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Klitschko vs. Brewster
und
Spinks
vs. Judah
Der Vorbericht
von Wolfgang Oswald
Ich
bin pleite, ich komme aus dem Ghetto, für mich geht es um Leben oder
Tod, waren die Worte des Amerikaners Lamon
Relentless Brewster (BP-Nr. 17), bevor er bei
der Pressekonferenz weinend von der Bühne floh. Nur Show? Oder ein
wahres Wechselbad der Gefühle, in das auch schon Dr. Steelhammer
Wladimir
Klitschko (BP-Nr. 7, Foto oben) nach der schweren
Knockoutniederlage gegen Corrie
Sanders (BP-Nr. 6) eintauchen musste? Die Antwort darauf
gibt vielleicht der 10. April 2004, wenn um 04.00 Uhr im Mandalay Bay
Casino von Las Vegas zwei sensible Boxer mit völlig unterschiedlicher
Herkunft und unterschiedlichen Kampfstilen aufeinander treffen werden
(das ZDF beginnt mit der Berichterstattung um ca. 03.10 Uhr).
Keine
Frage, die schweren Niederschläge von Sanders haben Spuren in der
Psyche von Wladimir Klitschko hinterlassen. Zwar gewann er anschließend
seine beiden Aufbaukämpfe gegen
Fabio Moli und Danell
Nicholson mehr oder weniger imponierend, aber die Trainerwechsel
in den letzten Monaten sprechen eine eindeutige Sprache: der Akademiker
ist auf der Suche nach seiner Erfolgsformel. Doch weder Fritz Sdunek
(Cheftrainer bei Universum Box-Promotion) noch Freddie Roach (bekannter
US-Coach) sind der Fund bisher scheinbar gelungen. Nun soll es Emanuel
Steward (auf Foto rechts), der ehemalige Meistertrainer von
Lennox
Lewis (auf Foto links) und Mitbegründer des legenderen
Kronk-Gym in Detroit, richten. Und wer Steward kennt, weiß: dieser
Mann hat seine eigene Boxphilosophie. Er bringt seinen Boxern nicht nur
bei, wie man einen Schlag bringen muss, sondern vor allem, warum man ihn
bringen muss. Bestes Beispiel für diese besondere Art von Kopfarbeit
von Kämpfern sind dabei nicht nur die Erfolge seiner Schützlinge
im Schwergewicht, wie zum Beispiel Michael
Moorer (BP-Nr. 18), Tony
Tucker, Evander
Holyfield, Oliver
McCall (BP-Nr. 16) oder eben Lennox Lewis. Nein, noch viel
eindrucksvoller unterstreicht die folgende Legende die Wirksamkeit von
Stewards Lehrmethode:
Emanuel Steward arbeitete in der Vergangenheit neben den berühmten
Boxgrößen auch mit unbekannten Amateurkämpfern wie zum
Beispiel Rodney Allen. Dieser Rodney Allen trainierte eigentlich
nur mit, weil sein älterer Bruder boxte und ihr gemeinsamer Vater
den Bruder dafür bewunderte und schätzte. Rodney fühlte
sich zurückgesetzt, und das zehrte an ihm. Auch er wollte an der
Aufmerksamkeit und Zuwendung des Vaters teilhaben. Steward erkannte Allans
Dilemma, und genau aus diesem Grunde schickte er ihn in eine Sparringseinheit
(Boxkampf im Training mit Kopfschutz) mit Bobby
Czyz (ehemaliger Weltmeister im Halbschwergewicht). Natürlich
hatte ein Boxer wie Rodney Allan nichts in einem Ring mit Czyz zu suchen.
Bobby Czyz war zu erfahren, zu gut, zu stark für Allan und es kam,
wie es kommen musste. In der ersten Runde wurde Rodney fürchterlich
verprügelt und wollte schon aufgeben. Da nahm Steward den Jungen
beiseite und sagte: Wenn du Bobby niederstreckst, hast du etwas
erreicht, was deinem Bruder nie im Leben gelingen wird. Du hast den Champ
geschlagen und dein Vater wird immer und überall davon erzählen.
Was dann geschah, ist entweder unglaublich oder eine dieser unzähligen
Boxgeschichten, die man sich in den muffigen Gyms mit Leuchten in den
Augen erzählt. Rodney Allan nickte nur, setzte das Sparring fort
und beförderte Czyz kurze Zeit später auf die Bretter.
Das
ist der Trick im Boxen: Manchmal macht es einfach ´Klick´.
Ein Druck auf den richtigen Schalter, und aus dem Boxer wird ein Meister,
erklärte Emanuel Steward einst in einem Interview. Und vielleicht
ist er tatsächlich noch einer der wenigen Magier im Profiboxen, die
wissen, wo sie den Knopf zu suchen haben. Denn mehr als einen Knopfdruck
braucht es bei Wladimir Klitschko im Grunde nämlich nicht mehr. Klitschko
ist ein (Riesen)-Boxtalent. Er ist groß, stark und hat eine Menge
Kraft und Kondition. Seine Führhand ist schnell, hart und er bewegt
sich gut. Die Schläge kommen variabel, sind technisch perfekt ausgeführt.
Sogar gute Boxer wie beispielsweise Chris
Byrd (BP-Nr.2, Foto rechts), Axel
Schulz, Jamel
McCline (BP-Nr.11), Monte
Barrett (BP-Nr.14) oder Ray
Mercer mussten das bereits am eigenen Leib schmerzhaft erfahren.
Doch wird der kämpfende Akademiker mit der glänzenden russischen
Amateurboxausbildung auch gegen den Fighter aus der Gosse sein überragendes
Boxkönnen umsetzen können? Oder werden die Beine und Hände
schwer, wenn der Amerikaner mit seiner gefährlichsten Waffe, der
rechten Schlaghand, angreift, die auf der Pressekonferenz gemachten Versprechen
wahr macht und es auf einmal tatsächlich hart auf hart
kommt oder es sogar um Leben oder Tod geht?
Sicher, alle körperlichen Vorteile wie Größe, Gewicht
und Reichweite liegen bei dem Ukrainer, und Brewster offenbarte in seinen
letzten Auseinandersetzungen einige Schwächen. Brewster mangelt es
wie Klitschko gelegentlich ein wenig an der Beweglichkeit der Beine. Wenn
der Amerikaner die Schlaghand bringt, zieht er oft seine Beine nicht nach
und seine Schläge gehen ins Leere. Dafür kann Brewster jedoch
auf seine schnellen Hände und seine guten Nehmerfähigkeiten
zählen. Außerdem hat er erkannt, dass Klitschko unter Druck
seine Gegner oft herankommen lässt, ohne sie rechtzeitig vorher abzufangen
oder mitzuschlagen. Der ehemalige Weltmeister vertraut allzu häufig
auf seine lange Reichweite und die Power seiner Führhand. Ein gefährliches
Unterfangen bei Punchern wie Brewster. Denn wenn Brewster es schafft,
Körpertreffer anzubringen, mit schnellen Haken nach oben zu ziehen
oder seine rechte Schlaghand über die Linke von Klitschko kommt,
ist dieser wegen seines aufrechten Boxstils und seinen Unvollständigkeiten
in der nahen Distanz verwundbar. Aber so einfach es klingt, so schwer
ist es auch an dieser linken Führhand des Steelhammer
vorbeizukommen. Davon können seine Sparringspartner wie beispielsweise
Friday Ahunanya, Courage Tshabalala, Fernely Feliz
oder Lovey Page ein schmerzvolles Lied singen.
Der Amerikaner aus dem Ghetto wird also wirklich um Leben oder Tod
fighten müssen, um die Distanz zu überbrücken und den Ukrainer
letztendlich beeindrucken zu können. Bisher ließ "Relentless"
jedoch diese gnadenlose Art von Kampf und dieses unnachgiebige Herz in
seinen Auseinandersetzungen nicht aufblitzen. Aber das muss nichts heißen,
denn wie Emanuel Steward schon sagte: Es ist nicht so wichtig, wie
die Schläge kommen. Viel entscheidender ist es zu wissen, warum und
wann man einen Schlag ausführen muss. Ich versuche meinen Jungs den
kämpfenden Geist der legendären Boxer einzuhauchen, und das
gelingt nur durch lange Gespräche, Training oder Studium alter Boxkämpfe
und Boxhistorie. Bleibt zu hoffen, dass der Akademiker Wladimir
Klitschko inzwischen mehr Fighter als Muhammad Ali kennt und Lamon
Brewster sich an den vielen Boxern ein Beispiel nimmt, die sich von der
Gosse zum Gürtel eines Boxweltmeisters empor bekriegt
haben.
Schlüssel zum Sieg für Lamon Brewster:
Er muss mit Körperschlägen oder dem rechten Cross Wirkung erzielen
und sollte dabei den Kampf nicht unbedingt über seinen Jab aufbauen.
Wenn er ausschließlich versucht über seine Führhand Druck
aufzubauen, kann das aufgrund seiner Nachteile in Sachen Größe
und Reichweite ein sinnloses Unterfangen für ihn werden. Auch deshalb,
weil Klitschko eine der besten linken Hände in dieser Klasse schlägt.
Schlüssel zum Sieg für Wladimir Klitschko:
Er muss vor allem versuchen, den Fight über seine Führhand zu
kontrollieren. Angriffe von Brewster sollte er am besten mit der linken
Geraden, schnellen Beinen oder durch sog. Ersticken zerstören.
Dabei muss er ständig auf der Hut vor Brewsters überfallartigen
Attacken sein und seine Schwächen in der Defensive durch Konzentration,
aktives Boxen mit der Führhand und eben entsprechender
Beinarbeit ausgleichen.
Cory Next Generation Spinks gegen Zab Super
Judah:
Die
Auseinandersetzung zwischen Brewster und Klitschko ist nicht der einzige
boxerische Leckerbissen auf der Veranstaltung im Mandalay Bay Casino.
Am gleichen Abend geht es noch um die Weltmeisterschaft im Weltergewicht
zwischen dem amtierenden IBF, WBA- und WBC-Superchampion Cory
Spinks (BP-Nr. 1) und dem WBO-Weltmeister im Superleichtgewicht
Zab
Super Judah. (BP-Nr. 3, Foto links).
Spinks stammt aus einer bekannten Boxerfamilie und machte durch seinen
letzten Sieg über den eisenharten Ricardo
El Matador Mayorga (BP-Nr. 2) auf sich aufmerksam.
Auch wenn die Punktentscheidung zum Teil etwas umstritten war, hat Spinks
in diesem spannenden Gefecht durch technisches Boxen und ein glänzendes
Auge überzeugt und begeistert. Allerdings trifft er mit Judah diesmal
auf einen Boxer, der ebenfalls ein sehr guter Techniker ist und über
ein gutes Auge und schnelle Reflexe verfügt. Zudem sind beide Kämpfer
sog. Rechtsausleger und es stellt sich die Frage, ob es vom Management
besonders klug war, Cory Spinks nach einem Spitzenmann wie Mayorga sofort
wieder einen Weltklasseboxer vor die Fäuste zu stellen. Und anders
als Mayorga dürfte Super Zab dem Superchampion allein
wegen der Kampfweise nicht besonders gut liegen. Im Grunde sind Spinks
und Judah wie zweieiige Zwillinge, wobei Next Generation über
die längere Reichweite verfügt, dagegen die bessere Schlagkraft
wohl bei dem Herausforderer liegt. Was ebenfalls für den Herausforderer
spricht, ist die bisher geboxte Gegnerschaft. Hier dürfte Judah in
Sachen Erfahrung Spinks ein kleines Stück voraus sein.
Auf alle Fälle sollte ein technischer Faustkampf auf hohem Niveau
zwischen den beiden Youngstern möglich sein, in dem man
immer damit rechnen muss, dass einem der Heißsporne die Sicherungen
durchbrennen. In der sogenannten Coolness kann hier für
beide Kontrahenten der Schlüssel zum Sieg liegen. Beide sind in amerikanischen
Ghettos aufgewachsen und wegen ihrer Herkunft sowie ihres Alters geprägt
von Machismo und Stolz. Eine gefährliche Mischung, die
zwischen den Ringseilen leicht über Leben oder Tod oder
besser: Sieg oder Niederlage entscheiden kann.
Donnerstag,
8. April 2004
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