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Roy Jones zwingt Harmon zur Aufgabe
von Jörg Lüdemann



Roy Jones Jr. hat wieder einmal seine boxerische Klasse bewiesen, ohne jedoch seine Fans zufriedenstellen zu können. In der vergangenen Nacht verteidigte der unumstrittene Halbschwergewichts-Weltmeister seine Gürtel erfolgreich gegen seinen Landsmann Derrick Harmon. In Tampa Bay, Florida, hatte Jones zu keinem Zeitpunkt Schwierigkeiten mit seinem Herausforderer, der schließlich wegen eines Trommelfell-Risses nach der zehnten Runde aufgeben mußte. Zuvor hatte Jones seinen Gegner über weite Strecken beherrschen und vorführen können, spektakuläre Aktionen und Niederschläge blieben aber auch dieses Mal Mangelware. Zu wenig für einen Boxer wie Jones, der bekanntermaßen über ganz andere Fähigkeiten verfügt...

Noch am Mittwoch hatte Roy Jones ein HBO-Interview abrupt beendet, als er auf seine geringe KO-Rate aus den letzten Kämpfen angesprochen wurde. Zunächst hatte er noch seine ärgsten Rivalen um die P4P-Krone verbal zurechtgestutzt (über Trinidad: "großer Puncher mit einem großen Herzen, aber er ist kein großer Boxer" - über Mosley: "guter Boxer, aber er hat noch nicht erreicht, was ich erreicht habe"). HBO-Experte Larry Merchant entgegnete daraufhin, daß diese beiden zumnidest ihre Gegner ausknocken würden, weil sie es gezielt *versuchen* würden. Daraufhin stürmte Jones verärgert aus dem Raum. "Das hat einen Schalter bei ihm umgelegt," sagte Merchant noch vor dem Kampf. "Hoffentlich geht er deshalb jetzt auf einen KO." Er tat es nicht, zumindest nicht gezielt.

Die ersten vier Runden des Kampfes verliefen größtenteils unspektakulär. Derrick Harmon versuchte den Ring abzuschneiden und Druck auf den Weltmeister auszuüben, was diesen jedoch nicht im geringsten beeindruckte. Ab und zu feuerte Jones eine seiner unglaublich schnellen Kombinationen ab, blieb ansonsten jedoch in der Rückwärtsbewegung und wartete mit Einzelschlägen auf. Harmon wirkte bereits ab der dritten Runde einfallslos und recht langsam, ohne daß von Jones bis dahin große Gefahr für ihn ausging. Der Weltmeister ließ sich sogar mehrere Male freiwillig an den Seilen stellen, doch Harmon konnte daraus nicht das geringste Kapital schlagen.

In der fünften Runde wurde Jones schließlich endlich aktiver und traf mit einigen Schlagserien nach Belieben. Doch Harmon hielt in diesen Situationen mutig dagegen und konnte den ein oder anderen Treffer am Körper des Mannes aus Pensacola platzieren. Der folgende Durchgang verlief wieder eher unattraktiv. Ab der siebten Runde wurde das Publikum vor Ort allmählich unruhig, was Roy Jones sofort spürte, das Tempo anzog und wiederum einige eingesprungene Haken und linke Geraden an den Kopf des Herausforderers landen konnte. Während einer dieser Aktionen kassierte der Weltmeister selbst zwei schwere rechte Hände, so daß er zeitweise wieder von Harmon abließ.

Die Runden acht bis zehn boten dann durchweg dasselbe Bild: Harmon war Jones in allen Belangen unterlegen und sah sich zunehmend im Rückwärtsgang. Jones suchte nach dem einen, spektulären Treffer und spielte mit seinem Gegner und dem Publikum. Wenn Harmon jedoch nach einigen blitzschnellen Fäusten des Weltmeisters verwirrt oder geschwächt schien, setzte Jones keineswegs energisch nach, sondern verhielt sich eher passiv. Es schien, als würde ihm auch dieses Mal ein Sieg nach Punkten *reichen*.

Einer der Treffer von Jones hatte schließlich das Trommelfell Harmon's zum Platzen gebracht, woraufhin dieser in Absprache mit seiner Ecke nach der zehnten Runde aufgab. Jones ließ sich im Anschluß daran feiern und gewährte auch Larry Merchant ein neues Interview. Angesprochen auf seinen nächsten Gegner antwortete der 32-jährige: "Ich bin zurück. Ich sitze wieder im Sattel. Ich trete gegen jede Ecke an. Ich will in den USA boxen. Bringt sie mir - Trinidad, Dariusz." Kery Davis, der HBO-Matchmaker, äußerte derweil, daß die Bemühungen für einen Kampf gegen Dariusz Michalczewski weiter intensiviert werden sollen. Man habe jedoch feststellen müssen, daß sich die Verhandlungen sehr problematisch gestalten.

Roy Jones hat sich nun also zum wiederholten Male nicht in die Herzen seiner Fans und nicht zurück an die Spitze der gewichtsunabhängigen "Pound-for-Pound"-Liste boxen können. An seinem boxerischen Können besteht weiterhin kein Zweifel. Doch gerade weil er aus diesem Potential in den Augen aller Experten in den letzten Jahren viel zu wenig gemacht hat, gerät der Weltmeister immer weiter in die Kritik. Es ist auch tatsächlich schwer nachzuvollziehen, wieso Jones nicht wie früher in den entscheidenden Situation entschlossen nachsetzt. Die tragischen Erlebnisse um seine Freunde Jimmy Garcia und Gerald McClellan mögen die Ursache für seine zunehmende Passivität sein. Doch müßte Jones zugunsten seines Marktwertes die dafür übliche Einsatzbereitschaft an den Tag zu legen, um wieder nachhaltig von sich reden zu machen.

Sollte sich bei ihm angesichts der schwachen Gegnerschaft im Halbschwergewicht mangelnde Motivation breitgemacht haben, so steht es ihm ganz allein frei, diesem Umstand mit Kämpfen gegen Michalczewski oder Bernard Hopkins entgegenzuwirken. Doch selbst dann steht für das Boxingpress-Team der Sieger bereits im Vorhinein fest: Roy Jones. Es scheint einfach unmöglich, diesen Mann nach Punkten oder durch KO zu schlagen. Man konnte vor einigen Monaten einmal eine Statistik lesen, nach der Jones in seiner gesamten Profi-Karriere (257 Runden) bisher nicht mehr als 10 Runden verloren hat. Ein Sieg durch KO erscheint angesichts der nach wie vor ungebrochenen Schnelligkeit und Beweglichkeit des 32-jährigen ebenso sehr unwahrscheinlich.

Im Co-Event des Abends konnte der WBA-Weltmeister im Federgewicht, Derrick Gainer, seinen Titel zum ersten Mal verteidigen. Mit dem unentwegt schlagenden Kolumbianer Victor Polo hatte Gainer zunächst seine Schwierigkeiten, gewann jedoch ab der Hälfte der Distanz die Überhand. In der elften Runde konnte er seinen Gegner mit einem linken Haken zu Boden schicken. Auf den Punktzetteln hatte Gainer schließlich zweimal gewonnen (115-112, 118-109) und einmal verloren (113:114).

Im Rahmenprogramm landete Halbschwergewichtler Antonio "Magic Man" Tarver einen überzeugenden KO-Sieg in Runde fünf über den zuvor ungeschlagenen Lincoln Carter. Carter kam mit der Rechtsauslage von Tarver überhaupt nicht zurecht und mußte während der gesamten Kampfdauer schwere Kombinationen einstecken. Tarver schlug sein Gegenüber damit insgesamt dreimal zu Boden, ehe Carter in der fünften Runde nach dem dritten Niederschlag aufstand und dem Ringrichter signalisierte, daß er genug gesehen hatte.

Ein weiterer ungeschlagener Halbschwergewichtler, der ebenso wie Tarver als Gegner von Roy Jones gehandelt wird, ist Glenn Kelly. In einem Rematch gegen den US-Amerikaner Billy Lewis gewann Kelly durch KO in der zehnten Runde. Der Australier diktierte das Ringgeschehen von Beginn an und ließ Lewis, genau wie in deren ersten Aufeinandertreffen, kaum eine Chance. Glenn Kelly ist nun der offizielle Herausforderer um den IBF-Gürtel von Roy Jones.

 

 
     

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