Also
doch: Klitschko vs. Botha
von Jörg Lüdemann
WBO-Weltmeister
Wladimir
Klitschko wird seinen Titel nun doch wie geplant gegen den Südafrikaner
Francois
Botha verteidigen. Der Kampf findet am 16. März in der Stuttgarter
Hanns-Martin Schleyer-Halle statt. "Ich freue mich sehr, wieder
in Stuttgart zu sein. Ich habe dabei ein gutes Gefühl, es ist ein gutes
Omen," sagte Klitschko bei der Bekanntgabe des Kampfes im Rahmen
einer Pressekonferenz. Für den Kampfabend in Stuttgart sind von den rund
verfügbaren 10.000 Karten bereits 5.100 verkauft.
Klitschko
selbst zeigte Respekt vor den Fähigkeiten des Südafrikaners:
"Botha ist ein Boxer mit großer Erfahrung. Er sah auch in seinem Kampf
gegen Mike Tyson gut aus, bevor er durch KO verlor. Ich habe Respekt vor
ihm und werde ihn keinesfalls unterschätzen," so der WBO-Weltmeister.
Sein Promoter Klaus-Peter Kohl zeigte sich ebenfalls zufrieden
mit seiner Gegnerwahl. "Botha hat sich weiterentwickelt. Wer ihn
unterschätzt, macht einen großen Fehler. Ich kann einen tollen Kampf versprechen.
Wir wollen zeigen, dass wir Botha stoppen können," kündigte
Kohl an. Die
verzögerte Bekanntgabe erfolgte laut Kohl deshalb, weil Botha wochenlang
um die Höhe der Börse gefeilscht hatte.
Schließlich
ließ sich der 25-jährige Klitschko auf der heutigen Pressekonferenz
noch zu einer mehr als amüsant anmutenden Aussage hinreißen:
"Botha ist zwar auf der Spitze seines Könnens, aber ich werde
den Titel erfolgreich verteidigen," erklärte der WBO-Champ
voller Überzeugung auf der Pressekonferenz in Stuttgart. Klitschko
kann entweder die letzten Ring-Auftritte von Botha nicht aufmerksam verfolgt
haben oder aber er will mit dieser Aussage eine Gegnerwahl seiner Promoter
vermarkten, die im Frühjahr 2002 ihren negativen Höhepunkt erreicht
zu haben scheint.
Doch
zunächst zum Gegner: Der 33-jährige Francois Botha, der den Kampfnamen
"weißer Büffel" trägt, bereitet sich momentan
in den Rocky Mountains bei Las Vegas auf seinen bereits vierten Weltmeisterschaftskampf
vor. Eine Woche vor seinem Kampf will der in den USA lebende Südafrikaner
nach Deutschland reisen. Im März wird Botha dann acht Monate lang
nicht mehr im Ring gestanden haben.
Der
von Abel Sanchez trainierte und von Sterling McPherson vermarktete
Schwergewichtler ist in Deutschland kein Unbekannter. Im Dezember 1995
hatte Axel
Schulz in Stuttgart einen WM-Kampf um den vakanten IBF-Titel äußerst
umstritten nach Punkten gegen den Südafrikaner verloren. Danach war es
in der Halle zu tumultartigen Reaktionen des Publikums gekommen. Sektflaschen
und andere Gegenstände flogen in den Ring, Botha konnte nur mit Geleitschutz
aus der Halle gebracht werden. Seither hat in der Hanns-Martin Schleyer-Halle
kein Box-Kampf mehr stattgefunden.
Im
Anschluss an den Kampf wurden in Botha's Urinprobe verbotene Substanzen
nachgewiesen, woraufhin der Südafrikaner den WM-Gürtel bald darauf
wieder abgeben musste. Knapp ein Jahr später boxte der "weiße
Büffel" gegen Michael
Moorer erneut um den IBF-Titel und verlor nach hartem Kampf
in der zwölften Runde durch TKO. Seinen nächsten bedeutsamen
Kampf bestritt Botha im Januar 1999, als er gegen Mike
Tyson antrat, der nach Einschätzung vieler Experten
durch seinen Gefängnisaufenthalt so viel "Rost wie ein altes
Auto im Dauerregen" angesetzt hatte. Botha gewann die ersten vier
Runden, ehe er im fünften Durchgang von Tyson schwer ausgeknockt
wurde.
Im
Juli 2000 traf Frans Botha dann in seinem mittlerweile dritten WM-Kampf
auf Lennox
Lewis und ging völlig chancenlos in der zweiten Runde
unter. Seit dieser vernichtenden Niederlage hat der Südafrikaner
ganze vier Kämpfe bestritten. Gegen die international völlig
unbedeutenden Journeymen Tony
LaRosa, Joey
Guy und Russell
Chasteen gewann der 33-Jährige vorzeitig. LaRosa hatte zuvor
gegen sechs von sieben Gegnern verloren, gegen fünf davon vorzeitig.
Guy hatte zuvor gegen vier seiner letzten fünf Gegner verloren, gegen
drei davon vorzeitig. Chasteen hatte zuvor gegen drei seiner letzten fünf
Gegner verloren, gegen alle drei vorzeitig.
Gegen
David
Bostice, der von Wladimir Klitschko im April 2000 durch
den Ring geprügelt wurde und bis zum vorzeitigen Ende in der zweiten
Runde insgesamt viermal zu Boden musste, gewann Botha nur umstritten nach
Punkten (96-93, 96-94 und 97-92). Nach
Ansicht vieler Experten hat der Südafrikaner diesen Kampf klar verloren
und sah dabei körperlich, sowie boxerisch grauenhaft aus (Zu einem
Kampfbericht von MaxBoxing.com... ).
Insbesonders
die Reichweiten-Nachteile gegenüber dem limitierten Bostice machten
Botha dabei zu schaffen. Der Südafrikaner ist 1,88m groß, Bostice
misst 1,95m. David Bostice hielt Botha über weite Strecken mit seiner
Führhand in Schach und konnte den "Büffel" mehrfach
schwer treffen und durchrütteln. Es handelte sich dabei wohlgemerkt
um den selben Bostice, der im Kampf zuvor vom damals 43-jährigen
Tim
Witherspoon in der ersten Runde dreimal zu Boden geschickt
und besiegt wurde. Den deutschen Boxfans wird mit Frans Botha also zum
wiederholten Male ein Gegner vorgesetzt, der eines WM-Kampfes völlig
unwürdig ist.
Wie
so oft in den letzten Jahren bleiben einige Fragen offen: Mit
welchen sportlichen Erfolgen in den letzten Jahren hat sich Botha einen
erneuten WM-Kampf verdient? Mit klaren Niederlagen gegen Weltklasse-Boxer
oder mit teils umstrittenen Punktsiegen gegen durchschnittliche Gegnerschaft?
Wohl kaum.
Warum
hat es Klaus-Peter Kohl abgelehnt, Ende April einen Kampf mit Wladimir
in den USA gegen Ray
Mercer oder besser noch, gegen Jameel
McCline (Foto) zu bestreiten? Was ist aus dem gern
publizierten Vorhaben geworden, dem jüngeren Klitschko in Übersee
mit Hilfe des US-amerikanischen Senders HBO weitreichende Aufmerksamkeit
zu verschaffen? Die Angebote des TV-Senders waren da - doch man lehnte
dort dankend ab, als Universum Botha als Gegner vorschlug. In den USA
ist Botha sportlich schon lange nicht mehr von Interesse. Kurzerhand entschloss
sich Klaus-Peter Kohl, diesen sportlich wertlosen Kampf in Deutschland
zu veranstalten und Wladimir zog bereitwillig mit. Noch im Januar hatte
Kohl in einem Interview mit PremiereWorld versichert, dass Botha
bestenfalls als Aufbaugegner von Vitali Klitschko in Frage komme
und für Wladimir "sicherlich kein Thema" sei...
Was
wurde aus der Ankündigung des Vorjahres, auf die überaus behutsame
Gegnerwahl von Charles Shufford im vergangenen Sommer stärkere Gegner
folgen zu lassen? Den für Anfang Dezember anberaumten Kampf gegen
David
Izon musste Wladimir verletzungsbedingt absagen, Izon boxte
stattdessen gegen Fres
Oquendo und verlor sang- und klanglos durch TKO in Runde
drei. Für einen WM-Kampf sportlich "qualifiziert" haben
sich weder Shufford noch Botha, aber *gottseidank* gibt es einen Weltverband,
der solche Kämpfe sanktioniert, einen Veranstalter, der sich nicht
scheut, sie dem ahnungslosen deutschen Publikum vorzusetzen und eine Medienlandschaft,
die auch bei Gegnern von diesem Format für ausverkaufte Hallen sorgt.
Falls
sich die Hamburger Universum-Box-Promotion zu einer offiziellen Stellungnahme
gegenüber den informierten deutschen Fans, bezüglich der immer
wieder zu Recht aufgeworfenen Fragen durchringen könnte, wären
wir gern bereit, diese auf BoxingPress zu veröffentlichen.
Doch
dazu wird es vermutlich nicht kommen. Denn solange es in Deutschland möglich
ist, die Gegner der hiesigen Boxer nur über ihren einstmals "guten
Namen" zu verkaufen, wird ein Veranstalter aus geschäftlichen
Gründen keinen Deut von seinem Vorgehen abweichen. Warum auch soll
man es sich schwer machen, wenn der "Weg des geringsten Widerstands"
(in kaum einem Sport trifft dieser Ausdruck so gut in Schwarze wie im
Boxen) so problemlos in Deutschland akzeptiert und verschleiert wird?
Dass
sich die Transparenz hinsichtlich des sportlichen Stellenwerts mancher
WM-Kämpfe in der deutschen Box-Öffentlichkeit auf so niedrigem
Niveau bewegt, ist ein geradezu unwiderstehlicher Anlaß, den Zuschauer
an der Nase herumzuführen. Die Situation hierzulande lädt ja
geradezu dazu ein, stilistisch passende Gegner oder KO-Opfer mit einstmals
gutem Namen für ganz kleines Geld einzukaufen und dann für ganz großes
Geld zu vermarkten. Die wenigen kritischen Stimmen werden kurzerhand als
notorische Miesmacher abgetan. Das Risiko einer Niederlage des eigenen
Mannes wird gegen "0" minimiert und die deutsche Presse jubelt
ob der beeindruckenden Leistungen. Die einseitig bzw. unzureichend informierten
Boxfans jubeln mit. Ein mehr als fader Beigeschmack bleibt...
Solange
der deutsche Boxfan aus Printmedien und TV weiterhin den oft falschen
Eindruck vermittelt bekommt, der jeweilige Gegner sei "auf dem Zenit
seines Leistungsvermögens", ein "ganz harter Brocken"
und ein "echter Prüfstein" - solange wird sich dieses Schauspiel
weiterführen lassen. Es stellt sich die Frage, wo die kritischen,
unabhängigen und aufgeklärten Journalisten in Deutschland sind, die den
Mut aufbringen, diese unbestreitbaren Mißstände auch einmal
öffentlich beim Namen zu nennen? Wann wird begonnen, sich hintergründig
zu informieren, anstatt die von Pressesprechern herausgegebenen Erklärungen
Wort für Wort zu übernehmen und sich dafür im Glanz der
Stars und auf ihren VIP-Plätzen zu sonnen?
"Ich möchte meinen Traum wahr machen, in verschiedenen Verbänden
Weltmeister zu sein," sagte Wladimir Klitschko heute. Die sportlichen
Fähigkeiten dazu hat der Ukrainer zweifellos, wie sicherlich auch
einige seiner Stallgefährten in Hamburg. Es bleibt zu hoffen, dass
der symphatische Schwergewichtler nicht eines Tages zurückblicken
und feststellen muss, dass sich sein Name nicht in der "Hall of Fame"
in Canastota befindet, weil er in seiner aktiven Zeit nur die zweite und
dritte Garde seiner Gewichtsklasse geboxt hat. Vielleicht wird er es aber
auch gar nicht bemerkt haben...
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