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Erdei
neuer WBO-Weltmeister, Halmich verteidigt Titel
Aus Karlsruhe berichtet Dr. Constantin
Hofmann
Der Ungar Zsolt
Erdei (BP-Talent) besiegte Julio
Cesar Gonzalez (BP-Nr. 3) aus Mexiko durch einen einstimmigen
Punktsieg und ist neuer WBO-Weltmeister im Halbschwergewicht. Regina
Halmich verteidigte in ihrer Heimatstadt ihren WIBF-Weltmeistertitel
im Fliegengewicht durch einen ebenfalls einstimmigen Punktsieg gegen Johanna
Pena-Alvarez aus der Dominikanischen Republik. Das sind die beiden
entscheidenden Ergebnisse der Doppelweltmeisterschaft aus der dm-arena
in Karlsruhe.
Der Abend begann im Weltergewicht mit Isam
Khalil, der David
Saraille in einem Achtrunder nach klarer Punkteführung in
der letzten Runde kurz vor Schluss noch erwischte und KO schlug.
Im zweiten Kampf sah das Karlsruher Publikum den Cruisergewichtler Bruce
"Der Blitz" Özbek, der wie gewohnt mit amüsanten
Showeinlagen glänzte und weniger mit technisch anspruchsvollem Boxen.
Er mühte sich redlich gegen Lasse
Johansen aus Dänemark und hatte doch nie ernsthaft eine Chance.
In der zweiten Runde steckte er schwer bedrängt eine Serie von etwa
30 bis 40 Schlägen des Dänen weg, fing sich dann aber wieder.
In der sechsten Runde wurde er nach schweren Treffern im Stehen angezählt.
Am Ende stand ein klarer Punktsieg von Johansen. "Der Blitz",
übrigens ehemaliger Kickboxweltmeister, wird aufgrund seines Showtalents
und seiner beherzten Aktionen sicher noch öfter als Aufbaugegner
zu sehen sein.
Der
dritte Kampf brachte den ersten Auftritt eines Lokalmatadors und das erste
Fehlurteil. Sascha
Friedrich (Foto) aus Karlsruhe trat im Supermittelgewicht gegen
Gabriel
Botos aus Tschechien an, der wohl zum Verlieren eingekauft war,
diese Rolle aber nicht spielen wollte. Mutig und klug attackierte der
Tscheche unentwegt seinen deutschen Gegner, der seine Größen-
und Reichweitenvorteile nicht nutzen konnte. Als nach vier Runden die
Punktrichter bemüht werden mussten, schwante dem erfahrenen Besucher
von Universum-Veranstaltungen schon Böses und genau so kam es: Was
bestenfalls noch als Unentschieden durchgehen konnte, aber eigentlich
ein Punktsieg des Gastes sein musste, wurde als Punktsieg von Friedrich
gewertet. Schade für Gabriel Botos. Das Publikum war hin und her
gerissen: Einerseits freute man sich über den Sieg des Karlsruhers,
andererseits gab es auch Pfiffe für diese Fehlentscheidung. Sascha
Friedrich muss noch hart an sich arbeiten, wenn ihm mehr als eine Zukunft
als Aufbaugegner bevorstehen soll.
Die nächste Fehlentscheidung gab es sofort anschließend im
Schwergewicht: Tomasz
Bonin aus Polen schlug seinen Gegner Pavel
Vanacek gleich in der ersten Runde zu Boden. Dieser erholte sich
während des Anzählens jedoch gut, stand etwa bei "fünf"
wieder, präsentierte seine Doppeldeckung und zeigte sich klar und
kampfbereit. Trotzdem wurde er unverständlicherweise vom Ringrichter
ausgezählt und aus dem Kampf genommen. Eine nur schwer nachvollziehbare
Entscheidung, da keinerlei Anzeichen von Kampfunfähigkeit zu erkennen
waren. Dementsprechend verärgert und unglücklich zeigte sich
der Tscheche dann auch. Freilich sei eingeräumt, dass der Pole bis
dahin der klar bessere Mann war.
Der fünfte Kampf des Abends brachte den ersten Frauenboxkampf: Julia
Sahin aus Köln gab ihr Profidebüt gegen Gabriella Insberger
aus Rumänien, die ebenfalls Debütantin war. Am Ende stand ein
verdienter Punktsieg von Sahin.
Nun war die Zeit der Amateure gekommen. Eine ganze Reihe von "Olympiaboxern"
wurde vorgestellt, die Förderung von Nachwuchs- und Spitzenamateuren
durch die Universum Box Promotion ausführlich erklärt und gewürdigt.
Nach langatmigen Vorstellungen durften zwei Amateure dann auch noch boxen,
und zwar Dieter Roth im Schwergewicht gegen Mehmet Kayar.
Nachdem Kayar in der vierten Runde am Boden war, stoppte der Ringrichter
den Kampf wegen drückender Überlegenheit von Roth.
Recht
früh am Abend und lange vor Beginn der ZDF-Boxsendung begann dann
der erste von zwei Hauptkämpfen des Abends: Der Ungar Zsolt Erdei
war angetreten, um mit kräftiger Unterstützung zahlreicher Landsleute
in der Halle dem "Tiger"-Bezwinger Julio Cesar Gonzalez dessen
WBO-Weltmeistertitel im Halbschwergewicht abzunehmen und nach Hamburg
ins Universum-Lager zurückzuholen. Um es vorwegzunehmen: Er überraschte
alle und schaffte es und das nicht einmal unverdient. In einem verbissenen
Kampf griff Erdei zwölf Runden lang an, ohne gegen Ende konditionell
einzubrechen, was seine Hauptsorge war, wie er später auf der Pressekonferenz
zugab. Der Kampf war zwar oft ein unübersichtliches Gewühle,
stets blieb er jedoch spannend und fair. Der mexikanische Titelverteidiger
konnte seine Stärken, die ihm den Titel von
Dariusz Michalczewski (Foto, BP-Nr. 4) einbrachten, diesmal
nicht ausspielen. Er verlor oft die Übersicht und wirkte konzeptlos,
ja fast ausgepowert. Gegen Ende der elften Runde gelang es dem Ungarn
sogar, den Weltmeister schwer in Bedrängnis zu bringen und "anzuklingeln".
Wäre die Runde hier länger gegangen, so hätte Gonzalez
wohl zu Boden gemusst.
Am Schluss werteten John Stewart (USA) und Axel Zielke (Deutschland)
den Kampf beide 118:110, Manuel Oliver (Spanien) 117:111 für
Zsolt Erdei. Der somit einstimmige Sieg des Ungarn geht zwar in Ordnung,
jedoch längst nicht in dieser Höhe. Der Autor dieses Beitrags
hatte Erdei viel knapper, mit allenfalls ein bis zwei Runden vorne, jedenfalls
wenn man die Regel berücksichtigt, dass enge Runden an den Weltmeister
gegeben werden müssen. Und von diesen engen Runden gab es viele.
Dennoch
soll das Ergebnis nicht herabgewürdigt werden. Erdei bot eine grandiose
Leistung, die ihm viele so nicht zugetraut hatten. Er boxte taktisch klug
und mit großem Mut. Ihm gebührt aller Respekt, diesen schweren
Gegner geschlagen zu haben. Denn ein Mann, der mit Roy
Jones Jr. (BP-Nr 1 im Halbschwergewicht & BP-Nr. 4 im Schwergewicht)
über die Runden ging und Dariusz Michalczewski nach Punkten besiegte,
ist auch an einem schlechten Tag noch ein brandgefährlicher Gegner.
Einen solchen schlechten Tag muss der Mexikaner gehabt haben, anders ist
es kaum zu erklären, warum er seine Größen- und Reichweitenvorteile
nicht ausnutzte. Anstatt den Herausforderer aus der Distanz zu boxen,
ließ er sich immer wieder auf einen Schlagabtausch in der Halbdistanz
und im Infight ein.
Auf
der Pressekonferenz präsentierte sich später ein überglücklicher
Zsolt Erdei: "Ich habe gewusst, dass ich das schaffen kann, weil
ich schneller und technisch besser bin. Ich hatte Angst wegen der zwölf
Runden, ob meine Kondition gut genug war. Meine beiden Trommelfelle sind
kaputt, jetzt mache ich erstmal Urlaub mit meiner Familie in Ungarn."
Der nun Ex-Weltmeister Gonzalez (Foto) zeigte sich als fairer Verlierer.
Er gratulierte dem neuen Titelträger und nannte Erdei einen wahren
Champion, welcher der bessere Mann an diesem Abend gewesen sei. Respekt
für diese Größe in der Niederlage. Andere Boxer hätten
sich vielleicht beschwert, dass man in Deutschland nur durch KO gewinnen
könne und einen Rückkampf gefordert. Nicht so Gonzalez, der
ja durch einen Punktsieg in Deutschland Weltmeister wurde.
Doch
zunächst war es Zeit für den zweiten Hauptkampf des Abends,
auf den die Karlsruher Zuschauer am meisten gewartet hatten. Ganze sechs
Jahre hatten die Fans in der badischen Metropole warten müssen, bis
sie ihre Regina Halmich (Foto) wieder einmal in der Heimatstadt live in
einem Boxring sehen durften. Nach einem Abtasten in der ersten Runde legte
Halmich ein hohes Tempo an den Tag und behielt dieses bis zum Ende des
Kampfes bei. Einmal mehr vertraute die Weltmeisterin ihrem aggressiven,
offensiven Kampfstil: Sie attackierte ihre Gegnerin aus der Dominikanischen
Republik, als wäre sie selbst die Herausforderin und müsste
den Kampf machen. Wie auch in ihren letzten Kämpfen forderte dies
seinen Tribut: Die Karlsruherin nahm eine ganze Reihe von Schlägen,
die nicht unbedingt hätten sein müssen. Später räumte
sie ein, dass sie es vor heimischem Publikum besonders gut machen und
den Fans viel bieten wollte. Zwar landete auch Johanna Pena-Alvarez mitunter
gute Treffer, aber richtig gefährlich wurde sie der WIBF-Weltmeisterin
nie. Die vom Veranstalter als harte Knockouterin angekündigte Herausforderin
konnte diesem Ruf nicht gerecht werden. Zu gut war Regina Halmich vorbereitet,
zu ehrgeizig kämpfte sie um ihr Ziel, die beste Fliegengewichtlerin
der Welt zu sein.
Das
Publikum in der nahezu vollen dm-arena in Karlsruhe unterstützte
sie nach besten Kräften. In der zehnten Runde ging gleich mehrmals
eine La Ola-Welle durch die Reihen. Man konnte spüren: Regina Halmich,
das ist eine von uns, eine Sportlerin, die auf dem Teppich geblieben ist,
die unglaublich ehrgeizig ihre Ziele verfolgt und trotz ihres großen
jahrelangen Erfolgs nicht abgehoben hat. Der ebenfalls in der früheren
badischen Landeshauptstadt wohnende Autor hat selbst zufällig einmal
erlebt, wie sie in Karlsruhe auf der Kaiserstraße beim Einkaufen
von einem Fan um Autogramme gebeten worden ist, diese freundlich und bereitwillig
gegeben und Fragen beantwortet hat, ohne genervt zu wirken.
Ebenso souverän bestritt sie den Kampf. Am Ende stand ein verdienter
einstimmiger Punktsieg: 98:92, 99:91 und 99:94. Alte und neue WIBF-Weltmeisterin
im Fliegengewicht ist damit Regina Halmich. Sie bedankte sich bei den
Zuschauern in der Halle mit den Worten: "Ich merke einfach, ich
bin zu Hause. Danke!" Wenn es überhaupt etwas negativ anzumerken
gab, dann war es die wenig geschmackvolle Farbkombination ihres Ringoutfits,
bestehend aus einem lila Top und einer pinkfarbenen Hose.
Zum
Abschluss eines langen Abends durfte dann noch der dritte Lokalmatador
der Veranstaltung in einem Vier-Runden-Kampf sein Können zeigen.
Ayk
Asik aus Karlsruhe besiegte im Mittelgewicht Petr
Rykala aus Tschechien nach Punken. Der junge Asik machte erst
seinen zweiten Profikampf. Trat er das letzte Mal noch in der relativ
kleinen Badnerlandhalle in Karlsruhe-Neureut auf, durfte er diesmal in
der großen dm-arena immerhin noch einige hundert Zuschauer verbuchen,
die auch nach den Hauptkämpfen geblieben waren.
Auf der
anschließenden Pressekonferenz gab es von Promoter Klaus-Peter
Kohl (Foto) Interessantes zu erfahren: Man habe nach der Niederlage
von Michalczewski vier Möglichkeiten gehabt: einen sofortigen Rückkampf,
einen Kampf gegen Thomas
Ulrich (BP-Nr. 13), eine Chance für Stipe
Drews (BP-Nr. 15) oder eben die realisierte Titelverteidigung
gegen Erdei. Er habe zunächst Trainer Fritz Sdunek gefragt,
ob dieser Erdei einen Sieg zutraue. Nachdem Sdunek sein Okay gegeben habe,
habe er den Kampf erst vereinbart. Wenn dies so stimmt, ist es insbesondere
beachtlich, dass nicht Ulrich die Chance bekommen hat, was diesem zu denken
geben sollte. Hat der gutaussehende Berliner sich womöglich durch
seine persönlichen Extravaganzen um einen WM-Kampf gebracht?
Was ist als Fazit des Kampfabends in der dm-arena zu ziehen? - Vor allem
drei Dinge: Erstens: Halmich als Hauptkämpferin hat funktioniert
(wenn auch in ihrer Heimatstadt), was viele vorher nicht gedacht hätten.
Zweitens: Erdei ist über sich selbst hinausgewachsen und hat seine
große Chance genutzt. Knapp, aber nicht unverdient. Und drittens:
Die Gegner der Vorkämpfe waren diesmal von nicht ganz so niedriger
Qualität. Offensichtlich setzt sich langsam auch bei Universum die
Einsicht durch, dass das Publikum es durchschaut, wenn man Opfer einkauft
statt Boxer.
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