| |
"Frauen erobern die Box-Arenen"
Interview
mit Anke Müller, der ersten Ringrichterin Deutschlands
von
Franziska Kelly

Franziska Kelly: Frau Müller (Foto oben), Sie sind die
erste Ringrichterin in Deutschland. Wie kamen Sie zum Boxsport?
Anke Müller: Durch meinen Mann, der sich schon längere
Zeit
für den Sport interessierte. Unser Verein hatte in einer Zeitung
einen Bericht über die Hobbyabteilung gebracht, zu der sich mein
Mann dann anmeldete. Nach einigen Wochen war er so überzeugt vom
Verein und von diesem Sport, dass er mich angesteckt hat. Es ergab sich
dann auch für mich die Möglichkeit, zu trainieren, da der Box
Club Troisdorf 48 e.V. der erste Verein im Mittelrheinischen Amateurboxverband
(MABV) war, der eine Hobbygruppe nur für Frauen anbot. Durch das
Training hab ich dann die Kampfrichter und Trainer des Vereines kennengelernt,
die meinen Mann und
mich immer mehr in den Sport integriert haben, so dass wir 1997 zusammen
die Punktrichterlizenz erwarben. 1998 kam dann für uns beide der
Trainerschein hinzu. Soviel ich weiß, bin ich im MABV die erste
Frau mit Trainerschein. Das wäre aber noch zu überprüfen,
da ich nicht ganz sicher bin.
FK: Wie kamen Sie auf die Idee, Ringrichterin zu werden?
AM: Während des Lehrgangs zur Kampfrichterin kam auch das
Thema Ringrichter vor. In der damaligen Wettkampfbestimmung stand, dass
Frauen nicht das Amt eines Ringrichters ausführen dürfen. Auf
meine Frage, "Warum nicht?", bekam ich zur Antwort: "Weil
die Männer eventuell nackt auf der Waage stehen." Da Frauen
aus diesem Grund aber auch als Punktrichterinnen nicht in die Wiegekommission
dürfen, fand ich den Grund nicht ausreichend und beschloss, mit meinem
damaligem Kampfrichterobmann Arno Pokrand etwas dagegen zu unternehmen.
Mein Verband hat mich in dieser Hinsicht auch unterstützt, so dass
der von meinem Verein gestellte Antrag auf Änderung der Satzung von
Herrn Selger beim DBV (Deutscher Boxverband) durchgesetzt werden konnte.
Wobei die Vorarbeit durch viele Kolleginnen auch dazu beigetragen hat.
Außerdem war es auch einfach an der Zeit. Durch Herrn Anold Golger,
damaliger Kampfrichterobmann, erhielt ich dann die Lizenz.
FK: Seit wann sind Sie Ringrichterin?
AM: Seit dem 17.06.1999. Punktrichterin bin ich seit 01.09.1997.
FK: Wie wird man Ringrichterin? Welche Voraussetzungen, Prüfungen
usw. mussten Sie ablegen?
AM:
Man muss erst die Punktrichterlizenz durch
Lehrgänge seines Landesverbandes erwerben, dann fungiert man circa
zwei Jahre als Punktrichterin und wird dann von dem Kampfrichterobmann
geschult.
FK: Wie viele Kämpfe haben Sie in der Funktion schon hinter
sich?
AM:
Als Punktrichterin 462, als Ringrichterin 112 Kämpfe.
FK: Waren es Amateur- oder Profi-Boxkämpfe?
AM:
Es waren Amateurkämpfe.
FK: Wie war das Verhältnis von Frauen- zu Männerboxkämpfen?
AM: Als
Ringrichterin hatte ich noch keine Frauenkämpfe. Als
Punktrichterin schon bei der Deutschen Meisterschaft der Frauen in Meppen
und vereinzelt bei diversen Veranstaltungen.
FK: Welche Gewichtsklassen?
AM:
Alle.
FK: Gibt es inzwischen weitere Ringrichterinnen außer
Ihnen?
AM:
Soviel mir bekannt ist, gab es 1999 eine Ringrichterin im Raum Worms,
die auch noch vor mir im Ring war (die Lizenz hat sie nach mir erhalten).
Sie hat danach aber, wie mir bekannt ist, nicht mehr weitergemacht.
FK: Ich gehe davon aus, dass Ihnen der Job als Ringrichterin
Spaß macht. Können Sie Laien erklären, was Ihnen daran
Freude bereitet, was daran spannend ist?
AM:
Das ist sehr schwer zu beschreiben, da ich ja nicht nur
Ringrichterin bin, sondern auch Trainerin; und hier besonders die
Jugendarbeit fördere. Es ist die Sportart an sich, die mich begeistert.
Wenn ich mal wieder einen Ignoranten vor mir habe, der mir blöde
Fragen stellt (nicht diese Fragen hier), sage ich im Scherz: "Ich
bin Ringrichterin geworden, weil ich da die Einzige bin, die sprechen
darf, und die anderen müssen mir zuhören." Aber im Ernst:
In erster Linie wollte ich ja nur eine Ungerechtigkeit aus der Welt schaffen,
damit auch Frauen Ringrichterinnen werden können. Die Freude daran
ist, meist doch jungen Menschen dabei zu helfen, ihren Sport auszuüben.
FK: Wie sieht es mit Honoraren und Kostenerstattungen aus? Bekommen
Sie für diese Arbeit eine anständige Vergütung?
AM:
Da ich im Amateurbereich tätig bin, gibt es nur Fahrgeld, Kleidergeld
und einen kleinen Spesensatz. Aber es ist ja auch ein Hobby und kein Job.
FK: Gibt es so etwas wie Lieblingsgewichtsklassen für Sie?
Oder andere Vorlieben?
AM:
Eine Lieblingsgewichtsklasse habe ich nicht. Mir sind am
liebsten die Kämpfe, wo man mich als Ringrichterin nicht bemerkt,
weil der Kampf so sauber und fair ist, dass ich gar nicht oder nur wenig
einschreiten muss.
FK: Wie haben eigentlich die Männer bei Ihren ersten Auftritten
als
Ringrichterin reagiert?
AM: Von den Männern aus meinem Verband habe ich Unterstützung
erfahren. Von
anderen gab es alle möglichen Reaktionen. Wie es halt so ist: Staunen
und Verwunderung bis hin zur Annerkennung. Eine direkte, offen gezeigte
Ablehnung gab es nicht.
FK: Und wie haben die Frauen reagiert?
AM:
Die meisten positiv.
FK: Erkennen die Boxer Ihre Autorität im Ring an? Gab es
Situationen, wo es Probleme gab?
AM:
Sicher gab es am Anfang Probleme. Aber nicht mehr als
bei den männlichen Ringrichtern, die neu sind. Jeder, der anfängt,
hat Schwierigkeiten. Probleme, die es gab, weil ich eine Frau bin, könnte
ich nicht nennen; höchstens, dass ich nicht laut genug Kommandos
gebe. Aber da gibt es auch männliche Kollegen, denen das passiert.
FK: Ringrichter/innen leben ja nicht ganz ungefährlich.
Hatten Sie schon einmal eine Situation, wo es brenzlig wurde?
AM:
Nein.
FK: Wie halten Sie sich fit? Betreiben Sie regelmäßig
Sport? Welchen?
AM:
Ja. Amateurboxen und Fitnesstraining.
FK: Wir beide wissen, dass es gegenüber dem Boxsport generell
zahlreiche manifeste Vorurteile gibt. Ich selbst erlebe es öfters,dass
die Leute mich angucken, als hätte ich nicht alle Tassen im Schrank,
wenn ich mich als Boxfan "oute". Geht Ihnen das auch so? Können
Sie ein Beispiel erzählen?
AM:
Ja sicher. Wenn man gefragt wird, was man für Hobbys hat,
und dann erzählt, dass man sich unter anderem mit Boxen beschäftigt
und trainiert, kommt oft die Reaktion: "Oooh, da muss ich ja aufpassen!"
FK: Bleiben wir bei den Vorurteilen. Gegenüber Frauen,
die boxen,
gibt es ja noch mehr Vorbehalte: in der Bevölkerung, bei den Kollegen,
bei Ring- und Punktrichtern und leider auch im Management mancher Boxställe.
Wie sind Ihre Erfahrungen?
AM:
Ja, sicher gibt es die. Und es wird auch noch eine Weile dauern, bis sie
ausgemerzt sind; wenn es überhaupt
gelingt. Aber Veranstaltungen wie die in Meppen (1. Deutsche Meisterschaft
der Frauen, 2003, Anm. FK)) oder bei uns der BCT Cup mit 29 Kämpfen-davon
9 Frauenkämpfe - tragen dazu bei, Vorurteile abzubauen.
FK: Bleiben wir bei den Frauen. Sie sind ja nach wie vor nicht
für die Olympischen Spiele zugelassen. Wie ist Ihre Meinung dazu?
AM:
Auch das sollte man früher oder später ändern. Arbeiten
wir daran!
FK: Wie schätzen Sie die Lage ein? Wo sind die größte
Stolpersteine
für die Amateurboxerinnen?
AM:
In manchen Verbänden sitzen leider noch vereinzelte Funktionäre,
die den Frauen Steine in den Weg legen. Aber auch
hierzu kann ich sagen, dass die erste Deutsche Meisterschaft viel bewirkt
hat.
FK: Haben Sie einen Traum, einen persönlichen Wunsch als
Ringrichterin? Gibt es beispielsweise einen bestimmten Kampf, den Sie
gerne in Ihrer Funktion bestreiten würden?
AM:
Nein, eigentlich nicht. Ich möchte, dass dieser Sport an sich in
der Öffentlichkeit einen besseren Ruf bekommt. Auch hier hat sich
in der letzten Zeit viel getan.
FK: Würden Sie, wenn man Sie fragte, auch mal das Promi-Boxen
im Fernsehen in Ihrer Funktion bestreiten?
AM:
Nein.
FK: Eine letzte Frage: Was würden Sie Frauen empfehlen,
die nach der Lektüre unseres Interviews Lust bekommen haben, ebenfalls
Ringrichterin zu werden? Welche Voraussetzungen brauchen sie? Wie sollen
sie vorgehen? An wen müssen sie sich wenden?
AM:
Sie sollten sich mit dem Sport auskennen. Der Landesverband gibt Auskunft
über entsprechende Lehrgänge, wobei man
Mitglied in einem Verein sein muss. Als erstes mal den Vorstand ihres
Vereines fragen und dann mit dem Verband in Verbindung setzen. Vielleicht
gibt es in dem Verein schon Kampfrichter, die man um Hilfe bitten kann.
FK: Frau Müller, ich danke Ihnen ganz herzlich für
dieses Interview.
|
|