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Die Nacht der Weltmeister
Der Vorbericht

von Wolfgang Oswald


Am 17. April finden im legendären Madison Square Garden in New York gleich mehrere Boxweltmeisterschaften statt (Premiere überträgt ab 2.30 Uhr live auf Sport 1): Im Schwergewicht boxen Chris Byrd (IBF) und John Ruiz (WBA) um ihre Titel. Der US-Amerikaner Byrd (BP-Nr. 2, Foto oben rechts) hat es dabei mit dem unberechenbaren Andrew Golota zu tun, der wegen diversen Regelverstößen im Ring schon mehrfach aufgefallen ist. John Ruiz (BP-Nr. 10, Foto oben links) dagegen stellt sich seinem Landsmann Fres Oquendo (BP-Nr. 5) aus Puerto Rico und Jose Rivera (BP-Nr. 11) aus den Vereinigten Staaten verteidigt im Weltergewicht seinen WBA-Gürtel gegen den früheren Weltmeister Ricardo Mayorga (BP-Nr. 2) aus Nicaragua.

1. Chris „Rapid Fire“ Byrd gegen Andrew Golota

Rückblende: Schon 1996 boxte Andrew Golota im Madison Square Garden gegen Champion Riddick Bowe um die Weltmeisterschaftskrone. Golota führte damals nach Punkten, als er plötzlich die Nerven verlor, wiederholt unter die Gürtellinie schlug und schließlich disqualifiziert wurde. Das gleiche passierte ihm merkwürdigerweise auch im Rückkampf und nicht nur diese Unsportlichkeiten brachten dem Polen in der Boxszene einen Ruf als „schmutziger Psychoboxer“ ein.

1995 biss er Samson Pou'ha in die Schulter. 1997 verschwand er spurlos kurz vor dem Weltmeisterschaftskampf gegen Lennox Lewis (links im Kampf gegen Golota) und sein damaliger Trainer Lou Duva musste sogar die Polizei einschalten, um seinen Schützling zu finden. Dann verzögerte sich der Einmarsch bei dieser Auseinandersetzung um fast eine halbe Stunde, weil Golota nicht aus der Kabine heraus wollte. Und gegen Mike Tyson im Jahr 2000 wollte Golota plötzlich wegen einer Verletzung nicht mehr aus seiner Ecke kommen. Nach dieser Niederlage, die später wegen eines Drogenbefundes bei Tyson zu einem „No Contest“ (Kampf endet ohne Entscheidung) umgedeutet wurde, war der Pole lange Zeit inaktiv, bevor er sich 2003 zu einem Comeback entschloss und zwei Fights gegen Aufbaugegner vorzeitig für sich entscheiden konnte.

Allerdings konnte Golota in diesen letzten beiden Boxvorstellungen alles andere als überzeugen. Keine besonders gute Visitenkarte also für den kommenden WM-Kampf! Zudem scheint sein Stil für den Champion Chris Byrd wie maßgeschneidert. Der Pole ist zwar größer, hat die längere Reichweite und eine starke linke Hand, aber jene Linke ist gegen einen technisch versierten und schnellen Rechtsauleger wie Byrd nicht unbedingt das probate Mittel. Der Herausforderer hat außerdem Probleme beim Nachsetzen. Er bringt ein, zwei gute Hände, die den Gegner aus dem Gleichgewicht werfen können, doch der entscheidende Schlag will ihm dann meist nicht mehr gelingen. Der Weltmeister dagegen hat ein gutes Auge, gute Reflexe, ist beweglich und überhaupt schwer zu treffen. Wenn Golota nicht mit Kombinationen und Serien arbeitet, hat er nur die Hoffnung auf den einen wirkungsvollen Knockoutschlag. Das scheint gegen einen Chris Byrd einfach zu wenig zu sein.

Im Grunde spricht somit viel gegen den Polen. Und wer die Geschichte aus Marcianos Gym in Jersey City kennt, wird in dem Glauben bestärkt, dass es sich hier letztendlich nur um ein Missmatch handelt. In diesem Gym nämlich sparrte Golota 1996 gegen Maurice Harris, einem Boxer, der ähnlich wie Byrd auf schnellen Beinen mit flinken Händen unterwegs ist. In der vierten Runde stoppte Lou Duva die Trainingseinheit, weil der Pole von "Journeyman" Harris förmlich auseinandergenommen und blutig geschlagen wurde.

Allerdings ist gegenwärtig in der Schwergewichtsklasse ausreichend Platz für Überraschungen. Ein Klitschko ging gegen Brewster unter, ein Guinn verlor gegen Barrett, Jirov schickte Mesi auf die Bretter und warum sollte Andrew Golota nicht auch so ein Kunststück gelingen? Wenn die Psyche stimmt, kann er sehr gut boxen, das belegen seine Erfolge bei den Amateuren und seine vielen sehenswerten Fights gegen Topboxer der Spitzenklasse bei den Profis.

2. John “The Quiet Man” Ruiz gegen “Fast” Fres “The Big O” Oquendo

Nachdem Fres Oquendo (Foto)2003 gegen Chris Byrd nur umstritten nach Punkten verlor, erhält er nun gegen WBA-Champion John Ruiz eine neue Chance auf den Titel. Und der Coup kann ihm diesmal durchaus gelingen, wenn er Ruiz auf Distanz halten kann und sich nicht auf die Klammertaktiken des Weltmeisters einlässt.

Auf jeden Fall wird man nach dem Fight klüger sein, wie man Ruiz tatsächlich einschätzen muss. Oquendo ist ein guter Techniker, er kann auf beweglichen Beinen lang auf der Innenbahn agieren und das scheint die wirksamste Methode gegen „The Quiet Man“ zu sein. Wenn dieser nämlich den Kampf durch Klammern und Halten nicht zerstören kann, sollte es schlecht um ihn bestellt sein, könnte man nach der eindrucksvollen Boxdemonstration von Roy Jones Jr. im Jahr 2003 meinen. Doch Ruiz hat durchaus auch einige boxerische Mittel im Tank. Er duckt gut ab, vermeidet Treffer mit seinem unorthodoxen Stil im Vorwärtsgehen und seine überfallartigen Hände sind immer brandgefährlich. „The Big O“ ist zwar ein flinker Schwergewichtler, er zieht aber seine Hände nicht so schnell zurück wie beispielsweise Roy Jones Jr. Das dürfte ein entscheidender Gesichtspunkt in diesem Duell werden. Um Ruiz wirklich über die gesamte Distanz ausboxen zu können, muss man die Fäuste fliegen bzw. „peitschen“ lassen. Ansonsten „beißt“ sich Ruiz fest, fängt an zu wühlen und seine Gegner können so schnell auf die Verliererstraße geraten.

Im Gegensatz zu den früheren, eher langweiligen (Ring-)Kämpfen des Weltmeisters kann man jedoch am kommenden Wochenende durchaus auf einen spannenden und abwechslungsreichen Fight hoffen, denn die Boxstile von „The Big O“ und „Quiet Man“ scheinen wegen ihrer Unterschiedlichkeit gut zusammen zu passen.

3. „El Gallo“ José Antonio Rivera gegen „El Matador“ Ricardo Mayorga

Auf dem Papier an sich eine leichte Angelegenheit für den exzentrischen Exweltmeister Ricardo Mayorga (Foto): Champion Jose Rivera scheint nicht über besonders viele boxerische Mittel zu verfügen, um seinen WM-Gürtel gegen die Kampfmaschine aus Nicaragua verteidigen zu können. Rivera holte sich zwar mehr oder weniger eindrucksvoll den vakanten Titel in Deutschland gegen Michel Trabant von der Universum Box Promotion, aber wenn man seine bisherigen Fights mit denen von „El Matador“ vergleicht, kann der Sieger nur Mayorga heißen. Dieser schlägt härter, hatte die besseren Gegner vor den Fäusten und bot stets mitreißende Ringgefechte.

Im Gegensatz zu Mayorgas letztem Gegner Cory Spinks (BP-Nr. 1) ist Rivera auch ein Mann, der sich dem Fight stellt und nicht wie der Superchamp mit glänzenden Meidbewegungen und tollen Reflexen aus Gefahrensituationen tänzelt. Und selbst gegen diesen Ausnahmeboxer Spinks hat der wilde Mayorga nur umstritten nach Punkten verloren, was die Sache für „El Gallo“ sicher nicht einfacher macht. „El Matador“ verfügt neben seiner Schlagkraft, seiner Härte und Aggression sogar über eine gute Kondition und gewisse boxerische Anlagen, denen Rivera außer einer stabilen Deckung und einem soliden Allroundkönnen nicht viel entgegenzusetzen haben dürfte. „El Gallo“ scheint der Typ Kämpfer, der alles ein bisschen, jedoch nichts besonders herausragend kann. Gänzlich unterschätzen sollte man Rivera deshalb trotzdem nicht, auch wenn er das Boxen lange Zeit nicht als Vollbeschäftigung betrieben hat und zeitweise als Lehrer tätig war.

Auf jeden Fall können sich die Zuschauer auf einen interessanten Boxabend einstellen. Denn vom "Schläger" über "Brawler" bis hin zum "Techniker" ist für jeden Geschmack etwas dabei.

Donnerstag, 25. März 2004




 
     

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