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Veit chancenlos gegen Calzaghe
von Jörg Lüdemann

Es kam so, wie viele befürchtet hatten. Die deutsche Box-Öffentlichkeit hatte dem heute abend in Cardiff stattgefundenen WM-Kampf (mit deutscher Beteiligung) im Vorfeld kaum Beachtung geschenkt und dies anscheinend zu Recht. Der Cottbusser Mario Veit ging zwar aus 30 Kämpfen 30 mal siegreich in den WBO-Titelkampf im Supermittelgewicht gegen Joe Calzaghe. Doch von diesen Erfolgen hatte der 27-jährige *keinen* einzigen gegen einen Supermittelgewichtler von wenigstens durchschnittlichem Niveau erzielt. Mit dieser "Vorbereitung" wagte der bemitleidenswerte Boxer einen Leistungssprung von gleich mehreren Stufen und forderte als Nr.1 der WBO-Rangliste den derzeit besten Supermittelgewichtler der Welt heraus.

Körperlich zweifellos so fit wie noch nie, hatte Veit in den letzten Tagen vor dem Kampf sogar die englischen Fans beeindrucken können. Ein ungeschlagener deutscher Boxer, perfekte athletische Statur und 30 klare Siege als Profi. Veit wirkte selbstbewußt und gab offenherzig zu, noch nicht einmal das übliche Videostudium des Gegners betrieben zu haben, um seinen eigenen Stil durchzusetzen. Mutig - doch nicht erst im Nachhinein mehr als leichtsinnig. Denn das klare Ende sollte noch schneller als erwartet kommen...

Mario Veit war Joe Calzaghe weder sportlich noch mental gewachsen. Bereits beim üblichen Vorgeplänkel im Ring wirkte der Cottbusser angespannt und zurückhaltend. Der als Spätstarter bekannte Veit wollte den Kampf über seine starke Führhand und seine Reichweitenvorteile aufbauen, doch dazu kam es nicht. Bereits nach einer Minute fing sich der ängstlich agierende Veit einen knallharten linken Haken des Weltmeisters ein und mußte zu Boden. Bereits hier war offensichtlich, daß Mario der permanenten Aggression Calzaghe's nichts entgegenzusetzen hatte.

In der folgenden Minute war Veit nur noch im Rückwärtsgang unterwegs und versuchte, den heranstürmenden Calzaghe zu bremsen. Doch unternahm der 27-jährige Herausforderer dabei keinen Abfangversuch, sondern versuchte nur, über die Zeit zu kommen. Der erste Aufwärtshaken des Cottbusser's hatte kurze Zeit später den nächsten Bodenbesuch zufolge - allerdings wieder für ihn selbst, der mitten in der Schlagbewegung einen linken Haken und kurze Zeit später einen zweiten Haken, den Paradeschlag von Calzaghe, schlucken musste. Schwer mitgenommen rappelte sich Veit noch ein weiteres Mal auf, doch war er beinahe verteidigungsunfähig und wurde nach einer weiteren Schlagserie des Weltmeisters von Referee Nelson zu Recht aus dem Kampf genommen.

Hinterher suchte man im deutschen Lager vergeblich nach schlüssigen Erklärungen. "Ich habe wieder die erste Runde verschlafen," meinte Veit und hatte damit sicherlich nicht Unrecht. Er fand tatsächlich nie in den Kampf, was aber auch ganz ursächlich mit dem Klassenunterschied zwischen ihm und Joe Calzaghe zu tun hatte. Dies zu erwähnen, kam im ersten Moment keinem der Beteiligten in den Sinn.

Man kann den etwas naiven, aber symphatischen jungen Boxer nur bemitleiden, der völlig ungeprüft und ohne die notwendigen Herausforderungen ins kalte Wasser geworfen wurde. Das Universum-Management wird sicherlich erkannt haben, daß Veit nicht von Natur aus mit Talent gesegnet war, sondern sich seine Leistungen von jeher hart erarbeiten musste. Insofern erscheint es nicht nachvollziehbar, daß man den Cottbuser nicht allmählich, sondern direkt mit einem solchen Weltklasse-Mann wie Calzaghe konfrontierte.

Joe Calzaghe hingegen nutzte die Gunst der Stunde und präsentierte sich der Weltöffentlichkeit von seiner besten Seite. An ihm führt derzeit, nach einem über einjährigen Karriere-Tief, kaum ein Weg im Supermittelgewicht vorbei. Der Waliser forderte Sven Ottke (Studiogast bei PremiereWorld) denn auch direkt zum Kampf heraus. Ottke zeigte, wie bereits in der Vergangenheit, wenig Interesse an diesem Kampf und verwies auf die geringe internationale Bedeutung des WBO-Gürtels. Doch nicht erst die heutige Leistung des Weltmeisters hat eindrucksvoll gezeigt, daß es für beide Boxer nur noch eine einzige wirkliche Herausforderung in ihrer Gewichtsklasse gibt - das Duell Calzaghe vs. Ottke. Ob es dabei um einen WM-Titel geht, sollte aus sportlicher Sicht wirklich niemanden interessieren.

 

 

 
     

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