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BP-Inside:
"Skandälchen" im Sperrbezirk
Von Wolfgang Oswald

Ein
Sprichwort sagt: „Wenn zwei sich streiten, dann freut sich der Dritte.“
In Boxerkreisen ist der Dritte in der Regel der Promotor, der das meiste
Geld verdient und von den Zweikämpfen im Ring profitiert. Hinter
den Kulissen dagegen sieht die Sache manchmal schon ein wenig anders aus.
Besonders dann, wenn zwei angebliche Streithähne scheinbar gemeinsame
Sache machen.
Ein Beispiel dafür ist die jüngste Ersteigerung der Austragung
des EBU-Titelkampfes im Halbschwergewicht zwischen Herausforderer Kai
Kurzawa (Foto oben) und Titelverteidiger Stipe
Drews (BP-Nr. 13). Kurzawa ist bei der Sauerland
Event unter Vertrag, während Drews für die Universum Box Promotion
kämpft.
Beide Boxställe gaben darum bei der EBU, dem zuständigen Boxverband,
ihre Gebote ab, um die Auseinandersetzung ausrichten zu dürfen. Universum
bot die höchste Summe und erhielt damit den Zuschlag als Veranstalter
der besagten Begegnung. Dumm nur, dass sowohl Universum als auch Sauerland
Event scheinbar die geplante Rechnung ohne den berüchtigten Dritten
bzw. Wirt gemacht haben.
In Deutschland möchte sich nämlich seit kurzem die Elite Box
Promotion als weiterer Veranstalter etablieren. Und da Kai Kurzawa inzwischen
von Paddy Fitzpatrick trainiert wird, der bei Elite Boxing
beschäftigt ist, sollte es eigentlich keine Überraschung sein,
dass Elite Boxing bei der Versteigerung ebenfalls mitbot.
Zwar war die Angebotssumme des neuen Boxveranstalters am geringsten, dafür
aber die einzige Offerte, die dem Reglement der Europäischen Boxunion
entsprach. Die Regeln der EBU sehen vor, dass neben den Geldgeboten auch
eine schriftliche Bestätigung des jeweiligen nationalen Boxverbandes
als finanzielle Sicherheit vorliegen muss. Universum musste also eine
schriftliche Bestätigung des BDB (Bund Deutscher Berufsboxer) vorlegen,
in denen eine bestimmte Geldsumme für die Ausrichtung garantiert
wird. Gleiches galt für Sauerland Event mit dem Unterschied, dass
es sich in diesem Fall um den FVA (Faustkämpferverband Austria) handelt.
Sowohl Universum als auch Sauerland hatten jedoch bei ihrer Angebotsabgabe
eine solche Sicherheitserklärung nicht fristgerecht vorgewiesen.
Die Vorschrift der EBU besagt in diesen beiden Fällen eindeutig,
dass eine Offerte ohne diese Bestätigung nichtig und damit unwirksam
ist. Lachender Dritter hätte damit eigentlich Elite Boxing sein sollen,
deren Angebot nach den entsprechenden Vorschriften erfolgt ist.
Doch Pustekuchen, was das bisherige Ergebnis des sogenannten "Purse
Bid"-Verfahrens angeht. Der EBU war ihr eigenes Reglement entweder
egal oder unbekannt, denn sie erteilte wie erwähnt Universum trotz
des Verstoßes gegen Artikel 7 Absatz 6 den Zuschlag als Ausrichter
der Begegnung zwischen Drews und Kurzawa. Diese Handlungsweise wirft mehrere
Fragen auf:
Warum wurde von Sauerland und Universum die vorgeschriebene Erklärung
bzw. Sicherheit nicht vorgelegt? Warum kümmerte dieses Manko einen
so anerkannten und traditionsreichen Verband wie die EBU nicht? Weil sich
etwa die beiden Veranstalter inoffiziell darüber einig waren, wer
den Kampf veranstaltet und weil die Regeln der Boxverbände von den
Boxmanagern sowieso gerne "ausgehebelt" werden? Sind die Promotor
also gar mächtiger als ein Boxverband? Eigentlich sollte es ja umgekehrt
sein, schließlich hat sich die EBU in ihren Regeln selbst als unabhängige
Kontroll- und Schutzinstanz bezeichnet!
Noch schlimmer allerdings: Dieser Vorfall lässt die Vermutung zu,
dass Sauerland und Universum nicht das Bestmögliche für die
Interessen ihrer eigenen Boxer einsetzen wollen. Wie sonst könnte
man den Fauxpas mit dem fehlenden Sicherheitsnachweis erklären? Übliche
Praxis, einmaliges Missgeschick oder vielleicht sogar menschliches Augenblicksversagen,
noch dazu von mehreren Beteiligten mit einer einzigen Ausnahme, der Elite
Boxing Promotion?
So viele Zufälle gibt es bekanntlich nur selten im Alltag. Ist es
vielmehr nicht wahrscheinlicher, dass sich Sauerland und Universum hinter
den Kulissen bereits einig darüber waren, wer den Kampf ausrichtet,
die Angebote bei der EBU nur pro forma gemacht wurden und man aus reiner
Bequemlichkeit nicht mit einem dritten Anbieter gerechnet hat? Oder ist
diese schlampige Verfahrensweise „nur“ ein Indiz für
die herrschende und unzulängliche Einstellung der einzelnen Boxfunktionäre,
die vom Einsatz nicht ordnungsgemäß lizenzierter Punktrichter
(so geschehen z.B. bei Evander Holyfield gegen Lennox
Lewis oder James Toney gegen Dave Tiberi)
bis hin zur Nichtbeachtung medizinischer Suspensionslisten oder Gewichtsgrenzen
(Arturo Gatti gegen Joey Camache) reicht?
Ein besonders fader Beigeschmack bleibt dabei für Kai Kurzawa bestehen.
Erst kürzlich hat er sich vom etablierten Sauerland-Trainer Manfred
Wolke getrennt und ist zu Paddy Fitzpatrick von Elite Boxing
gewechselt. Die unzureichende Sauerland-Offerte, was die Höhe der
Summe und die Formalitäten betraf, also eine Art indirekte Retourkutsche
des Promotors? Sauerland bringt man ja irgendwie immer ein wenig mit der
deutschen Gründlichkeit in Verbindung. Unter Umständen gilt
das ja auch, wenn ihm so etwas wie mangelnde „Linientreue“
sauer aufstößt?
Auf alle Fälle fühlen sich bei dieser kleinen Anekdote aus dem
Boxgeschäft Kritiker wie Joseph Spinelli sicher
bestätigt. "Profiboxen ist ein Sport, den man schützen
muss - vor sich selbst." Tja, was wäre das Boxerleben ohne einen
Promotor? Schwer vorstellbar. Niemand wäre da, um all die Probleme
zu lösen, die es ohne Promotor gar nicht geben würde. Und was
von den unzähligen Berufsboxverbänden wie eben der EBU, der
WBO usw. zu halten ist, hat 1993 schon der damalige Weltmeister
Riddick Bowe eindrucksvoll demonstriert. Der unumstrittene Champion
der Verbände WBA, WBC und IBF warf den WBC-Gürtel vor laufender
Kamera in die Mülltonne. Wie fragte einst schon Budd Schulberg:
„Was hat einen so feinen Sport in ein schmutziges Geschäft
verwandelt?“ - „Geld.“
Nun gilt es also abzuwarten, wie die EBU mit dem eingelegten und begründeten
Protest der Elite Box Promotion gegen das EM-Versteigerungsergebnis verfährt.
Die Regeln lassen jedenfalls nur eine logische Konsequenz zu: Die „alten
Hasen“ Sauerland und Universum sind mangels nichtiger Offerte aus
dem Auktions-Rennen ausgeschieden. Sieger und Ausrichter der Europameisterschaft
zwischen Drews und Kurzawa kann demnach nur „der schlaue Igel“
namens Elite Boxing sein. Nach dem Motto: „Wer zuletzt lacht..?“
PS: Universum hat die Vorwürfe zurückgewiesen und erklärt,
dass alle erforderlichen Unterlagen bei der EBU vorgelegt wurden und der
Protest jeglicher Grundlage entbehrt. Allerdings behauptete Universum
ja auch schon einmal, dass für Luan Krasniqi im
April 2006 ein internationaler Topgegner verpflichtet wird. Heraus kam
dann David Bostice. Von der EBU und Sauerland Event gab
es bislang keine offizielle Stellungnahme zu dieser Sache.
Anmerkung:
Nachfolgend die offizielle Presseerklärung von Elite Box Promotion
als Ergänzung:
Elite Box Promotion legt Protest gegen EM-Versteigerungsergebnis ein!
Die Elite Box Promotion hat bei der European Boxing Union (EBU) Protest
gegen das Versteigerungsergebnis für den Europameisterschaftskampf
im Halbschwergewicht zwischen Stipe Drews und Kai Kurzawa eingelegt. Die
Beschwerde des Berliner Promoters über das Ergebnis der so genannten
"Purse Bid" ging dem europäischen Verband gestern per Fax
und gleichzeitig per Brief zu.
"Die EBU schreibt in ihrem Regelwerk unter 'Artikel 7 Absatz
G' vor, dass neben dem Gebot zur Ersteigerung des Kampfes jeweils eine
Bestätigung des nationalen Verbandes vorliegen muss, in der erklärt
wird, dass der Veranstalter eine finanzielle Sicherheit hinterlegt hat.
Doch bei der European Boxing Union lag zum Zeitpunkt der Versteigerung
weder die Bestätigung für die Universum Box Promotion GmbH noch
für die Sauerland Event GmbH vor", erklärt Herr
Zamboni, Geschäftsführer der Elite Box Promotion GmbH.
"Das Reglement des europäischen Verbandes ist in diesem
Fall eindeutig. Ohne das Dokument der nationalen Föderation ist es
null und nichtig", fährt er fort. Zwar hätte der Promoter
aus der Hansestadt Hamburg die höchste Summe geboten, doch aufgrund
der fehlenden Erklärung durch den Bund Deutscher Berufsboxer sei
das Gebot ungültig. Damit hätte die Sauerland Event GmbH zum
Zuge kommen können. Da aber auch diese Erklärung, die im Falle
des renommierten Boxstalls durch den Faustkämpferverband Austria
zugestellt hätte werden müssen, nicht vorlag, könne auch
dieses Gebot nicht in Betracht gezogen werden.
"Die Elite Box Promotion hat zwar weniger als die beiden anderen
Interessenten geboten, doch im Gegensatz zu den anderen Bietern die erforderliche
Sicherheitsbestätigung fristgerecht bei der EBU eingereicht. Deshalb
gehen wir davon aus, dass wir den Europameisterschaftskampf im Halbschwergewicht
wie ursprünglich von uns geplant am 27. Mai austragen werden. Veranstaltungsort
ist Chemnitz. Hier hätte der dort aufgewachsene Kai Kurzawa ein echtes
Heimspiel. Die European Boxing Union wird dem Protest zustimmen müssen,
schließlich beruht er auf dem eigenen Regelwerk des Verbandes",
fährt der Geschäftsführer abschließend fort.
Freitag,
31. März 2006
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