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John Ruiz vs. Roy Jones - Der Vorbericht
von Steffen Kuhnt


In den Medien ist in diesen Tagen die Rede von einem "boxhistorischen Ereignis" – und in der Tat werden sich die Augen vieler Boxfans und –experten in aller Welt an diesem Wochenende auf eine Veranstaltung richten, deren Hauptattraktion ein Kampf der ganz besonderen Art sein wird. Der amtierende Weltmeister im Halbschwergewicht und ehemalige Mittelgewichtsweltmeister kämpft um einen Schwergewichtstitel – dazu kommt es nur selten, und noch seltener waren derartige Versuche bislang von Erfolg gekrönt. Genau genommen muss man auf der Suche nach einem Erfolg des leichteren Mannes in den Geschichtsbüchern bis ins Jahr 1891 zurückblättern, als Bob Fitzsimmons den amtierenden Champion "Gentleman" Jim Corbett in Runde 14 auf die Bretter schickte. Von da an hatte immer der Schwergewichtler das bessere Ende für sich, und anerkannt starke Leute wie Billy Conn, Archie Moore oder Bob Foster mussten sich geschlagen geben.

Nicht nur Boxhistoriker mögen an dieser Stelle die Frage nach Michael Spinks stellen, der sich nach seinem umstrittenen Punktsieg im Jahre 1985 gegen Larry Holmes auch "Weltmeister im Schwergewicht" nennen durfte. Die Frage nach ihm ist angesichts dessen durchaus nicht unberechtigt, jedoch darf auch die Tatsache, dass Spinks mit diesem Sieg "nur" den IBF-Gürtel erringen konnte, nicht außer acht gelassen werden. Und genau dort liegt auch eines der Probleme – oder besser einer der Schönheitsfehler – des Kampfes an diesem Wochenende.

Der dominierende Halbschwergewichtler unserer Tage, Roy Jones Jr. (BP-Nr.1 - Halbschwergewicht), kämpft zwar um einen Schwergewichtstitel, jedoch heißt sein Gegner am kommenden Samstag John Ruiz (BP-Nr.8 - Schwergewicht) und nicht Lennox Lewis (BP-Nr.1) – im Falle eines Sieges wäre Jones also bestenfalls WBA-Titelträger, nicht jedoch "der" Champion. Allerdings sollte man nicht vergessen, dass der Fight im Ring und nicht auf dem Papier ausgetragen werden wird – und deswegen sollten derartige Überlegungen auf keinen Fall die eigentliche Bedeutung der Aufgabe schmälern, die Roy Jones bewältigen will.

Offenbar möchte der Mann aus Florida es nicht nur sich selbst, sondern nicht zuletzt auch seinen in den letzten Jahren immer zahlreicher gewordenen Kritikern beweisen, indem er sich der größten Herausforderung seiner Karriere stellt und sich im Ring mit einem amtierenden Titelträger misst, der 15 kg schwerer sein wird als er selbst. Und dafür gebührt ihm, und dies sei hier klar gesagt, jeder Respekt – denn auch wenn sein Gegner nicht zu den allerbesten Schwergewichtlern zählen mag ist er dennoch durchaus kein schlechter Mann.

Es ist vor allem der immense Gewichtsunterschied, der dieses Match so interessant, aber gleichzeitig auch so schwer vorhersehbar macht – doch auch stilistisch könnten die beiden Kontrahenten kaum unterschiedlicher sein. Aus den genannten Gründen sind die Fragen, die sich an das Aufeinandertreffen von John Ruiz und Roy Jones anknüpfen, natürlich vielfältig. Unsere Analyse versucht daher, ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen und stellt die beiden Protagonisten gegenüber:

Physis / Power

Aufgrund des großen Unterschieds im Bezug auf das Kampfgewicht liegt hier Ruiz’ größter Vorteil. Der Puertoricaner ist als "echter" Schwergewichtler naturgemäß deutlich größer und kräftiger als Jones. Was Schlagkraft und Reichweite betrifft, ist der Titelverteidiger daher seinem Herausforderer haushoch überlegen. Die Frage wird sein, inwiefern es Ruiz gelingen wird, diese Vorteile gegenüber dem Speed von Jones zum bestimmenden Faktor des Kampfes zu machen. Zudem ist es unmöglich, im Vorfeld zu bestimmen, inwiefern Jones mit dem Punch eines Schwergewichtlers, der immerhin einen Evander Holyfield am Boden hatte, zurechtkommen wird. Andererseits kann man ebenso wenig erahnen, wie Ruiz wiederum auf klare Treffer von Jones reagieren wird, der wiederum jedoch bereits im Halbschwergewicht nicht der allerhärteste Puncher war.

Speed

Was für John Ruiz die Physis ist, ist für Roy Jones der Speed. Schon im Halbschwergewicht war Jones, wie bereits erwähnt, weniger durch seinen Punch gefährlich als durch seine unglaubliche Schnelligkeit. Die meisten seiner Gegner waren auf diesem "Gebiet" derart unterlegen, dass sie Schwierigkeiten hatten, Jones überhaupt zu treffen. Sie selbst wurden jedoch häufig getroffen, da Jones in der Offensive viele schnelle und ansatzlose Hände schlägt und sein Gegenüber teilweise scheinbar beliebig treffen kann. Ein schwererer und damit langsamerer Mann wie Ruiz dürfte es in dieser Hinsicht daher noch schwerer haben als Jones’ Gegner bisher. Im Bezug auf die Kehrseite dieser Medaille muss man jedoch berücksichtigen, dass die physischen Vorteile des Titelverteidigers einen großen Teil von Jones’ Plus relativieren könnten. Dies ist jedoch auch umgekehrt der Fall, was dieses Match letztendlich so interessant macht.

Technik

Boxerisch trennen die beiden Protagonisten Welten, man könnte sogar sagen, dass der Unterschied hier noch größer ist als bei der Physis. Der Vorteil liegt hier wieder klar bei Roy Jones. Man könnte Ruiz als jemanden charakterisieren, der keine gravierenden Schwächen hat, aber insgesamt technisch "nur" solide Durchschnittskost anbietet. Seine Hauptwaffen sind ein recht guter Jab und eine gelegentlich harte rechte Schlaghand. Jones hingegen hat eigentlich keine wirklich sichtbaren Schwächen und repräsentiert in fast allen Technik-Kategorien absolute Weltklasse – man könnte einzig und allein vielleicht anmerken, dass er bis auf wenige Ausnahmen seinen Jab etwas vernachlässigt. Trotzdem ist es schwer, Jones rein technisch einzuschätzen, da er äußerst unorthodox boxt und einige boxtheoretische Fehler durch seinen überlegenen Speed kompensieren kann. Es bleibt abzuwarten, ob ihm dies auch in diesem speziellen Match gelingen wird.

Motivation

Die Motivation könnte sich als ein im Zusammenhang mit diesem Match unterschätzter Aspekt erweisen. Es deutet vieles darauf hin, dass Roy Jones seit einigen Jahren zum ersten Mal wieder wirklich motiviert in einen Kampf gehen wird. In vielen Fights wirkte er in der Vergangenheit zu lässig und spielte eher mit seinen Gegnern, als dass er sie ernst nahm. Einen wirklich motivierten Roy Jones konnte man im Rückkampf gegen Montell Griffin erleben – Jones’ vielleicht stärkste Vorstellung überhaupt. Auch damals wollte er es seinen Kritikern beweisen – diesmal geht es ihm darüber hinaus auch um sich selbst.

Aber auch John Ruiz dürfte stark motiviert sein – speziell für ihn geht es in diesem Match um alles. Nach seiner KO-Niederlage gegen David Tua ist es ihm bis heute nie gelungen, wirklich ernst genommen zu werden, was jedoch auch an den 3 hässlichen Kämpfen gegen Evander Holyfield und seinem sehr unattraktiven Stil liegen mag. Sollte Ruiz gegen Jones verlieren, scheint es mehr als fragwürdig, ob es ihm noch einmal gelingen wird, an der Weltspitze mitzumischen. Zudem musste das Ruiz-Camp sehr viele vertragliche Zugeständnisse machen, um den Fight überhaupt stattfinden zu lassen – so hat Ruiz beispielsweise keinerlei Garantien bezüglich der Kampfeinnahmen. Auch Ruiz’ Motivation sollte daher außer Frage stehen.

Schlüssel zum Sieg – John Ruiz

Die Taktik des WBA-Champions muss es sein, seine physischen Vorteile auszuspielen. Er sollte die Initiative ergreifen und mehr Schläge als üblich abfeuern. Sein Gegner ist ihm körperlich derart unterlegen, dass sich auch Schläge auf die Handschuhe, Arme oder Ellbogen als effektives Mittel erweisen könnten. Außerdem sollte er den Infight suchen, um dort sein Gewicht einsetzen zu können – dies würde den leichteren Mann ermüden und sich letzten Endes auf dessen Kondition und Speed auswirken. Sollte es Ruiz gelingen, einen Treffer wie den anzubringen, der Holyfield zu Boden schicken konnte, so darf man davon ausgehen, dass der Kampf damit beendet sein würde – ein Fakt, der am Samstag sicherlich zur Spannung beitragen wird.

Schlüssel zum Sieg – Roy Jones

Jones’ Taktik lässt sich in einem Satz zusammenfassen – er muss beweglich sein, ohne dabei die Initiative zu verschenken. Dies ist natürlich gegen einen so viel schwereren Mann leichter gesagt als getan. Wichtig für ihn wird es sein, härter zu schlagen als sonst und um jeden Preis Infight und Ringseile zu vermeiden – eine Taktik, die ein Höchstmaß an Kondition und Konzentration erfordert. Es ist außerdem davon auszugehen, dass Ruiz’ Treffer deutlich härter sein werden als die von Jones – dieser muss daher deutlicher und öfter treffen, um nach Punkten gewinnen zu können. Zuzutrauen ist dies dem exzellenten Techniker in jedem Fall.

Schlussfolgerung

Wie bereits erwähnt, ist dieser Kampf nur äußerst schwer vorhersehbar – zu unterschiedlich sind die Kontrahenten und zu gering die Zahl der Erfahrungswerte und Vergleichsmöglichkeiten. "Ein guter großer Mann schlägt einen guten kleinen Mann" lautet ein oft zitierter Spruch unter Boxfans und Boxkennern. Im Falle von Ruiz vs. Jones sollte es in Frageform vielleicht besser heißen: "Schlägt ein solider großer Mann einen großartigen kleinen Mann?".

Die primäre Frage, die von den beiden Fightern im Ring beantwortet werden muss, wird jedoch sein, inwiefern sich Ruiz’ physische Vorteile und Technik und Speed von Jones gegeneinander aufwiegen. Beide Fighter blicken auf eine lange Geschichte eher langweiliger Fights zurück, daher deutet vieles darauf hin, dass dies auch am Samstag nicht anders sein wird. Möglicherweise wird auch die Leistung des dritten Mannes im Ring den Ausgang des Kampfes wesentlich beeinflussen, genauer gesagt dessen Umgang mit Infightsituationen. Unterbindet und trennt er schnell, neutralisiert er damit eine wichtige Waffe des Titelverteidigers. Als Referee nominiert wurde Jay Nady, der in der Tat ein Vertreter seiner Zunft ist, der häufiger einschreitet als beispielsweise ein Joe Cortez – dies könnte sich als Pluspunkt für Roy Jones erweisen.

Man darf einen engen Kampfverlauf erwarten. Wie bereits erwähnt lassen die Argumente einige verschiedene Kampfausgänge zu. Es scheint jedoch so, als ob die Unterschiede in Bezug auf Technik und Speed zugunsten von Jones insgesamt größer sind als Ruiz’ Vorteile in punkto Schlagkraft und Gewicht. Der Unsicherheitsfaktor ist bei diesem Match besonders groß, dennoch konnte sich die Boxingpress-Redaktion nach einigem Zögern auf einen Punktsieg von Roy Jones festlegen.

Den Ausschlag gibt hierbei vor allem die Tatsache, dass Jones (im Gegensatz z.B. zu Bob Foster) schon immer ein Boxer war, der viel mehr durch seinen Speed als durch seine Kraft erfolgreich war und dem daher auch gegen ein um vieles größeren Mann wie John Ruiz seine primäre Waffe nicht abhanden kommen wird. In den vergangenen Jahren hatte sich Jones außerdem als jemand präsentiert, der jedes unnötige Risiko vermeidet – daher kann man davon ausgehen, dass er sich schon vor den Verhandlungen selbst sehr sicher war, dieses Match auch zu gewinnen.

Unter dem Strich kann man dennoch festhalten, dass man vielleicht nicht mit einem attraktiven, aber dennoch interessanten Kampf rechnen darf – mit einem Ausgang, der trotz allem alles andere als feststeht.

 

 

 

 
     

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