Vitali
Klitschko besiegt Bean deutlich, doch ohne Glanz
Aus Braunschweig berichtet Jörg
Lüdemann
Vitali
Klitschko bleibt bei seinem "Aufbauprogramm"
gegen die kleinen, defensiv-ausgerichteten Schwergewichtler der Welt weiterhin
auf Erfolgskurs. Gegen den US-Amerikaner Vaughn
Bean gewann Klitschko in Braunschweig durch TKO in Runde
11 und verteidigte damit seinen internationalen Meistertitel der WBA erfolgreich.
Der Kampf gegen wurde nach 1:40 Minuten in der elften Runde von Ringrichter
Terry O'Connor abgebrochen. Klitschko wahrte mit dem Erfolg seine
Chance auf einen WM-Kampf, obgleich sich die Vorbereitung darauf sicherlich
etwas anspruchsvoller gestalten könnte.
Der
von der Hamburger Universum-Box-Promotion ausgerichtete Boxabend
in der Braunschweiger Volkswagenhalle bot über weite Strecken die
übliche Hausmannskost. Größtenteils ungeschlagene Universum-Boxer
bestritten ihre Aufbaukämpfe gegen größtenteils "erfahrene",
aber fast chancenlose Gegner. Vor ca. neun Monaten hatte sich den Braunschweiger
Zuschauern noch ein anderes, erfreulicheres Bild geboten, als das Rahmenprogramm
der Michalczewski/Lakatus-WM
sehr ausgeglichen und spannend gestaltet worden war. Nicht so an diesem
Freitag abend.
Den
ersten Kampf des Abends mit deutscher Beteiligung bestritt Cruisergewichtler
Alexander
Petkovic. Sein Gegner war Csaba Olah aus Ungarn,
der für den kurzfristig erkrankten Chris Brown eingesprungen
war. Olah stieg mit einem "Rekord" von zwei Siegen bei 50 Niederlagen
in den Ring. Gegen Petkovic hatte der Ungar bereits im September des vergangenen
Jahres in der vierten Runde durch TKO verloren.
Dieses
Mal jedoch schaffte es der stark untersetzte Ungar in Braunschweig sogar
über die volle Distanz von acht Runden. Petkovic beherrschte den
Kampf mit seinen schnellen Haken, doch der entscheidende Treffer wollte
dem Cruisergewichtler nicht gelingen. So ging der Kampf über die
vollen acht Runden mit einem einstimmigen und verdienten Punktsieg für
Petkovic.
Dennoch
bleibt anzumerken, dass man Petkovic bei seinem 23. Profikampf mit solchen
Gegnern keinen Gefallen mehr tut. Auch der ursprünglich vorgesehene
Gegner Chris Brown wäre mit vier vorzeitigen Niederlagen in Folge
in den Ring gestiegen und hätte Petkovic sportlich nicht weitergebracht.
Allmählich muss der Deutsche befürchten, in die beliebte Schublade
"ewiges Talent" eingestuft zu werden.
Supermittelgewichtler
Mario
Veit (Foto) trat kurz darauf gegen Dan Sheehan
aus den USA an. Shehan hatte von seinen letzten 11 Kämpfen immerhin
einen gewonnen, sein Kampfrekord wurde dem Publikum nicht mitgeteilt.
Veit begann gewohnt verhalten und etablierte problemlos seine linke Führhand.
Mit seinen langen Geraden hielt der Cottbuser seinen Gegner auf Distanz,
ohne dabei Wirkung zu erzielen. Sheehan beschränkte sich auf vereinzelte
stürmische Attacken, ihm mangelte es allerdings an Technik und Reichweite,
um Veit gefährden zu können.
Der
Deutsche begann erst ab der vierten Runde, sein Sicherheitsboxen etwas
zu aufzulockern und gestaltete seine Angriffe ab diesem Zeitpunkt etwas
variabler. Nichtsdestotrotz kam Sheehan gegen den schlagschwachen Cottbusser
in einem langweiligen Kampf über die komplette Distanz von acht Runden.
Der einstimmige Punktsieg ging zu Recht an Mario Veit.
Der
folgende Kampf versprach ein gewisses Maß an Spannung und Dramatik:
Mit Turhan
Altunkaya und Ahmet
Öner trafen im Cruisergewicht zwei türkische Boxer aufeinander.
Altunkaya hatte im Vorjahr in Braunschweig einen sehr starken Eindruck
hinterlassen und war seither ungeschlagen geblieben. Öner hingegen
hatte auf derselben Veranstaltung eine überraschende Niederlage gegen
Zoltan Beres bezogen und in der Folgezeit auch noch gegen Mario
Veit und Talal Santiago verloren.
Die
Vorzeichen standen also deutlich günstiger für den technisch
versierten und elegant boxenden Altunkaya. Doch dieser präsentierte
sich am Freitag abend in einer viel zu defensiven Ausrichtung, aus der
Ahmed Öner Kapital zu schlagen verstand. Öner marschierte wie
gewohnt unentwegt nach vorn und traf Altunkaya überraschend oft und
deutlich. Der 26-Jährige hatte große Mühe, sich auf den
aggressiven Stil von Öner einzustellen und tänzelte viel zu
oft zögerlich an den Seilen entlang, anstatt seine boxerischen Vorteile
ins Spiel zu bringen und eigene Angriffe zu starten.
So
bestimmte Öner das Kampfgeschehen und hatte das Duell nach acht Runden
auf dem BoxingPress-Punktzettel mit mindestens zwei Runden Vorsprung für
sich entschieden, doch das Kampfgericht sah dies anders und wertete den
Kampf unentschieden. Leider wurden auch in diesem Fall die Wertungen wiederum
nicht einzeln verlesen. Das Publikum in der Halle quittierte das Urteil
daraufhin mit einem lautstarken Pfeifkonzert.
Den
nächsten Kampf bestritt der hoch aufgeschossene Kroate
Stipe
Drvis im Halbschwergewicht gegen den Italiener Massimilano
Saiani. Auch Saiani hatte mehr Niederlagen als Siege in seinem Kampfrekord
vorzuweisen und schlug eine unfassbar schwache Führhand. Der Italiener
war zweifelsfrei nicht zum Siegen nach Braunschweig gekommen und Drvis
machte dem Kampf bereits in Runde zwei ein vorzeitiges Ende, als der schwache
Saiani vom Ringrichter zu Recht aus dem Kampf genommen wurde.
Fliegengewichtler
Wladimir
Sidorenko aus dem Universum-Stall bestritt im Anschluss einen
auf vier Runden angesetzten Kampf gegen den Franzosen Christophe Rodrigues.
Der Gast aus Frankreich, der drei seiner letzten vier Kämpfe nach
Punkten verloren hatte, präsentierte sich zäh und wehrhaft.
Sidorenko hatte zu keinem Zeitpunkt Schwierigkeiten mit dem technisch
unterlegenen Gegner, doch er musste die vollen vier Runden boxen, um am
Ende einen klaren Punktsieg einzufahren. Der boxerisch sehr gut geschulte
Sidorenko hinterließ auch bei seinem zweiten Profi-Kampf einen vielversprechenden
Eindruck.
Kurz
darauf marschierte die große neue Schwergewichts-Hoffnung im Universum-Stall,
Alexander
Dimitrenko (Foto) aus der Ukraine, in den Ring. Sein Gegner,
Elvert Gill aus den USA, war ein 36-Jähriger Ex-Cruisergewichtler,
der seine letzten beiden Kämpfe durch KO in der ersten Runde verloren
hatte. Offensichtlich wollte man Dimitrenko den ersten KO-Sieg servieren,
nachdem sich der junge Mann bei seinem Profi-Debüt im Dezember gegen
Marcus Johnson noch schwer getan hatte. Für den erst zweiten
Profi-Kampf eine gewöhnliche Gegnerwahl.
Diesmal
musste der Ukrainer nur eine wilde Heumacher-Offensive seines Gegners
überstehen, die allerdings so manche Lacher auf den Rängen verursachte.
Gill brachte sein ganzes Übergewicht derart schwungvoll hinter seine
Schläge, dass es ihn jedes Mal beinahe von allein umriß. Den
finalen Niederschlag besorgte dann jedoch Dimitrenko selbst. Eine schwere
Hand traf den orientierungslosen Gill am Kopf und ließ den US-Amerikaner
beängstigend laut vornüber auf den Ringboden krachen.
Gill
rührte sich beinahe eine Minute lang überhaupt nicht mehr, konnte
nach ärztlicher Behandlung den Ring dann aber doch noch aus eigener
Kraft verlassen. Dimitrenko liess sich derweil feiern und darf nun auf
weitere schnelle KO-Siege hoffen.
Den
letzten Vorkampf bestritt dann der starke Franzose Christophe
Canclaux gegen den ungarischen Ex-Full-Contact-Meister Gyorgy
Bugyik. Beide Mittelgewichtler lieferten sich das bis dahin attraktivste
Duell des Abends und schenkten sich wirklich nichts. Zur Erheiterung der
Zuschauer verfärbte sich die rechte Gesichshälfte des Ungarn
mit zunehmender Kampfdauer in mehreren Rot-Tönen.
Der
ungeschlagene Canclaux aus dem französischen Stall von Michel
Acariès hinterließ einen ordentlichen Eindruck,
verfügt über gute Schlagkraft, Schnelligkeit und Technik. Gegen
den wehrhaften Bugyik brauchte der Franzose drei Runden, um den entscheidenden
Körpertreffer anzubringen, von dem sich der Ungar nicht mehr rechtzeitig
erholte. Canclaux siegte durch TKO in Runde drei und sollte weiterhin
im Auge behalten werden.
Es
folgte eine längere Pause, bedingt durch die bevorstehende Übertragung
des TV-Senders PremiereWorld. Ringsprecher Gerhard Müller
bat die Zuschauer darum, rechtzeitig zum Sendebeginn wieder auf den Plätzen
zu sitzen, um "den Eindruck einer gut gefüllten Halle zu
vermitteln". Die Braunschweiger kamen dieser Bitte nach und warteten
dann weitere zwanzig Minuten sitzend, ehe es im Ring wieder zu Kampfhandlungen
kam. In den USA wird während dieser Wartezeit oft ein weiterer Vorkampf
eingeschoben, um keine Langeweile bei den Zuschauern aufkommen zu lassen.
Unterdessen
erntete Premiere-Experte Axel Schulz wie fast immer die größten
Jubelstürme des Publikums. Der symphatische Schwergewichtler hat
nichts von seiner Popularität eingebüsst. Schulz genoss die
Ovationen sichtlich, kam allerdings der Aufforderung einer Fanschar, sich
auszuziehen, nicht nach.
Im
zweiten Hauptkampf des Abends trafen dann der Berliner Michel
Trabant und der US-Amerikaner Mahan Washington im
Weltergewicht aufeinander. Für Trabant sollte der Kampf ein letzter
Formtest vor der bevorstehenden Europameisterschaft gegen den Dänen
Christian
Bladt sein.
Washington
hatte seine letzten elf Kämpfe allesamt verloren, wenn auch gegen
meist gute Gegnerschaft. Gegen Trabant leistete er eine Runde lang solide
Gegenwehr über seinen Jab. Danach kassierte der US-Boy in der zweiten
Runde einen schweren Haken des Berliners und musste zu Boden. Trotzdem
er recht schnell wieder bei klarem Verstand zu sein schien, blieb Washington
so lange in der Hocke, bis ihn der Referee ausgezählt hatte. Eine
wenig sportliche Vorstellung. Michel Trabant darf sich nun berechtigte
Hoffnungen auf einen Erfolg in seinem ersten EM-Kampf machen. Mit mittlerweile
35 Siegen ist der Berliner reif für größere Aufgaben.
Für einen WM-Titel dürfte die Luft allerdings dünn werden
- angesichts der stark besetzten Gewichtsklasse und der anhaltenden Ungewissheit
über das Potential des Deutschen.
Die
folgende Pause bis zum Hauptkampf wurde mit einem Playback-Show-Act verkürzt.
In der Halle meldeten sich bereits die ersten eingefleischten Klitschko-Fans
lautstark zu Wort, noch ehe ihr Idol den Ring betreten hatte. Beim Einmarsch
des Ukrainers glich die Volkswagenhalle dann zum ersten und einzigen Mal
einem Hexenkessel. Die Zuschauer empfingen Vitali Klitschko mit Jubelstürmen
und frenetischem Applaus. Bean war zuvor ohne große Resonanz mit
seinem amüsant anmutenden Turban und heiteren musikalischen Klängen
einmarschiert.
Klitschko
hatte zu Beginn des Kampfes wie erwartet Schwierigkeiten, den sehr beweglichen
Bean zu treffen. Zu Beginn setzte der US-Amerikaner, der die meiste Zeit
im Rückwärtsgang boxte, zu überfallartigen Attacken an. Diese
waren jedoch so unkontrollliert und wild, dass Bean kaum einen Treffer
ins Ziel bringen konnte. Hinzu kam, dass die Größen- und Reichweitenvorteile
von Klitschko frappierend waren. Es wirkte beinahe so, als ob hier ein
Superschwergewichtler gegen einen Halbschwergewichtler boxen würde.
Man
kann und muss dem in Hamburg lebenden Ukrainer zugute halten, dass er
sich von dem unbequemen Stil seines Gegners nicht aus der Ruhe bringen
liess. Kontinuierlich bearbeitete er Bean mit seiner Führhand und
vereinzelten rechten Schlaghänden. Klitschko traf mit zunehmender
Kampfdauer gegen einen körperlich abbauenden Bean immer häufiger.
Der US-Amerikaner schien allerdings schon früh beschlossen zu haben,
sich nur noch über die Distanz retten zu wollen.
Ab
der achten Runde suchte Klitschko dann die vorzeitige Entscheidung, landete
auch harte Treffer, ohne den Amerikaner jedoch zu Boden schicken zu können.
In der elften Runde brach Ringrichter Terry O´Connor den Kampf zum Unmut
der 7200 Zuschauer ab, weil der in Chicago lebende Bean keinerlei Gegenwehr
mehr leistete und sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Dieser
Abbruch wegen Überlegenheit ist vertretbar, obgleich es denkbar schien,
dass Bean es noch über die letzten anderthalb Runden geschafft hätte.
Im
45. Kampf verlor Bean das erste Mal vorzeitig. Gegen Michael Moorer
und Evander Holyfield hatte es der 28-Jährige über die volle Distanz
von 12 Runden geschafft. "Für mich war es Vitalis bester Kampf,"
sagte Promoter Klaus-Peter Kohl im Anschluss. Bei weitem nicht
alle Beobachter teilten Kohls Ansicht. "Es waren verschiedene
Fehler zu sehen," orakelte Bruder Wladimir - ohne konkreter zu
werden. Leichtgewichts-Weltmeister und Stall-Gefährte Artur Grigorian
sah bis zur siebten Runde "nur einen halben Kampf von Vitali".
Auch Trainer Fritz Sdunek sprach von Schwächen: leichtsinnig in
der Deckung, mangelnde Konterqualität im Rückwärtsgang. "Das war
der unangenehmste Stil, mit dem ich es in meiner Karriere zu tun hatte,"
erklärte Klitschko und unterschlug damit seinen Ex-Gegner Chris
Byrd, der zweifellos mehrere Klassen über Bean einzustufen
ist.
Tatsächlich
lieferte der gestrige Kampf erwartungsgemäß keine neuen Erkenntnisse
über die Leistungsfähigkeit des Ukrainers. Er bedeutete für
Klitschko zwar einige Runden Matchpraxis, jedoch keine angemessene Vorbereitung
im Hinblick auf einen womöglich bevorstehenden WM-Kampf. Zudem war
der Hauptkampf für die Zuschauer alles andere als ein boxerischer
Leckerbissen. In der Volkswagenhalle kehrte am Freitag nach ein bis zwei
Runden nach dem euphorischen Empfang angesichts der geringen Kampfhandlungen
beinahe völlige Stille ein. Während des letzten Tiger-Kampfes
hatten die Braunschweiger ihre Halle noch in Tollhaus verwandelt.
Vitali
Klitschko darf nun weiterhin auf ein Duell gegen Lennox Lewis oder
Mike Tyson hoffen. "Wir
warten nicht auf Tyson oder Lewis. Der Kampf gegen einen der beiden steht
fest,"
versicherte Manager Kohl in seiner gewohnt zuversichtlichen Art. Seine
Argumentation: Kommt das 150-Millionen-Dollar-Duell Tyson gegen Lewis
zu Stande, ist Klitschko offizieller Herausforderer des Siegers. Boxen
beide nicht gegeneinander, muss Lewis seine Titel der Verbände WBC und
IBF zwangsläufig gegen den in Hamburg lebenden Ukrainer als Nummer zwei
der WBC-Rangliste verteidigen.
Diese
Argumentation hinkt insofern, als dass Lewis zunächst eine IBF-Pflichtverteidigung
gegen Chris Byrd zu bestreiten hat und der Name Tyson danach sicherlich
erneut ins Gespräch gebracht werden wird. Zudem will Lewis seine
Karriere bald beenden.
"Der WM-Kampf wird kommen. Wir müssen abwarten, dann können wir uns
Mitte des Jahres alles aussuchen," versprach Kohl in Braunschweig.
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