Interview
mit Joachim Jacobsen
Interview und Fotos von M. Kurt
Saygin
"Die
Fachleute sollten vielleicht mal ein paar Regeln nachschlagen!"
Der kontroverse Punktsieg
von WBO-Leichtgewichts-Champion Artur
Grigorian
über seinen polnischen Herausforderer Matt
Zegan
in der Essener Gruhahalle schlägt weiterhin
hohe Wellen. Selbst Universum-Promoter Klaus-Peter Kohl hatte nach dem
Kampf geäußert, sein Boxer habe "den Kampf auf keinen
Fall gewonnen." In der Kritik stehen seither vor allem die beiden
deutschen Punktrichter Joachim
Jacobsen und Arthur Ellensohn, die den WM-Kampf mit 115:113
bzw. 116:112 für
Grigorian gewertet hatten. Betrugs-Vorwürfe machen (wieder einmal)
die Runde. Punktrichter Joachim Jacobsen (Foto) wollte
die Anschuldigungen von Fans, Presse und Fachleuten nicht auf sich sitzen
lassen, bricht im exklusiven BoxingPress-Interview sein Schweigen und
äußert sich zu seiner umstrittenen Entscheidung.
Boxingpress:
Am vergangenen Samstag kam es in Essen beim WBO-Weltmeisterschaftskampf
im Leichtgewicht zu einem Urteil, welches später von der Presse als
"Skandal-Urteil" bezeichnet wurde. Sie waren einer der Punktrichter
und hatten den UBP-Mann und WBO-Weltmeister Artur Grigorian mit 115:113
vorne. Wie kam es zu diesem Urteil?
Jacobsen:
Ich darf keinen Kommentar zum Verlauf bzw. zu einzelnen Wertungen abgeben,
da das gegen die Verbandsregeln verstoßen würde, aber ich möchte
in aller Deutlichkeit betonen, dass ich den Kampf genauso gesehen habe
und ich mir nichts, aber auch gar nichts vorzuwerfen habe.
Boxingpress:
Das ist angesichts der Zuschauerreaktionen vielleicht etwas zu einfach.
Jacobsen:
Das ist die normale Psychologie der Zuschauer. Ein Kampf kippt in der
Mitte, man erinnert sich nur an die letzten sechs Runden und schon tobt
die Halle. Ein Kampf geht über zwölf Runden und jede einzelne
muss gewertet werden und diese Zettel werden abgegeben.
Das passiert
doch nicht zum ersten Mal. Beim Kampf Thorsten May gegen Ivan Koulkov
in Hannover war es doch ähnlich. May hat die ersten Runden ganz knapp
für sich entschieden, dann wurde Koulkov immer stärker und gegen
Ende war May stehend KO. Das hiess fünf Runden für May und drei
Runden für Koulkov. Das Ergebnis war 77:75 für May. Da hat die
Halle auch getobt und es wurde von "Betrug" geredet.
Boxingpress
bewertet doch auch Kämpfe. Ist es Ihnen noch nie vorgekommen, dass
die Halle ein Ergebnis ausgepfiffen hat und Sie beim Rundenauszählen
auf ein ähnliches Urteil wie die Punktrichter gekommen sind?
Boxingpress:
Zugegeben, das ist schon mehrmals vorgekommen. Aber diesmal liegt der
Fall etwas anders: Sowohl das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) als auch
verschiedene Printmedien reden von "Betrug" und "Schiebung".
Jacobsen:
Ja, mit einem dieser "Fachleute" habe ich sogar direkt nach
dem Kampf gesprochen. Er hatte Zegan "eine Runde vorne". Da
habe ich ihn gefragt, wie viele Runden er denn unentschieden gegeben hatte.
Die Antwort war "drei". Hätte er keine Runde unentschieden
gegeben, hätte die Differenz durch zwei teilbar sein müssen.
Da war mir schon klar, woher der Wind wehte.
Also noch
mal: Jede
einzelne Runde wird gewertet. Von der ersten bis zur letzten. Es gibt
KEINE unentschiedenen Runden bei WBO-WM-Kämpfen. Die Fachleute, die
hier von Betrug reden, sollten vielleicht mal ein paar Regeln nachschlagen.
Da steht das drin. JEDE Runde muss einen Gewinner haben und bei ausgeglichenen
Runden kriegt diese der Weltmeister. Dies bezeichnet man als "Champion-Bonus".
Das ist nicht meine Erfindung, sondern das ist so Gang und Gebe.
Grigorian
hat in den ersten zwei Dritteln dieses Kampfes den Kampf –wenn auch knapp
- geführt. Im letzten Drittel hat er nicht sehr gut ausgesehen. Das
weiß ich selber. Aber es wird kein "Kampfverlauf" bewertet.
Wer am Anfang, wer am Schluss besser ausgesehen hat, wer die bessere Kondition
gehabt hat, ist vollkommen irrelevant. Es werden die Rundenergebnisse
EINZELN ausgezählt. Das sind die Regeln.
Jeglicher
Vorwurf des Betrugs ist lächerlich und absurd! Ich weise so etwas
weit von mir! In meiner aktiven Zeit als Ringrichter habe ich von Ringrichterbestechung
– sei es finanziell oder durch andere Zuwendungen oder gar Drohungen -
in Deutschland weder etwas gehört noch gelesen, noch bin ich jemals
an so etwas beteiligt gewesen.
Boxingpress:
Das klingt zwar alles sehr logisch, aber selbst Universum-Manager Herr
Klaus-Peter Kohl hat in einem Interview eingeräumt, dass der Kampf
aus Universum-Sicht allenfalls unentschieden gewesen wäre. Nun sind
Boxmanager nun nicht gerade bekannt dafür, mit ihren Boxern und positiven
Punkturteilen besonders kritisch umzugehen.
Jacobsen:
Das mag seine persönliche Meinung sein und als persönliche Meinung
ist das auch ok. Herr Ellensohn, Herr Martinez und ich waren das Kampfgericht.
Es ist unsere Entscheidung gewesen. Wir haben alle drei ähnlich gepunktet
und wir haben nach Regeln gepunktet.
Ich finde
es erschreckend, wie selbsternannte "Fachleute" den Kampfrichtern
in den Rücken fallen, anstatt den GESAMTEN KAMPF Runde für Runde
nach den Regeln und Statuten auszuwerten. Jeder möge sich bitte an
die eigene Nase fassen und sich fragen, ob er wirklich den vollständigen
Kampf gesehen und Runde für Runde nach den Regeln der WBO, also ohne
unentschieden und mit Champion-Bonus gewertet hat. Wenn sich da tatsächlich
ein paar finden, bin ich gerne bereit, mich von diesen, aber auch NUR
von diesen kritisieren zu lassen.
Boxingpress:
Herr Jacobsen, wir bedanken uns herzlich für dieses aufschlussreiche
Interview.
|