht, dass Sie sich auf diesen Kampf "unkonventionell" vorbereitet haben. Was ist genau passiert?

Andy Liebing: Ich bin früh arbeiten gegangen, hatte eine Stunde Mittagspause, wo ich auf den Sportplatz rennen gegangen bin und bin dann gegen Nachmittag mit dem Sandsack unterm Arm in den Tiergarten gegangen. Dort haben ich und mein Trainer den Sandsack aufgehängt und im Schatten einer großen Deutschen Eiche Sandsacktraining gemacht. Abgekühlt und geduscht haben wir dann im Wasserstrahl eines Hydranten. Die Wasserfontäne war 12 m hoch.

BoxingPress: Letzte Frage: Sie wirken ausserhalb des Ringes oft nachdenklich. Was würden Sie jungen Leuten auf den Weg geben, was würden Sie jungen Leuten raten, die sich entschlossen haben, Profiboxer zu werden?

Andy Liebing: Tja..... Die sollten sich genau überlegen, was sie da tun. Denn da oben.... das ist kein Spiel. Es ist auch nicht so, dass ich mir drei "Rocky"-Filme ansehe und dann einmal um den Häuserblock renne und dann große Bäume ausreißen kann. So ist es nicht. Ich benutze gerne den Vergleich der Gladiatoren. Wir sind moderne Gladiatoren. Es ist so ähnlich, wie im alten Rom. Wir sind zur Belustigung des Volkes da und es geht genauso hart da oben ab. Es ist keine Spielerei. Es knallt da oben richtig und das muss sich jeder richtig überlegen. Man muss hart trainieren und man muss lange suchen, um den richtigen Trainer zu finden. Manche haben Glück und die finden gleich den richtigen.

Hanne Seifer: Andy`s Problem war und ist: Punkten konnte er immer. Im Punkten war er immer gut, aber er hat noch keinen Punch. Er ist kein Puncher.

Andy Liebing: (unterbricht schmunzelnd) Noch nicht! Das wird noch!

BoxingPress: Herr Liebing, Herr Seifer, wir bedanken uns für das ausführliche und interessante Interview!

 

 
     


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