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Halmich vs. Pena-Alvarez und Gonzalez vs. Erdei - der Vorbericht

Von Wolfgang Oswald


Gleich zwei Weltmeisterschaften stehen am 17. Januar 2004 in der dm-arena von Karlsruhe auf dem Spiel (das ZDF überträgt live ab ca. 23.00 Uhr). Im Fliegengewicht trifft die Weltmeisterin Regina Halmich auf die schlagstarke Johanna Pena-Alvarez aus der Dominikanischen Republik. Im Halbschwergewicht dagegen will der Ungar Zsolt Erdei (BP-Talent) für seinen Stallgefährten Dariusz „Tiger“ Michalczewski (BP-Nr. 4) Vergeltung üben und den WBO-Titel vom Mexikaner Julio Cesar Gonzalez (BP-Nr. 3) für die Universum Box Promotion zurückerobern (BoxingPress berichtete ausführlich von der Niederlage Michalczewskis gegen Gonzalez).

Eine undankbare Aufgabe steht der Weltmeisterin Regina Halmich (Foto) gegen Johanne Pena-Alvarez bevor. Das Können und die wirkliche Schlagstärke der Herausforderin sind nur schwer einzuschätzen. Bis auf Elena Reid und Giselle Salandy waren ihre Gegnerinnen weitgehend „handverlesen“ und geben darum nur bedingt Aufschluss über das tatsächliche Leistungsvermögen der Rechtsauslegerin. Dennoch muss die Championesse besonders in den ersten Runden auf der Hut sein. Sie boxt vor heimischem Publikum und der Erwartungsdruck ist diesmal besonders hoch. Halmich darf sich nicht auf einen frühen Schlagabtausch einlassen und vor allem nicht für „die Galerie boxen“. Sie muss ihre größere Erfahrung ausspielen und über Taktik und Kondition die Auseinandersetzung dominieren. Pena-Alvarez hat bisher keine Erfahrung über die 10-Runden-Distanz und boxte nur einmal außerhalb ihres Heimatlandes. Zudem ist die Dominikanerin eigentlich ein Bantam- bzw. Superfliegen-Gewicht. Der Sprung in die niedrigere Gewichtsklasse könnte ihr zusätzlich Substanz kosten. Diese Tatsachen sollte die Weltmeisterin in ihrer Taktik keinesfalls unberücksichtigt lassen.

Vom praktischen Standpunkt ist es jedoch nicht immer einfach für fortgeschrittene Kämpfer wie Halmich, gegen einen eher unorthodoxen und noch unerfahrenen Gegnertyp zu boxen geschweige denn zu glänzen. Finten werden von „Anfängern“ oft nicht erkannt und sie reagieren meist völlig anders, als man es gerade erwartet oder voraussieht. Hieraus entstehen oft genug gefährliche Situationen und der Favorit auf dem Papier sieht plötzlich überhaupt nicht mehr souverän und überzeugend aus: Der letzte Kampf von Pena-Alvarez gegen Elena Reid ist hierfür ein Paradebeispiel. In dem Vierrunder dominierte Reid in den ersten beiden Runden mit den besseren Wirkungstreffen. Die Runde drei läutete die Wende ein und die letzte Runde konnte Pena-Alvarez eindeutig für sich entscheiden. Dieser Fight und sein Verlauf sprechen zumindest für das sog. Kämpferherz, boxerisches Potential und die Unberechenbarkeit der Dominikanerin. Regina Halmich, die Weltmeisterin, ist also vorgewarnt: Wenn man viel zu hohe Ansprüche an sich stellt, dem Publikum eine brillante Vorstellung bieten will und die „sichere“ Taktik vernachlässigt, kann das schnell ins Auge gehen.

Der eigentliche Höhepunkt der Veranstaltung stellt aber der Fight Zsolt Erdei (Foto) gegen Julio Cesar Gonzalez dar. Der Mexikaner ist größer, hat die bessere Reichweite und wenn er seine langen Hände und seine eigentümlichen Defensivbewegungen geschickt wie gegen Michalczewski einsetzt, wird es sehr schwer für Erdei, an ihn heranzukommen. Im Gegensatz zu Michalczewski sucht Erdei jedoch die Entscheidung weniger über Kraft, Kampf und Kondition, sondern mehr über seine boxerischen Mittel. Der Ungar boxt sehr variabel, ist im Oberkörper beweglich, hat ein glänzendes Auge und kann kurz und schnell schlagen. Wenn Gonzalez die gleiche Taktik wie in seinem letzten Fight wiederholt, dann hat der Herausforderer gute Chancen auf einen Punktsieg. Erdei ist es gewohnt, in Sachen Größe und Reichweite Nachteile zu haben und ständig die richtige Distanz suchen zu müssen. Zudem bieten gerade die „langen“ Hände für Erdei den nötigen Raum, um seinerseits mit Konterschlägen und Gegenangriffen diese Aktionen zu unterbrechen.

Eine größere Gefahr stellt vielleicht die Tatsache dar, dass man sich bei Universum Box Promotion eine Spur zu wenig auf den „Fighter“ Gonzalez eingestellt hat. Die eingesetzten Sparringspartner wie zum Beispiel der erfolgreiche Boxamateur Tino Groß haben zwar ähnliche körperliche Voraussetzungen wie der Champion, sie verfügen aber weitem nicht über die Kniffs und Tricks, die der Südamerikaner gelegentlich einsetzt. Außerdem hat der Weltmeister in früheren Ringschlachten gegen Julian Letterlough (Foto) oder Reggie Roberts gezeigt, dass er auch im Angriff und beim Schlagabtausch nicht zu unterschätzen ist. Wenn Gonzalez merkt, dass seine langen Hände gegen Erdei nicht den gewünschten Erfolg bringen, wird er angreifen und versuchen, die Schlaghand unterzubringen. Verlässt sich der Herausforderer dabei nur auf seine Technik, besteht die Gefahr, dass er seinen gewohnten Kampfrhythmus verliert. Auf alle Fälle steht den Zuschauern eine offene und abwechslungsreiche Auseinandersetzung bevor.

Kritisieren muss man bei der Kampfübertragung allerdings das ZDF. Dass der Fernsehsender die Frauenbox-WM als Hauptattraktion einschätzt und live überträgt, ist aus verschiedenen Gründen nachvollziehbar. Nicht nachvollziehbar ist es jedoch, dass ein Kampf zweier Topboxer im Halbschwergewicht um die Weltmeisterschaft nicht entsprechend gewürdigt und gezeigt wird. Im Gegenteil: Es ist sehr wahrscheinlich, dass Erdei gegen Gonzalez nur in Ausschnitten und nicht in voller Länge als Aufzeichnung nach dem Halmich-Fight zu sehen sein wird. Dabei sollten es gerade die „Öffentlich-Rechtlichen“ wissen, dass ehrliche Berichterstattung immer von der Quelle ausgehen muss und auf lange Sicht nicht durch pseudointelligente Kommentare, Zwischenberichte oder peinliche Prominenteninterviews verschleiert werden kann. Schließlich haben doch gerade intellektuelle Leute wie beispielsweise Brecht oder Reemtsma erkannt, dass der Boxkampf selbst die besten Geschichten des Lebens beinhaltet. Da man mit dem „Zweiten“ bekanntlich besser sieht, sollten gerade die selbsternannten „seriösen“ Journalisten mit gutem Beispiel vorangehen und den Zuschauern weniger vormachen, sondern mehr zeigen. Denn irgendwann fällt bei jeder Inszenierung der Vorhang und dann entscheidet ohnehin nur noch die nackte Wahrheit.

 
     

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