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Der Boxingpress-Kommentar:
Große Brüder...
von Arne Leyenberg

(03. Juni, 2002)

Große Brüder haben es nicht immer leicht im Leben. Sie müssen ständig neues, fremdes Terrain erkundschaften, ohne von brüderlichen Ratschlägen geführt und vor bereits von anderen durchlebten Fehlern gewarnt zu werden. Sie nehmen die Vorreiterrolle ein und werden zum Orientierungspunkt für alle Nachfolgenden.

In dieser Hinsicht hat es das ZDF gegenüber dem größeren, oder zumindest älteren Bruder, der ARD, einfach besser. Die ARD hat dem Kollegen aus der öffentlich-rechtlichen Senderfamilie, der noch diesen Monat mit der Live-Übertragung von Faustkämpfen beginnt, am vergangenen Samstag mal wieder eindrucksvoll demonstriert, wie man es nicht machen sollte. In Zeiten, in denen Containerbewohner auf Abruf und medieninszenierte Mitspielerinnen in der "Luder-Liga" offenbar mühelos zu anerkannter Berühmtheit gelangen, scheint auch die ARD vergessen zu haben, dass Popularität und Qualität nicht zwangsweise vereint auftreten müssen.

Die Fähigkeiten der Schauspielerin Christine Neubauer sind unumstritten. Als Ringsprecherin der Sauerland-Veranstaltung am vergangenen Samstag war sie jedoch eine klassische Fehlbesetzung. Verantwortliche der ARD haben sie in diese Rolle gedrängt - so wie ein findiger Theater-Intendant aus Gründen der Werbewirksamkeit auf die Idee kommen könnte, Timo Hoffmann die Rolle des Goetheschen Faust zu übertragen. Oder noch besser: die des Mephisto. Im Jargon der ARD hieße es sicherlich, es käme auf einen Versuch an. Bei allem Reiz, den dieses Szenario hätte: Timo Hoffmanns Bühne ist der Boxring und sollte es auch bleiben.

Der in Deutschland bestens bekannte Michael Buffer hatte es zu goldenen Zeiten eines Henry Maske vorgemacht. Ein Ringsprecher, der vordergründig dem Publikum einige Informationen zu den Protagonisten näher bringen soll, muss dies nicht im Stile eines Tagesschau-Sprechers tun. Buffer verband jedoch Show mit Fachkompetenz. Diese fehlte Christine Neubauer verständlicherweise. Sicherlich war sie nur das letzte Glied in einer Kette der Fehler. Ein Beobachter der Boxszene hätte jedoch bemerkt, dass mit den soeben vorgelesenen Ergebnissen etwas nicht stimmen kann. Nicht, dass man im Boxsport nicht schon haarsträubende Fehlentscheidungen der Juroren erlebt hätte. Aber doch bitte immer schön für den Lokalmatadoren oder den Boxer mit der größeren Lobby oder dem einflussreicheren Manager. Puritty kennzeichnete jedoch keines dieser dafür notwendigen Merkmale. Das anschließende Durcheinander ging zu Leiden Timo Hoffmanns und schmälerte seinen eigentlich eindeutigen Sieg.

Vielleicht lernt man bei der ARD ja aus einem solchen Fehler und verzichtet zukünftig auf das Publicity-Mittel "Prominente als Ringsprecher". Ansonsten kann es immer noch das ZDF vermeiden, in die Fußstapfen des älteren Bruders zu treten.

 

Die im "Boxingpress-Kommentar" geäußerten Meinungen geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

 

 
     

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