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BP-Inside: Ruslan Chagaev -
der Fighter mit den zwei Profidebüts, aber nur einem WM-Titel
Bericht von Wolfgang Oswald
„Und hier der zweifache Weltmeister bei den Amateuren, Ruslan
Chagaev...“
Ringsprecher von Universum Box Promotion
Einmal Berufsboxer, immer Berufsboxer. Der Wechsel vom Amateurlager zu
den Professionals ist für viele gute Kämpfer mit einem großen
Risiko verbunden: Es gibt in den meisten Verbänden kein Zurück
zu den Sicherheiten, Verdienstmöglichkeiten oder Privilegien, die
man sich als Amateur bereits mühsam und hart erkämpft hat. Nach
dem Übertritt verlieren die Startberechtigungen für Ligavereine,
Turniere und Meisterschaften ihren Wert und sind automatisch Vergangenheit.
Mit dem Profidebüt fängt man bei Stunde Null an.
Dennoch gibt es Ausnahmen von der Regel. Ruslan
Chagaev (BP-Talent im Schwergewicht, auf Foto oben links)
ist ein solches Beispiel. Als Zwölfjähriger fing er in Taskent
(Usbekistan) bei einem Verein der „Trade Unions“ mit dem Boxsport
an. Das Gym war 1914 von Sid Jackson, einem amerikanischen Boxer, gegründet
worden. Schnell wurde er mehrfacher nationaler Meister und 1995 holte
er Bronze bei den Juniorenweltmeisterschaften. Ein Jahr später nahm
Chagaev mit erst 18 Jahren an der Olympiade in Atlanta teil. Dort verlor
er jedoch gegen seinen heutigen „Stallkollegen“ Luan
Krasniqi(BP-Nr. 10) in der Vorrunde mit 4:12.
Im Oktober 1997 folgte dann Chagaevs großer Durchbruch bei den Amateuren,
zunächst jedenfalls. Er besiegte in Ungarn den legendären Felix
Savon (Kuba) mit 14:4 und wurde Amateurboxweltmeister im Schwergewicht.
Doch sein Triumph stand von Anfang an unter keinem guten Stern. Das kubanische
Team protestierte heftig gegen die Ringrichterleistung und das Urteil.
Der mehrfache Weltmeister und Olympiasieger Savon war zweimal zu Unrecht
verwarnt und mit einem Punkteabzug bestraft worden. Assistenztrainer Julian
Gonzalez griff sogar den türkischen Ringrichter
Garip Erkuyumen tätlich an, der schon bei der sehr kontroversen
Punktniederlage von Ariel Hernandez gegen Zsolt
Erdei (BP-Nr. 6 im Halbschwergewicht)
negativ aufgefallen war. Selbst der kubanische Cheftrainer Sagarra
war außer sich vor Wut und wurde später für seine Beschimpfungen
der Funktionäre vom Amateurboxverband für zwei Jahre gesperrt.
1998 der große Schock: Ruslan Chagaev wurde der Weltmeisterschaftstitel
von 1997 wieder aberkannt. Es stellte sich heraus, dass er 1997 in den
Monaten August und September in den Staaten bereits Profiboxkämpfe
gegen Donnie
Penelton und Brian
Jones bestritten hatte. 500 Dollar soll er dafür damals
kassiert haben. „Ich war jung und ich hatte keine Ahnung, dass
es professionelle Fights waren“, entschuldigte sich der Usbeke
später. Die AIBA, der Amateurboxverband, reagierte verhältnismäßig
harmlos. Die beiden Profifights wurden als sog. Schaukämpfe „ausgelegt“
bzw. „verkauft“ und man sperrte Chagaev lediglich für
ein Jahr. Danach durfte der "Exprofi" wieder als Amateur antreten.
Dass er damals so glimpflich davon gekommen war, hatte er seinem Verbandspräsidenten
Gafur Rakhimov zu verdanken. Rakhimov hatte in dieser
Zeit einen erheblichen Einfluss in der europäischen Amateur-Boxszene
und auch entsprechende Boxkontakte nach Amerika. Sagarra hatte ihn 1997
bei der Weltmeisterschaft als Mafioso tituliert und der Usbeke wurde in
der Vergangenheit in der Tat in mehreren Fällen mit Verbrechen, Korruption
und Manipulation in Verbindung gebracht. Scheinbar nicht ganz unbegründet,
wenn man bedenkt, welche Prämien beispielsweise den usbekischen Boxern
bei der Olympiade 2000 versprochen worden sind. In Boxerkreisen munkelte
man von 100.000 Dollar für die Goldmedaille, 50.000 Dollar für
Silber und 25.000 Dollar für Bronze. Im Gegensatz zu seinem Landsmann
Mohamed
Abdulaev (BP-Nr. 19 im Superleichtgewicht) ging
Chagaev bei der Olympiade 2000 in Sydney jedoch leer aus. Im Viertelfinale
unterlag er mit 12:18 Vladimir Chantouria, dem Gewinner
der Bronzemedaille.
2001 machte er es bei der Weltmeisterschaft in Belfast besser. Als Superschwergewichtler
besiegte er im Finale eindrucksvoll und vorzeitig den Ukrainer Alex
Mazikin, der inzwischen ebenfalls Berufsboxer bei Universum
Box Promotion ist. Nach diesem Titelgewinn trat er ein zweites Mal zu
den Berufsboxern über und debütierte gegen Everett
Martin vor heimischem Publikum. Doch es sollte nicht sein
letztes Debüt bleiben. Er folgte seinem Landsmann Mohamed Abdulaev
nach Las Vegas (USA) und gehörte dort zu einem mehrköpfigen
Boxteam unter der Leitung von Kenny Adams, welches überwiegend
aus Boxern aus Usbekistan und Afrika bestand. Trotz mehrerer und kurzweiliger
Ringerfolge gab es Unstimmigkeiten mit den jeweiligen Promotoren. 2003
kam es zum Bruch der Usbeken Chagaev, Abdualaev und Kuvanych
Toygonbayev mit Top Rank bzw. dem gemeinsamen Manager Vlad
Wharton aus Sidney.
Diesen Umstand nutzte die Universum Box Promotion und verpflichtete Chagaev
und Abdulaev, auf die man bei diversen Sparringseinheiten in Las Vegas
aufmerksam wurde. Im November 2003 debütierte der Usbeke im Grunde
erneut und gab seinen erstmaligen Einstand in Deutschland. Selbstverständlich
als zweifacher Amateurweltmeister und „Savon-Schreck“. Seitdem
ist der schlagstarke und verheiratete Familienvater in der Rangliste auf
dem Weg nach oben und gilt bei vielen Experten als mögliche WM-Hoffnung
im Schwergewicht. Daher wenig verwunderlich und nachvollziehbar, dass
man seitens der Universum Box Promotion bei der Vermarktung die Siege
über Felix Savon und die beiden Weltmeisterschaften besonders hervorhebt.
Dass die zuständigen Moderatoren vom ZDF nur wenig Ahnung von der
Materie haben und es darum mit der Boxgeschichte nicht so genau nehmen
wollen, kann man gnädigerweise entschuldigen, selbst wenn das mit
seriöser oder informativer Berichterstattung wenig zu tun hat. Aber
dass die UBP-Webseite und ein erfahrener Ringsprecher wie Gerhard
Müller, der unter vielen Boxfans einen gewissen Kultstatus
besitzt, den Universum-Schützling noch immer als zweifachen Amateurboxweltmeister
verkaufen, lässt die Folgerung zu, dass UBP die Zuschauer und Fans
für dumm verkaufen will. Das muss doch nicht sein, denn schließlich
spricht der Amateurrekord von Ruslan Chagaev auch ohne Lüge für
sich: Weltmeister 2001, über achtzig Siege bei nur einer Handvoll
Niederlagen und noch nie vorzeitig gestoppt, das klingt mindestens genauso
aussichtsreich und gut. Darunter sogar noch ein wenig umstrittenerer Sieg
mit 7:2 bei einem Turnier in Bulgarien 1999 gegen eben jene Boxlegende
Felix Savon. Die deklassierende 1:9 Punktniederlage bei der Weltmeisterschaft
in Houston im selben Jahr gegen den Kubaner darf man natürlich gerne
verschweigen, kein Problem. Soviel „Fake“ der Amateurrekorde
ist schließlich legitim und im Boxgeschäft üblich.
Anmerkung des Autors: Bleibt nur zu hoffen, dass die zuständigen
Leute auch einmal bei wirklich ehrlichen Boxquellen wie BoxingPress recherchieren
und ihr Publikum mit umfangreichen und interessanten Details über
die Boxer versorgen möchten. Dann sieht man selbst mit dem Zweiten
vielleicht noch ein wenig besser. Aber gut, man sollte vielleicht nicht
zu viel verlangen. Inzwischen hat das ZDF wenigstens schon einmal einen
Vorkampf komplett gezeigt und über die Undercard ausführlicher
als sonst berichtet. Das ist ein Weg in die richtige Richtung und lassen
wir uns einfach überraschen, wie Universum Box Promotion ihre mögliche
Schwergewichtshoffnung Chagaev in Zukunft ankündigt.
Samstag,
14. Januar 2006
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