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Der Boxingpress-Kommentar:
Box-Events der anderen Art...
von M. Kurt Saygin

(24. Februar, 2002)

Boxveranstaltungen drehen sich heutzutage auch in Deutschland längst nicht mehr nur ums Boxen. Nach Henry Maske und Axel Schulz sind sie den Kinderschuhen entwachsen und wurden zu ausgereiften gesellschaftlichen Events. Wen sieht man dort nicht alles? Gina Wild ist Co-Kommentatorin, Rudolf Schenker (Scorpions-Gitarrist) und Martin Semmelrogge (Schauspieler) werden vom übertragenden Fernseh-Sender interviewt und nach ihrer "fachkundigen" Meinung über den bevorstehenden Kampf gefragt. Man sieht von Musik-Promotern gepushte Sternchen, die sich mit aufgesetztem Lächeln im Sturzflug vor jede Kamera werfen, egal, wer sie hält, bloss, um abgelichtet zu werden.

Was und wer darunter leidet, sind der Sport und der Fan. Die Qualität der Ereignisse im Ring lässt oftmals zu wünschen übrig, Kampfrichterentscheidungen sind manches Mal nur mit viel Phantasie nachvollziehbar und einige der Vorkämpfer sind ihrem unkonventionellen Stil nach zu urteilen nur schwer als Boxer vorstellbar. Wohin also gehen, als unbedarfter Boxfan, der sich ab und zu gerne einfach einen entspannten Abend bei guten Kämpfen machen möchte, ohne dabei automatisch zu den Amateuren gehen zu müssen? In den USA sind "Every-Saturday-Evening-Boxing"-Sporthallen fester Bestandteil jeder grösseren Stadt, aber wie sieht es in Deutschland aus?

Beim lokalen Boxabend in Berlin, veranstaltet von Ralf Reiser, fühlte man sich am vergangenen Wochenende in der Zeit zurückversetzt. 500 Gäste, von denen sich viele persönlich zu kennen schienen, bewirkten eine recht familiäre Atmosphäre. Es mangelte natürlich an Musikstars, leicht bekleideten Mädchen in Gegenwart weit älterer Männer und auch Schauspieler fehlten, aber recht vermissen wollte sie eigentlich keiner. Denn die Liste der anwesenden Box-Prominenz las sich fast wie ein "who-is-who" des deutschen Boxsports: Ulli Wegner, Fritz Sdunek, Cengiz Koc, Werner Kastor und viele andere Trainer, Boxer, Ex-Trainer und Ex-Boxer. Vielleicht war deren Anwesenheit ein Beleg für die hohe Qualität als auch für die sportliche Fairness der Kämpfe in Berlin.

Es kam zu Ereignissen, die ausschliesslich Groß-Events gewöhnten Boxfans vielleicht befremdlich erscheinen mögen. Diese Veranstaltung hatte den Charakter der Kleinring-Veranstaltungen aus "Rocky I", die mancher deutsche Boxfan vielleicht einmal erleben möchte. Es begann bereits mit einem Aufruf des Veranstalters an die Boxer, den Ring zu betreten: "Wir rufen in die rote Ecke...." [... Es folgte ein Knistern im Mikrofon und zwei Sekunden Pause...] "Na gut, von mir aus! Also, wir rufen jetz in die BLAUE Ecke, denn ich bin ja flexibel und Du reg Dich nicht gleich auf...."

Auch die Sportler schienen z.B. die Gesetze der Fairness anders verstanden zu haben, als Großevent-Boxer. So kam es im spannenden Kampf zwischen Oganes Owsepian gegen Zsolt Botos zu einem Tiefschlag seitens Botos. Aber anstatt ein Drama in mehreren Akten zu inszenieren, ging man mit diesem Tiefschlag vollkommen anders um: Der "Übeltäter" Botos riss die Augen nach seinem Treffer weit auf - man konnte ihm deutlich ansehen, dass es ihm leid tat. Er drehte die Führhand kurz zu einer Entschuldigung, die Owsepian mit kurzem Nicken und einem Augenzwinkern beantwortete. Beide sahen kurz zum Ringrichter, ohne ihr Tänzeln zu unterbrechen. Dieser sah beide kurz an, nickte kaum merklich und vorbei waren die zwei Sekunden, die die ganze Aktion dauerte. Keine Unterbrechung, keine Theatralik und keine Diskussionen zwischen Ring- und Punktrichtern unterbrach diesen tollen Kampf, obwohl Owsepian als Lokalmatador durchaus Punkte aus dieser Situation hätte schlagen können.

Im Allgemeinen schien keiner der Boxer angetreten zu sein, um nur seine Börse abholen zu können. Die Boxer gaben vom ersten Vorkampf bis zum Hauptkampf zwischen Attila Kiss und Andy Liebing ihr Bestes. Die - ungewöhnlich fachkundigen - Zuschauer kamen definitiv auf ihre Kosten. Auch ein Ringrichter sorgte für allgemeine Erheiterung, als er in einem der Hauptkämpfe den in der Tat etwas sehr überkommunikativen und lautstarken Trainer mit einem "Und Du hältst jetzt endlich mal die Klappe!" zurechtwies, was dieser mit einem schuldbewussten Grinsen und Achselzucken beantwortete.

Wer sich jetzt aber ein insgesamt amateurhaft oder gar schlecht organisiertes Event vor seinem geistigen Auge vorstellt, liegt damit falsch. Wie die Zuschauer erst hinterher erfuhren, hatten sich einige Boxer aufgrund eines Unfalls auf der Autobahn nach Berlin stark verspätet. Anstatt aber Kämpfe ausfallen zu lassen, stellte man kurzerhand und unbemerkt die Kampfreihenfolge um, um die verspäteten Kämpfer doch noch antreten lassen zu können. Weder entstand eine Zwangspause, noch wurde das Publikum mit diesem Zustand überhaupt behelligt. Alles lief glatt und reibungslos. Sollte der geneigte Boxfan also demnächst vor der Wahl stehen, einen Abend vorm Fernseher zu verbringen, oder sich einen lokalen Profibox-Event life anzuschauen, sollte er den Boxabend durchaus in Erwägung ziehen. So mancher geht sehr positiv überrascht und glücklich wieder nach Hause....!

 

Die im "Boxingpress-Kommentar" geäußerten Meinungen geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

 

 
     

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