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Bernard Hopkins
vs.
Howard Eastman
- Der Vorbericht
von Wolfgang Oswald

Altherrenboxen
Die Erste
Am 19.02.2005 überträgt Premiere Sport 1 ab 3.45 Uhr die WBA/WBC/IBF/WBO-Weltmeisterschaft
im Mittelgewicht zwischen Champion Bernard
Executioner Hopkins (BP-Nr. 1, Foto) und Herausforderer
Howard
The Battersea Bomber Eastman (BP-Nr. 4) live
aus dem Staples Center in Los Angeles. Auf dem Papier eine sportlich sehr
interessante Begegnung. Aber die Frage bleibt: Erwartet die Zuschauer
eine gewaltige Schlacht zweier harter Fighter im Alter von 34 bzw. 40
Jahren oder wird die Auseinandersetzung am Ende lediglich zu einer Kaffeefahrt
zweier Senioren vergammeln? Die Antwort gibt das kommende Wochenende und
einige Tage später gibt es eine ähnliche Fortsetzung in Deutschland,
wenn der fast 37-jährige Dariusz
Michalczewski (BP-Nr. 5) in Hamburg gegen den ein Jahr
jüngeren Franzosen Fabrice
Tiozzo (BP-Nr. 12) um die WBA-Weltmeisterschaft im Halbschwergewicht
boxt. Trotzdem, die Boxfans dürfen gespannt sein. Sicher ist auch,
dass die jeweiligen Boxer viel von ihrem Geschäft verstehen.
1. Die Akteure der Auseinandersetzung
Der Weltmeister:
Bernard
Hopkins (auf Foto links) Biographie ist die typische Vergangenheit
vieler großer Boxweltmeister. Geboren 1965 in ärmlichen Verhältnissen,
aufgewachsen im Ghetto, wurde er mit 19 Jahren straffällig und verbrachte
einige Zeit hinter Gittern. Während dieser Zeit kam der Mann aus
Philadelphia wieder mit dem Boxen in Berührung. Er hatte als Jugendlicher
bereits einige Amateurfights hinter sich gebracht. Der Knastaufenthalt
bekehrte ihn und nach seiner Entlassung versuchte er 1988 sein Glück
als Berufsboxer. Trotz Niederlage im ersten Fight war das der Anfang einer
langen und erfolgreichen Boxkarriere mit Höhen (z. B. Gewinn mehrerer
WM-Titel) und Tiefen (z. B. Niederlage gegen Roy
Jones Jr. (BP-Nr. 6 im Halbschwergewicht), Querelen mit
Trainern und Promotorn), die ihre Glanzlichter schließlich in den
grandiosen Siegen gegen die Superstars Felix
Tito Trinidad (BP-Nr. 2) und Golden Boy
Oscar
De La Hoya (BP-Nr. 6) fand. Privat lebt Hopkins heute zurückgezogen
und ohne Skandale mit Ehefrau und Tochter in Philadelphia. Nur im Ring
mutierte er gelegentlich noch zum Bad Boy und Henker
und blieb seit 1993 unbesiegt.
Der Herausforderer:
Howard
Eastman (auf Foto links) wurde in Guyana geboren und er kam als
Kind mit seiner großen Familie nach England. Im Alter von 15 Jahren
warf ihn Vater Eastman aus der Wohnung, weil er disziplinlos, faul und
frech war. Über ein Jahr lebte er auf der Straße und sozusagen
von der Hand in den Mund. Doch auch ihn führte der Boxsport letztendlich
wieder weg von der schiefen Bahn. Er brachte es zu einigen nationalen
Titeln im Amateurboxen und wechselte mit 24 Jahren zu den Profis. Mit
seinem Vater hat sich der Egozentriker inzwischen wieder ausgesöhnt
und seine große Liebe gilt den Vögeln, von denen er zahlreiche
Exemplare verschiedener Gattung in seinem Apartment in Battersea, London,
hält. Im Bezug zum Boxen blieb der Engländer jedoch unberechenbar.
Immer wieder hatte er Ärger mit Manager und Trainer, doch jetzt darf
man davon ausgehen, dass er sich zusammengerissen hat. Schließlich
ist das vermutlich seine letzte Chance auf eine Weltmeisterschaftskrone
und damit das große Geld.
2. Die Geschichte zum Fight
Der einstige Federgewichtler De La Hoya wollte 2004 gegen den "Boxopa"
Hopkins Geschichte schreiben und seinem eigenen WBO-Gürtel im Mittelgewicht
die WBA-, WBC- und IBF-Gürtel von Hopkins seiner ohnehin schon umfangreichen
Gürtel-Sammlung hinzufügen. Stattdessen schrieb der Veteran
mit einem Knockoutsieg an seinem bisher größten Zahltag ein
weiteres Kapitel in seiner langen Regierungszeit als amtierender Weltmeister.
Nun feiert er Jubiläum, denn der Fight gegen den Engländer Eastman
ist der 50. Kampf in Hopkins Profikarriere. Damit ist die Story klar.
Es soll ein glanzvoller Sieg für den Executioner werden.
Schließlich hat man nicht umsonst einen Briten verpflichtet. Ein
tapferer, handverlesener Kämpfer mit vielen Fans, der das Zeug für
einen sehenswerten Fight haben soll, nicht jedoch für den Sensationssieg.
Denn der clevere US-Boxer und Geschäftsmann (Partner von De La Hoya
bei Golden Boy Promotions) spekuliert auf noch einen letzten großen
Zahltag, bevor er die Handschuhe an den Nagel hängen will. Und Namen
gibt es genug für ein spektakuläres und lukratives Event. Von
Glen
Johnson (BP-Nr. 1 im Halbschwergewicht) angefangen über
eine Revanche gegen Felix Trinidad bis hin zur jungen Generation wie Jermain
Taylor (BP-Nr. 3, boxt im Rahmenprogramm gegen Daniel
Edouard (BP-Nr. 15) und kann sich so am besten für Hopkins
empfehlen) oder auch Felix
Sturm (BP-Nr. 5), dessen Chance auf diesen Big Fight
allerdings sehr gering ist. Nichts anderes als eine sog. Promo-Veranstaltung
für das Boxurgestein Hopkins also ist die wahre Geschichte zum Aufeinandertreffen
der beiden Gladiatoren.
3. Die physischen Attribute der Fighter:
Alle körperlichen Vorteile liegen eindeutig bei Hopkins. Er ist größer,
hat die längere Reichweite und recht viel älter als sein Herausforderer
ist er auch nicht. Offiziell ist dessen Geburtsdatum zwar auf 1970 datiert,
aber Eastman ist in Guyana geboren und mit seiner Familie in jungen Jahren
nach England ausgewandert. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass man ihn
damals etwas jünger gemacht hat, um einige Vorteile zu erreichen,
sei es finanzieller oder schulischer Art. Eastman scheint allein schon
optisch mehr auf die Vierzig zuzugehen und in seinem letzten Kampf gegen
Jerry
Elliott sah er älter aus als der Weltmeister gegen De La
Hoya.
Beide Kontrahenten sind ausgewachsene Mittelgewichtler. Ein
Punkt, der in der Gegnerwahl von Hopkins eine kleine Rolle spielt. Seine
besten Siege fuhr er gegen Leute ein, die aus unteren Gewichtsklassen
nach oben kletterten wie eben Trinidad oder De La Hoya. Allerdings sollte
das kein besonders gewichtiger Aspekt sein, denn Hopkins kam in der Vergangenheit
mit genügend Mittelgewichtlern wie beispielsweise Keith
Holmes (BP-Nr. 11 im Superweltergewicht), Robert
Allen (BP-Nr. 8), William
Joppy etc. vom körperlichen Standpunkt aus ebenfalls gut
zurecht.
4. Die Waffen der Fighter im Ring:
Eastman ist ein solider Boxer mit viel Herz, Schlagkraft und Nehmerfähigkeiten.
Auf den Beinen nicht der Schnellste lässt seine Balance manchmal
ebenfalls zu wünschen übrig. Bisweilen agiert er zu ungestüm
mit weit hergeholten Schwingern. Eastman besitzt allerdings eine sehr
gute Rechte und der rechte Aufwärtshaken kann sich sehen lassen.
Das Gefährliche daran, er kann diese Schläge aus jeder Distanz
bringen und davor muss Hopkins auf der Hut sein.
Hopkins dagegen ist ein Alleskönner zwischen den Ringseilen. Wenn
es darauf ankommt, kann er technisch boxen oder brawlen (=
prügeln), und zwar beides in Perfektion. Trotz seines Alters ist
er immer in bester körperlicher Verfassung und topaustrainiert. In
seinen letzten Fights konnte man zwar bei ihm eine nachlassende Beinarbeit
erkennen. Dieses Manko hat Hopkins aber bisher noch durch seine Erfahrung,
seine Ringintelligenz und sein boxerisches Know-how relativ problemlos
ausgleichen können.
Sowohl Eastman als auch Hopkins verfügen über den Killerinstinkt
und können eine Auseinandersetzung jederzeit vorzeitig für sich
entscheiden. Der Champion vermittelt allerdings den Eindruck, dass er
hier mit seinen Schlägen variabler und flexibler arbeiten kann und
über die schnelleren Hände verfügt, während der Brite
mehr auf das Brechstangen-Prinzip setzt.
5. Der Kampf im Kopf:
Hopkins ist durch seine letzten Siege ein sehr reicher Mann geworden und
hat damit finanziell ausgesorgt. Er ist zwar nicht dafür bekannt,
dass er einen Gegner auf die leichte Schulter nimmt, dennoch dürfte
die Luft nach seinen legendären Siegen gegen Trinidad und De La Hoya
ein wenig raus sein. Gegen Trinidad wollte Hopkins sich und den Boxfans
etwas beweisen und bei De La Hoya stand eine Menge Geld auf dem Spiel
und es gab bereits im Vorfeld einen vertraglich zugesicherten Big
Payday. Das ist gegen Eastman anders und vielleicht wirkt sich das
doch ein wenig auf die Motivation und den Kopf des Executioners
aus. Ansonsten ist der Amerikaner bekannt für seine mentale Stärke
und ein Meister diverser Kopfspielchen.
Aber auch der Battersea Bomber könnte einige Mühe
haben, seine Nerven im Griff zu halten. Bisher kämpfte er nur einmal
in den Staaten und da hat er die Weltmeisterschaft gegen William Joppy
mit einer etwas unglücklichen taktischen Leistung verspielt.
Dementsprechend ist der psychische Druck auf Eastman groß. Er hat
etwas gutzumachen, muss gleichzeitig die Sicht der Punktrichter im Hinterkopf
behalten und das kann leicht verkrampfen.
6. Die mögliche Kampftaktik der Boxer:
Eastman ist manchmal ein etwas langsamer Starter und verschläft hin
und wieder schon mal eine Runde. Ein Fehler, der in einem Kampf gegen
einen ausgepufften Mann wie Hopkins tödlich sein kann. Der Bomber
aus Battersea muss demnach von Anfang an Druck machen und versuchen, die
Runden mit spektakulären Aktionen für sich zu entscheiden, damit
er auf den Punktezetteln nicht zu sehr in Rückstand gerät. Er
sollte die Begegnung so lange wie möglich ausgeglichen gestalten,
um den Champion damit aus der Reserve locken zu können.
Eastman hat eine gute Schlagkraft und kann einstecken. Er ist nicht leicht
zu Boden zu bringen und das dürfte sich auf Hopkins Kampftaktik auswirken.
Wenn er merkt, dass er den Briten nicht beeindrucken kann, geht The
Executioner auf Nummer sicher und verlegt sich auf das sog. Punkte
machen. Wenn das passiert, bleibt dem Engländer nur noch eine
Knockoutchance, viel zu wenig gegen den Amerikaner, der eisenhart ist
und ebenfalls eine Menge vertragen kann.
Eastman sollte versuchen, den Weltmeister zu provozieren, ihn in Schlagwechsel
zu verwickeln und nach Überraschungsmomenten suchen. Denn boxerisch
ist Hopkins klar überlegen und hier ist der Herausforderer im Nachteil.
Sollte es Eastman gelingen, den Champion aus der Distanz auszuboxen,
wäre das die wirkliche Sensation.
7. Die Prognose des Autors zum Kampfverlauf
Es spricht vieles dafür, dass Eastman von Hopkins rasiert
wird, auch wenn er seinen legendären Bart bereits vorher abgeschnitten
hat. Sicher, es ist einer dieser Kämpfe, bei denen ein Upset
wegen der Aura des Herausforderers sozusagen in der Luft liegt und vieles
für eine Sensation spricht. Zieht man allerdings den Verstand und
die Analysen über die Boxer zu Rate, ist eine Überraschung nahezu
ausgeschlossen. Zu gut, zu clever, zu intelligent ist der Boxer Hopkins
und Eastman ist nicht unbedingt der Typ eines sog. One-Punch-Knockouters,
der mit einem einzigen Schlag einen Kampf entscheiden kann. Der Weltmeister
wird vermutlich mit seinem Herausforderer zwar alle Fäuste zu tun
haben, doch am Ende eine einstimmige Punktentscheidung einfahren.
8. Randnotiz
Erstaunlicherweise hat Eastman nach seinem ersten Weltmeisterschaftskampf
gegen Joppy 2001 in Las Vegas nur noch daheim in England geboxt. Er holte
sich den vakanten Europatitel der EBU und bei besonders kritischer Betrachtung
seiner letzten Gegner kann man nicht unbedingt behaupten, dass er sich
eine neue WM-Chance rein sportlich verdient hat. Jedenfalls nicht mehr
oder weniger als beispielsweise Felix Sturm mit der Ausnahme, dass der
Bomber aus Battersea schon etwas länger wartet und sich mit entsprechenden
Fights die Ranglistenpositionen und den Herausfordererstatus gesichert
hat. Man muss also auch als europäischer Fighter nicht mehr sofort
die Koffer packen und nach Amerika auswandern, um die Chance seines Boxerlebens
zu erhalten, wie viele Boxfans und Boxnostalgiker es ständig fordern.
Etwas Sitzfleisch genügt gelegentlich mit etwas Glück auch.
Und für den Boxer sind beide Alternativen hart und riskant.
Besonderes
Augenmerk kann man als Boxfan auch auf den Fight im Rahmenprogramm zwischen
dem Amerikaner Jermain
Taylor (BP-Nr. 3) und Daniel
Edouard (BP-Nr. 15) richten. Besonders für das junge
US-Boxtalent ist die Möglichkeit, sich für das amerikanische
Publikum und einem möglichen Fight gegen Bernard Hopkins zu empfehlen.
Bleibt für die TV-Sender zu hoffen, dass der gefährliche Edouard
das mögliche US-Generationen-Duell zwischen Hopkins und Taylor nicht
zerstört. Obwohl dies dem Mann aus Haiti aufgrund bisher gezeigten
Leistungen im Ring durchaus zuzutrauen wäre.
Freitag,
18. Februar 2005
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