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Klitschko vs. Brewster
und
Spinks
vs. Judah
- Der Bericht
von
Wolfgang Oswald
Am 10. April
standen sich im Mandalay Bay Casino in Las Vegas, Nevada, Lamon
Brewster (Foto oben, BP-Nr. 17) und Wladimir
Klitschko (BP-Nr. 7) gegenüber. Dabei ging es um
die WBO-Weltmeisterschaft im Schwergewicht und nach Ansicht von Brewster
sogar um „Leben oder Tod“. In gewisser Weise sollte der Amerikaner mit
seiner provokanten Aussage sogar Recht behalten, denn während der eine
Boxer im Ring unterging, feierte der andere seine Auferstehung:
Runde für Runde - „Dr. Steelhammer“ Wladimir Klitschko gegen Lamon
„Relentless“ Brewster
Runde 1:
Beim
Eröffnungsgong treffen sich beide Boxer schon in der Ringmitte und gehen
aufeinander los. Danach folgen mehrere Halteaktionen, bei denen jeder
der Kontrahenten versucht, dem Gegner seinen Kampf aufzudrängen. Klitschko
(Foto) gelingt es nach der Hälfte der Runde, seine Führhand zu etablieren.
Er setzt einige gute Treffer mit der linken Geraden, der sofort ein linker
Seitwärtshaken folgt. Auch seine rechte Schlaghand kommt zweimal gut durch
und damit gewinnt „Dr. Steelhammer“ die erste Runde.
Wertung: 10:9
Runde 2:
Brewster versucht anzugreifen und erwischt Klitschko einmal mit seiner
Linken am Kopf und einmal am Körper. Doch der Ukrainer hält dagegen. Immer
wieder punktet er schnell und hart mit der linken Geraden und setzt mit
1-2–Kombinationen auf der Innenbahn nach. Das Tempo ist für einen Schwergewichtsfight
sehr hoch und der Exweltmeister zeigt sich gegenüber seinen letzten Kämpfen
stark verbessert. Klitschko wechselt schön die Distanz, kontrolliert den
Amerikaner und lässt seinen Gegner durch geschicktes „In-den-Mann-gehen“
nicht zur Entfaltung kommen.
Wertung: 10:9
Runde 3:
Brewster
erschüttert Klitschko mit einem linken Haken und dieser wirkt angeschlagen.
Wie schon bei der vernichtenden Niederlage gegen Corrie
Sanders (Foto) scheint der Exweltmeister etwas hilflos.
Doch diesmal übersteht er die brenzlige Situation und findet sogar wieder
zurück in die Auseinandersetzung. Immer wieder erschüttert er Brewster
seinerseits mit der linken Führhand und Kombinationen aus der Distanz.
Er trifft häufiger, sammelt Punkte und seine Treffer zeigen Wirkung beim
Amerikaner, der allmählich langsamer wird. Selbst wenn diese Runde erneut
an Klitschko geht, bleibt Brewster mit seiner überfallartigen Linken und
der Schlaghand zum Körper stets gefährlich.
Wertung: 10:9
Runde 4:
Das hohe Tempo der Anfangsrunden fordert seinen Tribut. Beide Kontrahenten
wirken erschöpft. Brewster muss viel zu oft die langen Geraden von Klitschko
„schlucken“. Das kostet Substanz. Aber auch der Ukrainer atmet schwerer,
denn in der vierten Runde musste er einige harte Körpertreffer von Brewster
verdauen. Ein kurzes Gerangel und Brewster findet sich am Boden. Allerdings
wird dieser Bodenbesuch als Ausrutscher und nicht als Niederschlag gewertet.
Kurz darauf kommt der Ukrainer mit seiner Rechten voll durch und setzt
mit einer Links/Rechts-Kombination sofort nach. Brewster muss zu Boden
und wird angezählt. Er kommt wieder hoch, versucht zu halten und klammern.
Gegen Ende der Runde torkeln beide Boxer nach einem Clinch zu Boden. Bislang
eine eindrucksvolle Vorstellung von Klitschko gegen einen Boxer mit Herz,
der ständig nach vorne geht, Druck macht und auf seine Chance und Einzeltreffer
lauert. Wegen des Niederschlages eine klare Runde für Klitschko, doch
dieser wirkt von Minute zu Minute schwerer und „platter“.
Wertung: 10:8
Runde 5:
Klitschko
(Foto) wittert einen vorzeitigen Sieg. Er setzt nach, schlägt wieder auf
der Innenbahn und trifft Brewster erneut hart. Aber der knickt nicht ein.
Dennoch bleibt Klitschko am Mann, versucht das Ende schier zu erzwingen.
Gegen einen schlagstarken Fighter wie Brewster ein riskantes Unterfangen!
Im Clinch erwischt der Amerikaner den „Steelhammer“ mit einem Körpertreffer.
Der Ukrainer scheint inzwischen ebenfalls erschöpft und ausgepowert. Er
lässt die Arme baumeln. Plötzlich ist Brewster da, trifft mit der Rechten
und Klitschko versucht den Oberkörper zurückzunehmen und aus der Gefahrenzone
zu kommen. Doch er ist zu langsam und zu kraftlos. Brewster schlägt einen
schweren linken Haken und Klitschko ist benommen. „Relentless“ macht seinem
Namen alle Ehre und stellt seinen Gegner an den Seilen. Ringrichter Robert
Byrd geht dazwischen, zählt Klitschko im Stehen an. Der Kampf wird noch
einmal freigegeben und Brewster will sich die Chance nicht entgehen lassen.
Mit dem Gongschlag trifft er Klitschko abermals hart und dieser bricht
auf dem Weg zu seiner Ecke zusammen. Ohne Klitschko anzuzählen, wartet
Ringrichter Byrd bis der angeschlagene Boxer wieder auf die Beine kommt.
Er blickt ihm ins Gesicht, sieht einen völlig groggy wirkenden Klitschko
und bricht den Fight ab.
Sieger und damit neuer WBO-Weltmeister im Schwergewicht durch technischen
Knockout nach der fünften Runde: Lamon „Relentless“ Brewster.
Fazit:
Das Publikum sah eine spannende und abwechslungsreiche Auseinandersetzung,
in der Klitschko die ersten Runden dominierte und eindrucksvoll sein Können
unter Beweis stellte. Brewster blieb bis in Runde fünf eher unauffällig
und weitgehend chancenlos. Bis zur Entscheidung konnte er nur vereinzelte
Wirkungstreffer setzen und Klitschko beherrschte im Grunde den Kampf.
Doch statt „lockerer“ und „selbstbewusster“ zu werden, verkrampfte der
Ukrainer mehr und mehr und versuchte es mit der Brechstange. Dabei fing
er sich unnötige Körpertreffer ein, die schließlich zusammen mit dem Kampfverlauf,
dem hohen Erwartungsdruck und den bisher eingesteckten schweren Schlägen
während der gesamten Karriere das Ende für Klitschko einläuteten.
Trotzdem hat die Weltmeisterschaft gezeigt, dass Wladimir Klitschko ein
großes Boxtalent ist bzw. war, der letztendlich am Herz von Lamon Brewster
und seiner eigenen mentalen Unsicherheit scheiterte sowie taktische Schwächen
bei der Einteilung eines 12-Runden-Kampfes offenbarte. Brewster war ein
schlagbarer Gegner und dem Ukrainer wurde der WBO-Gürtel schon fast auf
einem goldenen Tablett serviert. Allerdings konnte er seine Chance nicht
nutzen. Dennoch sollte man eingestehen, dass Klitschko nicht so schlecht
ist, wie er jetzt von vielen Boxfans sicherlich gemacht wird. Gleiches
sollte auch für Brewster gelten, der viel Herz bewiesen hat und im Gegensatz
zu Klitschko in der Lage war, seine toten Punkte im Fight durch Willensstärke,
Kraft und Können zu überwinden. Einmal mehr bewahrheitete sich die alte
Boxweisheit: „Kein Ruhm ohne Schmerzen!“ Oder anders: Nicht umsonst lautet
einer der harschen Glaubenssätze der „Sweet Science“ denn auch: „You learn
taking punches by taking punches!“ (Man lernt Schläge zu nehmen, indem
man Schläge nimmt)
Im Rahmenprogramm der oben genannten Veranstaltung boxten auch: Cory
„The Next Generation“ Spinks gegen Zab „Super“ Judah
Ebenfalls
Spannung und Dramatik gab es bei der Weltmeisterschaft im Weltergewicht
zwischen dem amtierenden WBA/IBF- und WBC-Superchamp Cory
Spinks (BP-Nr. 1) und dem WBO-Weltmeister im Superleichtgewicht
Zab
Judah (Foto, BP-Nr. 3). In den ersten Runden kontrollierte
Spinks seinen Gegner weitgehend mit seinem Jab und den besseren und härteren
Treffern. Er nutzte seine größere Reichweite und boxte den WBO-Weltmeister
förmlich aus. Aber ab der fünften Runde konnte Judah den Fight offener
gestalten. Spinks verlor langsam die Kontrolle über den Kampf und der
Herausforderer holte auf den Punktezetteln auf. In der zehnten Runde war
der Kampf wieder offen und beide Kontrahenten versuchten sich den entscheidenden
Vorsprung herauszuarbeiten. In der elften Runde geschah es: Judah musste
nach einem harten Treffer zu Boden. Wegen dieses Niederschlages führte
der Superchamp nach der vorletzten Runde auf allen drei Richterkarten
nach Punkten. Alles schien auf eine gelungene Titelverteidigung hinauszulaufen,
als Judah in der letzten Minute des Kampfes plötzlich mit einer schweren
linken Hand durchkam und Spinks auf die Bretter schickte. Aber Spinks
rappelte sich noch einmal auf und überstand den letzten Durchgang mit
Mühe und Not.
Das offizielle Urteil und damit alter und neuer Weltmeister mit 116:111
und zweimal 114:112 Punkten: Cory „The Next Generation“ Spinks.
Sonntag,
11. April 2004
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