Barrera "entzaubert" Hamed über 12 Runden
von Jörg Lüdemann
Es wirkte
so "einfach" - fast spielerisch. Mit einer konzentrierten und
couragierten Weltklasse-Leistung entzauberte Marco
Antonio Barrera heute nacht den zuvor ungeschlagenen "Prinzen"
im Federgewicht, Naseem Hamed.
Fast
über die gesamte Distanz von 12 Runden fand der exzentrische Brite
kein Mittel gegen die linke Führhand und die solide Doppeldeckung
des Mexikaners. Die Punktrichter in Las Vegas werteten am Ende einstimmig
(116:111, 115:112, 115:112) für Barrera,
der die Fachwelt und Boxfans gleichermaßen beeindruckte. Hamed zeigte
sich fair und war einer der ersten Gratulanten.
Dabei hatte
diese Box-Nacht in Las Vegas eigentlich begonnen wie immer. Ein überheblicher
Naseem Hamed hatte den Einmarsch wegen Probleme mit seinen Tapes und anschließend
nachgeholter Aufwärmphase um fast eine halbe Stunde hinausgezögert.
Vielleicht auch mit dem Ziel, Marco Antonio Barrera zu verunsichern bzw.
aus dessen Aufwärmrhythmus zu bringen. Dieser jedoch sah sich Hamed's
Pratzenarbeit mit dessen Trainer Oscar Suarez in aller Gelassenheit
auf einem Bildschirm in seiner Kabine an.
Schließlich
durfte Barrera in den Ring und auch Hamed ließ nicht mehr lange
auf sich warten. Natürlich wesentlich spektakulärer: Der "Prinz"
schwebte nach einem Feuerwerk aus Lichtern und Nebel in einem überdimensionalen
Metall-Reifen in die Nähe des Rings. Dort angekommen, verzichtete
Hamed zur Überraschung aller Zuschauer auf seinen obligatorischen
Salto über die Ringseile. Ob dies schon ein Anzeichen für seine
Nervosität sein sollte, vermag auch im Nachhinein wohl niemand zu
beantworten.
Die
Stimmung im MGM Grand Casino in Las Vegas kochte über, als schließlich
der Gong zur ersten Runde erklang. Die Fans des Mexikaners Barrera waren
jedoch deutlich in der Überzahl und "The Baby Faced Assassin"
- so der Kampfname Barrera's - riss bereits in der ersten Runde den Kampf
an sich. Hamed agierte gewohnt provozierend und aggressiv, doch nicht
er landete die klaren Treffer, sondern Barrera. Der Mexikaner, der über
einen deutlichen Reichweitenvorteil verfügte, etablierte gleich in
den ersten drei Minuten die "Waffe", die den Kampf mitentscheiden
sollte - seine linke Führhand. Mit blitzschnellen Attacken landete
er diese Jabs an den Kopf von Hamed, der einige Male merklich durchgerüttelt
wurde.
Barrera zeigte
sich von Anfang an überraschend fokussiert und konzentriert. Wer
damit gerechnet hatte, der Mexikaner würde wie so oft unentwegt nach
vorn marschieren, sah sich getäuscht. Der 27-jährige hatte in
der Vorbereitung offensichtlich seine Hausaufgaben gemacht und lief Hamed
nicht (wie viele Gegner zuvor) ins offene Messer. Stattdessen boxte er
meist klug aus der Distanz und ließ sich zu keiner Sekunde von Hamed
provozieren. Nach der starken ersten Runde tasteten sich beide Boxer in
der zweiten und dritten Runde ab und agierten vorsichtiger. Der gegenseitige
Respekt war auf beiden Seiten zu spüren.
In den folgenden
zwei Runden bestimmte Barrera das Geschehen, ohne jedoch ähnlich
harte Treffer wie zu Beginn landen zu können. Seine rechte Schlaghand,
meist als wilder Schwinger geschlagen, ging oft ins Leere. Naseem Hamed
jedoch vermochte daraus kein Kapital zu schlagen. Der Brite wirkte passiv
und abwartend, schlug wenige Jabs und brachte seine Schlaghand fast gar
nicht zum Einsatz. Dennoch schien es in der fünften Runde so, als
hätte sich der "Prinz" wieder gefangen. Doch dieser Eindruck
täuschte - in den nächsten 20 Minuten sollte er von Barrera
eine boxerische Lehrstunde erhalten...
Der Mexikaner
hatte sich perfekt auf Hamed eingestellt, dies wurde spätestens im
folgenden Durchgang offenbar. Mit seiner soliden Doppeldeckung fing Barrera
fast jeden, zumeist ohnehin halbherzigen, Angriffsversuch von Hamed ab
und setzte wohlüberlegte Konter mit seiner Linken. Naseem wirkte
gegen diese Taktik erschreckend ratlos und kassierte denselben Schlag
ein ums andere Mal. Wiederholt gelang es Barrera, den Prinzen durchzurütteln,
auch wenn er ihn nicht zu Boden zu schicken konnte. Hamed versuchte nun
vermehrt, Barrera in einen Schlagabtausch zu verwickeln, doch der Mexikaner
war durch nichts, aber auch wirklich nichts, aus der Ruhe zu bringen.
Auch in der siebten Runde boxte er Hamed konsequent aus.
In
der Ecke des "Prinzen" wurde es allmählich sehr unruhig.
Emanuel Steward redete intensiv auf Hamed ein und machte ihm klar,
daß er diesen Kampf verlieren werde, wenn er nicht endlich aktiver
und effektiver würde. Hamed nahm sich dies in der achten Runde endlich
zu Herzen und forcierte das Tempo, doch wiederum war es Barrera, der mit
seiner Linken die entscheidenden Treffer setzen konnte. Hamed's Kopf schnellte
wie so oft in dieser Nacht zurück und den Beobachtern dämmerte
es jetzt mehr als deutlich, daß eine Sensation in der Luft lag.
Marco Antonio Barrera wirkte topfit und ganz einfach wie ein erfahrenener
Boxer, der sich zu keinem Zeitpunkt von den Mätzchen des Briten verunsichern
ließ.
Ab der neunten
Runde waren nur noch wenige Fragen offen: Würde es Hamed dank seiner
unbestrittenen Schlagkraft noch gelingen, den finalen Knockout zu erzielen
und wie würden die Punktrichter die scheinbare Aggressivität
Hamed's gegenüber der Kontertaktik Barrera's bewerten. Der Prinz
war auf der Suche nach dem entscheidenden Schlag und wirkte dabei dennoch
unentschlossen, manchmal gar resignierend. Immer wieder schluckte er die
Linke und zunehmend auch die schnellen Kombinationen seines Kontrahenten.
Selbst in
den letzten beiden Runden gelang es Hamed nicht, das Heft in die Hand
zu nehmen. Barrera hatte auf alles eine Antwort parat und konnte seinerseits
weiterhin nach Belieben treffen. Im Schlußdurchgang suchte gar Barrera
selbst den KO, nachdem ihm Ringrichter Joe Cortez einen Punkt wegen
einer unfairen Wrestling-Einlage abgezogen hatte. Hamed hatte dem Schlußspurt
nichts mehr entgegenzusetzen und enttäuschte dabei auf der ganzen
Linie. Zum ersten Mal wirkte der sonst so spektakuläre Brite eindimensional
und ausrechenbar.
Nach
dem Schlußgong riss Barrera die Arme in die Höhe und ließ
sich feiern, während Hamed keine Anstalten unternahm, sich als Sieger
zu fühlen. Die letzten Zweifel am verdienten Sieg des Mexikaners
beseitigte Ringsprecher Michael Buffer, als er den einstimmigen
Punktsieg verlas. Naseem Hamed applaudierte daraufhin und gratulierte
seinem Kontrahenten - eine faire Geste, die zeigt, daß sich hinter
der selbstgewählten Fassade des arroganten Superstars auch noch so
etwas wie "Sportsgeist" verbirgt.
Im Post-Fight-Interview
gab Hamed denn auch unumwunden zu, daß sein Auftritt "keine
große Leistung" gewesen sei. Er verwies jedoch auf eine Rematch-Klausel
in seinem Vertrag und kündigte an, er werde in den Ring zurückkehren.
Ein Rück-Kampf gegen Barrera am Ende des Jahres ist also nicht unwahrscheinlich.
Der überglückliche Barrera bedankte sich bei seinem Team und
sagte, daß seine Taktik gegen Hamed exakt aufgegangen sei. "Der
Plan war, ihn zu treffen, aber nichts zu überstürzen, weil Hamed
genau dann seine Gegner ausknockt," so Barrera. Befragt zu seinen
nächsten Plänen, konnte sich der Mexikaner nicht äußern,
doch ein Rematch gegen Erik Morales
oder Naseem Hamed scheint die wahrscheinlichste Alternative. Vorher jedoch
will Barrera eine längere Erholungsphase einlegen.
Daß
es bei dem Duell um den "vakanten Titel der IBO" ging, war vorher
und nachher völlig bedeutungslos. Das Entscheidende an diesem Kampf
war, daß sich endlich die zwei weltweit besten Federgewichtler im
Ring gegenüber standen. Und daß dabei diesmal Marco Antonio
Barrera gewonnen hat, darf getrost als positiv für den Boxsport eingestuft
werden. Wir halten beruhigt fest - auch ein Hamed ist also nicht unschlagbar...
|
Die
Boxingpress-Scorecard
|
|
Runden
|
Barrera
|
Hamed
|
|
1
|
10
|
9
|
|
2
|
10
|
9
|
|
3
|
9
|
10
|
|
4
|
10
|
9
|
|
5
|
9
|
10
|
|
6
|
10
|
9
|
|
7
|
10
|
9
|
|
8
|
10
|
9
|
|
9
|
10
|
9
|
|
10
|
9
|
10
|
|
11
|
10
|
9
|
|
12
|
9
|
9
|
|
Gesamt
|
116
|
111
|
Im Rahmenprogramm
der Veranstaltung in Las Vegas gewann der Supermittelgewichtler Omar
Sheika überraschend deutlich gegen Stephan
Ouellet. Mit einer links-rechts-links-Kombination schickte der
aggressiv boxende Sheika seinen Gegner in der zweiten Runde so schwer
zu Boden, daß sich Ouellet nicht mehr ausreichend erholte. Auf wackeligen
Beinen stehend mußte ihn Referee Tony Weeks aus dem Kampf
nehmen. Sheika erzielte damit den wohl bedeutendsten Sieg in seiner Karriere,
die allerdings bereits zwei Niederlagen gegen Journeyman Tony Booth
und gegen WBO-Champ Joe Calzaghe
aufweist.
Eine wirkliche
Überraschung gelang dem 18-jährigen Federgewichtler Fernando
"Bobby Boy" Velardez, der Juan
Carlos Ramirez vorzeitig stoppen konnte. In der sechsten Runde
wurde der Kampf aufgrund einer schweren Cutverletzung von Ramirez abgebrochen.
Zuvor hatte Velardez seinen Gegner zweimal in der dritten Runde zu Boden
geschickt. Der US-Schwergewichts-Hoffnungsträger und Ex-Amateurweltmeister
Michael Bennett (3-0, 3 KOs) gewann ohne Schwierigkeiten gegen
Billy Zumbrun (4-3-1, 3 KOs), den er in der ersten Runde ausknockte.
|