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Der BoxingPress-Kommentar:
Das Herz eines Boxers
von Jens Lüders

Das Herz eines Boxers muss vieles erleiden. Davon wusste schon Max Schmeling ein Lied zu singen. Auch um das Herz manch eines Boxfans muss es schwer werden, wenn es mit ansehen muss, wie sich lebende Ringlegenden als Schatten ihrer selbst im Spätherbst der Karriere durch den Boxring quälen.

Ein zum wiederholten Male schauriges Beispiel bot erst kürzlich die lebende Boxlegende Evander Holyfield. Abermals chancenlos gegen einen durch und durch mittelmäßigen Gegner bot der einst beste Boxer der Welt ein wahrhaft erschreckendes Bild. Doch damit befindet er sich in guter Gesellschaft.

Unvergessen wie ein bereits von der Parkinson’schen Krankheit gezeichneter und unter dem kräftezehrenden Einfluss eines Schilddrüsenpräparats stehender Muhammad Ali im Jahr 1980 seinem Gegner Larry Holmes nur noch als besserer Sandsack diente. Kaum zu glauben, dass der große Ali gut ein Jahr später noch einmal den Boxring steigen sollte.

Was Sugar Ray Leonard im Jahre 1997 im Alter von fast 41 Jahren dazu veranlasst hat, ein Comeback zu versuchen, lässt sich mit rationalen Überlegungen nicht mehr erklären. Nach einer an Höhepunkten reichen Karriere war er bereits 6 Jahre zuvor bei seinem letzten Auftritt gegen seinen damaligen Gegner gänzlich chancenlos gewesen und nur noch mit Mühe überhaupt über die Runden gekommen. In seinen vier Kämpfen vor dem Comeback war er fünf Mal am Boden gewesen. In seiner gesamten Karriere zuvor war dies niemals der Fall.

Ein Sprichwort besagt, dass das letzte was ein Boxer verliert, seine Schlagkraft ist. Das stimmt aber nicht. Das letzte was ein Boxer verliert, ist sein Ego oder sein Herz, je nachdem wie man ausdrücken will. Es wird der Tag kommen, an dem die biologische Uhr eines Leistungssportlers abgelaufen ist. Es wird der Tag kommen, an dem selbst der größte Boxer gezwungen sein wird, aus dem strahlenden Rampenlicht der großen Bühne in den Schatten zur Seite zu treten und fortan dem sich weiterdrehenden Boxkarussell nur noch als einer unter zahlreichen Zuschauern beizuwohnen.

Ein Entertainer hat einmal gesagt, dass die innere Leere, nachdem das Licht der Bühne erloschen ist und der große Saal sich geleert hat, kaum noch zu ertragen ist und diese Stunden für ihn zu den dunkelsten seines Lebens gezählt haben.

So hat vielleicht auch mancher Boxer am Karrierende mit dieser Leere zu kämpfen. Der letzte Kampf findet dann nicht mehr im Seilgeviert, sondern unbeobachtet und abseits der großen Bühne statt. Es ist der Kampf gegen sich selber und das Eingeständnis, dass die große Zeit und die Karriere vorbei sind. Das Herz eines Boxers muss eben vieles erleiden. Und das Herz eines großen Kriegers trägt nicht nur den Platz für größere Freude in sich, sondern auch den Platz für ein größeres Leid.


Freitag, 03. Dezember 2004

 

 
     

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