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Roy Jones schreibt Boxgeschichte -
John Ruiz sieht dabei zu

von Jörg Lüdemann


Die mit großer Spannung erwartete WBA-Weltmeisterschaft im Schwergewicht zwischen Weltmeister John Ruiz (BP-Nr.8 - Schwergewicht) und Halbschwergewichts-Champ Roy Jones (BP-Nr.1 - Halbschwergewicht) endete mit einem historischen Erfolg des leichteren Boxers. Jones konnte sich im Thomas & Mack Center von Las Vegas nach einer Demonstration seiner boxerischen Stärke auch einen WM-Gürtel im Schwergewicht umlegen. Der 34-jährige US-Amerikaner beherrschte seinen 15 Kilogramm schwereren Gegner in fast jeder Runde dank seiner überragenden Schnelligkeit und gewann schließlich deutlich nach Punkten (116-112, 117-111, 118-110).

Dabei hatte alles so vielversprechend begonnen für John Ruiz. Der Weltmeister wirkte im Vorfeld des Kampfes entspannt wie selten zuvor, präsentierte sich in ausgezeichneter körperlicher Verfassung. Roy Jones hingegen hatte in den Tagen vor dem Kampf und auch am Kampfabend selbst einen angespannteren Eindruck als sonst hinterlassen. Beim offiziellen Wiegen hatten beide Boxer 15 Kilogramm getrennt. Die entscheidende Frage war, ob sich die körperliche Überlegenheit von Ruiz gegen die überragende Schnelligkeit und Technik von Jones würde durchsetzen können. Viele starke Halbschwergewichtler hatten in der Vergangenheit beim Versuch, auch die Schwergewichtskrone zu erobern, ihr blaues Wunder erlebt. Nicht so Jones. Der Mann aus Pensacola bewies an diesem Abend nachhaltig, dass er nicht nur heute als einer der besten Boxer der Welt zu gelten hat.

Mit dem ersten Rundengong wurde auch dem letzten skeptischen Boxfan bewusst, dass dieses Duell, das lange Zeit nicht für möglich gehalten wurde, tatsächlich stattfinden sollte. Jones trat äußerlich kaum verändert in den Ring, lediglich seine Oberarm-, Nacken- und Rückenmuskulatur deutete an, wo der 34-Jährige an Gewicht zugelegt hatte.

Ruiz begann den Kampf beherzt, attackierte Jones von Beginn an, doch der US-Amerikaner wich allen Angriffen geschickt aus und kam im Gegenzug selbst ins Ziel. In der Folgezeit belauerten sich beide Boxer einige Zeit, ehe Ruiz einen plötzlichen Angriff initiierte, inmitten dessen der WBA-Champ seinen Herausforderer mit einer schweren Rechten traf, die Jones für kurze Zeit aus dem Rhythmus brachte. Bereits hier war jedoch festzustellen, dass es um die Nehmerfähigkeiten von Jones bestens bestellt ist. Denn kurze Zeit später konterte der 34-Jährige mit einigen schnellen Händen - die erste Runde jedoch ging an den aktiveren Ruiz.

Der Kampf war fortan an Spannung kaum zu überbieten, obgleich der gegenseitige Respekt in Runde zwei unübersehbar war. Jones agierte etwas vorsichtiger als im ersten Durchgang. Ruiz verhielt sich zu passiv, wartete jetzt zu lange auf eine sich bietende Gelegenheit. Jones verließ sich auf seine exzellenten Reflexe und konnte die Runde damit auf seine Seite bringen. In Runde drei gelang es dem Halbschwergewichts-Weltmeister dann, seinen linken Jab zu etablieren. Ruiz schluckte diese meisterliche, ansatzlos geschlagene Führhand in den folgenden zehn Runden ein ums andere Mal. Die Schlaghände von Jones konnte der Puerto-Ricaner dank seiner Beweglichkeit im Oberkörper jedoch bis dahin weitestgehend auspendeln.

Selbst konnte Ruiz auch in Runde drei kaum Treffer anbringen. Dies lag zum einen an den hervorragenden Reflexen seines Gegners, zum anderen aber auch an der relativ eindimensionalen Kampfesweise des Weltmeisters. Ruiz konnte zwar die Distanz zu Jones oftmals überbrücken, doch am Mann brachte der 31-Jährige kaum gefährliche Aktionen. Jones wusste diese zu unterbinden bzw. Referee Jay Nady, der eine sehr souveräne Leistung ablieferte, unterbrach konsequent jedwedes Geschiebe und Gerangel von Ruiz im Infight. Dies erwies sich, wie in unserem Vorbericht erwähnt, als Pluspunkt für Jones.

Die für Ruiz' Schlaghand günstige Halbdistanz ließ Jones zu keiner Zeit zu, wodurch der Puerto-Ricaner den Großteil der meisten Runden relativ ratlos vor seinem körperlich unterlegenen Gegner hin- und her zappelte, und einen Jab nach dem anderen kassierte. Diese frühe Überlegenheit veranlasste Jones schon in Runde vier zu seinen ersten Show-Einlagen. Spätestens jetzt war dem 34-Jährigen anzumerken, dass er sich - mit Recht - für den weit überlegenen Boxer hielt. Seine vereinzelten Schlaghände hinterließen erste sichtbare Wirkung bei Ruiz, der aus der Nase zu bluten begann. Am Ende der vierten Runde erzielte Jones mit einer schönen Rechten gar Schlagwirkung bei Ruiz.

In den folgenden Runden bot sich das gleiche Bild, mit dem Unterschied jedoch, dass Jones nun oft zu leichtsinnig und offen boxte. Der ansonsten passiv und tapsig wirkende Ruiz, reagierte auf jede Showeinlage seines Gegners mit heftigen Attacken, die ihr Ziel nicht verfehlten. Wieder bewies Jones in diesen Situationen beachtliche Nehmerfähigkeiten. Keinen Treffer des Weltmeisters ließ der Mann aus Pensacola auf sich sitzen. Dennoch gab Jones die sechste Runde dank dieser unnötigen Treffer auf den Punktzetteln ab.

Nach dieser Erfahrung agierte Jones in der Folgerunde wieder vorsichtiger und boxte fast nur noch im Rückwärtsgang. In bester Willie Pep-Manier wich er allen Angriffen von Ruiz geschickt aus und setzte wenige, aber effektive Konter. Bemerkenswert war zudem der unerwartet faire Umgang beider Boxer miteinander, Ringrichter Jay Nady hatte kaum Probleme mit der Leitung des Kampfes.

In Runde acht ließ Ruiz wieder seine Gefährlichkeit aufblitzen. Oder besser gesagt: Jones ließ zu, dass Ruiz ihn an den Ringseilen stellte. Die Treffer im folgenden Schlaghagel kompensierte Jones wiederum bemerkenswert gut und konterte danach mit seinen schnellen, präzisen Kontern, gegen die Ruiz im gesamten Kampf nie ein Mittel fand. Allerdings konnte Jones seinem Gegner auch nicht entscheidend weh tun - seine Schlagkraft galt bereits im Halbschwergewicht nur noch als durchschnittlich.

Nichtsdestotrotz zeigte sich Ruiz immer beeindruckter von der boxerischen Überlegenheit seines Gegners und unternahm immer weniger Aktionen, um dem Kampf noch eine entscheidende Wendung zu geben. Womöglich rächte sich hier das Gewichtmachen in der Vorbereitung des Weltmeisters, der sich damit seines entscheidenden Vorteils, der Schlagkraft, ein wenig beraubte. In Sachen Schnelligkeit konnte Ruiz dem über 12 Runden unverändert quirligen Jones ohnehin nicht das Wasser reichen.

So dominierte Jones die nächsten Runden problemlos. Ruiz wirkte frustriert, versuchte wenig, bis gar nichts mehr. Jones spulte derweil mit beeindruckender Konsequenz sein Pensum herunter. Führhand um Führhand prasselte in das verdatterte Gesicht des Schwergewichts-Weltmeisters, der seinerseits anscheinend keine zweite Taktik für den Kampf ausgearbeitet hatte. Seine überfallartigen Attacken gingen nun immer häufiger ins Leere, auch im Infight hatte Ruiz nichts mehr zu bieten, was Jones hätte überraschen können. Der wiederum war nun bemüht um einen vorzeitigen Erfolg, doch seine Volltreffer hinterließen bei Ruiz weiterhin kaum Wirkung.

In der Schlußrunde ging es Jones dann nur noch darum, den sicheren Punktevorsprung über die Runden zu bringen. Ruiz war mittlerweile so frustriert, dass er fast keine Anstalten mehr machte, noch den entscheidenden KO-Schlag anzubringen. Enttäuschend, ging es doch um nichts geringeres als einen WM-Titel im Schwergewicht. Noch bevor der letzte Gong ertönte, riss Jones die Arme gen Hallendecke und ließ sich als der sichere Sieger feiern.

Die BoxingPress-Scorecard
Runden
Ruiz
Jones
1
10
9
2
9
10
3
9
10
4
9
10
5
9
10
6
10
9
7
9
10
8
9
10
9
9
10
10
9
10
11
9
10
12
10
9
Gesamt
111
117

Auch die Punktrichter sahen dies schließlich genauso, werteten mit 116:112, 117:111 und 118:110 Punkten für den neuen Weltmeister. Während sich Roy Jones nach vielen Jahren wieder einmal wie ein Schneekönig über einen Sieg freuen konnte, verließ der frustrierte Ruiz sofort den Ring. Im anschließenden Interview beschwerte sich der Ex-Champ dann bitterlich über den Ringrichter, der seiner Meinung nach jegliche Kampfhandlungen in der Nahdistanz unterbrochen hatte. "Ich wollte wie ein Schwergewichtler boxen, meinen Gewichtsvorteil dazu nutzen, um Druck auszuüben," sagte der enttäuschte 31-Jährige. "Aber ich habe nie die Chance erhalten, so zu kämpfen. Ich könnte Jones mehr Anerkennung zollen, wenn ich die gleichen Vorteile wie er bekommen hätte." Wenig später sprach Ruiz sogar von seinem Rücktritt als Profi.

Es fällt schwer, die sportliche Leistung des 31-Jährigen zu beurteilen. Die meisten Gegner von Roy Jones wirkten während ihrer Kämpfe gegen den Weltklasse-Mann überfordert, so auch Ruiz dieses Mal. Trotzdem traf der Puerto-Ricaner Jones häufiger, als es den meisten seiner anderen Gegnern bislang gelungen war. Doch Ruiz war nie in der Lage, seine körperlichen Vorteile gewinnbringend einzusetzen. Zu deutlich war seine boxerische Unterlegenheit. Zudem schlug Ruiz insgesamt viel zu wenig und war nicht in der Lage, seine Taktik im Kampf auch nur einen Deut zu ändern. Enttäuschend kam hinzu, dass sich der Ex-Weltmeister in den Schlussrunden zu bereitwillig in sein Schicksal ergab und keinerlei Kämpferherz mehr zeigte.

Unterdessen gab sich Roy Jones in den ersten Postfight-Interviews stolz und glücklich. "Ich habe das getan, um Geschichte zu schreiben," so der neue Weltmeister. "Ich habe diesen Kampf angenommen, weil die Fans ihn sehen wollten. Die Leute haben gesagt, ich könnte nie von einem Schwergewichtler getroffen werden. Alle haben erwartet, dass ich davonlaufe, aber das hatte ich nicht vor."

Und in der Tat lieferte der Mann aus Pensacola eine beherzte Vorstellung in Las Vegas ab. Eine Leistung, die ihm zuvor zwar viele zutrauten, die man jedoch schon lange nicht mehr von ihm gesehen hatte. Denn trotz seiner großen Gabe hatte es Jones in den letzten Jahren zu oft vorgezogen, gegen durchschnittliche Gegner in den Ring zu steigen und keine sportliche Herausforderung mehr zu suchen. Vielleicht gibt ihm dieser Erfolg nun noch einmal einen Motivationsschub für weitere Einträge in die Geschichtsbücher des Boxsports. Mit seinem Sieg über Ruiz ist Jones erst der zweite Mittelgewichts-Weltmeister nach Bob Fitzsimmons vor 106 Jahren, der zugleich Schwergewichts-Weltmeister wurde.

Ausschlaggebend dafür waren zweifellos die überragenden boxerischen Fähigkeiten des 34-Jährigen. Jones verfügt über einmalige Reflexe, sehr große Präzision in seinen Schlägen und eine beeindruckende Schnelligkeit. Dies alles paart der US-Amerikaner mit einem unorthodoxen Stil, mit dem er den Großteil seiner Gegner der Lächerlichkeit preisgibt. Anders als z.B. Prince Naseem Hamed, dem diese Fähigkeiten auch nachgesagt wurden, kann Jones auch einiges wegstecken, wie der Kampf gegen Ruiz deutlich unter Beweis stellte.

Dass sein erster Auftritt im Schwergewicht derart überzeugend verlief, könnte Jones womöglich doch dazu bewegen, vorübergehend in der Königsklasse zu bleiben. Hier wartet das große Geld - ein für Jones wichtiges Argument - und mit Chris Byrd (Foto, BP-Nr.3) ein Parallel-Weltmeister, der Jones körperlich fast gleichwertig ist. Byrd hat bereits Interesse signalisiert und auch sein Promoter Don King hatte vor dem Kampf angekündigt, der Sieger des Abends solle gegen Byrd um dessen IBF-Titel boxen. Ob King tatsächlich daran interessiert ist, nach Ruiz seinen zweiten Schwergewichts-Weltmeister zu verlieren, bleibt fraglich. Jones jedenfalls zeigte sich bereit: "Ich ziehe meinen Hut vor Chris Byrd und ich mag ihn," sagte Jones. "Wenn die Börse stimmt, würde ich gegen ihn kämpfen. Das ist es, was sie Fans sehen wollen."

 

 

 

 
     

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