Zurück
Boxforen
Ranglisten
Termine
Ergebnisse
Rekorde
. | ENGLISCH |
 
.
   
 

Nacht der Weltmeister
- Der Bericht

von Thorsten Fritsche


Im Madison Square Garden in New York fanden in der Nacht von Samstag auf Sonntag gleich zwei Weltmeisterschaften im Schwergewicht um die Titel der Verbände IBF und WBA statt. Zudem waren auf der von Don King Promotions präsentierten Veranstaltung noch weitere vielversprechende Kämpfe angesetzt.

Im Hauptkampf des Abends standen sich der IBF-Weltmeister im Schwergewicht, Chris Byrd (Foto oben, BP-Nr. 2), und der in den Ring zurückgekehrte Andrew Golota gegenüber. Im Vorfeld gab es viele Zweifel daran, ob sich der inzwischen 36-jährige Pole einen Weltmeisterschaftskampf verdient habe und wie es um sein derzeitiges Leistungsvermögen bestellt sei. Zudem war man gespannt, ob der früher für unsaubere Aktionen bekannte Boxer diesmal seine Nerven im Griff haben würde, zumal Byrd dafür bekannt ist, seine Gegner zu frustrieren.

Doch im Ring machte Golota (Foto) eine überraschend gute Figur. Körperlich fit und sehr konzentriert, bot er von der ersten Runde an eine gute Leistung, indem er fast pausenlos den meist defensiv agierenden Titelverteidiger attackierte. Byrd selbst stand dabei meist mit dem Rücken an den Seilen und versuchte, die größtenteils zu langsamen Schläge seines Gegners auszupendeln, wobei er aber auch den ein oder anderen Treffer nahm. Erst ab Durchgang zwei ging der 33-Jährige vereinzelt in die Offensive, indem er mit blitzartigen Überfällen angriff. Der physisch deutlich überlegene Golota kam einmal sogar kurz ins Straucheln, wobei es sich aber vielmehr um einen Ausrutscher als um Schlagwirkung handelte.

In dieser Weise verlief der Kampf bis zum Ende, wobei die einzelnen Runden sehr eng waren und man geteilter Meinung sein konnte, ob man den Vorwärtsdrang Golotas oder die schnellen Konter Byrds höher bewerten wollte. Keiner der beiden Boxer konnte trotz einer Vielzahl von Schlägen einen Niederschlag erzielen, auch wenn Byrd ein paar mal zu Boden ging. Doch in diesen Fällen ließ er sich von seinem Gegner stets bereitwillig zu Boden drücken, bzw. einfach fallen, so dass der gute Ringrichter Randy Newman dies nicht als Niederschlag wertete. Überhaupt hatte der dritte Mann im Ring mit dieser Auseinandersetzung wenig Probleme, da sie ausgesprochen sauber verlief, auch wenn der Titelverteidiger seinen Kontrahenten mehrmals zu provozieren versuchte.

In Runde zwölf untermauerte Golota seinen konditionell guten Eindruck, indem er nochmals alles versuchte, den Kampf vorzeitig zu entscheiden, doch der einzige Erfolge war eine Schwellung unter Byrds linkem Auge. Letztlich werteten die drei Punktrichter den knappen Kampf mit 115:113 für Golota, 115:113 für Byrd und 114:114 unentschieden, wodurch der Weltmeister seinen Gürtel zum zweiten Mal erfolgreich verteidigt hatte. Auch wenn große Teile des Publikums den Polen als Sieger gesehen zu haben schienen, ist dieses Urteil aufgrund der vielen engen Runden sicher in Ordnung. Da die Auseinandersetzung sehr positiv aufgenommen wurde, wunderte es auch nicht, dass bereits auf der anschließenden Pressekonferenz konkret über einen Rückkampf gesprochen wurde.

Im vorhergehenden Kampf verteidigte der Weltmeister im Schwergewicht nach Version der WBA, John Ruiz (Foto, BP-Nr. 10), seinen Gürtel gegen seinen Landsmann Fres Oquendo (BP-Nr. 5). Dies war das erste Mal überhaupt, dass sich zwei Boxer aus Puerto Rico in einem Duell um die Schwergewichts-Krone gegenüberstanden. Dieser Umstand war aber auch schon das Bemerkenswerteste an diesem Kampf, den man ansonsten schnell wieder vergessen sollte. „The Quiet Man“ Ruiz ist inzwischen Stammgast in den BoxingPress-Umfragen zu den schlechtesten Kämpfen der jeweiligen vergangenen Jahre, und dies nicht zu Unrecht. Allerdings ließ die boxerisch gute Leistung des Herausforderers in seinem letzten Kampf gegen IBF-Weltmeister Chris Byrd hoffen, dass er ein Mittel gegen den unattraktiven Kampfstil seines Gegners finden würde. Jedoch setzten die befürchteten Klammer- und Halteorgien schon kurz nach Beginn der ersten Runde ein, woran Oquendo aber selbst Anteil hatte. Die Aufforderung „no punching“ des Ringrichters Wayne Kelley während der zahlreichen Trennkommandos charakterisiert den Kampf treffend. Beide Boxer brachten meist nur einen Schlag mit der Führhand, bevor sie sich wieder im Clinch befanden, unfähig sich voneinander zu lösen. So dauerte es nicht einmal eine Runde, bevor die ersten Buhrufe und Pfiffe aus dem Publikum zu hören waren.

Während Ruiz noch die ersten Runden für sich entscheiden konnte, kam Oquendo (auf Foto rechts) dann zur Mitte des Kampfes immer mehr auf. Meist hatte er zwar eine Führhand mehr im Ziel, ließ aber viel zu selten seine Rechte oder gar Kombinationen folgen, auch wenn dies seine Ecke immer wieder forderte. In Runde neun schien sich das Blatt abermals zu Wenden, als der Weltmeister mit mehreren Rechten ins Ziel kam, die deutlich Wirkung bei Oquendo hinterließen. Dieser konnte einen Niederschlag zwar verhindern, wirkte fortan aber müder. Im elften Durchgang endete der Kampf schließlich doch noch vorzeitig, als der Herausforderer eine ganze Reihe von Treffern nehmen musste, die ihn in die Ringseile beförderten und ihn fast wehrlos erschienen ließen. Bevor Ruiz nochmals nachsetzen konnte, warf sich Ringrichter Kelley dazwischen und brach den Kampf ab. Dies erschien zwar etwas voreilig, weshalb Oquendo auch protestierte, doch die Zuschauer störte dies offensichtlich wenig, schienen sie doch froh, von dieser unsagbar langweiligen Auseinandersetzung erlöst worden zu sein. Ruiz war jedenfalls die erste Verteidigung seines WBA-Titels geglückt, wenn auch keineswegs glanzvoll und ein wenig glücklich. Vielmehr dürfte er einen weiteren Kandidaten für den schlechtesten Kampf eines Boxjahres abgeliefert haben.

In einem weiteren Kampf im Rahmen dieser Veranstaltung traf im Superweltergewicht Ricardo Mayorga (Foto, BP-Nr. 2 im Weltergewicht) auf den US-Amerikaner Eric Mitchell. Eigentlich hätte „El Matador“ den Weltergewichtsweltmeister nach Version der WBA, Jose Antonio Rivera (BP-Nr. 11), herausfordern sollen, allerdings erschien der Mann aus Nicaragua mit einigen Kilos zuviel beim offiziellen Wiegen. Man konnte sich auf keine Lösung zwischen beiden Teams einigen, und letztlich wurde der Kampf abgesagt. Dass Mayorga im Gegensatz zu Rivera einen Ersatzkampf bekam und seine Börse trotz solcher Unprofessionalität verdienen durfte, ist sicher ein wenig fragwürdig.

Eric Mitchell, der eigentlich auch auf einen anderen Gegner treffen sollte, wirkte jedenfalls davon unbeeindruckt und war offensichtlich von Beginn an gewillt, dagegenzuhalten. Es entwickelte sich schon bald ein sehr verbissen und oftmals unsauber geführtes Duell, woran aber beide Kämpfer ihren Anteil hatten. Während der US-Amerikaner mit erstaunlich guten Treffern vor allem die ersten zwei Runden für sich entscheiden konnte, übernahm Mayorga anschließend immer mehr den Kampf. Jedoch verfehlte der 30-Jährige mit seinen wilden und ungenauen Schlägen oftmals sein Ziel und wurde gekontert.

In der sechsten Runde wurde Mitchell von Ringrichter Arthur Mercante Jr. für wiederholtes Schlagen nach dem Trennkommando ein Punkt abgezogen. Jedoch sollte nicht verschwiegen werden, dass der dritte Mann im Ring, der mit dem Kampf viel Mühe hatte, die Unsauberkeiten einseitig beim 34-jährigen Mann aus Phoenix, Arizona, suchte.

Nachdem die volle Distanz von zehn angesetzten Runden absolviert worden war, hatten die Punktrichter über das Ergebnis zu entscheiden. Die offizielle Wertung lautete mit 99:90, 98:91 und 97:92 nach Meinung des Autors zwar verdient, aber zu deutlich für Mayorga. „El Matador“ hatte zwar schon im Voraus angekündigt, demnächst ins Superweltergewicht aufsteigen zu wollen, doch hinterließen die Umstände und auch die Leistung in diesem Kampf sicher einige Fragezeichen.
Sonntag, 18. April 2004


 
     

BoxingPress.de - Alle Rechte vorbehalten
© 2004 - Alle Elemente sowie das Layout dieser Seiten unterliegen den Copyrightbestimmungen nach deutschem Recht. Kein Teil dieser Seiten darf in irgendeiner Form an anderer Stelle ohne die ausdrückliche Erlaubnis von BoxingPress.de veröffentlicht werden.


All photos ALLSPORT / AFP / ROGER WILLIAMS / SECONDSOUT.COM / KURT SAYGIN - BoxingPress ist um vollständigen Urhebernachweis auf seinen Internetseiten bemüht. Sollte sich auf einer unserer Seiten dennoch eine ungekennzeichnete, aber durch Copyright eines Dritten geschützte Graphik befinden, so konnte das Copyright von uns nicht festgestellt werden. Sollte Bildmaterial einmal nicht mit einem entsprechenden Urhebernachweis ausgezeichnet sein, bitten wir den Betreffenden, sich bei der Redaktion zu melden. Im Falle einer solchen unbeabsichtigten Copyrightverletzung werden wir das entsprechende Objekt nach Benachrichtigung aus der Internetseite entfernen bzw. mit dem entsprechenden Copyright kenntlich machen.
GOWEBCounter by INLINE