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Sensation: Mayorga knockt Forrest aus!
von Jörg Lüdemann


In dem mit Spannung erwarteten Titelvereinigungskampf im Weltergewicht zwischen WBC-Weltmeister Vernon Forrest (BP-Nr.1) aus den USA und WBA-Champ Ricardo Mayorga (Foto, BP-Nr.4) aus Nicaragua, gab es die erste große Sensation des Boxjahres 2003. Mayorga gelang im kalifornischen Indianer-Reservat Temecula zur Überraschung aller Experten gegen den bis dato ungeschlagenen Forrest ein technischer KO-Sieg nach 2:06 Minuten der dritten Runde. Den zweiten Hauptkampf des Abends gewann der kubanische Ex-Superfedergewichts-Weltmeister Joel Casamayor (BP-Nr.2) gegen den talentierten US-Amerikaner Nate Campbell (BP-Nr.14) knapp nach Punkten.

Bereits der Kampf zwischen Casamayor und Campbell hielt den hohen Erwartungen stand. Der bis dahin ungeschlagene Campbell stand seinem mit Abstand stärksten Gegner im Ring gegenüber und zeigte dennoch von Anfang an keinerlei Respekt. Der US-Amerikaner präsentierte sich als jederzeit gleichwertiger Mann und bestimmte insbesondere die Auftaktrunden dank seines unorthodoxen, aber effektiven Stils. Schlag- und konditionsstark, überaus beweglich auf den Beinen und im Oberkörper, und mit einer brandgefährlichen rechten Schlaghand ausgestattet, konnte Campbell seinen Gegner anfänglich gut beschäftigen. Casamayor schien überrascht und unvorbereitet, kassierte insbesondere an den Ringseilen harte Treffer und musste zudem immer wieder die rechte Schlaghand seines 30-jährigen Gegners einstecken.

Doch ab der vierten Runde fand der Ex-Weltmeister allmählich besser in den Kampf, ohne Campbell innerhalb der 10-Runden-Distanz jemals ganz in den Griff zu bekommen. Seine stärksten Szenen hatte Casamayor (Foto) in der Halbdistanz, wenn es ihm gelang, Campbell in den Rückwärtsgang zu zwingen. Meist jedoch schlug der Kubaner viel zu oft ins Leere. Zu selten kam Casamayor dazu, seine gefürchteten schnellen Schlagserien anzubringen, weil Campbell sich entweder gut wegzudrehen oder zu klammern verstand. Trainer Buddy McGirt hatte seinen Schützling exzellent auf die Angriffe Casamayors eingestellt.

Es entwickelte sich fortan ein relativ ausgeglichener Kampf, in dessen Verlauf es der erfahrenen Casamayor jedoch verstand, dem optisch überlegen wirkenden Campbell trotzdem Runde für Runde auf den Punktzetteln zu stehlen. Dabei spielte die zunehmende Unkonzentriertheit seines Gegners, der jetzt mehr Treffer als zu Beginn kassierte, dem Kubaner in die Hände. In den ereignisarmen Schlussrunden brachte Casamayor die Mehrzahl der wenigen klaren Treffer an und konnte so auf dem BP-Punktzettel einen knappen Punktsieg einfahren.

Die BoxingPress-Scorecard
Runden
Casamayor
Campbell
1
9
10
2
9
10
3
9
10
4
10
9
5
10
9
6
10
9
7
9
10
8
10
9
9
10
9
10
10
9
Gesamt
96
94

Auf zwei der drei offiziellen Punktezettel fiel das Urteil überraschend deutlich aus: Zwei Punktrichter sahen Casamayor unverständlich hoch mit 98:92 und 97:93 vorn, während der dritte Mann am Ring den Kampf mit 96:94 für den Kubaner wertete. Eine Differenz von sechs Runden entbehrt zweifelsfrei jeder Grundlage. Dem entsprechend empört reagierte Campbell (Foto) auf die Urteilsverkündung. Doch den talentierten US-Amerikaner, der erst spät mit dem Boxen begann, und in Anbetracht dessen eine beeindruckende sportliche Entwicklung vorzuweisen hat, sollte diese Niederlage nicht zu weit zurückwerfen. Immerhin stellte Campbell eindrucksvoll unter Beweis, dass er mit einem internationalen Klassemann wie Joel Casamayor problemlos mithalten kann. Der Weg zu einem Titelkampf ist nach diesem unterhaltsamen und hochklassigen Kampf sicherlich für beide Superfedergewichtler geebnet.

Es folgte der Hauptkampf des Abends. WBC-Weltergewichts-Champ Vernon Forrest (Foto), nach seinen zwei Siegen über Shane Mosley (BP-Nr.2) im vergangenen Jahr von der internationalen Fachpresse zum "Boxer des Jahres 2002" gewählt, war angetreten, seine ihm seither nachgesagten P4P-Qualitäten gegen den als brutalen Schläger bekannten WBA-Weltmeister Ricardo Mayorga unter Beweis zu stellen. Der als brillianter Techniker bekannte Forrest hatte vor seinen Siegen gegen Mosley zwar auf eine sehr erfolgreiche Amateur-Karriere und einen WM-Titelgewinn bei den Profis zurückblicken können, ansonsten aber kaum nennenswerte Siege in seinem Profi-Rekord zu verzeichnen gehabt. Doch mit seinen zwei jüngsten Erfolgen hatte sich der symphatische 31-Jährige in die Herzen der Boxfans und in die Top10 der P4P-Ranglisten geboxt.

Von Mayorga gab es vor dessen Titelgewinn im Jahr 2002 gegen den bis dahin ungeschlagenen Andrew Lewis (BP-Nr.5) allerdings noch weit weniger zu berichten. Nach nur sechs Amateurkämpfen war der Nicaraguaner 1993 ins Profigeschäft gewechselt und hatte gleich seinen ersten Kampf vorzeitig verloren. Ende 1995 legte Mayorga eine zweijährige Pause ein und setzte sein Comeback 1998 mit zwei Punktniederlagen gegen international völlig bedeutungslose Landsmänner ebenfalls in den Sand. Doch davon scheinbar unbeeindruckt, ging der inzwischen 29-jährige weiter seinen Weg und verlor seither keinen Kampf mehr. Vielmehr fanden sich die meisten seiner Gegner kurzrundig im Ringstaub wieder.

Erste internationale Aufmerksamkeit erregte Mayorga (Foto) Ende 2000 mit einem TKO-Sieg in Runde eins über den damals ungeschlagenen KO-Künstler Adolfo Salazar aus Venezuela. Wohl aus diesem Grund erhielt "El Matador", wie Mayorga in seiner Heimat Nicaragua genannt wird, Mitte 2001 seinen ersten WM-Kampf gegen Andrew Lewis. War das erste Duell der beiden noch wegen eines unabsichtlichen Kopfstosses ohne Entscheidung geendet, gewann Mayorga den Rückkampf im März 2002 klar durch KO. Seiner bedingungslosen Angriffslust hatte der erfahrene Lewis überraschend wenig entgegenzusetzen gehabt. Auf der anschließenden Pressekonferenz hatte sich der passionierte Raucher Mayorga zur Belohnung erst einmal eine Zigarette angesteckt und ein Bier aufgemacht. Ein Paradiesvogel par excellence.

Trotzdem oder gerade deshalb trauten die meisten Boxfans Mayorga nach diesem Erfolg keine lange Regentschaft zu. Wie auch die internationalen Buchmacher, die den Nicaraguaner vor dem Duell mit Forrest als 1:6-Außenseiter einstuften. Daran änderten auch die vollmundigen Ankündigungen Mayorgas nichts, der sich auf den Pressekonferenzen im Vorfeld sehr redselig präsentierte und immer wieder einen klaren Knockout-Sieg ankündigte. Wie zum Beweis dafür küsste Mayorga in den Tagen vor dem Kampf bei jeder Gelegenheit seinen rechten Bizeps.

Zu erwarten war also ein typischer Kampf "Boxer vs. Puncher" - der exzellente Techniker Forrest gegen den brutalen Schläger Mayorga. Die Boxhistorie belegt, dass solche Duelle meist mit einem klaren Erfolg für den Boxer ausgehen. Doch es gibt auch Ausnahmen...

Der noch singend und bei bester Laune einmarschierende Forrest musste bereits wenige Sekunden nach dem ersten Gongschlag erkennen, dass dieser Kampf kein Spaziergang zu werden versprach. Mayorga attackierte seinen Gegner, den er im Vorfeld immer wieder als "Clown" bezeichnet hatte, mit wilden Schwingern aus den unmöglichsten Winkeln. Forrest blieb vorerst konzentriert, ließ den Nicaraguaner mit geschickten Meidbewegungen ins Leere schlagen oder laufen. Dennoch geriet der US-Amerikaner bereits in der ersten Runde nach einem linken Haken Mayorgas ins Stolpern und musste kurzzeitig zu Boden. Ringrichter Marty Denkin wertete dies zu Unrecht als Niederschlag, womit Forrest die eigentlich gewonnene Runde auf den Punktzetteln mit 8:10 an Mayorga abgab.

Der 29-jährige Mayorga zeigte auch in Runde zwei keinerlei Respekt vor der boxerischen und körperlichen Überlegenheit seines Gegners. Sofort drängte er den in Sachen Reichweite klar bevorteilten Forrest mit fürchterlichen Schlagserien in den Rückwärtsgang, ohne dabei jedoch schwere Treffer anbringen zu können. Wer nun damit gerechnet hatte, der erfahrene Vernon Forrest würde in bester Boxer-Manier seinen gefährlichen Gegner sich zunächst auspowern lassen, um ihn im späteren Kampfverlauf auszuboxen, wurde überrascht: Der US-Amerikaner hielt vehement dagegen und stellte sich dem offenen Schlagabtausch. Forrest vertraute wohl auf seine schnelleren Hände und guten Reflexe, was sich zunächst auch auszahlte, denn der langsamere Mayorga kassierte in Runde zwei mehrere schwere Aufwärtshaken und weitere harte Treffer.

Forrest-Trainer Ronnie Shields war alles andere als begeistert von der geänderten Taktik seines Schützling. Noch in der Rundenpause beschwor er Forrest geradezu, sich nicht auf eine bedingungslose Schlägerei mit dem brandgefährlichen Mayorga einzulassen. Doch "Boxer" Vernon hatte jetzt den Schläger in sich entdeckt. Dies freilich zur Begeisterung der Zuschauer in der Halle und vor den Fernsehschirmen, die inzwischen nichts mehr auf den Sitzen hielt. Runde drei machte dort weiter, wo Runde zwei aufgehört hatte. Beide Boxer droschen bedingungslos aufeinander ein. Doch nun landete Mayorga mit seiner Rechten immer wieder klare Treffer, die nur noch mehr den Kampfgeist Forrests hervorriefen. Der 31-Jährige schlug umso verbissener zurück. Mitten in eine dieser Revanche-Aktionen platzierte Mayorga einen linken Haken, der Forrest in die Seile taumeln ließ. Wenig später krachte ein rechter Schwinger von "El Matador" an die Schläfe des US-Amerikaners, der die Entscheidung brachte.

Forrest ging schwer mitgenommen zu Boden, rappelte sich zwar noch einmal auf, doch seine Beine versagten ihm den Dienst. Referee Denkin zählte den Weltmeister nicht einmal mehr bis acht an, sondern brach den Kampf sofort ab. Eine im ersten Moment für Forrest und manche Zuschauer vielleicht nicht nachvollziehbare Entscheidung, doch der US-Boy wirkte zu angeschlagen, um den Kampf noch einmal eine entscheidende Wendung zu geben. Vielmehr dürfte der Ringrichter den Weltmeister vor einem schweren KO und einem verfrühten Karriereende bewahrt haben.

Derweil kannte der Jubel im Lager des neuen Doppel-Weltmeisters keine Grenzen. Mayorga umarmte stürmisch jeden Umstehenden und schrie seine Freude bis in den letzten Winkel der mit 3000 Zuschauern ausverkauften Halle. Schließlich hatte "El Matador" gerade den zweiten ungeschlagenen Weltmeister in Folge bezwungen, und das trotz offensichtlicher boxerischer Schwächen. Im anschließenden Interview gestand der Nicaraguaner dies dann auch ein. "Ich habe keinen schönen Stil, aber ich bin sehr, sehr stark," sagte Mayorga. Währendessen qualmte der Sieger voller Freude seine erste Zigarette nach monatelanger Abstinenz.

Der unterlegene Forrest gab sich unterdessen kämpferisch: "Alle großen Champions haben mal verloren und sind dann zurückgekommen. Genau das habe ich vor." Zum Kampfverlauf erklärte der 31-Jährige: "Ich habe seinen Kampf gekämpft, weil ich mir gleich früh Respekt verschaffen wollte. Die Leute kennen mich nur als Boxer, aber ich kann auch fighten. Es hängt vom Gegner ab." Im Anschluss verwies Forrest auf eine vertraglich vereinbarte Rückkampf-Klausel, die nun aufgrund seiner Niederlage wirksam wird. Mayorgas Promoter Don King kündigte auf der Pressekonferenz jedoch an, dass sein Schützling zuvor einen weiteren Titel-Vereinigungskampf gegen den Sieger des IBF-WM-Kampfes zwischen Weltmeister Michele Piccirillo (BP-Nr.6) und Cory Spinks (BP-Nr.7) bestreiten soll.

 

 

 
     

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