Boxingpress-inside:
Motivation
und Aggression im Spitzenboxsport: Über "Eigentore" und
"Self-Knock-outs"
von Franziska Kelly
(03. September
2003)
Hintergrund:
Am 16. August 2003 boxt Markus Beyer um seinen WBC-Titel im Supermittelgewicht
gegen den Australier Danny Green. Beyer geht zu Boden in Runde
eins und zwei, bekommt einen Kopfstoß in Runde zwei und damit einen
Cut über dem rechten Auge. Green liegt nach Punkten klar vorn. Trotzdem
wiederholt er dieses üble Foul in der fünften Runde. Nach §
32 der WBC-Regeln (Wer nach einem absichtlichen Foul des Gegners nicht
mehr weiterboxen kann, wird zum Disqualifikationssieger erklärt)
wird er schließlich disqualifiziert. Markus Beyer behält seinen
Titel. Beide Seiten sind unzufrieden. Die "Opferseite" verstehen
wir auch als Laien. Wer will schon ein "Disqualifikationssieger"
sein. Knöpfen wir uns daher die "Täterseite" vor.
Was - um
des Himmels Willen - hatte diesen Danny Green nur geritten, als er zum
Kopf- anstatt zum Fauststoß ansetzte und sich damit am Ende selbst
ausknockte?
"Green
hat die Nerven verloren", gab Markus Beyer als mögliche
Erklärung an. Da er dem Mann am nächsten war, ist das ein erster
wichtiger Hinweis.
Aber Beyer
gab bereits vor dem Kampf eine interessante Information: Green sei so
etwas wie ein "Achtzylinder", meinte er, als er nach Vergleichen
zwischen Boxern und Rennwagen gefragt wurde. Tatsächlich hat der
Australier bei seinen 16 Kämpfen (16 KO-Siege) nie mehr als acht
Runden geboxt. Schnelle Siege durch KO waren bisher sein Ding und präg(t)en
vermutlich auch seine Grundeinstellung als Kämpfer. Wie gefährlich
aber die Ungeduld sein kann, wissen wir nicht erst seit Luan Krasniqis
"Schluuuss!" im Kampf gegen den Polen Przemyslaw Saleta...
"Ich
war total leer", sagte Luan danach. "Überpacen"
nennt man das, und sein nachfolgendes Gefühl der "Leere"
ist ein ganz typisches Symptom dafür.
Aber warum
überpacen die einen solange, bis sie aufgeben (müssen), und
warum "flippen" die anderen vorzeitig aus?
Antwort:
Zwischen "freiwilliger" Aufgabe (Krasniqi) und "aktiven
Bemühungen" um die eigene Disqualifikation (Green) kann - je
nach Psychostrickmuster und/oder aktueller Verfassung des Kämpfers
- eine Menge geschehen.
Übermotiviert
- nach dem Motto "Ich will das! Jetzt! So schnell wie möglich!"
- dürften beide Kämpfertypen schon vorab gewesen sein. Und "genervt"
(siehe die Beyer-Äußerung; der hat das gespürt) waren
beide ab einem bestimmten Punkt auch.
Der Unterschied
ist: Die Kämpfer gehen je nach Charakter, Temperament oder Befindlichkeit
anders damit um. Der eine Boxer powert sich weiter aus, bis er eben nicht
mehr kann; den anderen packt die blanke Wut. Bei Letzterem beobachten
wir dann diese sog. "Ausraster". Im Grunde sind beide Verhaltensweisen
ein Zeichen von Rat- und Hilflosigkeit. Anders ausgedrückt: Sowohl
Green als auch Krasniqi schafften es mental nicht, ab einem kritischen
Punkt den "Schalter umzulegen", einen Gang zurückzuschalten
und sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren: den sportlichen
Wettkampf. Denn ob ich nun eine Strategie, die offensichtlich wenig erfolgreich
ist, trotzdem weiter verfolge (Überpacen) oder aus dem jeweiligen
"Social Setting" mitsamt den Regeln aussteige (nichts anderes
ist ja ein Foul), ist von zweitrangiger Bedeutung. In beiden Fällen
habe ich die Kontrolle über die Situation abgegeben! Und im Falle
eines Kampfes eben auch den Sieg...
Neben solchen
motivationspsychologischen Überlegungen kann man auch interessante
Aspekte aus der Psychologie der Aggression heranziehen. Hier bietet das
- sachlich gesehen - völlig sinnfreie Hineinspringen von Wladimir
Klitschko in die Fäuste von Corrie Sanders ein gutes Beispiel.
Auch Klitschko verlor die Kontrolle über sich selbst. Genau das wurde
sein Verhängnis.
Der Punkt
ist der: Während eines Kampfes ist die "Aggressionsfähigkeit"
hoch. Das ist auch gut so! Probleme tauchen jedoch auf, wenn man die Kontrolle
darüber verliert; die Aggressionen nicht konstruktiv, nicht strategisch
einsetzt, um den Kampf mit durchaus wechselnden Strategien zu gewinnen.
Um das zu erreichen, sollte der "Kopf schön kühl"
bleiben. Gelingt das nicht, gerät das Ganze aus dem Ruder. Üble
Fouls wie Kopfstöße (auch Ohrenbeißen...) oder eine Art
Schulhofprügelei sind die Folge. Da geht es dann plötzlich eher
um unmittelbare Revanche, um das reine Ausleben von Aggressionen. "Kontrollverlust"
nennen wir das in der Psychologie.
Die sog.
Ausraster in Form von Fouls oder anderen unsinnigen Handlungen sind vor
diesem Hintergrund "nur" das traurige Ergebnis einer (manchmal
momentanen) Unfähigkeit, die Balance zwischen Aggression und Strategie,
zwischen Bauch und Kopf, herzustellen, um ein Ziel zu erreichen: den Sieg!
Der gezielte
und kluge Einsatz von Aggressionen ist in der Tat eine Sache für
sich; vielleicht sogar eine Kunst. Mit Sicherheit ist es eine schwierige
Gratwanderung, weil beim Boxen der ganze Mensch gefordert ist. Streng
genommen ist jeder Boxkampf eine Grenzsituation für Körper,
Psyche und Geist und die richtig dosierte Abstimmung zwischen ihnen. Um
das zu bewerkstelligen und zu verkraften bedarf es besonderer Fähigkeiten
und Gaben. Diese in jedem Kampf parat zu haben, dürfte illusorisch
sein.
Danny Green
hat sein Aggressionspotenzial destruktiv anstatt konstruktiv genutzt.
Dafür wurde er bestraft.
Franziska
Kelly ist Diplom-Psychologin, schreibt Krimis, Thriller, Kurzgeschichten
und ist Mitarbeiterin der Fachzeitschrift BOXSport.
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