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Calzaghe deklassiert Lacy
- Der Bericht

von Benni Vivacqua


In der Nacht zum Sonntag kam es in der M.E.N Arena in Manchester, England, endlich zum lang erwarteten, längst überfälligen Showdown zwischen dem walisischen WBO-Weltmeister im Supermittelgewicht Joe Calzaghe (BP-Nr. 1, Foto oben) und dem Titelträger der IBF, dem US-Amerikaner Jeff Lacy (BP-Nr. 3). Schon während der Vorkämpfe knisterte die Atmosphäre, in den Minuten vor dem ersten Gong schien die Spannung in der mit über 17.000 Zuschauern ausverkauften Halle unerträglich. Perfekter hätten die Protagonisten für ein Box-Drama nicht gewählt sein können. Auf der einen Seite der ungeschlagene “Italian Dragon“ Calzaghe, im zwölften Jahr seiner Profikarriere und seit seinem Titelgewinn 1997 in 18 WM-Kämpfen erfolgreich. Auf der anderen Seite sein junger, ebenfalls unbesiegter Kontrahent, der wie ein Hurrikan über die Szene fegte, seit er 2001 zu den Profis wechselte und der seit 2004 fünf WM-Kämpfe gewann.

Im Vorfeld des Kampfes schienen viele Zeichen auf eine Wachablösung und somit ein Ende der Ära des 33-jährigen Calzaghe hinzuweisen. Lacy dominierte in seinen Kämpfen als Weltmeister nicht nur eine durchweg gute Gegnerschaft, meist knockte er sie brutal aus. Calzaghe hingegen, vor einigen Jahren noch in jeder Pound for Pound-Liste vertreten, irritierte die Experten zuletzt mit einigen gelangweilten, wenn auch immer klaren Siegen gegen weniger starke Herausforderer. Diverse Verletzungen an der Schlaghand ließen zusätzlich Spekulationen über ein baldiges Karriereende des Walisers aufkommen. Vor einem solchen versprach er seinen Fans jedoch zumindest noch einen großen Kampf, für den sich der 28-jährige Lacy neben seines Status als Konkurrenzweltmeister durch aggressive Herausforderungen und Beleidigungen in Richtung des WBO-Weltmeisters anbot.

Als der Gong zur ersten Runde ertönte, sollte so ziemlich alles anders verlaufen, als es sich Jeff Lacy und sein Team ausgemalt hatten. Der Plan, einen mutmaßlich ausgebrannten Calzaghe durch eine vermeintlich größere körperliche Robustheit und höhere Schlagkraft erdrücken und schließlich ausknocken zu können, erwies sich bereits im Eröffnungsdurchgang als auf unzutreffenden Annahmen basierend. Calzaghe deckte seinen Gegner schon in der ersten Runde mit seinem gesamten Schlagrepertoire ein. Schnelle Jabs, krachende rechte Seit- und Aufwärtshaken, gute Körpertreffer sowie schöne Geraden auf der Innenbahn mit seiner linken Schlaghand setzten Jeff Lacy zu. Der WBO-Champion trug seine Aktionen dabei mit so großem Handspeed vor, dass fast jeder Schlag sein Ziel fand. Auf beweglichen Beinen begab er sich dann aus der Reichweite Lacys, um gleich danach wieder vor jenem zu stehen und von neuem zu beginnen. In dieser ersten Runde, die trotz Calzaghes drückender Überlegenheit Lacys beste bleiben sollte, landete der Mann aus St. Petersburg, Florida, zwar auch zwei Volltreffer an den Kopf seines Gegners, doch dieser zeigte keinerlei Wirkung. Lacy hingegen geriet nach einem linken Aufwärtshaken schon nach zwei Minuten das erste Mal aus der Balance. Auf dem Weg in die Rundenpause hob Calzaghe unter dem frenetischen Beifall der Zuschauer triumphierend die Hände, während Lacy mit blutender Nase und einem konsternierten Gesichtsausdruck in die Ecke wankte.

Hatten Lacy (Foto) und sein Team eventuell nur auf eine starke Auftaktrunde Calzaghes gehofft, sollte dieser Strohhalm gleich in der zweiten Runde knicken. Die unglaublich schnellen Hände des Walisers, der ein perfektes Timing hatte, schlugen noch präziser und in hoher Frequenz ein. Sogar im Infight, wo man dem US-Amerikaner Vorteile zusprach, landete “The Pride of Wales“ seine Körper- und Aufwärtshaken nach Belieben. Wenn es Lacy dann doch einmal gelang, Calzaghe in eine vermeintlich bedrohliche Position an den Seilen zu bringen, klammerte, schubste und drehte ihn sich dieser mit Leichtigkeit zurecht, um dann sofort gefährliche Konter zu starten. Calzaghe boxte nicht nur schön und schnell, er kaufte seinem Gegner in den entscheidenden Situationen durch seine raue Infight-Taktik schon frühzeitig den Schneid ab.

Nachdem Runde drei ähnlich verlief, gelang es Lacy im vierten Durchgang endlich einmal, seinen gefürchteten Aufwärtshaken zu landen, doch statt Wirkung erntete “Left Hook“ einmal mehr präzise Kombinationen seines Gegners. Eine Rechte Calzaghes öffnete einen tiefen Cut auf dem linken Augenlid und am Ende der Runde saß ein frustrierter Jeff Lacy schwer atmend in der Ecke. In Runde fünf demonstrierte Calzaghe seine drückende Überlegenheit durch Finten, lässig herabhängende Hände und vor allem harte Treffer. Vor dem sechsten Durchgang hörte man von Trainer Dan Birmingham ein fast schon verzweifeltes “Don´t panic“ in Richtung seines Schützlings raunen. Vor der siebten Runde erkundigte sich Ringrichter Raul Caiz erstmals nach Lacys Befinden.

Im siebten Durchgang geriet der mit sehr starken Nehmerfähigkeiten ausgestattete Lacy in ernste Bedrängnis, als Calzaghe 20 Sekunden vor Schluss eine Salve von über 30 Schlägen abließ, die seinen Kontrahenten ins Wackeln brachte. Nach der verlorenen achten Runde wurde immer deutlicher, dass Jeff Lacy einen Knockout, gar einen klassischen Lucky Punch benötigen würde, um den Kampf noch gewinnen zu können. Zwar mühte er sich und steckte nie auf, doch auch seine Angriffsbemühungen ab der neunten Runde wurden von Calzaghe im Keim erstickt. Immer war es der “Italian Dragon“, der die Aktionen startete und der immer schon weg war, wenn Lacy versuchte, sich zu revanchieren. Dabei managte es der 33-Jährige mit traumwandlerischer Sicherheit stets, bei seinen Ausweichmanövern zur rechten Seite seinen rechten Fuß außen von Lacys linkem Fuß zu platzieren, was ihm bei der Konstellation Rechtsausleger vs. Linksausleger eine perfekte und Lacy eine denkbar schlechte Position zum Abfeuern der Schläge bescherte.

In der elften Runde lag ein vorzeitiger Sieg von Calzaghe in der Luft. Durch die Vielzahl harter Treffer in diesem Kampf zermürbt, ging Lacy aus unübersichtlichen Schlagabtauschen heraus zweimal zu Boden, doch wurden diese durch Köpereinsatz des Walisers provozierten Stolperer zu Recht nicht als Niederschläge gewertet. Kurz vor Ende der Runde, die wieder vom Lokalmatador beherrscht wurde, zog Ringrichter Caiz Calzaghe in einer Clinch-Situation einen Punkt ab, was nicht so richtig schlüssig war, angesichts der hohen Punktführung jedoch bedeutungslos. Als es in die Schlussrunde ging, steuerte Joe Calzaghe einem Erdrutschsieg nach Punkten entgegen, doch der Ausnahmeathlet suchte nun den KO. Nach harten Treffern wankte Lacy nur noch durch den Ring und ging nach 53 Sekunden erstmals in seiner Profikarriere zu Boden, womit sich auch seine vor dem Kampf geäußerten Zweifel an der Schlagkraft Calzaghes zerstreut haben dürften. Aus Nase und Mund blutend erhob sich der US-Amerikaner wieder und schaffte es dank seines großen Kämpferherzens, den Kampf zwar wankend, aber stehend zu beenden.

Am Ende werteten die Punktrichter 119:107, 119:107 sowie 119:105 für den neuen Doppelweltmeister, der jede Runde des Gefechts gewann. Es war eine wahrhaft atemberaubende Vorstellung von Joe Calzaghe, die sich nicht durch eine lediglich schwache Leistung oder gar eine Überschätzung seines Gegners relativieren lässt. Ein Boxkampf ist eine kämpferische Interaktion. Nichts bleibt ohne Folgen, alles beeinflusst das Geschehen im Ring. Da es Calzaghe gelang, nahezu alle Aktionen während der zwölf Runden zu bestimmen und seinen Kampfplan ideal umzusetzen, war der Untergang Jeff Lacys, der seine Legitimation als Weltmeister seit 2004 mehrfach eindrucksvoll nachwies, lediglich die logische Folge einer Darbietung, wie sie in dieser Perfektion sehr selten zu beobachten ist.

Es bleibt zu hoffen, dass sich Joe Calzaghe den Enthusiasmus aus diesem großen Kampf noch eine Weile erhält und bald wieder gegen starke Gegner im Ring stehen wird. Da im Supermittelgewicht die ganz großen Herausforderungen fehlen, darf man mit einem Ausflug Calzaghes ins Halbschwergewicht rechnen, wo mit Tomasz Adamek (BP-Nr. 3), dem Engländer Clinton Woods (BP-Nr. 5) oder gar Altmeister Antonio Tarver (BP-Nr. 1) starke Gegner bereitstehen. Jeff Lacy wird die desaströse Niederlage erst verarbeiten müssen, doch seine robuste Psyche, die immer wieder geäußerte Bereitschaft zur Weiterentwicklung sowie das funktionierende Team um Trainer Dan Birmingham lassen auch seine Perspektiven nicht allzu düster erscheinen.
Montag, 06. März 2006


 
     

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