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Nacht der langen Krallen
- Der Bericht

von Patrick Haas & Sebastian Gutknecht



Vor ca. 5000 Zuschauern in der Magdeburger Bördelandhalle verteidigte Regina Halmich (Foto oben) zum 21. Mal ihren WIBF-Fliegengewichtstitel. Halmich bildete jedoch nur die Spitze der "Nacht der langen Krallen". Insgesamt zeigten zwölf weibliche "Katzen" und ein schwarzer "Panther" die scharfen Krallen. Rückkehrer Juan Carlos Gomez traf dabei auf den Nigerianer David DeFiagbon.


1. Kampf: Susianna Kentikian - Iliana Boneva, vier Runden, Fliegengewicht

Den Auftakt zur langen "Ladies Night" machte Neuling Susianna Kentikian. Gegnerin war die Bulgarin Iliana Boneva, die allerdings auch im siebten Profikampf sieglos blieb. Am Ende konnte Kentikian in ihrem Profidebüt einen Punktsieg verbuchen.

2. Kampf: Natascha RagosinaBorislava Goranova, vier Runden, Supermittelgewicht

Keinerlei Probleme hatte Natascha Ragosina mit Borislava Goranova. Ragosina, die mit ihrem aufrechten Kampfstil an Vitali Klitschko erinnert, konnte ihre körperliche Überlegenheit auch gegen die erfahrene Bulgarin nutzen. Erleichtert wurde ihre Arbeit durch die Tatsache, dass Goranova normalerweise im vier Klassen tieferen Superleichtgewicht angesiedelt ist. Am Ende siegte Ragosina in ihrem fünften Profikampf einstimmig nach Punkten.

3. Kampf: Alesia GrafDayana Santana, acht Runden, Superbantamgewicht

Vor noch weniger Schwierigkeiten wurde Alesia Graf im darauf folgenden Duell gegen Dayana Santana aus der Dominikanischen Republik gestellt. Die Stuttgarterin zeigte eine herausragende, technisch vielleicht die beste Leistung des Abends. Bereits in Runde eins kontrollierte sie den Kampf mit ihrem Jab, der den Kopf ihrer Gegnerin im Verlauf des Kampfes immer wieder zurückschnappen ließ. Die nächsten Runden offenbarten einen Klassenunterschied zwischen beiden Boxerinnen, wobei Graf ihre Kontrahentin mit einer Vielzahl an flüssigen Kombinationen, technisch sauber vorgetragenen Aufwärtshaken und Körpertreffern eindeckte, die im Frauenboxen wirklich nicht an der Tagesordnung sind. Auch die solide Doppeldeckung, die bei der gebürtigen Weißrussin ihren Namen wirklich verdient, soll hier nicht unerwähnt bleiben. Die völlig überforderte Dayana Santana versuchte zwar mit wilden Schwingern über die Außenbahn irgendwie kämpferisch dagegenzuhalten, wurde dann aber richtigerweise, vielleicht sogar schon etwas zu spät, in der Pause zur fünften Runde von ihrem Trainer aus dem Kampf genommen. Sieger durch TKO in Runde fünf war somit Alesia Graf, die damit auch in ihrem achten Profikampf ungeschlagen blieb.

4. Kampf: Julia SahinMaya Frenzel, zehn Runden, Fliegengewicht

Im vierten Gefecht des Abends stand nun die Deutsche Meisterschaft im Fliegengewicht auf dem Spiel, um die sich Universum-Boxerin Julia „Sunshine“ Sahin und Maya Frenzel von der Baden Box-Promotion bemühten. Verliefen die ersten Runden noch verhältnismäßig ruhig, wobei sich Sahin leichte Vorteile erboxen konnte, zog die Kölnerin in Durchgang vier das Tempo an und deckte Frenzel mit Kombinationen zum Körper sowie einer krachenden Rechten zum Rundenende ein. Die Karlsruherin blieb auch weiterhin sehr empfänglich für die Schlaghand von Sahin. In der neunten Runde machte sie dann auch nicht mehr den frischesten Eindruck. Nachdem sie einige Aufwärsthaken und natürlich wieder mehrfach die Rechte einstecken musste, konnte sie sich nur noch durch Klammern aus dieser brenzligen Situation befreien. Da in Runde zehn nicht mehr viel passierte, konnte sich Julia Sahin am Ende über einen einstimmigen Punktsieg und den Deutschen Meistertitel freuen. Zweimal 100:90 sowie einmal 99:91 lautete das Urteil des Kampfgerichts.

5. Kampf: Jan Zaveck – Martin Kukuls, sechs Runden, Weltergewicht

Als erster Mann kletterte der SES-Profi Jan Zaveck (Foto) in den Ring der Bördelandhalle. Sein Gegner Martin Kukuls war von der Sorte "Gelegenheitsboxer". Nach überstandener Handverletzung nutzte Zaveck die Möglichkeit, vor heimischem Publikum zu glänzen. Nach einigen klaren Treffern in der vierten Runde, trieb Zaveck seinen lettischen Kontrahenten unnachgiebig durch den Ring, so dass der sich ein Taxi zur Flucht gewünscht hätte. Sichtlich angeschlagen vom Dauerbeschuss des Slowenen zog Kukuls die Notbremse. Er ging auf ein Knie und wurde ausgezählt. Sieger durch KO in der vierten Runde war somit Jan Zaveck.

6. Kampf: Denis BoytsovLadislav Slezak, vier Runden, Schwergewicht

Den fünften KO-Sieg im fünften Profikampf feierte der 18-jährige Russe Denis Boytsov. Sein slowakischer Gegner Ladislav Slezak war mit dem jungen Talent völlig überfordert. Bereits nach wenigen Sekunden wurde der Slowake das erste Mal angezählt. Zwei Körpertreffer hatten ihn niedergestreckt. Boytsov vergeudete keine weitere Zeit. Nach einer Serie von harten Körpertreffern genügte ein Streifschuss mit der Linken, um Slezak erneut zu Boden zu schicken. Ringrichter Andreas Schweiger zählte den Slowaken nach nur 104 Sekunden Kampfdauer aus. Das Publikum reagierte mit den einzigen Buhrufen des Abends auf das ungleiche Duell. Da half es auch nichts mehr, dass Ringsprecher Gerhard Müller den miserablen Kampfrekord (1-11) des Slowaken verschwiegen hatte.

7. Kampf: Bert SchenkHamid Bouhembel, acht Runden, Mittelgewicht

Das Arbeitspensum von Bert Schenk (BP-Nr. 11, Foto) hielt sich nach sechsmonatiger Verletzungspause ebenfalls in überschaubaren Grenzen. Schon in der ersten Runde musste sein Gegner Hamid Bouhembel nach zwei schnellen linken Haken zu Boden. In Runde drei legte Schenk mit seiner effektiven Schlaghand nach. Auf einen linken Aufwärtshaken folgten ein Körpertreffer und zwei weitere linke Aufwärtshaken. Den krönenden Abschluss bildete ein „Hau den Lukas“-Treffer auf den tiefabgeduckten Franzosen, der dabei seinen Mundschutz verlor. Manfred Küchler beendete das ungleiche Duell in der dritten Runde. Wie nach dem Kampf bekannt wurde, wartet am 5. März 2005 eine wesentliche größere Herausforderung auf den Universum-Profi. Dann trifft er in Leverkusen auf seinen Stallgefährten Felix Sturm (BP-Nr. 5).

8. Kampf: Juan Carlos GomezDavid DeFiagbon, acht Runden, Schwergewicht

Zum ersten Höhepunkt des Abends kam es dann, als Juan Carlos Gomez (Foto) seinem Ruf als Schwergewichtshoffnung wieder neues Leben einhauchen wollte, nachdem er im letzten Kampf überraschend vom Kubaner Yanqui Diaz in Runde eins gestoppt wurde. Dabei war für den „Schwarzen Panther“ mit David DeFiagbon ein überraschend starker Gegner verpflichtet worden. Trotzdem verlief die erste Runde dieses Mal schon wesentlich erfreulicher für Gomez. Nach einem Jab-Duell in den ersten Minuten erwies sich der Nigerianer als völlig unvorbereitet auf die Rechtsauslage seines Gegners und musste zum Rundenende etliche linke Schlaghände des Kubaners einstecken. Der zweite Durchgang verlief dann in etwas gemäßigtem Tempo, was allerdings einen Zusammenprall der Köpfe beider Kontrahenten nicht verhindern konnte. Leidtragender dieses Zwischenfalls war Juan Carlos Gomez, der aus der Pause zur dritten Runde mit einer massiven Schwellung über dem linken Auge aus seiner Ecke kam. Gewiss der Tatsache, die volle Kampfdistanz mit dieser Verletzung nicht bestreiten zu können, suchte der Universum-Boxer sofort den KO und attackierte DeFiagbon mit wilden Kombinationen zum Kopf. Als dieser Wirkung zeigte, deckte Gomez ihn ohne Rücksicht auf die eigene Kondition mit Schlagsalven ein, bis der 34-Jährige hilflos und ohne nennenswerte Gegenwehr im Ring umhertaumelte. Auch wenn der Zeitpunkt natürlich ein wenig unglücklich war, so ist der Abbruch durch Ringrichter Kurt Stroer nach 2:58 Minuten der dritten Runde durchaus gerechtfertigt. Sieger durch technischen KO: Juan Carlos Gomez.

9. Kampf: Regina HalmichMarylin Hernandez, zehn Runden, Fliegengewicht

Ebenfalls eine Art Wiedergutmachung stand nun für Regina Halmich (Foto) auf dem Programm, die im Hauptkampf des heutigen Abends ihren WIBF-Titel im Fliegengewicht gegen Marylin Hernandez, die aus der Dominikanischen Republik angereist war, verteidigen wollte. Zwar hatte Halmich keine KO-Niederlage auszumerzen, jedoch war ihr umstrittener Punktsieg im letzten Kampf gegen Elena Reid und die damit verbundene Medienkritik Anlass genug für die Karlsruherin, es in diesem Kampf allen zeigen und wieder einmal einen deutlichen Sieg einfahren zu wollen. Als Austragungsort für dieses Unternehmen hätte sie sich wohl kaum etwas Geeigneteres aussuchen können als Sven Ottkes „Ex-Wohnzimmer“, die gut gefüllte Magdeburger Bördelandhalle. Schon zum Einmarsch brandeten Jubelstürme auf, die zwar nicht mit denen konkurrieren konnten, die der ebenfalls anwesende Sven Ottke bei seiner Vorstellung durch den Hallensprecher einheimsen konnte, der Weltmeisterin aber durchaus einen sehr herzlichen Empfang bereiteten.

Angetrieben davon begann Halmich konzentriert die erste Runde und bestimmte das Geschehen über die linke Führhand. Dass die Herausforderin sich von der Atmosphäre keineswegs beeindrucken lassen wollte, zeigte sie zum Ende des Durchgangs, als sie eine Schlagkombination deutlich nach dem Rundengong beendete, was ihr auch prompt den Unmut des scheinbar sehr auf Regelkonformität bedachten Publikums einbrachte. In den folgenden Runden übernahm die Deutsche dann immer mehr die Regie, indem sie den Kampf über den Jab, wenn sie ihn denn regelmäßig schlug, bestimmte. Immer mehr brachte sie ihre typischen Eins-Zwei-Kombinationen ins Ziel, blieb aber wie üblich anfällig für die sporadisch vorgetragenen Gegenangriffe ihrer Kontrahentin. Die gegnerische Linke einmal konsequent zu vermeiden, wird sie wohl zu diesem Zeitpunkt ihrer Karriere nicht mehr lernen. Bereits zur Mitte des Kampfes dominierte Halmich die erst 20-jährige Dame aus Santo Domingo, die ihr einfach physisch, technisch, und auch was Erfahrung sowie Professionalität anbelangt einfach nicht das Wasser reichen konnte. Besonders deutlich wurde der Unterschied in Sachen Power und Geschwindigkeit dann in Runde sieben, als Hernandez, die einfach nicht aufstecken wollte und tapfer versuchte dagegenzuhalten, bei einem offenen Schlagabtausch den kürzeren zog und erneut schwere Kopftreffer hinnehmen musste. Zu Beginn des achten Durchgangs musste die Titelträgerin dann noch eine kleine Schrecksekunde überstehen, als sie ein Treffer von Hernandez kurzfristig zwang, den Rückwärtsgang einzulegen, sie danach die Runde jedoch klar für sich gestalten konnte und praktisch nach Belieben traf.
Angetrieben von immer wieder aufbrandenden Beifallsstürmen sowie nicht enden wollenden „Regina, Regina“-Sprechchören, hatte Halmich den Kampf mittlerweile zu einem Mismatch gestaltet, indem nur der Kampfgeist ihrer Gegnerin sowie die Tatsache, dass die dominikanische Trainercrew diesmal kein Einsehen mit ihrem jungen Schützling hatte, sie um einen vorzeitigen Sieg brachte. Die einseitige Vorstellung war scheinbar ganz nach dem Geschmack des Publikums, welches den Jubel zum Kampfende nochmals forcierte. Spätestens als zwei in Folge gelandete Führhände Halmichs den 5000 Kehlen in der Halle ein beeindrucktes Raunen abgewann, ahnte man, dass die Magdeburger die Rekordweltmeisterin als neue „Mieterin“ des „Ottke-Wohnzimmers“ akzeptieren würden.

Zweimal 100:92 und einmal 100:91 lauteten die Urteile der drei Punktrichter, die der Titelverteidigerin am Ende einen einstimmigen Punktsieg einbrachten. Die Autoren dieses Artikels werteten den Kampf 100:91 bzw. 100:90.

Nach dem Kampf bedankte sich Regina dann auch wortwörtlich "beim Svennie" für die gute Vorarbeit beim tollen Publikum und unterschrieb auf ihre Weise den „Mietvertrag“, indem sie ankündigte, sehr gerne nach Magdeburg wiederzukommen. Die Fans dürfen dann auch auf einen Rückkampf mit Elena Reid hoffen, denn wie Trainer Torsten Schmitz nach dem Kampf bekannt gab, wird man wahrscheinlich, nach nur ein bis zwei weiteren Aufbaukämpfen, ja vielleicht sogar noch in diesem Jahr, ganz abhängig von den Plänen der Weltmeisterin dreier Gewichtsklassen, ein Rematch mit der „Baby Doll“ bestreiten. Neues Selbstbewusstsein wurde durch den klaren Sieg offensichtlich genug getankt...

Sonntag, 16. Januar 2005

 
     

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