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Halmich
überzeugt, Trabant siegt knapp, Grigorian desaströs
von M. Kurt Saygin und Jörg
Lüdemann
Am
Ende eines spannenden Universum-Kampfabends, in dessen Verlauf einige
Kämpfe in der Essener Grugahalle weit knapper verliefen, als es einem
Veranstalter recht sein kann, gab es neben einem knappen, aber vertretbaren
Urteil eine Lehrstunde in Sachen Boxen, altbekannte Vorwürfe über
ausgetauschte Handschuhe und ein äusserst kontroverses Urteil. Vor
nur 3.000 Zuschauern landete Weltergewichts-Europameister Michel
Trabant (Foto, BP-Nr.14)
einen zumindest umstrittenen, und WBO-Leichtgewichts-Champion Artur
Grigorian (BP-Nr.4)
einen gänzlich unverdienten Punktsieg.
Die Kampfergebnisse
im Einzelnen:
Daisy
Lang vs. Silke Weickenmeier, Titel-Kampf im Junior-Federgewicht (GBU),
angesetzt auf 10 Runden
In
einem optisch wenig ansprechenden Kampf, der von Ringrichter Daniel
van de Wiele geleitet wurde, gab es ein Unentschieden im Kampf um
den GBU-Titel im Junior-Federgewicht zwischen Daisy
Lang
(Foto) und Silke
Weickenmeier.
Lang, die mit einer Knieverletzung antrat, konnte gegen ihre deutsche
Gegnerin keineswegs überzeugen. Über weite Strecken des Kampfes
wurde zuviel gehakt und gezerrt und zu wenig geschlagen. Weickenmeier
bestimmte durch ihre Aggressivität zwei Drittel des Kampfverlaufs
und profitierte dabei auch von ihrer körperlichen Überlegenheit.
Dieser Vorteil wandelte sich in den letzten Runden jedoch zu ihren Ungunsten,
denn die Boxerin aus Speyer hatte am Ende mit Konditionsproblemen zu kämpfen.
Lang fand, trotz ihrer Verletzung und eines Wadenkrampfes, noch einmal
zurück in den Kampf.
Am
Ende der zehn Runden werteten die drei Punktrichter sehr unterschiedlich:
Der erste sah Lang mit 96:94 vorn, der zweite punktete 97:93 für Weickenmeier
(Foto), während der dritte den Kampf mit 95:95 Unentschieden wertete.
Mit Erklärungen waren beide Parteien schnell zur Hand. Während
Lang auf ihre Knieverletzung hinwies, machte Weickenmeier die zuvor abgekochten
sieben Kilogramm für ihre Konditionsschwächen im Finish verantwortlich.
Mit dem Urteil zeigten sich beide Boxerinnen jedoch einverstanden. Da
die Damen weiterhin an der Ermitlung einer "Box-Queen" interessiert
sind, soll nun baldmöglichst ein Rückkampf angesetzt werden.
Regina Halmich vs. Nadja Loritz, WM-Kampf im Fliegengewicht (WIBF), angesetzt
auf 10 Runden
Die
WM-Titelträgerin im Junior-Fliegengewicht der WIBF, Regina
Halmich
(40-1-0), die nicht erst nach ihrem letzten Kampf gegen Yvonne Caples
schon von vielen auf dem absteigenden Ast gesehen wurde, meldete sich
mit dem Kampf im Fliegengewicht gegen GBU-Juniorfliegengewichts-Championesse
Nadja
Loritz
eindrucksvoll zurück.
Entgegen
anderslautender Behauptungen stand keiner der beiden Titel auf dem Spiel,
da in Essen um den vakanten WIBF-Titel in der nächsthöheren
Gewichtsklasse (Fliegengewicht) gekämpft wurde.
Loritz (13-0-2), die im Vorfeld des Kampfes (siehe
Vorbericht) einen KO-Sieg gegen die UBP-Boxerin angekündigt hatte,
sah schon zu Kampfbeginn alles andere als siegessicher aus.
Regina
Halmich (Foto), die anfangs noch recht verhalten agierte und sich
auf schnelle Links-Rechts-Kombinationen beschränkte, wurde angesichts
der schwachen Gegenwehr von Nadja Loritz schnell mutiger und bot ab der
Mitte des Kampfes mit schneller Beinarbeit, variabler Schlagtechnik und
längeren Schlagkombinationen einen attraktiven Kampf. Die 34-jährige
Loritz hingegen war trotz ihrer Reichweitenvorteile und ganzen neun Zentimetern
Grössendifferenz zu keinem Zeitpunkt in der Lage, die bekannten Schwächen
in der Abwehr ihrer 26-jährigen Gegnerin konsequent zu nutzen. Hinzu
kam, dass sich Halmich in der Defensive stark verbessert demonstrierte.
Ihr häufiges Abducken und Auspendeln nach eigenen Aktionen war lehrbuchhaft.
Angesichts
der klaren Überlegenheit der Karlsruherin, ist es nur Loritzs Doppeldeckung
sowie ihren guten Nehmerfähigkeiten zu verdanken, dass der Kampf über
die Runden ging. Die Koblenzerin
(Foto) enttäuschte boxerisch auf der ganzen Linie, wirkte
gehemmt durch die große Kulisse und womöglich auch durch ihre
vollmundigen Ankündigungen vor dem Kampf. Der BP-Punktezettel sprach
mit 100:90 eine klare Sprache, welche sich mit der Wertung von Punktrichter
Joachim Jacobsen deckte. Heinrich Mühmert und Andreas
Schweiger hingegen werteten den Kampf mit einem für die Koblenzerin
äusserst schmeichelhaften 98:92 und 99:91 für die neue WIBF-Weltmeisterin
im Fliegengewicht, Regina Halmich.
Nach
dem Kampf beschwerten sich Trainer Detlev Loritz und seine Frau
über die Handschuhe der Gewinnerin und behaupteten, diese wären
ausgetauscht worden. Ringrichter van de Wiele quittierte diese Beschwerde
mit einem spöttischen Lächeln. Ob dieser Sachverhalt noch ein
Nachspiel haben wird, bleibt abzuwarten.
Michel
Trabant vs. Frederic Klose, EM im Weltergewicht, angesetzt auf 12 Runden
In
einem spannenden Kampf um die EM im Weltergewicht trafen der seit drei
Monaten pausenlos trainierende Michel
Trabant (BP-Nr.14, 37-0-0,
18 KO`s) und der erst vor einer Woche ersatzweise verpflichtete französische
Meister Frédéric
Klose
(32-3-0, 7 KO`s) aufeinander. Klose, der Trabant angeblich noch nie zuvor
kämpfen gesehen hatte, war trotz seiner Trainingspause siegessicher
und machte dem Europameister allein schon aufgrund seiner neun Zentimeter
Grössenunterschied und seinen daraus resultierenden Reichweitenvorteile
das Gewinnen äußerst schwer.
In
einem zwölf Runden dauernden Wechselspiel schenkten sich die Kontrahenten
nichts und keiner der beiden war in der Lage, grössere Punktvorteile
herauszuarbeiten. Nachdem Trabant die beiden Auftaktrunden hatte gewinnen
können, spielte dem Berliner ab
der dritten Runde seine bekannte Cutanfälligkeit übel mit. Eine
krachende rechte Gerade Kloses öffnete einen klaffenden Cut über
Trabants linkem Auge.
Während
der Franzose während des Kampfes hauptsächlich versuchte, den
Gegner aus der Distanz auszuboxen, suchte der kleinere Europameister die
Halbdistanz, um seinen berüchtigten linken Haken anzubringen, was
ihm in Form von Körperhaken auch immer wieder gelang. Klose schlug
zwar wesentlich häufiger, doch die Trefferanzahl beider Boxer war
nach zwölf Runden fast identisch, wodurch Trabant die deutlich höhrere
Trefferquote zugeschrieben werden konnte. Trotzdem konnte der Kampf für
beide Boxer gewertet werden, ein ausgeglichenes, schwer zu wertendes Duell.
Auf
dem BoxingPress-Punktzettel des einen Autors dieses Artikels stand es
am Ende hauchdünn 116:114 für Michel Trabant, wobei der obligatorische
Bonus eines Titelträgers, dem enge Runden oft zugeschrieben wurden,
bereits miteinberechnet war. Der
andere BP-Autor hatte ein Unentschieden errechnet. Am Ende dieses wechselhaften
und spannenden Kampfes werteten die Punktrichter Ernst Salzki (116:114)
und Fabian Guggenheim (117:113 - eindeutig zu hoch) für Trabant,
Pierre-Luigi Poppi sah Klose mit 115:114 vorn. Somit hieß
es nach einer Split-Decision: Alter und neuer Europameister - Michel Trabant,
der im Postfight-Interview zu Protokoll gab, "zum Schluss noch
einmal das Feuer aus den Eisen geholt" zu haben.
Angesichts
der Tatsache jedoch, dass der Franzose nur eine Woche Vorbereitungszeit
hatte und nach dem Kampf weitaus frischer aussah, als der offensichtlich
unglückliche Europameister, hat er sich die Chance auf eine Revanche
mehr als verdient. Ob der Berliner allerdings gegen eine austrainierte
Version dieses Franzosen ebenfalls bestehen kann, bleibt fraglich. Ein
Rückkampf könnte diese Frage sicherlich klären.
Artur Grigorian vs. Matt Zegan, WBO-WM im Fliegengewicht, angesetzt auf
12 Runden
Mit
einem äußerst kontroversen Urteil, das in den nächsten
Tagen mit Sicherheit noch für heißen Diskussionsstoff sorgen
wird, endete der Kampf um die WBO-WM im Leichtgewicht. Artur
Grigorian (BP-Nr.4,
35-0-0, 21 KO`s), der gerade in der letzten Phase des Kampfes optisch
und boxerisch sehr schlecht aussah, fand kein Mittel gegen den starken
internationalen polnischen Meister Matt
Zegan
(24-0-0, 12 KO`s). Grigorian war im gesamten Kampf sehr passiv, blutete
stark aus mehreren Cutverletzungen, wirkte müde und musste Treffer
über Treffer kassieren.
Selbst
auf der offiziellen Homepage (www.boxing.de)
des Universum-Boxstalls heißt es zum Kampf: "In der Tat schien
der 35-jährige Grigorian gegen seinen 9 Jahre jüngeren Herausforderer
über weite Strecken des Kampfes kein Rezept zu finden. Zegan marschierte
durch die Schläge des Weltmeisters hindurch, trieb Grigorian mit druckvollen
Angriffen vor sich her, und landete eine Vielzahl präziser Treffer. [...]
Angetrieben vom Mut der Verzweiflung erhöhte Grigorian in den letzten
Runden das Tempo und versuchte immer wieder K.o.-Treffer zu landen, während
er sich wiederholt das Blut aus den Augen wischen mußte, um sein Ziel
wieder erkennen zu können. Doch Zegan, der triumphierend die Arme hob
als Grigorian in Runde 11 seinen Mundschutz verlor, marschierte bis zum
Ende des Kampfes vorwärts und wirkte mit seinen 26 Jahren frischer und
unverbrauchter."
Dennoch
werteten die Punktrichter Levi Martinez 114:114, Joachim Jacobsen
115:113 und Arthur Ellensohn 116:112 für den alten und neuen
WBO-Weltmeister. Dies wurde mit gellenden Pfiffen beinahe aller Zuschauer
in der Essener Grugahalle quittiert. Weitere Augenzeugenberichte bestätigen,
dass Grigorian nicht mehr als zwei oder drei Runden gegen Zegan gewinnen
konnte. Bezeichnenderweise
sprach auch das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) trotz des Vertragsverhältnisses
mit der Universum Boxpromotion ganz offen von einem klaren Fehlurteil.
Auch im anschließenden Interview mit Trainer Fritz Sdunek
musste dieser sich Fragen nach der Rechtmässigkeit dieses Urteils
gefallen lassen.
Als
Universum-Boss Klaus-Peter Kohl nach dem Skandalurteil angab, er
habe das Duell zwischen Grigorian und Zegan unentschieden gesehen, kam
es erneut zu lauten Unmutsäußerungen der Zuschauer. Als daraufhin der
Moderator um Ruhe und Fairness bat, konterte ein Fan "dann seid Ihr
doch auch mal fair...". Später sah Kohl dann auch offiziell ein,
dass sein Schützling zu Unrecht den WM-Titel behalten hatte: "Das
ist mir so unangenehm. Der Artur hat auf keinen Fall gewonnen. Es bleibt
ein fader Beigeschmack."
In
der Tat kann und muss in diesem Fall von einem Skandalurteil gesprochen
werden. Der Pole, der sich unmittelbar nach dem Schlussgong wie ein Schneekönig
über den vermeintlichen Gewinn des WM-Gürtels freute, weinte
nach der Urteilsverkündung bittere Tränen der Enttäuschung.
"Ich fühle mich betrogen. Grigorian und Universum sind für mich
Betrüger," sagte Zegan nach dem Kampf. "Zwei Monate habe
ich entbehren müssen, meine Familie, mein Kind - alles für das
eine Ziel. Dieses Urteil verstehe ich nicht." Der als fairer
Sportsmann bekannte Grigorian sollte seinem Gegner einen sofortigen Rückkampf
gewähren. "Ich gebe ihm Revanche," sagte der Usbeke
dann auch nach dem Kampf. Der Pole nahm das Angebot dankend an, forderte
allerdings, das Rematch in Polen und dann "mit zwei polnischen
Punktrichtern" auszutragen.
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