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Die unergründlichen Wege des Roy Jones Jr.
von Jörg Lüdemann



"Ich fürchte, er wird später einmal einer der unglücklichsten Menschen der Welt sein. Ich hoffe, ich liege damit falsch."
Stan Levin über Roy Jones.

Der WBC, WBA, IBF und IBO-Halbschwergewichts-Weltmeister Roy Jones Jr. ist auf der Suche nach bedeutenden Kämpfen, die seine Karriere wieder in Schwung bringen. Warum ihn sein Weg dabei am kommenden Samstag (PremiereWorld überträgt live ab 4:00 Uhr) ausgerechnet über den unspektulären Derrick Harmon führen soll, weiß wohl nicht einmal Jones selbst genau. "Harmon verdient eine Chance, um den Titel zu boxen. Er ist ein harter Rechtsausleger und hat seine Pflichten erfüllt," sagte Jones auf der letzten Pressekonferenz. "Ich habe keine Problem damit, diesen Kampf zu promoten und mich konzentriert darauf vorzubereiten."

Derrick Harmon, der auch schon einmal für einen Kampf gegen Dariusz Michalczewski im Gespräch war, hat während seiner Vorbereitung mit Montell Griffin trainiert. Griffin ist einer der wenigen Boxer, denen es bisher gelang, dem Weltmeister Roy Jones Rätsel aufzugeben. In deren ersten Aufeinandertreffen wußte der Amerikaner vor allem in den Anfangsrunden zu gefallen. Später gewann Griffin durch Disqualifikation, weil der frustrierte Jones auf ihn einschlug, nachdem er das erste Mal zu Boden gegangen war. "Montell hat mir gesagt, was ich zu tun habe," sagt Harmon. "Er sagte, ich müsse gegen ihn fighten." Den verdutzten Journalisten erklärte der US-Boy dieses so: "Puncher können ihn nicht mit ihrer Schlaghärte bezwingen. Ich habe auch schon genug gute Boxer gegen ihn verlieren sehen. Ich muß ihn im Ring einfach treten, kratzen, beißen und schlagen. Das heißt nicht, daß ich das auch tun werde, aber ich meine damit, daß ich dagegen halten werde. Ich weiß, daß er mich treffen wird. Roy ist schnell. Aber ich war schon mit vielen schnellen Leuten im Ring." Und schließlich setzt Harmon noch eine weitere Ankündigung oben drauf: "Hier in Florida werde ich keinen Punktsieg landen können. Wenn selbst Al Gore hier keine Entscheidung gewinnen kann, dann werde ich es auch nicht können."

Irgendwie umgibt diesen 31-jährigen Rechtsausleger ein gewisser Charme. Harmon kann sich gut ausdrücken und dies nicht nur verbal. Er begann mit dem Boxen, als er 12 Jahre alt war und gewann als Amateur die Chicago Golden Gloves. Obwohl Harmon kein schwerer Puncher ist, hat er ein paar KO-Siege feiern können, da er über einige schnelle Kombinationen verfügt. Sein Kinn und seine Kondition scheinen gut - Harmon mußte noch nie zu Boden. "Wenn Griffin Jones Probleme bereiten konnte, warum nicht auch ich," sagt sich Harmon. Er hat das Video des Kampfes immer und immer wieder studiert und meint "Ich denke, ich bin ein bißchen stärker als Montell und ich habe wesentlich mehr Schlagkraft. Außerdem wachse ich an meinen Gegnern, Roy ist eine große Herausforderung für mich." Harmon's größter Erfolg war bisher ein Sieg über den bis dahin ungeschlagenen Ken Bowman (30-0), den er in der dritten Runde ausknocken konnte. Ein weiterer Punktsieg über Ray Berry sei noch erwähnt, der jedoch international keine Bedeutung hat.

Seine bisher einzige Niederlage resultiert aus einem kuriosen Kampf gegen Greg Wright, der zunächst als ein zehnrundiges Unentschieden gewertet wurde. Am nächsten Tag wurde Harmon in das Büro von Marc Ratner, dem Vorsitzenden der Nevada State Athletic Commission, gebeten, wo ihm Ratner mitteilen mußte, daß aus dem Remis ein geteilter Punktsieg für Wright geworden war. Eine Sekretärin hatte entdeckt, daß die Rundenwertungen eines Richters falsch addiert worden waren. Ratner war damals beeindruckt, daß Harmon die Entscheidung "wie ein Mann aufnahm, er schrie nicht und beschwerte sich nicht." - "Ich kannte Marc Ratner und wußte, er ist fair," sagte Harmon. "Aber wissen Sie, diese Entscheidung hat mir mehr geholfen, als daß sie Wright etwas gebracht hätte. Sie machte mir klar, daß ich mich ändern mußte, daß ich mich noch mehr auf das Boxen konzentrieren mußte. Wenn ich das Unentschieden bekommen hätte und ungeschlagen geblieben wäre, hätte ich in einem Kampf gegen Roy Jones nur eine Siegchance von 50 % gehabt. Nun sind es 100 %."

Am Samstag wird sich Harmon an diesen Aussagen messen lassen müssen. Das Team von Boxingpress Deutsch rechnet mit einem vorzeitigen Erfolg von Roy Jones, der unbedingt einmal wieder einen überzeugenden Sieg braucht. Ob der Gegner nun Harmon, Hall oder Harding (welch schöne Alliteration...) heißt, dürfte dabei keine bedeutende Rolle spielen

Stan Levin, der langjährige Freund und Berater von Roy Jones Jr. wird an diesem Samstag nicht am Ring sitzen. Es schmerzt ihn zu sehr, den freien Fall des einstigen P4P-Champions zu beobachten. "Ich wünschte, es gäbe einen magischen Knopf, den man drücken könnte, um aus ihm wieder den echten Roy werden zu lassen," sagt Levin. "Ich hoffe, ich liege falsch. Aber wer ist noch bei ihm, der wirklich sein Freund ist?"

Roy Jones wird den Kampf in Tampa Bay, Florida bestreiten, weil er hier ein paar Wohltätigkeitsveranstaltungen integrieren kann. In New York oder Las Vegas boxt der Weltmeister eher selten. "Warum sollte ich dahin gehen, wenn ich Menschen hier helfen kann?" sagt er. Diese Seite an ihm hat sich nicht verändert. Er ist immer noch ein "guter Junge". Er schaut auf krebskranke Kinder und sagt, "diese Menschen müssen die ganze Zeit kämpfen - um ihr Leben." Die Öffentlichkeit interessiert sich jedoch nicht für diese Seite von Jones. Die Fans wollen nichts über sein Bankkonto wissen, wieviele Hühner er auf seiner Farm hält oder wieviele Wohltätigkeitsaktionen der Mann aus Pensacola veranstaltet.

Die Fans sind ganz einfach, und das ist durchaus nachvollziehbar, enttäuscht darüber, wie vorsichtig Jones geworden ist. Einerseits in der Auswahl seiner Gegner, andererseits in der Art, wie er gegen sie boxt. Emanuel Steward, der Erfolgstrainer, sagte einmal, Jones sei nicht mehr derselbe, seitdem er als Co-Kommentator für HBO am Ring saß und miterlebte, wie Jimmy Garcia kollabierte und später starb. Zudem sei er zu eng mit dem im Kampf gegen Nigel Benn schwer verletzten Gerald McClellan befreundet gewesen. Jones gab einmal (in einem schwachen Moment) zu, an dieser These könne ein großes Stück Wahrheit sein.

"Hat er das wirklich gesagt?" fragt Levin. "Das ist gut." Es ist gut, weil Jones (wie viele seiner Berufsgenossen) Probleme mit der Einschätzung der Realität hat und diese Aussage sei wenigstens, so Levin, ein Zeichen dafür, daß Roy wenigstens noch einige Dinge klar sieht. Doch mit den letzten Jahren wurde Jones zunehmend empfindlicher, wenn man ihn auf seine schwache Gegnerschaft ansprach. "Wie lange kann er gegen Jungs mit den Namen Eric, Derrick und Rick boxen?" fragte kürzlich Tim Smith von den New York Daily News. Aber wie sehr achtet Jones darauf, was die Fans von ihm erwarten. Sieht er in ihren Gesichtern den Wunsch danach, Blut zu sehen? "Das ist es, was sie wollen: Blut," sagt er. Auf die Frage, ob ein Boxer der Öffentlichkeit sein Blut schuldet, stellt Jones trocken fest: "Die Menschen wollen keine Techniker sehen, sie wollen Blut." Und immer wieder sieht er sich oder seinen Gegner als das nächste Opfer in der bald zahllosen Reihe - als den nächsten Jimmy Garcia oder den nächsten Gerald McClellan. Dies hat ihn übervorsichtig werden lassen.

"Das mag schon sein," sagt Jones. Aber wenn er kämpfen müsse, wenn es hart auf hart kommt, dann, so sagt er "werde ich da sein, ich bin entschlossen bis auf's Herz." Doch nur ein einziges Mal fightete Jones ohne Rücksicht auf seine eigene Sicherheit. Es war das Rematch gegen Montell Griffin, als er einige Treffer bewußt in Kauf nahm, um den Mann zu Boden zu schicken, der ihn zuvor als Erster (durch Disqualifikation) bezwingen konnte. Er knockte Griffin in der ersten Runde aus. Seit Jahren wird zudem der Name von Dariusz Michalczewski, dem ungeschlagenen WBO-Weltmeister, ins Gespräch gebracht. Jones will/wollte nicht in Deutschland boxen, Dariusz nicht in den Staaten. Die gegenseitigen Angebote waren beleidigend. Wozu dies alles? An einem guten Tag bräuchte Jones vermutlich nicht länger als zwei, drei Runden, um den beliebten "Tiger" aus dem Ring zu befördern. Inzwischen scheint Jones die Notwendigkeit des Kampfes jedoch auch einzusehen. Er sagt, "Ich werde gegen Dariusz boxen, selbst wenn ich da rüber fliegen muß, um ihm seine Grenzen aufzuzeigen."

Gestern im Calta's Boxing Gym am sonnigen Kennedy Boulevard, zeigte Jones einmal mehr, zu was er fähig ist. Er schlug nicht einfach fünf aufeinanderfolgende Haken zum Doppel-Endball, so wie er es kann, sondern er zeigte seinen Freunden, wie z.B. WBA-Federgewichts-Weltmeister Derrick Gainer, der am Samstag gegen den Kolumbianer Victor Polo boxen wird, wer der Herr im Ring ist. Während aus den Boxen die Musik von Jones' neuester CD dröhnte, ließ der Fighter wie aus dem Nichts Kombinationen von erst 12, dann 14 und schließlich 16 Schlägen los, die alle das Ziel trafen. Der weltberühmte Trainer Lou Duva, der am Samstag in der Ecke von Polo stehen wird, sah zu und war beinahe sprachlos. Beinahe. "Die schnellsten Hände, die ich jemals gesehen habe. Meldrick Taylor's Fäuste waren schnell," sagte der Ex-Trainer von Taylor, "aber Roy's Fäuste sind schneller." Eines blieb jedoch unbeachtet - zu keinem Zeitpunkt versuchte der Doppelendball zurückzuschlagen...

Es gab daher für Jones in diesem Moment keinen Grund, sich zurückzuhalten, so wie er es mehr und mehr in seinen Kämpfen tut. Er ist mittlerweile 32 Jahre alt, aber wenn er jemals wieder in der Öffentlichkeit, sprich im Boxring, sein Können unter Beweis stellen würde, wird es wohl kaum einen Zweifel daran geben, wer der beste Boxer der Welt ist. Im Gym landete er eine dieser atemberaubenden Schlagserien am Sandsack und einer der Beobachter raunte "Jorge Castro hat das zehn Runden lang eingesteckt." Das war wohlgemerkt, bevor Castro Weltmeister wurde. Jones schlug Bernard Hopkins mit nur einer Hand, bevor dieser Weltmeister wurde. Er knockte Virgil Hill mit einem Körpertreffer aus, bevor dieser nach Frankreich ging und Fabrice Tiozzo in der ersten Runde besiegte und wieder Weltmeister wurde. In einem seiner Rap-Titel sagt Jones: "Ihr sagt alle, ich boxe nur gegen Fallobst. Das liegt daran, daß ich sie alle wie Fallobst aussehen lasse." Zumindest auf frühere Gegner bezogen hat er damit wohl Recht...

Bis zu den Trägödien um Garcia und McClellan, boxte Jones meist gegen Boxer von Weltklasseformat. Doch was hat er damit letztlich erreicht? Eher wenig. Er boxte bevorzugt zuhause, in der Nähe von Pensacola. Sein letzter Promoter, Murad Muhammad, ließ ihn regelmäßig in Mississippi boxen. Das mag zwar gut für Muhammad gewesen sein, aber für Roy Jones war es alles andere als das. Er blieb eine regionale, aber keine weltweite Größe im Boxsport. Für diese Tatsache jedoch allein den Ex-Promoter verantwortlich zu machen, wäre wohl mehr als ungerecht. Jones selbst hat ein Problem damit, seinen öffentlichen Verpflichtungen nachzukommen. Da gab es zuletzt die Dreharbeiten zu einer Dokumentation eines Fernsehsenders über den Weltklasse-Boxer. Jones hielt seine Verabredungen dazu konsequent *nicht* ein, der Film wurde verworfen. Da gab es die Autogrammstunde einer großen Firma, bei der Jones Poster und Handschuhe unterzeichnen sollte. Alles war bereit für den großen Empfang - Jones zog es vor, im Bett zu bleiben. Beim bereits beschriebenen öffentlichen Training kam er immerhin nur 20 Minuten zu spät. Bei der letzten Pressekonferenz verspätete er sich dann um 70 Minuten. Jones hat offensichtlich ein außergewöhnliches Talent dafür, Verabredungen nicht einzuhalten. Er ist selbst verantwortlich dafür, daß er noch immer nicht die internationale Anerkennung genießt, die ihm angesichts seiner überragenden Fähigkeiten zuteil werden sollte.

Und dann sind da noch seine Schwierigkeiten mit der Realität. Stan Levin meint dazu: "Ich denke, Roy hat Angst, die Menschen merken zu lassen, daß er bestimmte Dinge nicht weiß. Er hört für gewöhnlich nur auf die letzte Person, mit der er gerade gesprochen hat. Er ist ein ängstlicher Mann, der nie genau weiß, was er tun will." Jones' Berater arbeitet nicht mehr für den Weltmeister, weil dieser sich ernstgemeinte Sorgen um die Gesundheit des stressanfälligen Levin machte. Levin ist deshalb nicht verbittert. Er ist vielmehr traurig. "Jones ist ein wirklich netter Kerl," sagt Levin. "Er ist nicht habgierig. Er ist nur leider großzügig zu all den falschen Leuten, die ihn umgeben."

Auf eine andere Art und Weise wurde Jones von seinem Vater, dem brillianten Trainer Roy Sr., der seinen Sohn zu einem der Wunder der Boxwelt formte, negativ beeinflußt. Er muß seinen Sohn scheinbar davon überzeugt haben, daß das Profi-Boxen ein Sündenpfuhl voller böser Dämonen ist. Es wird wohl niemand bestreiten, daß Boxen zweifellos ein harter und teils auch korrupter Sport ist. Doch gegen Roy Jones zu boxen ist sicherlich nicht minder hart. Morgen wird sich Derrick Harmon darin versuchen.

Wie würde wohl Roy gegen sich selbst boxen? "Ich würde nicht antreten", sagt er. Vielleicht ist genau das sein Problem...


PremiereWorld überträgt live ab 4:00 Uhr. Es darf davon ausgegangen werden, daß die beiden Titelkämpfe von Jones und Gainer live gezeigt werden. Die attraktiven Rahmenkämpfe von Antonio Tarver (gegen Lincoln Carter) und Glenn Kelly (gegen Billy Lewis) werden vielleicht ebenfalls zu sehen sein. Den ausführlichen Bericht von der Veranstaltung in Florida gibt es Sonntag im Laufe des Tages auf diesen Seiten.

 

 
     

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