Zurück
Forum
Ranglisten
Termine
Ergebnisse
Rekorde
. | ENGLISCH |
 
.
   
 

Der Boxingpress-Kommentar:
Zwischen Knast, Kohle und Knockout
von Wolfgang Oswald

(07. Oktober, 2002)

Sie hatten in ihm schon den kommenden Champion gesehen, der für volle Kassen sorgen sollte, wenn sich der "Tiger" Dariusz Michalczewski in den Vorruhestand zurückziehen würde.

Mit vielen kurzrundigen Siegen boxte sich das sogenannte "Jahrhunderttalent" Jürgen Brähmer in die Top10-Ranglisten. Er hatte den Vertrag für einen Titelkampf praktisch schon in der Tasche. Ein einfacher Junge aus bescheidenen Verhältnissen auf dem Weg nach oben. Doch wenn die Realität das Drehbuch schreibt, ist ein Happy-End oft nicht vorgesehen.

Es ist die alte Mär. Viele Boxer torkeln zwischen Knast, Kohle und Knockout. Denn mit geballter Faust bekommt man nur selten etwas geregelt. Die einen lassen sich blenden vom Rampenlicht, die anderen verirren sich im Dunkeln, weil jemand die Lampe ausgeschaltet hat. Die Liste ist lang, die Beispiele bezeichnend. Jack Johnson, Sonny Liston, Carlos Monzon, Rocky Graziano, Jake La Motta, Tony Ayala, Mike Tyson, Bubi Scholz, Norbert Grupe, Graziano Rochigiani, Rene Weller, ja sogar Muhammad Ali verstießen irgendwann gegen die Regeln der Gesellschaft und wanderten in den Bau. Typisch Boxer, also?

Dabei erfüllen sie nur Erwartungen. Im Ring siegen sie mit ihrer Gewalt stellvertretend für eine begeisterte Anhängerschar, aber im Leben gönnt man schlagenden Brutalos keinen Erfolg. Viele leben es selbstzerstörerisch vor. Andere werden hinabgerissen in diesem Sog, ohne zu wissen, was mit ihnen geschieht. Denn der schlechte Ruf eilt ihnen bereits von Anfang an voraus. Er ist im Beruf zwar das beste Kapital eines Boxers. Aber im Leben ist er oftmals sein Verhängnis.

Und dass, obwohl die Regeln überall gleich sind. Gute Aktionen werden belohnt, Fehler knallhart bestraft. Mit dem Unterschied: Außerhalb des Boxrings werden die Begriffe anders ausgelegt. Man vergisst sozusagen den Startplatz - dort, wo alles begann. In einer Gesellschaft, die verurteilt, was sie täglich selbst vorlebt, verlangt man plötzlich von allen Box-Garrinchas der Welt Unmögliches. Dabei hat doch jeder von uns seinen Augenblick, den Augenblick, in dem wir glänzen, diesen Moment, in dem wir in absoluter Hochform sind. Genauso, wie wir alle unsere Sünden haben, unsere ganz persönlichen Geheimnisse. Man könnte es auch unmoralisch nennen, obwohl das ein ziemlich brutales Wort ist. Aber ist es etwa unmoralisch, das zu tun, was man am besten kann, seine ganz individuelle Stärke zu genießen? Natürlich, sobald jemand anders dabei zu Schaden kommt, lautet die einhellige Meinung außerhalb der Boxarena. Doch ist die Sache wirklich so einfach?

Produziert nicht die Gesellschaft eben jene Schicksale, nimmt sie billigend in Kauf, um schließlich damit selbst die eigenen Stärken zu genießen? Sowohl zwischen als auch außerhalb den Seilen des täglichen Kampfes um Respekt und Anerkennung?

 

Die im "Boxingpress-Kommentar" geäußerten Meinungen geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

 

 
     

BoxingPress.de - Alle Rechte vorbehalten
© 2002 - Alle Elemente sowie das Layout dieser Seiten unterliegen den Copyrightbestimmungen nach deutschem Recht. Kein Teil dieser Seiten darf in irgendeiner Form an anderer Stelle ohne die ausdrückliche Erlaubnis von BoxingPress.de veröffentlicht werden.


All photos ALLSPORT / AFP / ROGER WILLIAMS / SECONDSOUT.COM - BoxingPress ist um vollständigen Urhebernachweis auf seinen Internetseiten bemüht. Sollte sich auf einer unserer Seiten dennoch eine ungekennzeichnete, aber durch Copyright eines Dritten geschützte Graphik befinden, so konnte das Copyright von uns nicht festgestellt werden. Sollte Bildmaterial einmal nicht mit einem entsprechenden Urhebernachweis ausgezeichnet sein, bitten wir den Betreffenden, sich bei der Redaktion zu melden. Im Falle einer solchen unbeabsichtigten Copyrightverletzung werden wir das entsprechende Objekt nach Benachrichtigung aus der Internetseite entfernen bzw. mit dem entsprechenden Copyright kenntlich machen.