| |
Artur
Grigorian vs. Acelino Freitas - Der Vorbericht
Von Wolfgang Oswald
Das Ende
von Ritter König Artur ist legendär: Er verlor das dramatische Gefecht
gegen seine größte Herausforderung und verschwand für immer in der Versenkung
von Avalon. Ein denkbar schlechtes Omen für den ungeschlagenen Artur
Grigorian (Foto oben, BP-Nr. 8), der den Kampfnamen „King
Artur“ trägt und am 03. Januar 2004 seinen WBO-Titel im Leichtgewicht
verteidigen will (Premiere Sport 2 zeigt evtl. eine Aufzeichnung um 5.00
Uhr aus dem Foxwoods Resort in Ledyard, Connecticut). Sein Gegner ist
dabei kein geringerer als Acelino
"Popo" Freitas (BP-Nr. 1), seines Zeichens unbesiegter
WBO-Weltmeister und WBA-Superchampion im Superfedergewicht, und in seiner
Heimatstadt Salvador in Brasilien schon zu Lebzeiten eine Legende wie
die Mär vom Ritter der Tafelrunde.
„Wir
hatten so gut wie nichts zu essen“, erinnert sich der Brasilianer
(Foto links) an seine Kindheit in einer kargen Hütte im Slum von
Salvador „New City“. Bis zu seinem fünften Lebensjahr sei er darum von
seiner Mutter gestillt worden. Ein ungewöhnlicher Umstand, der Freitas
den Spitznamen „Popo“ einbrachte. „Popo“ ist die brasilianische Beschreibung
für die Saug- und Schmatzgeräusche der Babys. Mit dem Boxen in Berührung
kam der junge Acelino durch seinen Bruder, der im Boxgym von Luis Dorea
trainierte. „Popo“ folgte dem Vorbild des großen Bruders und machte im
Ring bald durch seine harten Fäuste und sein Boxtalent auf sich aufmerksam.
Er gewann mehrere nationale Meisterschaften und errang 1995 die Silbermedaille
bei den Panamerika-Spielen. Nach 76 Amateurfights, von denen er 74 gewann
(61 davon vorzeitig), wechselte Freitas mit 19 Jahren in das Lager der
Profiboxer.
„Ich
wollte raus aus dem Dreck, meiner Familie helfen und das meiste Geld gibt
es eben nur im Profiboxen.“ wusste „Popo“ und schnell wurde er auch
bei den Berufsboxern als wahre Knockout-Maschine gefeiert und gefürchtet.
Nach 20 Fights mit 20 vorzeitigen Siegen trat er 1999 gegen den Titelverteidiger
Anatoly
Alexandrov um die Weltmeisterschaft an. Der Kampf dauerte nicht
lange und schon in der ersten Runde musste Alexandrov den Ring auf einer
Trage liegend verlassen. Der Anfang einer langen und bislang erfolgreichen
Boxkarriere war gemacht und durch seinen Sieg über den kubanischen Ausnahmeboxer
Joel
Casamayor (Foto oben rechts, BP-Nr. 3) wurde Freitas
endgültig zum brasilianischen Superstar und Superchamp.
Doch
wie bei vielen majestätischen Herrschern üblich, reichen dem Mann aus
Salvador die erkämpften Lorbeeren nicht mehr. Im Gegenteil: Freitas möchte
sein Reich vergrößern und den Thron in einer neuen Gewichtsklasse erobern.
Dabei hat er sich König Artur ausgesucht, dessen Regentschaft zwar schon
lange währt, aber inzwischen bereits zu bröckeln beginnt. Seine letzte
Titelverteidigung endete nur mit einem umstrittenen und sehr schmeichelhaften
Sieg für den 36-jährigen Grigorian und auch bei seinen vorausgegangenen
Auseinandersetzungen konnte der oft vom Verletzungspech verfolgte Usbeke
nicht immer restlos überzeugen.
„King Artur“ wäre jedoch kein großer König, wenn er sich nicht einer wahren
Herausforderung stellen würde. Noch einmal hat er sich also für ein großes
Gefecht in Form gebracht, an seinen Waffen geschmiedet und sich konzentriert
vorbereitet. Vielleicht so gut wie nie vorher, denn Freitas ist sicher
der bislang härteste Prüfstein in der ansonst makellosen Boxkarriere von
Grigorian. Dennoch stehen die Chancen für den Weltmeister eher schlecht.
Zuviel spricht auf den ersten Blick für den erheblich jüngeren Herausforderer
aus Südamerika. Er hat die eindrucksvollere Knockoutquote, mehr Auslandserfahrung
bei den Professionals und die besseren Gegner. Doch wenn man genau hinsieht,
sollte man Grigorian nicht abschreiben.
Der Usbeke boxt in der Rechtsauslage, ist etwas größer als sein Herausforderer
und hat die längere Reichweite und ein glänzendes Auge. Freitas dagegen
hat so gut wie keine Erfahrung mit solchen Rechtsauslegern, die jene berüchtigte
osteuropäische Boxtechnik mit den kurzen Abfangschritten und sofort folgenden
Konterattacken meisterhaft beherrschen. Noch dazu ist sein aggressiver
Offensivstil mit den gelegentlichen Deckungslücken für König Artur und
seine Art zu boxen wie maßgeschneidert. Aber das Alter, 384 Amateurkämpfe
und 36 Profifights sowie einige private Probleme und Geldsorgen zehren
mittlerweile an Grigorians Substanz und kosten ihren Tribut. Zudem boxt
der Weltmeister im Leichtgewicht diesmal nicht auf einer Veranstaltung
der Universum Box Promotion. Das bedeutet, er muss deshalb erheblich mehr
riskieren und „arbeiten“, um die Runden für sich entscheiden zu können.
Auf einen Championbonus bei den Punktrichtern kann er gegen Freitas nicht
hoffen. Das wiederum führt zu Lücken in der Defensive, die der schlagstarke
Mann aus Salvador jederzeit ausnutzen kann.
Auf
alle Fälle scheint eine spannende und gleichwertige Auseinandersetzung
garantiert, in der sich der Südamerikaner mit zunehmender Kampfdauer am
Ende vermutlich entscheidend durchsetzen wird. Die in diesem Jahr größere
Kampfpraxis, die unverbrauchtere Konstitution und die stärkere Kraft sprechen
eindeutig für Acelino Freitas und selbst der Supertechniker Joel Casamayor
konnte „Popo“ nicht entscheidend in Schach und auf Distanz halten; ein
weiteres Indiz für das hohe boxerische Leistungsvermögen der Knockoutmaschine.
Aber auch der Kampfname von Grigorian spricht für sich, denn es heißt
nicht umsonst: „Adel verpflichtet.“ Und die Legende von „King Artur“ lehrt:
„Totgesagte leben länger, wenn es um glänzendes Gold und damit verbundene
Historie geht!“
|
|