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BP-Kommentar:
Boxen macht blöd
- Über den Niveauverfall diverser Boxexperten
von Wolfgang Oswald
Boxen?
Da ist doch nichts dabei! Hauen und schlagen kann schließlich jeder,
meinen viele und so plappern sie alle munter darauf los, wenn es um Boxer,
Kämpfe und Können geht.
Ein Boxforen-User: „Maske schwitzt schon beim Einmarsch wie
'ne Sau, ich geb ihm 'ne halbe Runde gegen den Hill.“
Ein gutbezahlter ZDF-Sportmoderator dagegen schwärmt von weithergeholten
Schwingern und stuft solche „Anfängerfehler“ fälschlicherweise
schon mal als Spezialität eines Boxers ein.
Einem RTL-Kollegen macht es nicht viel aus, wenn ein WM-Herausforderer
durch den Ring stolpert und beim Angriff seine Balance verliert. Das passiert
eben, wenn hinter Schlägen eine ganze Menge Wucht steckt, meint jener
Boxexperte lapidar und verkennt dabei, dass das Halten des Gleichgewichts
zu den elementarsten Grundlagen im Boxen gehört. Und eine Prominente,
die vom Moderator verzückt als Boxexpertin vorgestellt wird, weil
sie schon so viele Kämpfe miterlebt hat, weint gar bittere Tränen,
wenn der Weltmeister um seinen verdienten Knockout gebracht wird, weil
der Herausforderer in der Rundenpause freiwillig aufgibt. Was sollen da
erst die armen Schaulustigen am Unfallort sagen, wenn es keine Toten oder
blutüberströmten Schwerverletzten zu begaffen äh bestaunen
gibt?
Ein Boxforen-User: „Ich habe fast alle Runden mit 10:10 gewertet.
Der Herausforderer war zwar besser, aber der Champion hat halt den Meisterbonus
bei den Punktrichtern!“
Tja, die Boxregeln sind ja so einfach und passen auf eine einzige Schautafel,
die vor dem Kampf im TV eingeblendet wird. Kein Wort über die zig
Ausnahmen und Sonderfälle. Mitpunkten kann also jeder. Man muss schließlich
nur die Treffer zählen. Wer die meisten hat, gewinnt. Und wenn ein
Schlag daneben geht, drückt man eben ein Auge zu. Überhaupt
sieht man auf einem Auge eh besser, wenn es nach dem bekannten ZDF-Slogan
geht. Wen wundert es da noch, dass bald schon jeder Kampf strittig und
jedes Urteil ein Skandal ist? Der eine hält den Rückzug eines
Boxers für einen genialen Schachzug und höchste taktische Finesse,
der andere sieht darin lediglich eine feige Flucht. Und genau das ist
der springende Punkt. Beim Boxen kann jeder mitreden, selbst wenn er keinen
blassen Schimmer von der Materie hat. Alles nur Auslegungssache und bis
zehn zählen kann jeder! Ähnlich gehaltvoll und oberflächlich
verlaufen dann auch die Kampfbesprechungen und Boxanalysen im Internet.
Wenn es dem Prospect nicht gelingt, das Fallobst auf die Bretter zu schicken,
zeugt das gleich von mangelnder Schlagkraft. Oder wackelt ein Boxer nach
einem vermeintlich schwächeren Treffer spricht das automatisch für
mangelnde Nehmerqualitäten.
Disput zweier Boxforen-User:
„Meiner boxt deinen schwindlig, bis deiner kotzt!“
„Blödsinn, meiner haut einfach solange drauf, bis deiner
kotzt!“.
Nicht so wichtig, ob der Boxbeobachter genau ins Schwarze trifft, ob er
die individuellen Verhältnisse berücksichtigt, die von Kampf
zu Kampf, von Boxer zu Boxer verschieden sind. Hauptsache, er wird schnell
seine Bemerkung los, ob irgendeine Boxerweisheit, ein altkluges Besserwisser-Statement,
eine abgedroschene Phrase oder einfach eine billige Provokation. Wichtig
ist nur, dass man seine Meinung lautstark und mit hocherhobenen Händen
„verkauft“. Manche lassen sich eben schon mit Halbwissen und
bescheidenen Kenntnissen ins Bockshorn jagen oder beeindrucken. Da fällt
es auch nicht so auf, wenn ein ZDF-Moderator nach der ersten Runde von
einem gleichwertigen Fight eines Luan Krasniqi gegen
Tony Thompson sprach. Ganz anders als der feige Lamon
Brewster gegen Wladimir Klitschko, der nach
besagter Moderatorenmeinung nur zum Abkassieren gekommen war und chancenlos
aufgegeben hatte. Ein paar Runden später ereilte Krasniqi bekanntlich
ein ähnliches Schicksal. Künstlerpech und fehlgeschlagene Konkurrenzschelte
seitens des Kommentators.
Ein Boxmoderator: „Der Boxer hat vom Ringrichter in der Rundenpause
den Punktestand erfahren.“
Zum Glück trennt sich auf Dauer für gewöhnlich die Spreu
vom Weizen und irgendwann rächt es sich, wenn angebliche Autoritäten
inhaltslose Stammtisch-Parolen ohne fundiertes und sachliches Wissen zum
Besten geben. Plötzlich schauen fanatische Groupies dumm aus der
Wäsche, wenn ausgerechnet der Lieblingsboxer etwas macht, womit niemand
gerechnet hat. Dann ist das Geschrei groß, man schüttelt fassungslos
den Kopf und glaubt tatsächlich, dass Dramen wie das Abraham-Massaker,
die Schulz-Posse oder die diversen Klitschko-Verschwörungs-Rachen-Fehden
in der Boxhistorie einmalig seien. Dabei sind diese Geschichtchen so alt
wie der Boxsport selbst und die echten Boxexperten wundern sich lediglich
darüber, wie leicht die Leute immer noch zu beeinflussen sind, sich
zottelige Bären aufbinden lassen und wie wenig sich im Grunde seit
Dempsey & Co. geändert hat.
Seltsam, auf der einen Seite ist Boxen angeblich ein Sport der primitiven
Leute und ebenso primitiv zu erlernen. Alles was man braucht, sind zwei
Fäuste, Gerade, Haken und ein Halleluja. Auf der anderen Seite soll
Boxen aber auch eine Metapher fürs Leben sein und Intellektuelle
vergleichen die Ring-Schlägerei gerne mit Schach. Ganz zu schweigen
von der ganzen Ästhetik, die ein schweißnasser Pugilisten-Körper
versprüht. Obwohl der Insider weiß, dass die meisten Boxerfrauen
erst auf eine Dusche bestehen, bevor sie ihren wackeren Kämpfer liebkosen.
Also irgendwie scheint er doch nicht so einfach zu sein, der Boxsport,
wenn sich so viele „kluge“ Geister daran streiten. Kein Wunder,
dass der Ring im Boxgeschäft Ecken hat und ein Jab nicht unbedingt
immer das Gleiche ist wie eine gerade Führhand.
Die Besserwisser, Groupies und andere Koryphäen allerdings gucken
eifrig über die kleinen, aber feinen Unterschiede hinweg und reimen
sich die Dinge zusammen, wie es ihnen am besten passt. Das hat schon fast
etwas von „Speakers' Corner“ an sich, eine Ecke im Londoner
Hyde Park, wo einst Henker ihres Amtes walteten und heute Redner und Zuhörer
sich verbal und zur allgemeinen Belustigung an die Gurgel gehen. Eine
Irrenanstalt oder der dynamischste Spiegel des menschlichen Bewusstseins
auf dieser Welt? Vielleicht liegt die Antwort in der Mitte. Ein junger
Mann kletterte dort einst auf einen Zaun und hielt sich an einer Laterne
fest. Minutenlang plapperte er in einem Kauderwelsch, das keiner verstand
und gestikulierte dabei besonders passioniert. In seiner Rede waren albanische,
deutsche, russische und gelegentlich englische Worte auszumachen, auch
mal ein lateinisches. „Was sprichst du da überhaupt?“
brüllte ein Zuhörer. „Du solltest Kloputzer werden
bei dieser ganzen Scheiße, die du da verzapft“, schrie
ein anderer. So viel über das Niveau des Publikums. Aber nun begann
der junge Mann gänzlich Englisch zu sprechen. Er erklärte, dass
er bisher nur Sprachsalat von sich gegeben hatte, weil er zeigen wollte,
wie bedeutungslos die Kommunikation manchmal sein kann. Ein interessanter
Ansatz, der sofort und jäh mit „Halt's Maul!“ unterbrochen
wurde.
„Speakers Corner“ - einst sprachen hier die zum Tod Verurteilten
ihr letztes Gebet bzw. ihr letztes Wort. Und um mehr als das letzte Wort
scheint es heute bei den ganzen Diskussionen gar nicht mehr zu gehen.
Schade eigentlich, denn das führt gelegentlich dazu, dass die wenigen
echten Kenner sich allmählich zurückziehen und vor den ständig
wiederkehrenden Worthülsen und Endlosschleifen kapitulieren. Kein
Wunder, wenn Journalismus und Expertentum auf wirklich wichtigen Gebieten
wie Gesundheit, Familie, Frieden etc. genauso funktioniert und kindergartengleich
abläuft wie bei der Boxberichterstattung, den Boxdiskussionen und
Analysen, dann ist ein „Time to say good-bye!“ wohl am angebrachtesten.
Samstag,
11. August 2007
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