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BP-Inside:
Die Amateurboxweltmeister 2007
- Der Bericht
von Wolfgang Oswald

Vom
22.10.2007 bis zum 03.11.2007 fand in Chicago die Boxweltmeisterschaft
der Amateure statt. Bei einem Teilnehmerrekord von 569 Sportlern kam es
zwangsläufig zu einigen Favoritenstürzen und Überraschungssiegen
in den Vorrunden, vor allem wegen ungünstiger Auslosung, aber auch
wegen guter Boxleistungen der sogenannten „Underdogs“. Hier
die einzelnen Finalergebnisse:
48 kg - Halbfliegengewicht
Erwartungsgemäß hatte sich der „große“ Zou
Shiming aus China, seines Zeichens Olympiadritter 2004, Weltmeister
2005 und Asienmeister 2006, bis ins Finale durchgeboxt. Auf der Strecke
dagegen waren Topfavoriten wie Vizeweltmeister Pat Bedak
(HUN), der WM-Dritte von 2005 Birzhan Zhakipov (KAZ)
und Europameister David Ayrapetan (RUS) geblieben. So
erkämpfte sich Harry Tanamor (PHI) durch unerwartete
Siege über den Amerikaner Luis Yanez oder Sherali
Dostiev (TDK) mit seinen langen Armen und guten Konteranlagen
die Chance auf WM-Gold. Shiming (34) allerdings machte ihm trotz seines
Alters schließlich einen Strich durch die Rechnung. Wie ein Kubaner
boxte er Tanamor auf schnellen Beinen aus und gewann mit 17:3.
Gold: Zou Shiming (CHN)
Silber: Harry Tanamor (PHI)
Bronze: Amnat Ruanroeng (THA), Nordine Oubaali (FRA)
51 kg - Fliegengewicht
Hier standen sich am Schluss mit dem schlagschnellen Raushee Warren
(USA, WM-Dritter 2005) und dem hochaufgeschossenen Sonjit Jonjohor
(THA, Weltmeister 2003) zwei im Vorfeld hochgehandelte Boxer gegenüber,
die ihrer Favoritenrolle letztendlich gerecht wurden. Schließlich
hatte Warren (21) u.a. den zweifachen Europameister Georgiy Balakshin
(RUS) und den starken Samir Mammadov (AZE, Vize-EM 2006)
ausgeschaltet. Der Thailänder dagegen setzte sich beispielsweise
gegen Mirat Sarsenbayev (KAZ, WM-Dritter 2005) durch.
Im Endkampf ging der Amerikaner nach den ersten beiden Runden mit 10:4
in Führung und rettete seinen Vorsprung über die Zeit. Eine
clevere Taktik gegen den Distanzboxer Jonjohor, der es nicht gewohnt ist,
einem Rückstand hinterherzulaufen und hier Probleme mit seinem Boxstil
und seiner Boxtechnik hat.
Früh ausgeschieden: Ronny Beblik (GER) gegen Jitender
Kumar (IND)
Gold: Raushee Warren (USA)
Silber: Sonjit Jonjohor (THA)
Bronze: Vincenzo Picardi (ITA), Samir Mammadov (AZE)
54 kg - Bantamgewicht
Die heißesten Medaillenkandidaten wie Worapoj Petchkoom
(THA, Olympiazweiter), Rustam Rahimov (GER, Vizeweltmeister
und Olympiadritter), Joan Tipon (PHI) oder Ali
Hallab (FRA, WM-Dritter) blieben früh im Turnierverlauf
auf der Strecke. Seine diesjährige starke Form unterstreichen konnte
jedoch der junge Rechtsausleger und Vizejunioren-Weltmeister von 2004
Sergey Vodopyanov (RUS). Er setzte sich mit guten Siegen
bis zum Finale durch, ähnlich wie sein Endkampfgegner, der gefährliche
Asienmeister Enkhbat Badar-Uugan (MGL). Entsprechend
ausgeglichen und offen verlief dann auch die Begegnungen zwischen diesen
beiden Kontrahenten. Der Russe und der Mongole waren sich ebenbürtig,
zuerst führte Vodopyanov, dann Badar-Uugan. Am Ende hatte der russische
Newcomer mit 16:14 die berühmte Hand mehr im Ziel.
Gold: Sergey Vodopyanov (RUS)
Silber: Enkhbat Badar-Uugan (MGL)
Bronze: McJoe Arroyo (PUR), Joseph Murray (ENG)
57 kg - Federgewicht
Seinen Favoritenstatus bestätigte der Europameister Albert
Selimov (RUS), der im Vorfeld u.a. den Deutschen Marcel
Herfurth aus dem Turnier rausgeworfen hatte. Im Finale traf er
auf Vasyl Lomanchenko (UKR). Ausgeschieden im Laufe des
Turniers dagegen hocheingeschätzte Meister wie Shahin Imranov
(AZE), Khedafi Djelkhir (FRA) oder Alexey Shaidulin
(RUS/BUL). Selimov bewies dagegen, dass er ein Topkönner seines Faches
ist. Mit hängenden Fäusten, beeindruckenden Boxfertigkeiten
und in der Rechtsauslage schaltete er Lomachenkos Stärken wie Schlaggeschwindigkeit
und schnelle Kombinationen aus. Lediglich in der zweiten Runde konnte
der Ukrainer dagegenhalten. Am Schluss gewann Selimov mit 16:11.
Gold: Albert Selimov (RUS)
Silber: Vasyl Lomanchenko (UKR)
Bronze: Yakup Kilic (TUR), Li Yang (CHI)
60 kg - Leichtgewicht
Zu einer Sensation kam es im Halbfinale: Frankie Gavin
schlug den seit Jahren ungeschlagenen Superstar Alexey Tishchenko,
seines Zeichens amtierender Europa- und Weltmeister sowie Olympiasieger,
mit 19:10. Ebenfalls etwas unerwartet, wenngleich auch nicht so überraschend,
der Sieg des schlagstarken Italieners Domenico Valentino
(EM- und WM-Dritter) über den Vizeolympiasieger 2004 Kim
Song Guk (PRK). In der Vorrunde sang- und klanglos ausgeschieden:
Artur Schmidt (GER) gegen den Thailänder Pichai
Sayota. Im letzten Durchgang standen sich also Gavin und Valentino
gegenüber. Gavin konnte an seine starke Form aus dem Halbfinale anknüpfen,
gewann jede Runde und „dominierte“ den gefährlichen Italiener
schließlich mit 18:10.
Gold: Frankie Gavin (ENG)
Silber: Domenico Valentino (ITA)
Bronze: Alexey Tishchenko (RUS), Kim Song Guk (PRK)
64 kg - Halbweltergewicht
Ebenfalls sensationell das frühe Ausscheiden des Olympiasiegers von
2004, Manus Boonjumnong (THA) gegen den großgewachsenen
und sperrigen Japaner Masatsugu Kawachi. Im Halbfinale
allerdings schaffte Kawachi keinen weiteren Überraschungscoup mehr.
Weltmeister und Titelverteidiger Serik Sapiyev (KAZ)
deckte klar seine Grenzen mit guter Fußarbeit und seinem variablen
Boxkönnen auf und gewann vorzeitig. Sein Finalgegner sollte der bärenstarke
Genadi Kovalev (RUS) sein, der im Kampf um Gold jedoch
gegen den Kasachen völlig überfordert war und mit 5:20 „unterging“.
„Lospech“ hatte Martin Dressen (GER) in der
Vorrunde. Er wurde vom amtierenden Europameister und Olympiadritten Boris
Georgiev (BUL) nach Hause geschickt.
Gold: Serik Sapiyev (KAZ)
Silber: Genadi Kovalev (RUS)
Bronze: Masatsugu Kawachi (JAP), Bradley Saunders (ENG)
69 kg - Weltergewicht
Ein starkes Turnier boxte der junge Amerikaner Demetrius Andrade
(USA), der gute Leute wie Jack Robert Culcay (GER) im
Viertelfinale oder Magomed Nurutdinov (BLR) mit klaren
Punktsiegen bezwang und sich so ins Finale kämpfte. Wiedergutmachung
für seinen älteren und früh ausgeschiedenen Bruder bot
Manon Boonjumnong (THA), der Andrades Endgegner sein
sollte. Unerwartet ausgeschieden: Bakhyt Sarsekbayev
(KAZ) gegen den Bronzegewinner aus China und Europameister Andrey
Balanov (RUS) gegen Boonjumnong (THA). Das Finale gegen Boonjumnong
gewann Andrade dann verdient, denn der Thailänder zeigte während
des Turniers hin und wieder einige Schwächen und durchwachsene Leistungen.
An den Vorstellungen des Amerikaners gab es weniger zu meckern. Nach der
ersten Runde führte er bereits mit 10:1. In der zweiten Runde wurde
der Thailänder wegen einer Verletzung aus dem Kampf genommen.
Gold: Demetrius Andrade (USA)
Silber: Manon Boonjumnong (THA)
Bronze: Adem Kilici (TUR), Hanati Silamu (CHN)
75 kg - Mittelgewicht
Gewohnt stark präsentierte sich der amtierende Europa- und Weltmeister
Matver Korobov (RUS), der in der Rechtsauslage boxt,
aber auch eine Menge Kraft in seiner Rechten besitzt. Seine Führhand
ist überhaupt seine stärkste Waffe. Er gebraucht sie entweder
als doppelten Jab oder als Abschluss einer Schlagserie, beginnend mit
der langen Linken. Wahrlich keine leichte Aufgabe also für den talentierten
Finalgegner Alfonso Blanco (VEN), der im Halbfinale den
Mitfavoriten und Olympiasieger Bakhtar Artayev (KAZ)
ein Bein stellen konnte. Für den Deutschen Konstantin Buga
kam das Aus ebenfalls gegen Alfonso Blanco (VEN), der
wiederum gegen Korobov im Kampf um Gold klar mit 4:29 den Kürzeren
zog. Lediglich in der ersten Runde konnte Blanco den Kampf noch einigermaßen
offen gestalten. Ab der zweiten Runde jedoch war er eindeutig der unterlegene
Mann.
Gold: Matver Korobov (RUS)
Silber: Alfonso Blanco (VEN)
Bronze: Bakhtar Artayev (KAZ), Sergey Derevyanchenko (UKR)
81 kg - Halbschwergewicht
Souverän bis ins Finale boxte sich erwartungsgemäß Artur
Beterbiyev (RUS) mit seinem ökonomischen Stil und seinem
ausgezeichneten Jab. Dort traf er auf den kleinen Abbos Atoyev
(UZB), der eine traditionelle Boxtechnik pflegt. Ohne Medaille dagegen
blieben hochgehandelte Favoriten wie Vizeeuropa- und Vizeweltmeister Ismail
Syllakh (UKR) oder Asienmeister 2006 Dzhakhon Kurbanov
(TDK). Gottlieb Weiss (GER) musste seine Medaillenträume
nach einer Niederlage gegen den Chinesen Xiaoping Zhang
(CHN) begraben. Im letzten Kampf des Turniers in dieser Klasse gab es
wieder eine kleine Überraschung. Der Asienmeister von 2007 Atoyev
bezwang tatsächlich den favorisierten Russen knapp mit 20:17. Atoyev
hatte 2007 zwar ein erfolgreiches Jahr mit einigen Turniererfolgen, verlor
aber auch schon gegen Ismail Syllakh (UKR) mit 5:24 beim
diesjährigen Klitschko-Cup. So kam der Gewinn der Weltmeisterschaft
für den Usbeken zumindest aus Expertensicht sehr überraschend.
Nach der dritten Runde war der Punktestand zwischen Beterbiyev und Atoyev
noch ausgeglichen, doch in der Schlussrunde konnte der Usbeke drei Punkte
mehr darauf setzen, was zum Sieg und damit zu Gold reichte.
Gold: Abbos Atoyev (UZB)
Silber: Artur Beterbiyev (RUS)
Bronze: Daugirdas Semiotas (LTU), Yerkabulan Shinaliev (KAZ)
91 kg - Schwergewicht
Einen Topmann und Ersatz für Roman Romanchuk (der
Differenzen mit der russischen Teamleitung haben soll) haben die Russen
mit dem Militärweltmeister 2006 Rakhim Chakhiyev
gefunden. Er warf starke Leute wie Elchin Alizade (AZE)
aus dem Rennen, während sein Finalgegner Clemente Russo
(ITA) unter anderem den Mitfavoriten Alexander Povernov
(GER, Bronze WM 2005, Bronze EM 2006) bezwang, der ihn bei der diesjährigen
EM noch besiegen konnte. Rausgeflogen auch Europameister Dennis
Poyatsika (UKR), der bei der EM durch seine vorzeitigen Siege
auf sich aufmerksam gemacht hat. Und auch in dieser Klasse gelang dem
vermeintlichen Außenseiter im Finale eine Überraschung. Rakhim
Chakhiyev kam gegen Clemente Russo ins Straucheln und verlor hauchdünn
mit 6:7. Dabei hatte der Russe vor dem letzten Gong noch mit 6:3 geführt.
In der Schlussrunde jedoch setzte Russo alles auf eine Karte und Chakhiyev
kam mit 0:4 unter die Räder.
Gold: Clemente Russo (ITA)
Silber: Rakhim Chakhiyev (RUS)
Bronze: John M'Bumba (FRA), Nijati Yushan (CHN)
+91kg - Superschwer
In dieser Klasse schafften es mit Rechtsausleger Roberto Cammarelle
(ITA, Olympiadritter 2004, WM-Dritter 2005) und Viacheslav Glazhov
(UKR, AhmetComerCup-Sieger 2007)
zwei Topfavoriten ins Finale. Cammarelle konnte sich sogar über zwei
kampflose Siege freuen, da sowohl sein Halbfinalgegner Islam Timurziev
(RUS, Europameister 2006) als auch sein Viertelfinalgegner David
Price aus England vom Arzt keine Starterlaubnis erhielten. Immerhin
gelang dem Italiener im Viertelfinale ein Punktsieg über Mitfavorit
Kubrat Pulev (BUL), während Glazhov neben dem chinesischen
Riesen Zhilei u.a. den Militärweltmeister 2006 Jaroslav
Jaksto (LTU) besiegte, der den Deutschen Stefan Köber
aus dem Turnier geworfen hatte. Wie sein Landsmann Russo schaffte es auch
Cammarelle in der letzten Runde noch einmal Gas zu geben und seinen Vorsprung
auf 24:14 auszubauen.
Gold: Roberto Cammarelle (ITA)
Silber: Viacheslav Glazhov (UKR)
Bronze: Islam Timurziev (RUS), Zhang Zhilei (CHI)
Fazit
Erfreulich wenig umstrittene Urteile gab es bei diesem Turnier, wenngleich
sich vereinzelte Meinungsverschiedenheiten über einen Boxkampf allein
aufgrund der Natur des Boxsports nie völlig vermeiden lassen. Auffällig
allerdings, dass besonders die erste Runde wichtig ist, um einen Kampf
zu gewinnen. Wer die ersten Minuten als Boxer „verschläft“
oder schnell in Rückstand gerät, tut sich schwer, den Rückstand
wieder aufzuholen. Überraschend auch, dass zwei russische Boxer im
Finale ausgerechnet in der Schlussrunde das Heft aus der Hand gaben. Wie
erwartet schnitt trotzdem Russland als beste Boxnation ab, wenngleich
auch etwas weniger dominant wie „befürchtet, gefolgt von China
und den USA. Dicht dahinter Kasachstan, England und Italien. Das man im
Amateurboxen eine Menge mit entsprechender Investitions- und Aufbauarbeit
erreichen kann, bewiesen England und China. Verständlich, als Ausrichter
der nächsten Olympiade wollte China schließlich ein starkes
Boxteam präsentieren und die Engländer haben aus ihrem „schlechten“
Abschneiden bei Olympia 2004 die Konsequenzen gezogen. Jetzt konnten beide
Nationen bereits bei dieser WM die ersten Früchte ihrer Arbeit ernten.
Dienstag,
06. November 2007
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