| |
Drews,
Drozd und
Chagaev siegreich
Vor Ort aus München berichtet
Marco Zeininger
Nach längerer Pause machte am Samstagabend der Universum Boxstall
wieder einmal Halt in der bayrischen Landeshauptstadt München. Zum
ersten Mal wurde ein Boxabend in der Zenithhalle, einer ehemaligen Eisenbahnausbesserungshalle,
ausgetragen. Neben dem Hauptkampf, in dem Stipe
Drews und Antonio
Brancalion die Europameisterschaft im Halbschwergewicht ausboxten,
fand ein abwechslungsreiches Rahmenprogramm mit vorwiegend osteuropäischen
Boxern statt. Höhepunkte sollten dabei unter anderem ein Cruisergewichtsduell
zweier ungeschlagener Russen, sowie der Einsatz der Schwergewichtshoffnung
Ruslan
Chagaev darstellen.
1. Kampf: Alexander
Alekseev vs. Tomas
Mrazek, vier Runden, Schwergewicht.
Den Auftakt des Abends machte der russische Amateurweltmeister im Schwergewicht,
Alexander
Alekseev, der in München sein Profidebüt gab. Als
Gegner stand ihm der 24-jährige Tscheche Tomas
Mrazek gegenüber, der von Anfang an mit diesem Gefecht
vollkommen überfordert war. Sehr schnell wurde deutlich, dass Alekseev
seinen ersten Kampf möglichst kurz gestalten wollte. Ein starker
Schlaghagel prasselte auf den Gastboxer nieder, der nach einer 1:42 Minuten
völlig zu Recht aus dem Kampf genommen wurde. Leider war diese Darstellung
Alekseevs viel zu kurz und der Gegner viel zu schwach, um seine zukünftigen
Chancen im Profibereich vorhersagen zu können.
Offizielles Urteil: Sieger Alexander Alekseev durch TKO in der ersten
Runde (1:42)
2. Kampf, Dimitri
Sartison vs. Osmar
Teixeira, sechs Runden, Supermittelgewicht.
Einen schweren KO landete der Kasache Dimitri
Sartison gegen seinen brasilianischen Kontrahenten Osmar
Teixeira. Von Beginn an war den Zuschauern klar, wie dieser
Kampf enden würde. Einzig der Zeitpunkt eines vorzeitigen Sieges
des 25-jährigen Sartison stand in Frage. So dauerte es bis zur dritten
Runde, bis der Mann aus dem Universumstall die zahlreichen Deckungslücken
seines boxerisch nicht besonders geschulten Gegenübers erneut ausnutzte
und einen rechten Cross punktgenau an die Schläfe des Südamerikaners
setzte. Dieser ging daraufhin schwer zu Boden und benötigte mehrere
Minuten, um wieder auf die noch immer wackligen Beine zu kommen.
Offizielles Urteil: Sieger Sartison durch KO in der dritten Runde.
3. Kampf, Mahir
Oral vs. Attila
Kiss, acht Runden, Mittelgewicht.
Ein verhaltenes Duell lieferten sich der in Hamburg ansässige
"Lion" Mahir
Oral und sein erfahrener Kontrahent aus Ungarn Attila
Kiss. Den gesamten Kampf über verharrte der ungarische
Gastboxer in einer sehr soliden Doppeldeckung gegen die der türkischstämmige
Oral kein probates Mittel fand. Zwar war der Universum-Boxer der deutlich
aktivere Mann im Ring, jedoch konnte er keinerlei nennenswerte Treffer
setzen. Schließlich werteten alle drei Punktrichter den langweiligen
Kampf mit 80:72 zugunsten Mahir Orals.
Offizielles Urteil: Einstimmiger Sieger nach Punkten Mahir Oral.
4. Kampf, Lukas
Wilaschek vs. Michel
Noto, sechs Runden, Supermittelgewicht.
Deutlich mehr wurde dem Publikum im Kampf zwischen dem Kölner
Lukas
Wilaschek und seinem Gegner Michel
Noto aus Frankreich geboten. Zwar ließ der Kampfrekord
des Gastboxers mit sieben Siegen bei 26 Niederlagen nicht viel Spannung
erwarten, doch strafte der Mann aus Toulon die Zuschauer Lügen. Kampfeslustig
stellte er sich seinem boxerisch klar überlegenen Gegner Wilaschek
ein ums andere mal, um beinahe auf Augenhöhe mitzuboxen.
Was dem Franzosen an boxerischer Schulung und Koordination fehlte, machte
er durch einen enormen Kampfeswillen wieder wett. Im Endeffekt war er
jedoch chancenlos, da es ihm sichtlich an Schlagkraft fehlte, um den Heimboxer
ernsthaft in Bedrängnis zu bringen. So werteten alle drei Punktrichter
den Kampf zu Recht mit 60:54 zugunsten Wilascheks.
Offizielles Urteil: Einstimmiger Sieger nach Punkten Lukas Wilaschek
5. Kampf, Vitali
Tajbert vs. Julio
Borges, vier Runden, Superfedergewicht.
Mit Bravour absolvierte einer der großen Hoffnungsträger im
Universumstall, der 23-jährige Vitali
Tajbert, seinen zweiten Profikampf. Seinem durchaus beweglichen
Gegner Julio
Borges aus Brasilien gelang es zwar nach wenigen Sekunden
einen deutlichen Treffer zu setzen, jedoch beeindruckte das den gebürtigen
Kasachen und Bronzemedaillengewinner der Olympischen Spiele von Athen
2004 überhaupt nicht. Nur wenige Augenblicke später schickte
der jetzt in Stuttgart lebende Tajbert seinen Kontrahenten mit einem erstklassigen
linken Haken zum Kopf das erste Mal zu Boden. Zwar rappelte sich der Brasilianer
noch einmal auf, aber nur um wenig später durch einen schönen
Leberhaken erneut zu Boden zu gehen, woraufhin er vom ehemaligen WBO-Weltmeister
im Federgewicht und jetzigem Ringrichter Istvan "Koko"
Kovacs aus Ungarn ausgezählt wurde. Später stellte
sich heraus, dass Tajbert seinem Gegner den Kiefer gebrochen hatte.
Offizielles Urteil: Sieger Tajbert durch KO in der ersten Runde.
6. Kampf, Ruslan
Chagaev vs. Rob
Calloway, zehn Runden, Schwergewicht.
Einen unterhaltsamen
Rückkampf erlebten die Zuschauer in der nicht ganz ausverkauften
Zenithhalle mit dem Gefecht zwischen dem Usbeken Ruslan
Chagaev (BP-Talent) und dem US-Amerikaner Rob
Calloway. Die beiden Boxer standen sich bereits im Jahre
2002 schon einmal gegenüber. Damals musste der Kampf wegen einer
Augenbrauenverletzung des Mannes aus dem US-Bundesstaat Montana als "Technisches
Unentschieden" gewertet werden.
Diesmal wollte es der äußerst aggressive Chagaev nicht soweit
kommen lassen. Bereits nach etwa zehn Sekunden gelang es ihm, den US-Boy
mit dem schillernden Kampfnamen "The All-American Prizefighter"
schwer zu beeindrucken. Ein kurzer linker Haken gefolgt von einem rechten
Haken schlug am Kopf Calloways ein, woraufhin dieser unfreiwillig ein
kurzes Tänzchen einlegte. Nur mit Mühe gelang es ihm, klammernd
in den Kampf zurückzufinden und sich in die erste Rundenpause zu
retten.
In der zweiten Runde bot sich dasselbe Bild wie im ersten Durchgang. Ein
nach vorne stürmender Chagaev war gewillt, dem Kampf ein frühes
Ende zu bereiten. So war es beinahe vorhersehbar, dass der Usbeke aus
dem Universumstall seinen eingeschüchterten Gegner erneut mit einem
linken Haken erwischte, woraufhin dieser sehr schwer zu Boden ging und
aus dem Kampf genommen wurde.
Dieser Sieg Chagaevs sollte als Abschluss einer ausreichenden Aufbauphase
angesehen werden. Nun wäre es an der Zeit, ihm anspruchsvollere Gegner,
die sich zumindest auf europäischem Topniveau befinden, zuzuführen.
Offizielles Urteil: Sieger Chagaev durch KO in der zweiten Runde.
7. Kampf, Gregory
Drozd vs. Pavel
Melkomian, zehn Runden, Cruisergewicht.
Einen echten Leckerbissen bekamen die Zuschauer mit dem Gefecht der beiden
ungeschlagenen Russen "Pretty
Boy"
Gregory Drozd (BP-Nr. 20) und Pavel
Melkomian (BP-Talent) vorgesetzt. Schon von der
Papierform her schien dieser Kampf die restlichen Ansetzungen der Veranstaltung
in den Schatten zu stellen und der Kampfverlauf hielt eindeutig was er
versprach.
Beide Boxer schenkten sich von Anfang an nichts. Überraschender-weise
gelang es dem relativen Außenseiter Melkomian bereits in der Eröffnungsrunde,
die ersten klaren Akzente zu setzen. Auch im zweiten Durchgang setzte
sich der Universumboxer besser in Szene und seine Angriffsbemühungen
wurden belohnt, indem er Drozd mit einem äußerst sehenswerten
und ansatzlos geschlagenen rechten Cross tatsächlich zu Boden schicken
konnte. Doch der im Vorfeld favorisierte "Pretty Boy" war von
diesem Niederschlag mehr überrascht als wirklich angeschlagen. Für
ihn schien dieser erste Bodenbesuch seiner Profikarriere wie ein lauter
Weckruf gewesen zu sein. Nun bemühte er sich seinerseits sichtlich
darum, endlich in den Kampf zu finden und Treffer zu landen. Bereits in
der folgenden dritten Runde schien sich das Blatt auch dementsprechend
zu seinen Gunsten zu wenden. Deutlich aggressiver und zielgenauer trug
Drozd seine Angriffe vor. Melkomian blutete stark getroffen am Kopf und
die Runde schien nun klar an seinen Kontrahenten zu gehen. Jedoch machte
Ringrichter Erich Stümpfl den Bemühungen Drozds
einen Strich durch die Rechnung, indem er sich genötigt fühlte,
den Moskauer wegen eines nicht zu erkennenden Kopfstoßes einen Punkt
abzuziehen, dem vollkommen überzogen ein weiterer Punktabzug wegen
Tiefschlags folgen sollte. So ging die von Drozd klar dominierte Runde
tatsächlich mit 10-8 an den immer mehr in Bedrängnis geratenden
Pavel Melkomian. Dieser hatte somit bereits nach drei Runden einen Fünf-Punkte-Vorsprung
auf den Punktzetteln und daneben einen ihm scheinbar wohlgesonnenen Ringrichter.
"Pretty Boy" Drozd stand nun scheinbar auf verlorenem Posten,
da er einerseits nach Punkten klar zurücklag und es andererseits
nicht auszuschließen war, dass er demnächst disqualifiziert
werden würde. Doch jetzt zeigte sich, aus welchem Holz der Moskauer
geschnitzt war. Mit dem Rücken zur Wand setzte er alles auf eine
Karte und schlug Melkomian zunächst in der folgenden vierten Runde
mit einem schönen linken Haken zu Boden, um ihn schließlich
im fünften Durchgang ebenfalls mit einem linken Haken auszuknocken.
Ein klassischer und äußerst unterhaltsamer Boxkampf fand so
sein beinahe heroisches Ende und Gregory Drozd zeigte, dass in ihm ein
wahrer Kämpfer steckt, auf den man in Zukunft achten muss.
Offizielles Urteil: Sieger Drozd durch KO in der fünften Runde.
8. Kampf, Goran
Gogic vs. Oleg
Belikov, sechs Runden, Schwergewicht.
Keinen
besonderen Kampfeswillen zeigte der ukrainische Gastboxer Oleg
Belikov gegen den Universum-Boxer Goran
Gogic. Bereits in der zweiten Runde ging der Ukrainer dreimal
zu Boden, obwohl er nicht ernsthaft getroffen wurde. Der Ringrichter brach
das wenig aussagekräftige Gefecht zugunsten Gogics ab.
Offizielles Urteil: Sieger durch TKO in der zweiten Runde Goran Gogic
9.
Kampf: Stipe
Drews vs. Antonio
Brancalion, zwölf Runden, vakante
Europameisterschaft und WBO-Intercontinental-Meisterschaft im Halbschwergewicht.
Den Hauptkampf des Abends absolvierten der lautstark umjubelte Kroate
Stipe
Drews und der Italiener
Antonio
Brancalion,
der ebenfalls von einigen italienischen Fans in der Halle gefeiert wurde.
Beide Boxer lieferten jedoch einen unansehnlichen und zerfahrenen Kampf
ohne große Höhepunkte. Zwar war Drews der deutlich aktivere
Boxer, jedoch gelang es ihm nicht, sein Gegenüber ernsthaft zu beeindrucken.
Ebenso mangelte es Brancalion sichtlich an der nötigen Schlagkraft,
um seinerseits den Kroaten in Bedrängnis zu bringen. So entschied
am Ende die höhere Schlagfrequenz den verbissenen und leider verkrampft
geführten Kampf.
Die Punktrichter werteten mit 118:109, 117:109 und 119:108 vielleicht
ein wenig zu eindeutig zugunsten von Stipe Drews, der sich damit zum zweiten
Mal in seiner Karriere die Europameisterschaft im Halbschwergewicht sowie
den WBO-Intercontinental Gürtel sicherte.
Sonntag,
08. Januar 2006
|
|